MEINE LEKTÜRE |
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Ein grosser Literaturkritiker und Freund sagte mir einmal, dass er grundsätzlich keine Bücher rezensiere, die er schlecht finde und deshalb nur mit schlechten Noten versehen könne. Für einmal will ich seinem Beispiel folgen. Natürlich habe ich in den letzten Monaten einige Bücher gelesen. Zumeist Übersetzungen amerikanischer Erzeugnisse, die sich ganz dem Zeitgeist verschrieben haben, deren Inhalt beliebig ist und die sprachlich das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Enttäuschende Monate. So machte ich mich denn an die Arbeit, meinen Zeitschriftenberg abzubauen, unter anderem den Jahrgang 2001 des „Lettre International“ (deutsche Ausgabe). Früher bezeichnete man das Radio als „Das Tor zur Welt“, später übernahm das Fernsehen diesen Anspruch. Für mich sind beide, Radio und Fernsehen, zu reinen Propagandamittel verkommen, vielleicht mit Ausnahme einiger weniger kulturpolitischer Sendungen, für deren Ausstrahlung man sich heute schon beinahe bedanken muss. So nutze ich denn das Fernsehen und das Radio nur noch zur Zerstreuung, schaue mir ab und mal einen Krimi an, und das Radio versorgt mich mit Musik. Zu meinen heutigen „Toren zur Welt“ gehört nebst wenigen Literaturzeitschriften wie zum Beispiel das „Wespennest“ (Berlin) mit Sicherheit die Zeitschrift „Lettre International“. Nirgendwo sonst finde ich so viele hervorragende Artikel und Essays zur Weltlage, zur kulturellen Entwicklung der Länder, und „Lettre International“ hat die unerhörte Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, die zum Verständnis des heutigen Weltgeschehens wichtig sind. Ich kann hier nicht alle Hefte des Jahrgangs rezensieren und habe mir deshalb nur eine Nummer ausgewählt, auf die ich näher eingehen möchte: „Lettre International“ Nr. 54, 2001. Noch ist das brutale Attentat auf das World Trade Center in New York in aller Menschen Mund. Blumenmeere zeugen von der Anteilnahme der Bevölkerung aus aller Welt. Listen von Vermissten säumen Mauern, Pforten und Litfasssäulen. Lettre International lässt fünf EssaystInnen und SchriftstellerInnen zu Worte kommen, die verschiedener nicht denken könnten: Paul Virilio, Susan Sonntag, Eliot Weinberger, Abdelwahab Meddeb und Ahmed Rashid. Doch ihre Verschiedenheit, die sie in ihren Essays zum Ausdruck bringen, schafft nicht etwa Differenz, sondern eine Synthese, die den Leser, die Leserin, selbst Äusserungen vergessen lässt, die lieber ungeschrieben geblieben wären. So zum Beispiel Susan Sonntags kaum versteckte simple Behauptung, Amerika sei an dieser Tragödie selber schuld, sein imperiales Verhalten habe dieses Attentat geradezu provoziert. Die Synthese bezieht sich nicht so sehr auf eine gültige Erklärung dessen, was am 11. September geschah. Vielmehr vereinigt sie die verschiedensten Formen menschlicher Macht- und Hilflosigkeit, die solche Attentate provozieren. Und gerade diese Gefühle lassen uns weiter denken, zwingen uns, nach Lösungen zu suchen, die über Rachegedanken hinaus vernünftige Voraussetzungen schaffen, ein nächstes Massaker wenn möglich zu verhindern. Keiner dieser Essays ist, wie es ein Allgemeinplatz so billig zum Ausdruck bringt „zu Ende gedacht“, weil es nichts gibt, was zu Ende gedacht werden kann. Aber zusammen ergeben sie ein Bild dessen, worauf wir uns vorzubereiten und wogegen wir uns künftig zur Wehr zu setzen haben. Aber „Lettre International“ begnügt sich in dieser Nummer nicht mit diesem einen Thema, wie einige LeserInnen wohl erwartet haben. Fast übergangslos und ohne grosse Einführung nimmt sich die Zeitschrift eines scheinbar völlig andern Themas an, der modernen griechischen Literatur. Wer glaubt, sich in diesen der griechischen Literatur gewidmeten Seiten nach Lektüre der 11. Septemberartikel gemütlich einrichten zu können täuscht sich. Hier kommen Dichter zu Wort, denen weder Gewalt noch Grauen, und schon gar nicht deren Bodensatz fremd sind. Wenn Dimitris Dimitriadis seinen hervorragenden literarischen Text mit dem Titel: „Ich sterbe als Land“ versieht, versteht er ihn gleichzeitig als Programm. Als Programm in einer sich selber sinnlos zerstörenden Region, in der, wie in so vielen andern Regionen und Ländern, Arme immer ärmer, Reiche hingegen schamlos reicher werden. Es sind expressive, narrative Bilder aus einem düstern Panoptikum der Ausweglosigkeit, die eben jene Kreaturen hervorbringen könnte, die unter Einsatz ihres beschissenen Lebens Tausende von Menschen mit einem Schlag ins Jenseits befördern. Ausweglosigkeit erzeugt Frustration, Frustration nur all zu oft Hass. Ein Hass, der keine Grenzen mehr kennt, wie ja auch der internationale Terrorismus jede Grenze längst überschritten hat. „Ich sterbe als Land“. Ein Programm, das nicht von Nationalismen spricht, sondern von Verbundenheit Geschundener mit Geschundenem. Im selben Heft dann Lyrik. Als ob der Schock über das Attentat in New York Freude an Lyrik noch zuliesse. Er lässt es zu, denn diese Lyrik verbreitet Hoffnung. „Nach Auschwitz“, behauptete schon Adorno, „sei kein Gedicht mehr möglich“. Er hatte unrecht. Es ist die Poesie, die sich als Erste über das Grauen erhebt und neue Akzente schafft. Wenn der chinesische Lyriker Bei Dao schreibt: „Die Birnen blühen, sie rüsten zur Himmelfahrt in Erinnerung eines Tyrannen, der auf den Feldern die Glocke schlug...“ haben wir nicht nur einen wundervollen Zweizeiler zu bewundern, sondern auch zu verstehen, dass da einer das Weiterleben über die Tyrannei hinaus feiert, ohne diese vergessen, verdrängen zu wollen, wie auch der 11. September nicht vergessen werden darf von all denen, die sinnvoll weiterleben wollen. Derselbe Dichter schreibt unter dem Titel „Moderne Mythen“ folgenden letzten Vers: „Die Börsenmakler von Lakeville, Connecticut, lassen am Dreizehnten sich ja nicht beim Rasenmähen erwischen, da sonst «die weisse Hexe von Lakeville», ein Wassergeist, die Leberzirrhose ihnen anhängen könnte.“ Wer diesen Spottvers, eines Eulenspiegels würdig, nicht versteht, ist selber schuld. Es gibt ein Lachen, dem schon die griechischen Philosophen huldigten. Es weckt die Kraft des Widerstands gegen jene, die sich am Dreizehnten nicht beim Rasenmähen erwischen lassen wollen. Es ersetzt „die weisse Hexe von Lakeville“ so gründlich, dass an all denen getan werden kann, was getan werden muss, falls sie nicht schon vorab an ihren Leberzirrhosen verrecken. Widerstand ist eine Frage der Vernunft, nicht der Waffen, sowieso nicht jener Waffen, die heimtückisch an Unschuldigen erprobt werden. So hat mir, um nur diese eine Ausgabe von „Lettre International“ zu nennen, die Zeitschrift ein weiteres Tor zur Welt geöffnet, einen Weg gezeigt, der trotz des Grauens vom 11. September 2001 nicht in die Verzweiflung führt, sondern in den ökonomischen Umgang mit den Kräften des Widerstands und des Lebenwollens trotz allem.
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Gelesen im November 2001 |
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"Stierkampf" von A.L. Kennedy, Wagenbach 2001 |
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Diese Erzählung sei unverbesserlichen KitschliebhaberInnen und MasochistInnen wärmstens empfohlen. Allen Lobeshymnen zum Trotz wage ich zu behaupten, „Stierkampf“ gehöre zum Unerträglichsten, was mir in den letzten Monaten als angeblich aussergewöhnliche Lektüre untergejubelt wurde.
Bei allem persönlichen Erbarmen wird „Stierkampf“ nicht einmal durch den offensichtlich autobiographisch situierten Liebeskummer der Icherzählerin erträglicher.
Im Gegenteil. Ausgerechnet der Verlust eines geliebten Menschen verleitet die Icherzählerin, über etwas zu schreiben, von dem sie keine Ahnung hat. Über duende, über den spanischen Begriff für Leidenschaft.
In Spanien wird selbst der Schmerz mit duende durchlebt, diesem im deutschen Sprachraum nicht vorkommenden psychischen und physischen Ausnahmezustand, der vom eigentlich Wesentlichen kündet. Duende wird im Niemandsland zwischen den Extremen gelebt, verbindet sie, die Liebe mit dem Hass, den Tod mit dem Leben, den Schmerz mit der Lust, die Demut mit dem Mut, die Ehrlosigkeit mit der Ehre.
Duende verwandelt dieses Niemandsland in Heimat für die Heimatlosen einer unmenschlich gleichgültig gewordenen Welt.
Wenn nun aber der Schmerz über einen Verlust selbst zu den mit duende verwobenen Gefühlen gehört, bedarf er einer Sprache, die ihrerseits wieder von duende spricht. Nichts davon ist in Kennedys "Stierkampf" zu finden, obwohl die Autorin ausgerechnet dieses Ritual herbeibemüht, das seinen allerdings längst verblassten Ruhm dem duende nicht nur des Toreros, sondern auch dem des Stiers und dem des Publikums verdankt.
Es ist ausgerechnet die Auseinandersetzung mit dem Stierkampf, die dem Liebesschmerz der Icherzählerin jede Glaubwürdigkeit nimmt. Um die Sprache kann man sie fast beneiden. Gekonnt, ja geschmeidig, geschliffen. Es steht ausser Frage, Alison Kennedy gehört zu den wichtigen SpracharbeiterInnen. Dieser Bewunderung aber folgt die Enttäuschung, wenn es um Inhalte, vor allem um die des Stierkampfs geht. Es genügt nicht, sich auf den Stierkampfplätzen in Madrid, Sevilla oder Barcelona rumzutummeln, selbst Granada ist nicht mehr, was es einmal war. Wer heute wissen will, was Stierkampf wirklich ist, muss sich in die Provinz begeben, in die kleinen, vergessenen spanischen Nester, wo zum Töten keine schwerstgewichtigen toro bravos, sondern gerade Mal Jungstiere zur Verfügung stehen, oder dann Kühe. Ja, Kühe. Sie sind weit gefährlicher als jeder ausgewachsene Toro, weil sie nicht nur, wie er es tut, Terrain verteidigen, sondern immer auch das Junge im Bauch, selbst dann, wenn noch keines vorhanden ist.
Kühe werden in der Regel nicht gequält, ehe sie die Arena betreten. Es werden ihnen keine Hörner zurechtgeschliffen, die sie bei Berührung besonders empfindlich machen. Sie werden nicht in dunkle Ställe gesperrt, damit sie dann, geblendet vom sengenden Licht, in der Arena kaum sehen. Sie werden auch nicht mit Beruhigungsspritzen traktiert oder auf Weideland getrieben, das kaum geeignet ist, ihre Hufe im perfekten Zustand zu halten. Sie kämpfen einfach, sie bekämpfen den Angreifer, weil sie Leben zu verteidigen haben, das eigene und künftiges. Wer in den Provinzen Novilladas gesehen hat, wird sich von keiner kriminellen Show, weder in Madrid noch in Barcelona, nicht in Sevilla und auch nicht in Granada mehr blenden lassen.
Genau das tut die Icherzählerin in Kennedys „Stierkampf“ und verdeckt damit eine wahre Lebenskatastrophe mit sentimentalem Nonsens und einem Zitatenwust, der seinesgleichen sucht. Da hilft auch Lorca nicht weiter, dessen Literatur, ob sie sich nun des Stierkampfs oder der Politik annimmt, echtes duende erkennen lässt. Aber dafür ist er gestorben wie viele andere auch, die aus ähnlichen Gründen ermordet oder sich freiwillig vom Leben verabschiedet haben. Ich erlaube mir diesen Vergleich, weil in Kennedys „Stierkampf“ von einer Fensterbank die Rede ist und von einem Abgrund, in den zu stürzen der Icherzählerin droht. Wer solch hohe Ansprüche an die eigene Arbeit stellt, kann sich Kitsch nicht leisten, selbst wenn dieser in gekonnt und geschliffen umformulierten Allgemeinplätzen aus dem Stierkampfrepertoire daherkommt.
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Gelesen im Oktober 2001 |
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"alias Grace" von Margaret Atwood, Berlin Verlag 1996 |
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Wer üppige literarische Mahlzeiten liebt, wird Atwoods „alias Grace“ mit derselben, beinahe unanständigen Gier lesen wie ich es getan habe. Üppig nicht nur an Seiten, üppig auch, was die Qualität des Stoffes und dessen Verarbeitung betrifft.
Die Qualität des Stoffes besteht vor allem in seiner Authentizität. Grace, ein Dienstmädchen im Kanada des 19. Jahrhunderts, wird beschuldigt, zusammen mit ihrem Geliebten den Dienstherrn und dessen Geliebte ermordet zu haben. Nach schrecklichen Jahren im Gefängnis will ein Psychiater, von Zweifeln und beruflichem Ehrgeiz angetrieben, ihrer wirklichen Geschichte auf die Spur kommen. Eine im Anhang angeführte Chronologie der Ereignisse gibt Auskunft über das Lebensschicksal der wahren Grace.
Was Margaret Atwood aus diesem Stoff macht ist nicht nur eine behutsame, aber wissbegierige Annäherung an die Abgründe eines Frauenlebens im 19. Jahrhundert, sondern auch eine Geschichte der Anfänge der modernen Psychiatrie, die sich streckenweise wie die Beschreibung eines Gruselkabinetts liest. Scharlatane, Kriminelle, pathologische Esoteriker und Frömmler geistern durch diesen Roman und zersetzen mit ihren Theorien nahezu alles, was an gesundem Menschenverstand vorhanden ist. Als Ärzte treiben sie ihr Unwesen nicht nur mit der zum Tode verurteilten, schliesslich aber zu lebenslanger Haft verdonnerten Grace. Wer mehr über die Hintergründe des heutigen Unwesens in der Psychiatrie erfahren will, findet hier genug und einschlägiges Erklärungsmaterial.
Was allen Romanen Margaret Atwoods eigen ist findet hier, das Wort sei mir erlaubt, seine Vollendung: Eine leidenschaftliche Parteinahme für das Menschliche in seinen verschiedensten Erscheinungsformen. Diese Parteinahme schlägt sich auch in der Wahl des Sprachrhythmus und der Syntax nieder. Und Margaret Atwood hält durch, über 600 Seiten Leidenschaft, Wort für Wort bewusst gesetzt, gemeisselt, gestanzt, ohne auch nur einmal an Intensität zu verlieren. Ein Meisterwerk zum Wiederlesen und Weiterschenken auch heute noch, fast fünf Jahre nach Erscheinen der deutschen Erstausgabe.
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"Die Räuberbraut" von Margaret Atwood, Fischer 1994 |
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Stichwort Wiederlesen. Es gibt Bücher, die liest frau einmal, dann legt sie sie mit einem etwas enttäuschten „na ja“ zur Seite. Von Büchern, bei denen ich über die ersten 30 Seiten aus Gründen wie Langeweile, Widerwillen oder gar Empörung nicht hinauskam ganz zu schweigen. Anders ergeht es mir mit Margaret Atwoods Romanen. Fast alle habe ich wieder und wieder zur Hand genommen, weil sie mir immer neue Erklärungsperspektiven und Lesarten öffnen.
Zur „Räuberbraut“ bekennt Margaret Atwood: „Bisher habe ich über nette Leute geschrieben... nun mal was anderes!“
Wohl wahr. Nett ist die Heldin Zenja beileibe nicht. Sie ist ein hinterfotziges, listiges Weibsstück und alles andere als liebenswert, wäre da nicht ihre Schönheit, ihre Intelligenz, ihr Selbstbewusstsein und ihre Intensität, Leben mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln auszukosten.
Zenjas Opfer sind nicht unbedingt liebenswertere Frauen, die sich von ihrer Schönheit blenden lassen und zu manipulierbaren Puppen werden, die frau nach Lust und Laune belügt, betrügt und schliesslich ihrer Männer beraubt.
Der gemeinsam gefasste Racheentschluss dieser Opfer bewirkt ein Aufatmen bei der Lektüre dieses beklemmend ehrlichen Frauenbuchs. Ihre Einsicht in den Kausalzusammenhang der weiblichen Opferrolle ergibt ein nur zu wahres Erklärungsmuster für Frauen auch von heute, die sich vor dem Leben verstecken und andere für sich handeln lassen. Der Einsicht folgt schliesslich die Emanzipation, ein weiterer nicht weniger beschwerlicher Schritt aus der weiblichen Opferrolle, die sich doch meistens gegen das Opfer selbst richtet.
Und hier werden der Leserin, dem Leser, die ehemaligen Opfer und Zenja endlich sympathisch. Hier wird ein Kampf ausgefochten, den wir aus dem weiblichen Alltag nur allzu gut kennen und verstehen, aus dem wir alle, die wir ihn hinter uns haben oder mitten drin stecken, mehr oder weniger gerupft und um ein paar Illusionen ärmer hervorgehen.
Vom Wiederlesen war die Rede. Margaret Atwoods „Räuberbraut“ gehört wie ihre „...Grace“ zu den Romanen, die ich gerne wiedergelesen habe und zum Wiederlesen empfehlen möchte.
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Gelesen im September 2001 |
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"Nekropolis" von Boris Pahor, Berlin Verlag 2001 |
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Originalausgabe unter dem Titel: Nekropola, bei Zalozba Obzorja, Maribor
Es gibt Bücher, von denen man sich wünschte, sie selber geschrieben zu haben. Darf und kann das auch auf ein Buch zutreffen, das wahrscheinlich längst als sogenannte Holocaustliteratur in die Geschichte eingegangen ist.
Es darf und kann, entledigt man es für kurze Zeit des autobiographischen Gewands und schaut sich die Sprache an, nicht als die Sprache. Dann, ja dann, möchte man dieses Buch selbst geschrieben haben, wei es von einer Wahrheit spricht, von der Wahrheit des Menschseins.
Es tut dies nicht mit fetten Strichen, sondern mit einer Geschliffenheit und - verzeihen Sie mir das altmodische Wort - mit einer Bescheidenheit bei aller Trauer, dass man nicht um den Verfasser, sondern gegen den Grund, der ein solches Buch überhaupt möglich gemacht hatte, anweinen möchte.
Es war Adorno, der behauptete, nach Auschwitz sei kein Gedicht mehr möglich.
Hier hat einer viel mehr gewagt. Pahor hat dem Wort die Würde zurückgegeben, eine Würde, die man angesichts auch heutiger Ereignisse als verloren melden möchte.
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Gelesen im August 2001 Auf der Suche nach dem verlorenen Witz |
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"Nackt" von David Sedaris, Haffmanns, 1999 |
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Man möchte ihn horten, Sedaris Witz, für schlechtere Tage und kommende Unzeiten.
Und sie sind liebenswert, seine Helden, allesamt komische, schräge, unbeholfene, schlaue Typen, liebenswert wie ihr Erzähler auch, der es meisterhaft versteht, sich nicht ganz so ernst zu nehmen, wie wir es meist tun.
Man wird von Gefühlen überschwemmt, von denen ich oft meine, dass sie nur noch verschämt in den Wörterbüchern untergebracht werden. Sympathie, Liebe, Mitleid, Schadenfreude, Beklommenheit, Angst, ja, auch Angst um den einen oder andern der haarscharf am Abgrund Torkelnden.
Sedaris Erzählungen durchzieht ein Lachen, in dem man sich uneingeschränkt zu Hause fühlt.
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"Das Wunder von Dublin" von Mary Breasted, Haffmanns 1999 |
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Achtung an alle Katholiken. Sollten Sie Ihr Religionstrauma aus der Kindheit bis zu Beginn dieser Lektüre noch nicht verarbeitet haben, dann geniessen Sie Breasteds Roman mit Vorsicht. Er erlöst Sie nicht davon, es wird Ihnen brutal entrissen.
Breasted schildert eine in Alkohol konservierte katholische Bigotterie und Verlogenheit derart drastisch und ironisch, dass Sie sich Ihr gehätscheltes Kindheitstrauma zurückwünschten. Nichts ist ihr heilig, sogar die Mutter Jesu muss für ihren Witz herhalten, und doch durchzieht die Sympathie der Autorin auch Passagen, deren Helden alles andere als liebenswert handeln. Wer den bigotten Journalisten Penrose nicht lachend übersteht, soll sich künftig doch bitte auch des Weinens enthalten.
Hervorragend und spannend erzählt. Man überliest deswegen sogar die Druckfehler.
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"Cliehms Begabung" von Michael Wallner, Frankf. Verlagsanst., 2000 |
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Diesen Roman möchte man bei sich haben, egal, wo man sich gerade aufhält. Mein Exemplar sieht schon aus, als hätte es Jahre in meiner Jackentasche verbracht und wäre durch alle Ingredienzen des Alltags gezogen worden. Cliehms Reisen durch die Zeiten erzählen von einer Lebensphilosophie, wie ich sie nie zuvor in der Belletristik angetroffen habe. Wallner geht seinen Weg bis zum konsequenten, überraschend logischen Ende.
Von solchen Romanen, hinreissend komisch und melancholisch zugleich, wünschte man sich weitere und viel Zeit, sie alle lesen zu können.
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"Fräulein Stark" von Thomas Hürlimann, Ammann, 2001 |
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Witzig, ja. Gekonnt geschrieben, auch. Sinnlich für den, dem diese Form pubertärer Sinnlichkeit gefällt. Jeder Schulbube schaut mal Damen unter die Röcke. Manche erzählen’s überraschend neu, Hürlimann nicht, obwohl ihm die Damen reihenweise zur Verfügung stehen. Oder vielleicht eben deswegen. Im übrigen möchte ich wissen, wie man einer Dame gleichzeitig Pantoffeln überstülpt und unbemerkt den Hals verrenkt, bis mehr als ihre Beine zu sehen sind.
Mag sein, dass die literarische Verarbeitung der Entdeckung, nicht nur schweizerischer Abstammung zu sein, dem Roman eine gewisse Tiefe hätte geben können. Leider wird diese Sequenz bei allem Ernst doch dermassen unbeholfen ausgebreitet, dass der Versuch, entgegen Hürlimanns Intentionen eher dazu beiträgt, einschlägige Vergangenheiten zur Mode verkommen zu lassen. Schade.
Den Stiftsbibliothekar hätte ich mir persönlich als Onkel gewünscht, Fräulein Stark als Treppenhaustante.
PS: Ach so. Man möge mir nun nicht voreilig unterstellen, ich hätte Hürlimanns erotische Phantasien nur oberflächlich gelesen. Aber seien wir ehrlich, der Spiegel, jener Spiegel, Zersprang schon Jahrhunderte früher in der Hand einer anderen Fräulein Stark. Schneewittchen lässt grüssen.
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Ausserdem: "Du" Nr. 719, September 2001, Schwerpunkt George Tabori |
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Wer das Theater Taboris liebt, darf diese Nummer nicht verpassen. Eine wahre Hommage an den Künstler, der nebst grossartigen Theaterstücken auch wichtige Romane und politisch/philosophische Essays geschrieben hat. Der Einakter „Hund und Herr“ kann zurecht als Leckerbissen bezeichnet werden.
Ebenso grossartig die Beiträge von Elfriede Jelinek, Marco Guetg und Manfred Karge (u.a.). Karges witzige und liebevolle „Ballade für George“ habe ich ganz besonders genossen.
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Gelesen im Juli 2001 Auf der Suche nach literarischen Kindheitsmustern: |
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"Hurenkind" von Christine Grän, Bertelsmann 2001 |
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Eine Studie über die zerstörerischen Kräfte einer modernen Frau, die alles will und alles verliert. Inhaltlich kompromisslos bis zum bittern Ende. Spannend, wenn auch etwas ausufernd und belehrend. Feministisch, witzig, bösartig. Sprachlich süffig. Fast zu süffig. Leider ist die Kindheitsgeschichte der Protagonistin nicht zwingend für ihre Lebenskatastrophe. Sie wirkt aufgesetzt. Weniger wäre mehr.
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"Leben zwischen den Seiten" von Corinna Soria, Wieser 2000 |
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Thema vergeben. Die Geschichte vom Zusammenleben einer schizophrenen Mutter und ihrer Tochter eignet sich nicht für Trivialpsychologiefantasien. Überfrachtet mit unglaubwürdiger Symbolik. Sprachliche Trouvaillen. Text sowohl grammatikalisch als auch inhaltlich miserabel lektoriert. Viele Druckfehler.
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"Das alte Kind" von Jenny Erpenbeck, Eichborn 1999 |
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Eine Heldin, der man kaum Sympathie entgegenbringt, weil sie beängstigend eindringlich und scharf an eigene Kindheitsmuster erinnert. Inhaltlich spannend. Das Finale unglaubwürdig und nichtssagend. Sprachlich gekünstelt, bemüht, schwerfällig. Schade.
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Ausserdem: "Sutters Glück" von Adolf Muschg, Suhrkamp 2001 |
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Seit den Liebesgeschichten das wohl schönste Buch Muschgs, still, unaufdringlich und von einer Poesie, die nie schrill wird und auf keine Effekte aus ist. Störend das passive, diffuse Frauenbild.
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Briefwechsel, Paul Celan/Gisèle Celan-Lestrange, Suhrkamp 2001 |
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Ergreifende Dokumente im Tümpel mörderischer Zeiten gestrandeter Menschen. Poesie als Rettung und Untergang, Auftrag und Begehren.
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