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ZAFFERANO
„Ein ganz gewöhnliches Leben“ sagt sie
Ida Fanfano-Ceccherini (im folgenden Leni genannt) wird am 10. 11. 24 als erste von drei Töchtern und zwei Söhnen im Val di Chiana (Toscana) geboren. Ihre Eltern sind Contadini, arme Pächter zu einer Zeit, als Gutsbesitzer noch immer mit gesenktem Kopf von ihrem Personal begrüsst zu werden wünschten. Sozial betrachtet waren sie Leibeigene der Herren, ohne Möglichkeiten, einen andern Arbeitsplatz zu suchen oder sich gar selbständig zu machen. Da die Pacht nicht genug einbrachte, verdingten sich die drei Töchter als Safranpflückerinnen. Safran wurde in der Toscana bis 1940 angebaut. Für die Safranplantagenbesitzer ein einträgliches Geschäft, das allerdings zu Beginn der vierziger Jahre sein Ende fand. Heute versuchen junge Genossenschaften, den Safrananbau wieder einzuführen. Als Leni 16 Jahre alt war, forderte ihr Dienstherr das Erstlingsrecht auf ihren Körper. Sie verweigerte sich ihm und wurde entlassen und von den Eltern verstossen. Sie arbeitete fortan als Taglöhnerin, was damals dem Betteln gleichkam. Tagelöhnerinnen, die sich auf Safranfeldern verdingten, wurde ein Drittel des Lohnes ihrer regulär angestellten Kolleginnen ausbezahlt. Einige von ihnen sind anfangs des Krieges buchstäblich verhungert oder an typischen Hungerkrankheiten gestorben. Der Krieg beendete schliesslich die Safranproduktion überhaupt. Wer will schon im Bombenhagel Safran pflücken? 1941 lernte Leni ihren zukünftigen Ehemann kennen. Eine leidenschaftliche Liebe auf den ersten Blick. Die Rasanz der verschiedenen Liebesstationen; Kennenlernen, Verlobung, Heirat entsprach der Entwicklung des Krieges. Man wusste nie, wer als Nächster aufgerufen wurde. Die beiden waren nun 19 Jahre alt und heirateten buchstäblich in der Schnelle. Schon 17 Tage später wurde der junge Mann eingezogen und an die russische Front beordert. Er kam nie mehr zurück und galt als verschollen. 20 Jahre später wurde er für tot erklärt, obwohl Leni bis an ihr Ende fest daran glaubte, dass er noch lebte. Die nächsten drei Jahrzehnte müssen für Leni ein einziger Alptraum gewesen sein. Während des Krieges hütete sie die Gänse ihrer angeheirateten Familie (Schwiegermutter, deren Schwester und zwei Brüder ihres Ehemannes) Bezahlt wurde sie in Naturalien, das Bett war sie gezwungen, in schöner Regelmässigkeit mit einem der zwei Schwägern zu teilen. Wenn sie sich wehrte, wurde sie zu gefährlichen Arbeiten ausser Haus genötigt. Mit Wissen der beiden Frauen und des Dorfes wurde sie immer wieder vergewaltigt. Statt die Brüder zur Kasse zu bitten nannte man sie bald einmal Hure. Während des Krieges, erzählte mir Leni, seien oft Bomben in der Nähe explodiert, wo sie die Gänse hütete. Als Unterschlupf habe ihr ein ausgehöhlter Felsblock gedient. Oft aber sei sie auf freiem Feld gestanden. Sie habe sich nicht gefürchtet, sagte sie, schlimmer als ihr Leben in der Familie des Ehemannes habe sie sich keinen Tod vorstellen können. Das sagte sie ruhig, keineswegs verbittert, sie empfand ihr Leben als ein von Gott gegebenes Schicksal, das man zu (er-) tragen hatte. Ein weiblicher Hiob, der zwar mit Gott hadert aber trotzdem sein Schicksal demütig entgegennimmt. Immer wieder wurde Leni von ihrer Schwester Maria gebeten, zu ihr zu ziehen. Diese war verheiratet¸ ihr Mann arbeitete in einer Fabrik und hatte sich dort früh eine Lungenkrankheit geholt, von der er nie mehr genesen sollte. Heute arbeitet noch knapp ein Achtel seiner Lunge¸ der Rest wird durch Inhalationen und starke Medikamente ausgeglichen. Er verbringt seinen Lebensabend, da er weder schreiben noch lesen noch arbeiten kann vor dem Fernseher und wartet geduldig auf den Tod. Claudio, der Sohn der beiden, hat sich eine Schreinerwerkstatt eingerichtet. Vor 20 Jahren meldete er sich auf Verlangen Lenis beim italienischen Roten Kreuz. Die sollten nach dem vermissten Ehemann suchen. Seine Spur verlor sich, erfuhr die Familie, wenige Jahre nach dem Krieg in der Mongolei Nach dreissig Jahren endlich gab Leni auf und zog zu ihrer Schwester. In ihrem Zimmer hängt noch immer ein Foto, das eine junge, stolze, selbstbewusste Neunzehnjährige mit ihrem eher farblosen Geliebten zeigt. Davor ein Strauss künstlicher Blumen. An der Wand gegenüber ein Bild der Gefallenen Lucignanos, unabhängig von ihrer Parteienzugehörigkeit. Partisanen und Faschisten.
Leni arbeitet nun, wie zuvor für die Familie ihres verschwundenen Ehemannes, in der Obhut ihrer Schwester. Stumm geht sie den Tätigkeiten nach, aber immer ein etwas verwundertes scheues Lächeln um den Mund. Klaglos nimmt sie die Altersbeschwerden auf sich, Arthrose in den Knien, in den Handgelenken. Später kommt eine spezielle Art Gicht dazu.
Vor drei Jahren erkrankte Leni an Unterleibskrebs. Es verging fast ein Jahr, ehe sie von ihren Schmerzen zu sprechen wagte. Sie wurde operiert. Aber der Krebs hatte seine Ableger bereits in die Knochen transportiert. Bald konnte sie nicht mehr gehen, etwas später nicht mehr sitzen. Schliesslich lag sie im Bett und wusste, es würde bald zu Ende sein. Nie habe ich sie klagen hören, obwohl ich viele Stunden an ihrem Bett verbrachte. Wir sprachen über das Leben ebenso wie vom Sterben. Am Ende schwiegen wir nur noch miteinander. Aber bis zuletzt beantwortete sie meinen Gruss mit der Frage, wie es mir und meinem Lebenspartner gehe. Ich hielt ihre Hände, wenn sie Angst hatte, ich wischte ihr den Schweiss von der Stirn. Stumm, aber immer lächelnd lag sie da, wollte niemandem zur Last fallen, schon gar nicht ihren Familienmitgliedern, die, ausser dem alten Ivo, alle arbeiteten, Claudio mit seinem Sohn in seiner Schreinerei, seine Frau Morena als Heimarbeiterin, Maria mit ihrem Gelenkrheumatismus draussen im Garten und im Weinberg.
Leni wollte sterben. Aber ein bevorstehendes Ereignis hielt sie zurück. Luca, ihr Grossneffe, kündigte seine Heirat für den 29.7.00 an. Er war Lenis Liebling, und Luca nannte sie seine zweite Mama, zu der er sich noch mit 12 Jahren ins Bett stahl, wenn er sich fürchtete. Lenis Körper schien bereits in Verwesung überzugehen, aber ihr Geist harrte aus. Ein Todesfall in der Familie hätte die Heirat verhindert oder zumindest das Hochzeitsfest beeinträchtigt. Mit ihrem unfehlbaren Gespür für die Umgebung registrierte sie die Angst ihrer Angehörigen, sie könnte vor Lucas Hochzeit sterben. Also starb sie nicht.
Lucas Hochzeit fand statt, ein rauschendes Fest. Zu Hause lag Leni in der Agonie. Zwei Stunden, nachdem die ganze Familie sich wieder zusammenfand, starb sie in den Armen ihres Neffen Claudio. Vorher liess sie sich ein letztes Mal aus dem Bett heben und in ihren Lieblingsstuhl setzen. Flankiert von den beiden Jungverheirateten entstand ein letztes Foto. Leni lächelt in die Kamera, auf Bitte ihres Grossneffen, der ihr scherzend vorhielt, dass sie ihn früher, als er noch Kind war, beim Fotografieren auch immer zum Lächeln aufgefordert hatte.
Die Abdankungsrede des Dorfpfarrers wahr wohl das Absurdeste, was ich je in einer Kirche gehört habe. Sie sei als Jungfrau gestorben, behauptete er, da keine Nachkommenschaft zu verzeichnen sei. Man stelle sich das vor, im Jahr 2000. Da heiratete eine junge Frau während des Krieges einen Mann, der 17 Tage später einberufen wird. Dieser Krieg machte allen jahrhundertealten italienischen Traditionen ein Ende, so sie überhaupt denn noch eingehalten wurden. Man nahm an Männern, was vorrätig war, im vollen Bewusstsein, dass der Erwählte schon morgen nicht mehr da sein könnte. Man heiratete und hängte mit Schweine- oder Lämmerblut beschmierte Bettlaken vor die Fenster. Manchmal tat es (in ärmeren Familien) auch das Blut eines Huhns, das dann anschliessend als Festessen verzehrt wurde. Ausgerechnet die junge Leni mit dem ihr ins Gesicht geschriebenen sinnlichen Stolz auf ihren makellosen, kräftigen Körper sollte als Jungfrau gestorben sein?
So weit die reale Geschichte „meiner“ Leni. Ihr Name ist Omen. Als ich sie zum ersten Mal sah, sah ich meine andere Leni vor mir, die Waldfrau aus dem Roman „Daskind“. Ohne ihre Geschichte zu kennen wusste ich schon damals, dass sie mein nächstes Buchprojekt sein würde. So taufte ich sie Leni. Ciao Leni, sagte ich ihr auch, als ich sie eine halbe Stunde vor ihrem Tod verliess. Aus Respekt und Zuneigung. Ich habe kaum von einem andern Menschen mehr gelernt als von ihr. Dafür bin ich ihr zutiefst dankbar. Ich möchte dieser Dankbarkeit mit einem Roman über ihr Leben Ausdruck verleihen.
Lucignano, 27.9.2000 mm |
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