Die Korrespondenz des Webmaster mit dem Verleger von Mariella Mehrs Gewalt-Trilogie
Meine Antwort an Herrn Krüger vom 22.06.04

Sehr geehrter Herr Krüger

Ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 3. Juni. Für die Verzögerung meiner Antwort bitte ich Sie höflich um Entschuldigung. Ich musste mir meine Antwort lange überlegen, denn Ihr Brief hat mich geärgert und ich musste einen Weg finden, Ihnen so zu antworten, dass ich Sie nicht auch noch verärgere. Ich habe den Eindruck, dass die Position der Stärke, in der sich die Verlage heute befinden - noch nie gab es so viele AutorInnen und so wenige Verlage - die Fantasie der Verlage abtötet. Ihr Vorschlag, eine Taschenbuchausgabe zu machen bringt Ihrem Verlag nichts nennenswertes ein und meiner Frau bringt es noch weniger. Sie können dafür keinen Marketingaufwand betreiben, der sich bezahlt machen und der Mariella Mehr in Deutschland bekannt machen und somit die Verkaufszahlen positiv beeinflussen könnte.

Mein Vorschlag ist folgender: Machen Sie eine schöne, teure Ausgabe der Trilogie! Dafür könnten Sie sich leisten etwas zu tun und entsprechend hätte Sie im Erfolgsfall, an dem ich nicht zweifle, auch ein vernünftiges Ertragspotential.

Ihr Lizenznehmer, die Edition Demoures hat eine prächtige Ausgabe von „Daskind“ in französischer Sprache herausgebracht, für welche Stefano Ricci viel beachtete Illustrationen geschaffen hat. Der gleiche Künstler machte auch die Illustrationen für die französische Ausgabe von „Brandzauber“ des gleichen Verlags. Diese Illustrationen sind vorhanden und sicher sehr günstig erhältlich, da Demoures pleite ist, seit ihm vor einigen Jahren das Lager (mit allen vorrätigen Büchern, auch denen von Mariella Mehr) verbrannt ist. Stefano Ricci hat auch für „Angeklagt“ Entwürfe zu Illustrationen gemacht. Damit liesse sich etwas wirklich Schönes kreieren und für schöne Bücher gibt es einen Markt und ein Kundensegment, welches Sie mit einem Taschenbuch nicht erreichen.

Mariella Mehr hat noch vieles, welches sich von Ihrem Verlag verwerten liesse:

Die folgenden Rechte (Copyrights) sind bei ihr: 

„Steinzeit“ (Zytglogge 1981): Ausgaben in allen Fremdsprachen ausser deutsch, französisch, italienisch und finnisch. Davon wurden in den 80er Jahren in der Schweiz über 40'000 Stück verkauft. Dass dieses Buch nichts an Aktualität eingebüsst hat zeigte die ungarische Ausgabe, die letztes Jahr erschienen ist und eine begeisterte Aufnahme fand. BBC-Radio will eine Sendung darüber machen. Professor Roger Russi hat eine ausgezeichnete englische Übersetzung von „steinzeit“ druckreif fertig, aber noch keinen Verlag.

„Das Licht der Frau“ Zytglogge 1984, alle fremdsprachigen Rechte sind bei Mariella Mehr. Dieses Buch könnte ein Reisser im spanischen (=Stierkampf-) Sprachgebiet werden. Gute, engagierte (Anti-) Stierkampfliteratur macht dort immer 6-stellige Auflagen.

„Zeus oder der Zwillingston“, R+F Verlag 1994, ein Psychiatrieroman, viel besser als das Elaborat von E.Y.Meyer. Es wurde von der Verlegerin/Lektorin sehr schlecht lektoriert. Die Verlegerin gab Gratisexemplare ausschliesslich an von ihr ausgewählte Kritikerinnen. Nachdem in den ersten 2 Wochen 1000 Stück verkauft waren lieferte der Verlag nicht mehr oder nur mit grossen Verzögerungen aus. Das Buch ging unter. Maria Schoenhammer hat ein Kapitel des „Zeus“ ins Englische übersetzt und wartet auf einen Auftraggeber, möchte weitermachen. Alle Rechte sind bei Mariella Mehr.

Dazu kommen noch 3 Theaterstücke:

„Kinder der Landstrasse“

„Anni B.“

„Sylivia Z.“

Über all dies und noch viel mehr könnten Sie Bescheid wissen, wenn Sie oder Herr Vaihinger sich eine Stunde Zeit nehmen würden und sich einmal die WebSite: <http://www.mariellamehr.com> vornehmen würden.

Sie schreiben mir, dass Sie von der literarischen Qualität der Arbeiten von Mariella Mehr überzeugt seien. Was immer das heissen mag, über das Niveau dieser Qualität sagen Sie nichts und das wäre für mich das Interessante. Von Germanistinnen und Germanisten wird Mariella Mehr mit Ingeborg Bachmann, Wislawa Szymborska, Sylvia Plath, Christine Lavant und Anton Tschechow verglichen und Professor Gert Mattenklott stellt sie in eine Reihe mit Vladimir Sorokin, V.Y Mudimbe, Kanzaburo Oe, Scott Bradfield, Sergio Ramirez, Marlene Streeruwitz, Robert Hass, Yann Martel, Alberto Manguel und Etgar Keret.

Wenn Ihre Beurteilung der literarischen Qualität und Originalität der Arbeiten von Mariella Mehr sich bezüglich dessen Niveau dem von renommierten Fachleuten anschliessen könnte, würden sich ihre Möglichkeiten auch ökonomisch drastisch ändern, ganz besonders unter den gegenwärtigen Umständen, wo Sie gezwungen zu sein scheinen, viel Energie und viel Geld für viel Mittelmass einzusetzen. Zu diesem Schluss komme ich, wenn ich mir die Liste Ihrer Neuerscheinungen, insbesondere die des Verlags Nagel & Kimche betrachte.

Investieren Sie etwas in Mariella Mehr, sehr geehrter Herr Krüger, Sie werden davon mehr ROI haben als von den meisten anderen, die Sie auf ihren Listen haben. Mariella Mehr ist in Deutschland nur an den Hochschulen bekannt. Der deutsche Sprachraum hat 18 mal mehr Leser als der schweizerische, wo sie zwar nicht jeder liest, aber jeder kennt. Mariella Mehrs Werk hat ein grosses Potential für einen deutschen Verlag mit internationalen Verbindungen. Erschliessen Sie es, es wird sich lohnen!

Wenn Sie das nicht wollen, wäre es für Sie und für meine Frau vorteilhafter, Sie geben ihr alle Rechte zurück, es wäre dann, wie ich bereits in meinen ersten Brief geschrieben habe, für Mariella Mehr „besser keinen Verlag zu haben, als formell an einen gebunden zu sein, der nicht an ihr interessiert ist“ und entsprechend nur kosmetische Korrekturen in der Förderung ihrer Vermarktung vornehmen will.

Mit freundlichen Grüssen

H.U.Ellenberger-Mehr

Weiter zur Antwort darauf
Zurück