|
|
Ein Lebenslauf in Stichworten |
|
„Lebenslauf“ Die Fakten-Geschichte(„Man spricht vom Leid, aber erst, wenn es uns nicht mehr beherrscht“ . Marguerite Yourcenar in „Alexis“, Hanser 1993) 1947 am 27.12. in Zürich geboren. Kind von Jenischen, Angehörigen des Romavolkes, landläufig Zigeuner genannt. Sofortige Fremdplatzierung durch das sogenannte Hilfswerk „Kinder der Landstrasse“ der Pro Juventute. 1) Die ersten Lebensmonate verbrachte ich in einem Heim für geistig behinderte Säuglinge in Zürich. 1948 - 1949 Städtisches Säuglingsheim Zürich. 1949 - 1952 Kinderheim Wesemlin des „Seraphischen Liebeswerkes“ in Luzern. 1950 - erster Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in Luzern. Deckelbäder wegen angeblich erbbedingter Renitenz. 1952 - zweiter Aufenthalt in einer anderen psychiatrischen Klinik in Luzern. Erste Elektroschockserie wegen angeblich angeborener Schizophrenie, „moralischem Schwachsinn“ und Sprechunfähigkeit. Vergewaltigung durch den behandelnden Arzt. 1952 - 1956 Pflegeeltern in Altendorf, Kt. Schwyz. Sexueller Missbrauch durch den Pflegevater. Flucht. *) 1956 4 Monate Aufenthalt in einem Heim für Kinderpsychiatrie. Zweite Elektroschockserie wegen angeblicher Psychopathie und „moralischem Schwachsinn“. Flucht. 1956 - 1958 Kinderheim Hagendorn bei Cham, Kt. Zug. Flucht. 1958 6 Monate Internatsschule Menzingen 1958 Nach Flucht zur Mutter, Anstalt für schwererziehbare Mädchen "zum Guten Hirten“ in Altstätten SG. Auf der Flucht Vergewaltigung. 1959 -1960 Psychiatrisches Beobachtungsheim „Sonnenblick“, Kastanienbaum LU. Dritte Elektroschockserie. Flucht. 1960 - 1961 Mädcheninternat „Maria Opferung“, Zug. Flucht. 1961 - 1962 Dienstmädchen in Les Granges VD. Missbrauch durch den Arbeitgeber. Flucht zur Pro Juventute. 1962 Einweisung in die psychiatrische Klinik Beverin wegen Verleumdung des Arbeitgebers. Keine Erinnerungen, wahrscheinlich weitere Elektroschockkur. Kurzer Aufenthalt in der Mädchenerziehungsanstalt „Waldheim“ SG. Flucht zu einer Bekannten in Zürich, die meine Vormundschaft übernehmen wollte. 1963 Nach Ablehnung des Antrags einige Monate als Dienstmädchen bei Arztfamilie in Martigny VS. Nach psychosomatisch bedingter Lähmung des linken Beines (wegen Erschöpfung. 16-std.- Arbeitstag) Psychiatrische Klinik „Waldhaus“ in Chur wegen Arbeitsscheu, grosse Insulinkur und Elektroschockserie. 1964- 1965 Auf Geheiss der Pro Juventute selbständige Arbeitsuche in Luzern. Da ich zu jung bin, um legal Arbeit zu suchen, finde ich nur Arbeit in einem Lokal für Homosexuelle. Arbeite von 16Uhr – 24Uhr als Junge namens Mario verkleidet, hinter dem Tresen (dem Bierkisten schleppen verdanke ich meinen kapputen Rücken), 08Uhr – 14Uhr mache ich den Hotelfachkurs im „Montana“. Lerne S.M. den späteren Vater meines Sohnes kennen. S.M., Franzose, halb Jude, halb Rom, vier Jahre Dachau, Brückenbauingenieur ohne Berufserlaubnis, 30 Jahre älter als ich. Arbeitet als Nachtportier. 1965 Gemeinsamer Umzug in die Westschweiz. Dienststelle bei Lehrerehepaar. Obwohl ich korrekt angemeldet bin und meine Heimatgemeinde davon Kenntnis hat, werde ich von der Pro Juventute international zur Fahndung ausgeschrieben. Schwangerschaft, um von der Pro Juventute eine Heirat mit S.M. zu erzwingen. (Heiraten macht mündig) 1966 Auf Geheiss der Pro Juventute polizeiliche Festnahme am Arbeitsplatz. Einweisung in die Frauenstrafanstalt Hindelbank, BE. Offizielle Begründung: Sittliche Verwahrlosung und Arbeitsscheu. Inoffizielle Begründung: um „die Gründung einer neuen, degenerierten Vagantensippe“ zu verhindern (Zitat A. Siegfried, Leiter des PJ-Hilfswerks „Kinder der Landstrasse“.) Geburt meines Sohnes. Werde auf die Säuglingsabteilung der Strafanstalt verlegt. 1967 Nach 19 Monaten Gefängnis die Entlassung unter der Bedingung dass ich meinen Sohn zur freien Verfügung an die Pro Juventute übergebe. Andernfalls weiterer Verbleib in der Strafanstalt und Wegnahme des Kindes von Amtes wegen. 1967 - 1974 Fabrikarbeiterin in verschiedenen Betrieben. Arbeitsbedingte Krankheiten. Spitalaufenthalte. Sterilisation ohne mein Wissen. Heirat, um endlich die Vormundschaft loszuwerden. Scheidung. Diverse Selbstmordversuche. Weitere Einweisungen in verschiedene psychiatrische Kliniken. 1973 Gründung der Selbsthilfeorganisation für Jenische, die „Radgenossenschaft der Landstrasse“. Aufdeckung des Pro Juventute-Skandals „Kinder der Landstrasse“ in Zusammenarbeit mit dem „Schweizerischen Beobachter“ (Redaktor Hans Caprez). 1974 Beginn meiner journalistischen, politischen und dokumentarischen Arbeit 1981 Mein erster Roman, „Steinzeit“ erscheint bei Zytglogge. 1983 Lerne meinen Freund und Lebenspartner H.U. Ellenberger kennen, mit dem ich seit 1991 verheiratet bin. 1997 Nach diversen rassistisch motivierten Übergriffen in der Schweiz Umzug nach Italien. 1998 Ich erhalte den Ehrendoktortitel der historisch/philosophischen Fakultät der Universität Basel für meine Arbeit für die Rechte von Minderheiten und Randgruppen. 2)
Diesen „Lebenslauf“ habe ich 1998 aus der Erinnerung
geschrieben. Alle Akten, die dies belegen, befinden sich nach wie vor im
Besitze der Täter dieses Genozids bzw. deren Rechtsnachfolger . Den Opfern
wurden Kopien unvollständiger Teile der angelegten Akten übergeben, damit
ihr Beweisnotstand erhalten bleibt. Mein Anteil liegt im Schweizerischen
Literatur Archiv. Pro Juventute ist eine private Wohlfahrts-Institution für die Jugend. Sie erhielt 1924 vom Staat den Auftrag und die finanzielle Basis, das „Fahrende Volk“, die Zigeuner dadurch auszurotten, dass man den Familien die Kinder wegnahm, sie in Heimen oder bei Pflegefamilien unterbrachte und deren Eltern nach Möglichkeit, bei geringster Renitenz, in psychiatrische Kliniken oder Gefängnisse versenkte. Meine Mutter war 1926 eines der ersten von angeblich 619 Kindern, die von der Pro Juventute auf dieser Basis den Eltern entrissen wurden. Mein Sohn Christian war 1967 eines der letzten...
2) Anlässlich meiner Rede vor der Fakultät, stellte ich mich - mit meinen knapp 6 Jahren Volksschulbildung und einem halben Jahr Gymnasium - wie folgt vor: Vor ihnen steht eine „verstimmbare, haltlose, geltungsbedürftige und moralisch schwachsinnige Psychopathin mit neurotischen Zügen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist. In Erwägung ihrer hereditären Belastung - die Probandin gehört zur vierten Generation einer degenerierten Vagantenfamilie - kann eine dauernde Einweisung in eine Psychiatrische Klinik nicht ausgeschlossen werden“. (Aus der „Gemeinsame(n) Diagnose der psychiatrischen Klinik Waldhaus Chur, 1974.)
*) Die „Episode 1952 – 1956 in Altendorf“ habe ich in meinem Roman „Daskind“ fikitionalisiert...
|
||
|
|
Links zu Roma/Jenische |
|