Dieser Text richtet sich nur an GermanistInnen, KomparatistInnen und LiteraturkritikerInnen.

Er soll Fachleute dazu anregen, sich Gedanken zu machen, ob Mariella Mehr eine Kandidatin für den Literatur-Nobel-Preis sein könnte.

Die Verantwortung für diese Provokation liegt ausschliesslich beim Webmaster

Das  Projekt ist gescheitert. Siehe dazu Nachwort 4

 

Dr. phil. h.c. Mariella Mehr

 

Geboren 27.12. 47, in Zürich, Schweiz

als Jenische eine Angehörige des Roma-Volks

 

Ab 1974 publizistische Tätigkeit für diverse Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Eine Auswahl von Publikationen ist im Band „Rückblitze“ bei „Zytglogge“ 1990 zusammengefasst.

 

Seit 1981 ist sie ausschliesslich politisch und schriftstellerisch tätig

 

Politisch setzte sie sich mit Erfolg für Minderheiten, Flüchtlinge, Diskriminierte, Behinderte und Aussenseiter der Gesellschaft ein und machte sich in der Schweiz entsprechend unbeliebt. Trotzdem (deshalb?) wurde sie für ihre Leistungen auf diesem Gebiet 1998 mit dem Titel eines Dr. phil. h.c. der historisch-philosophischen Fakultät der Universität Basel geehrt.

 

 

 

Warum ist sie ausserhalb der Schweiz fast unbekannt?

 

 

Sie hat nie „leichte Kost“ oder „Infotainment“ geschrieben. Sie hat, wie Lessing, das politische nie vom literarischen und das literarische nie vom politischen getrennt. Entsprechend ist auch ihre Rezeption durch das breite Publikum. Von allen ihren neueren Veröffentlichungen wurden in den ersten zwei Wochen nach Erscheinen in der Schweiz ca. 1000 Stück verkauft . Sie gehen an die Kenner, die sich nichts entgehen lassen, was von Mariella Mehr erscheint. Der Rest der Auflage wird in 2 – 3 Jahren abgesetzt, ausschließlich in der Schweiz. Der Verlag tut nichts um dies zu ändern. Was nicht best­sellerverdächtig ist, ist out, wird totgeschwiegen, nicht nachgedruckt, wenn die Auflage verkauft ist, selbst dann nicht, wenn es Teil einer Trilogie ist. Das Produkt „Buch“ wird unabhängig vom Inhalt und literarischen Qualitätskriterien vermarktet.

 

Mit Mariella Mehr schreibt ihr Verlag angeblich rote Zahlen. Eine Erschliessung des gesamten deutschsprachigen Buchmarktes, der fast 20 mal grösser ist als der schweizerische, hat einen zweifelhaften „return on investment“, ist zu riskant. Risikokapital gibt’s nur für „newcomer“ mit angeblichem „Bestsellerpotential“. Davon drucken die Verlage jährlich 100'000 Titel, die nach der Buchmesse im Reisswolf landen. Sie treiben den „break even“ auf 50'000 Stück in den ersten 6 Monaten und seriöse Literatur auf die Friedhöfe der zwangs-verblödeten Konsumgesellschaft.

 

Verlage dürfen das. Ihre vertragliche Verpflichtung, das „verlegte Werk gehörig bekannt zu machen“ ist Makulatur und kann vor keinem Gericht durchgesetzt werden.

 

Der Auftrag der Germanistik-Lehrstühle der Universitäten ist ein anderer. Literarische Qualität ist dort ein Thema. Mariella Mehr könnte somit ein Thema sein! Bitte verstehen Sie dies nicht als Anspruch an Sie persönlich, das steht mir nicht zu. Ich hoffe aber, dass ein paar Lehrstühle für Germanistik auf Mariella Mehr aufmerksam werden, sie vielleicht ihren Studenten zur Lektüre empfehlen oder sogar als Thema für eine Dissertation vorschlagen.

 

Eine vollständige Bibliografie finden Sie in der WebSite http://www.mariellamehr.com/bibliografie.htm

 

Die Bibliografie umfasst bis heute 14 Titel darunter 6 Prosawerke, 3 Theaterstücke und 4 Lyrik-Bände.

 

Die Aufnahme der Publikationen durch die Literaturkritik war durchwegs positiv. Sie werden stets ganz besonders für die Kongruenz von Sprache und Inhalt, eine klassische Forderung an „gute Literatur“, gelobt. Mariella Mehr ist eine der seltenen aktuellen Autorinnen, der dies auch bei ihren teils drastischen Inhalten gelingt. Auf der WebSite:  http://www.mariellamehr.com/inhalt.htm finden Sie Zugang zu allen ihren Büchern, zu Textproben und Kritiken.

 

Entdecken Sie Mariella Mehr und geben Sie ihr den Platz und den Rang, der ihr in der Literatur­geschichte der neusten Zeit zukommt. Ihr Urteil ist maßgeblich und relevant!

 

Mariella Mehr und Ihr Urteil über ihr Werk werden die unqualifizierbaren Zustände im gegenwärtigen Verlagswesen überleben.

 

 

Prosa von Mariella Mehr

 

Steinzeit, Roman, Zytglogge, Gümligen, 1981

 

... Diese Schrift ist  die ganz besondere Stimme einer in bizarre Visionen gezwungenen Seele, die in Bewusstlosigkeit, durch die Unmenschlichkeit der psychiatrischen Behandlungen, in Ermangelung jeglicher Empathie in die zeitlose Ewigkeit der panikartiger Angst gezwungen wird – das Ganze im regellosen Stil des Realismus, Surrealismus und des Expressionismus, das durch die literarischen Fähigkeiten der Autorin doch in einen kohärenten Stil mündet.

 

Literarisch sehen wir gerade darin ihr grösstes Verdienst, damit auch einen authentischen Beweis der Begabung der Autorin: es ist ihr bewusst oder unbewusst gelungen, den schizophrenen (oder in Schizophrenie gezwungene) Seelenzustand zu beschreiben. Dieser Text konkurriert auf jeden Fall mit den bedeutenden Beschreibungen psychiatrischer Leiden des vergangenen Jahrhunderts, angefangen mit Tschechows „Krankenzimmer Nr. 6“, bis zu Sylvia Plaths „Glasglocke“.

 

Ich denke, es ist nicht allzu wagemutig zu behaupten, dass wir dank der ausserordentlichen Leistung des Übersetzers István Dévény, (der mit viel Liebe und Empathie sich dem Werk nähert), eines der Meisterwerke der letzten 50 Jahre in unseren Händen halten können.

 

Zsuzsa Beney

 

Das Licht der Frau, Ein Bericht über Stierkämpferinnen, Zytglogge, Gümligen 1984

 

In dieser mich anrührenden, mich bewegenden Erzählung hat eine Frau sich ungesichert ihre Sprache erschrieben, die ein Exempel für das ist, was Frauensprache heissen wird. Eine – der Mondin sei Dank! – mutige, auch ungezähmte Sprache, zum Lesen zum Staunen, zum Leben.

 

Otto F. Walter

 

 

Zeus oder der Zwillingston, Roman, R+F, Zürich, 1994 (vergriffen, erhältlich bei Mariella Mehr)

 

 

Mein Schweizer Lieblingsbuch aus 25 Jahren

Ich habe von jeher eine besondere Zuwendung zu den Texten von Mariella Mehr. Weil sie einen so autonomen Ton haben und weil in ihnen die literarische Arbeit an der Gewalt so zentral ist. Die Autorin ist in den 1980er Jahren zunächst über ihre Herkunftsgeschichte bekannt geworden, die sie in verschiedenen Büchern thematisiert hat: Sie wurde bei der Geburt von ihrer jenischen Mutter getrennt und ist in Pflegeheimen, Jugendheimen und psychiatrischen Kliniken groß geworden. Autobiografisch und sozialkritisch hat sie über diese Erfahrungen geschrieben, bis dann 1994 ihr größter Roman herauskam, in dem auf einen Schlag alles hochpoetisch wurde.

"Zeus oder der Zwillingston" spielt in der Klinik Narrenwald in Flur (=Klinik Waldhaus in Chur). Dort lässt sich der Göttervater Zeus, der sein Unsterblichkeit gründlich satt hat, von seinem fliegenden Pferd Pegasus absetzen und trifft dort auf die seit Jahren verstummte Langzeitpatientin Rosa, eine Kindsmörderin, die selbst Opfer von Gewalt geworden ist. Die Verhältnisse entwickeln sich, wobei die (Ab-)Arbeit am Mythos und die Kritik an der Psychiatrie ineinandergreifen. Anders gesagt: Mariella Mehr sucht in der Kulturgeschichte Spuren von dem auf, was sie an Leib und Seele erfahren hat, und setzt dabei die abendländischen Gewalt- und Opfermythen kritisch neu ins Licht – eine produktive Art, das Autobiografische zu überschreiten... Und er zeigt, dass weder das, wovon diese Mythen berichten, noch der Wahnsinn selbst aus einer anderen Welt sind. Zeus und Rosa weilen mitten unter uns.

Prof. Dr. Corina Caduff

 

 

Die „Gewalt-Trilogie“

 

„Daskind“, Roman, Nagel & Kimche, Zürich, 1995

 

Bewegend - und bewundernswert - ist die Darstellung innerer Vorgänge, beispielhaft die Präzision der Sprache und die feine Überlegenheit, welche die Autorin zu wahren versteht. Sie geht nahe an ihre Figuren heran, redet aus ihrem Inneren, mit einer bewundernswerten Kraft der Verwandlung und Identifikation; aber sie wahrt den Überblick und deutet eine Erzählinstanz an, die sich nicht in den Figuren verliert.

 

(Elsbeth Pulver in Neue Zürcher Zeitung)

 

„Ein Kunstwerk, eine auf 224 Seiten sich entfaltende „wahre“ Literatur, denn sie ist aus der Not geboren, sie vereint Inhalt und Form als ein kunstvolles Ganzes.“

 

(NDR)

 

 

„Brandzauber“, Roman, Nagel & Kimche, Zürich, 1998

 

In «Brandzauber» (1998) trieb Mariella Mehr die verwirrende Ästhetik von Schmerz und Gewalt weiter, indem sie ihrer weiblichen Opferfigur ein ebenso randständiges Gegenüber gab. Deren gemeinsame Suche nach lebensechten Empfindungen mündete in sadomasochistische Exzesse - auf die wiederum ihr Umfeld mit Überwachen und Strafen antwortete. Der Schmerz als «schönste Form des Glücks»: Die Autorin hatte nach einem erbarmungslos einfachen und klaren Ausdruck für das Schmerzensmass ihrer Protagonistinnen gesucht. Sie fand ihn nicht nur im Wechsel von Innen- und Aussenperspektive, sondern auch in einem ganzen Motivarsenal, mit dem sie den Erzählgang geradezu obsessiv bearbeitete.

 

Sibylle Birrer (NZZ)

 

 

„Angeklagt“, Roman, Nagel & Kimche, Zürich, 2002

 

Mariella Mehr beschliesst mit “Angeklagt” ihre Trilogie zum Thema Frauen und Gewalt, Gewalt, die Frauen angetan wird, aber auch weibliche Gewalt. In den beiden bisherigen Romanen hatte die Gewalt allerdings noch Ursprung und Ort im Sozialen. Im Roman “Das Kind” war es die Gewalt der Dorfgemeinschaft, in “Brandzauber” die in der Geschichte gespeicherte und weitergegebene Gewalt. Hier, in “Angeklagt”, ist es die sozusagen nackte, nicht abgeleitete Gewalt, der Trieb. Daher auch die Nähe zum Mythos, zur Antike, daher auch, sprachlich, ein Schritt vom realistischeren Erzählen zum lyrischen. “Das Töten braucht keine Rechtfertigung. Seine Wahrheit liegt in der Tat. Weshalb sie also mit Begründungen besudeln? Das Töten braucht nur sich als Sinn und Ziel.” – so hat es Kari von Malik erklärt bekommen.

 

“Angeklagt” ist ein extremer Roman für Leserinnen und Leser, die Grenzerfahrungen machen wollen mit ihren eigenen Aggressionen und Lüsten. Seine Aktualität ist offenkundig: Er ist auch das Psychogramm einer Terroristin.

 

Felix Schneider Radio DRS

 

 

 

Lyrik von Mariella Mehr

 

 

„in diesen traum schlendert ein roter Findling“, Gedichte, Zytglogge, Gümligen, 1983

 

„Nachrichten aus dem Exil“, Gedichte, 2-sprachig, Drava Verlag, Klagenfurt, 1998

 

„Widerwelten“, Gedichte, 2-sprachig, Drava Verlag, Klagenfurt, 2001

 

„Im Sternbild des Wolfes“, Gedichte, Drava Verlag, Klagenfurt, 2003

 

 

Elementarereignisse und grosse Kunst - die Gedichte der "Widerwelten" sind beides in einem.

 

Kurt Marti 2001

 

"Wislawa Szymborska und Mariella Mehr sind die bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart!"

 

sagte Dr. Michaela Lehner vom ORF im Gespräch mit Dr. Helga Mracnikar:

 

 

 

Theater von Mariella Mehr

 

„Kinder der Landstrasse“, Ein Hilfswerk, ein Theater und die Folgen, Zytglogge, Gümligen, 1987

 

„Silvia Z.“, Ein Requiem, nicht veröffentlicht, uraufgeführt 1986 im Stadttheater Chur

 

„Anni B.“, Eine Groteske, nicht veröffentlicht, unautorisierte Uraufführung 1989 in Zürich

 

 

"Ich gehe davon aus, dass der Missbrauch des Menschen am Menschen keinem anonymen Machtkonstrukt zuzuschreiben ist. Er ist einer Minderheit von Mächtigen mit Namen zuzuschreiben, die sich einer Mehrheit von Ohnmächtigen bedient und an ihr perverseste Machtgelüste befriedigt. Die Ausbeutung von Ohnmächtigen kann nur vor dem Hintergrund einer sich selbst als Herrenmenschenrasse definierende Gruppe verstanden werden. Sie beim Namen zu nennen heisst, den Ausgebeuteten ihre Menschenwürde und ihre Selbstachtung zurückzugeben." Mariella Mehr, 1988


 

Mariella Mehr, eine zukünftige Literatur-Nobelpreisträgerin?

 

Der Nobelpreis für Literatur ist ein global-kulturpolitischer Preis. Bei gleichwertigen Kandidaturen wird Wert darauf gelegt, dass alle Kontinente und wenn möglich alle Sprachen und Ethnien berücksichtigt werden.

1909 war Selma Lagerlöf sicher nicht die einzige würdige Kandidatin, sie war die erste Frau, die den Preis erhielt! 1913 wurde der erste Nicht-Europäer (Rabindranath Tagore) berücksichtigt, 1930 war endlich der erste Amerikaner dran (Sinclair Lewis), 1993 die erste schwarze Frau (Toni Morrison) und 2000 der erste Chinese (Gao Xingjian). Im Jahr 200? wird Mariella Mehr Literatur-Nobelpreisträgerin!

 

Begründung:

  1. Nach dem Frau Jelineck gekürt wurde, wird es wohl ein paar Jahre dauern, bis wieder eine Frau ist wieder fällig ist.

  2. Es gab noch nie eine Laureatin, die Zigeunerin/Romni ist

  3. Sie ist vielseitig (6 Romane, 3 Theaterstücke, 4 Lyrikbände), historisch interessant und politisch aktiv

  4. Sie ist mindestens ebenso qualifiziert wie Gordimer, Morrison, Szymborska oder Jelineck

Das ist meine subjektive Sicht. Ich bin weder Germanist, noch Literat und habe somit kein Recht Vorschläge zu machen. Dieses Recht steht, unter anderen, Ihnen zu:

 

Right to submit proposals for the Nobel Prize in Literature, based on the principle of competence and universality, shall by statute be enjoyed by:

 

1.  Members of the Swedish Academy and of other academies, institutions and societies which are similar to it in construction and purpose;

2.  Professors of literature and of linguistics at universities and university colleges;

3.  Previous Nobel Prize Laureates in Literature;

4.  Presidents of those societies of authors that are representative of the literary production in their respective countries.

 

(siehe: http://www.nobel.se/literature/nomination/nominators.html )

 

Ich bitte Sie höflich, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese in Ihrem Hörsaal zu publizieren.

 

Kein Lehrstuhl für neue deutsche Literatur wird Mariella Mehr dauerhaft ignorieren können.

 

Im Schweizerischen Literaturarchiv werden zur Zeit einige 10'000 Seiten Akten, Dokumentationen, Entwürfe, Rohfassungen und Briefe für die „Nachwelt“ aufbereitet.

 

Mariella mehr wird in der Literaturgeschichte ihren Platz haben, wenn die Germanisten sie lesen, schon vor ihrem Tod...

 

Der Webmaster

Nachwort 1

 

In seinem Artikel „Heroische Aufgaben“ in Literaturen, 04, 2004 p.53 schreibt Richard David Precht u.a.:

 

Heute, so scheint es, steht die Germanistik wieder bei Schiller. Die Angebote zur Zeitgenössischen jüngeren Literatur sind so spärlich, dass es die Suche in den Vorlesungsverzeichnissen kaum lohnt, ein paar überaus lobenswerte Ausnahmen natürlich ausgenommen. Und dabei gibt es doch so viel zu tun. Was für ein hehres Ziel, vielleicht erst mal für einige Jahre auf alle weiteren Atbausanierungen zu verzichten und sich von nun an der nahezu unerforschten Gegenwart zuzuwenden.

 

Der Selbsthistorisierung der Germanistik durch ihre fahrlässige Missachtung der Gegenwart träte dieser Schritt endlich einmal entgegen. Und ein besserer Ausweg aus der lieb gewonnenen Sinnkrise und jämmerlichen Einflusslosigkeit als die Flucht in „Medien“ und „Kultur“ ist es allemal. Wehe dem, der meint, dass sich das nicht lohnt, weil es heute ohnehin keine Genies mehr gäbe! Kulturpessimismus auf Kosten anderer ist eine gern gepflegte Laune für Menschen, die sich nicht mehr zurechtfinden. Um es geradeheraus zu sagen: Ein grosser Teil deutscher Autoren unter 50 ist gewiss besser als manches lieb gehätschelte Kind der Germanistik es je war. Nur kennen muss man sie eben.

 

So, das ist jetzt raus. Und bevor das grosse Wehklagen losgeht, warum das alles natürlich wieder mal nicht geht und man ohnehin niemandem vorschreiben soll, was er zu tun habe, breche ich jetzt lieber ab. Nur den Autor des Eingangstextes bin ich noch schuldig: Robert Musil hat’s geschrieben, der, Karl Corino sei Dank, nun besterforschte Autor des 20. Jahrhunderts. Ohne Zweifel eine ungemein verdienstvolle Biografie. Musil selbst freilich war etwas anderes wichtig: die Germanistenpflicht nämlich, „das Interesse nicht auf die Summe und auf das Museum der Werke zu richten, sondern auf die Funktion, das Wirken, das Leben der Bücher“.

Nachwort 2

Meine Frau, Mariella Mehr, hat zu dieser Aktion eine zwiespältige Einstellung. Einerseits möchte sie natürlich gerne mehr gelesen werden, andrerseits, verabscheut sie jeden Rummel um ihre Person. Da sie keine Konzessionen an den Zeitgeist oder gar an den Publikumsgeschmack macht möchte sie, ähnlich wie Robert Walser, lieber „verschwinden“, ihre Arbeit in aller Einsamkeit, für sich selbst oder „für die Schublade“ tun, als die Werbetrommel rühren.

 

Ich bin hier anderer Meinung: Eine Autorin, die über zwanzig Jahre lang ein Werk geschaffen hat, das ausnahmslos von der Kritik als wichtig, sprachlich auf höchstem Niveau, thematisch notwendig und interessant bezeichnet und mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, darf nicht das Opfer der literarischen Schlamperei im heutigen Verlagswesen werden.

 

Meine Motivation ist der Wunsch, dass die Universitäten nicht den Tod einer Autorin vom Format von Mariella Mehr  abwarten bis sie ihre Werke literaturwissenschaftlich bearbeiten. Bei der Kritik ist ein Werk, das älter ist als 4 Wochen (k)alter Kaffee, bei der Literaturwissenschaft dauert’s oft Generationen, bis man ein Lebenswerk zur Kenntnis nimmt. Ich weiss, dass diese zwei Disziplinen ganz verschiedene Funktionen haben. Die Kritik berichtet über „News“, aber die Wissenschaft sollte sich meiner Meinung nach nicht auf Nekrologe beschränken, 20 Jahre sprachlich hochstehende, kontinuierliche literarische Produktion könnten ja auch mal eine Basis sein.

 

Der heutige Buchmarkt hat sich leider dem „Infotainment“ auf einem Niveau von „CNN“, „CBS“, „RTL“ und „Mediaset“ verschrieben. Gute Autorinnen, die nicht im „Trend“ schreiben, sind völlig hilflos. Diskussionen mit Verlegern in eigener Sache bringen nichts. Gute Kritiken ohne skandalösen Inhalt werden auch nicht mehr gelesen.

Dagegen kann nur die Literaturwissenschaft etwas tun. Wenn an den 250 wichtigsten Germanistik-Lehrstühlen dieser Erde, angeregt durch ihre ProfessorInnen, jedes Jahr nur fünf StudentInnen drei Bücher von Mariella Mehr kaufen und lesen würden, hätten sie viel für ihre menschliche und literarische Bildung getan und gleichzeitig eine dramatische Verbesserung der Lebensqualität meiner Frau bewirkt.

Ich möchte hier einigen ProfessorInnen, die Mariella Mehr gelesen haben und ihre Beurteilung an ihre StudentInnen und ein weiteres Publikum weitergegeben haben bestens danken!

Heidi Thomann-Tewarson, Elisabeth Hamilton, Michele Ricci, Kim Fordham, Lorely French, Susan Tebbutt, Corina Caduffwird laufend ergänzt...

Der Webmaster

Nachwort 3

All denen, die sich über den vorliegenden Text süffisant mokieren, seien ein paar Auszüge aus dem Artikel von Prof. Dr. Wolfgang Klein, Uni Osnabrück, in LiLi, Heft 107 (Thema: Nobelpreis) ins Stammbuch geschrieben!

...

In diesem Aufsatz will ich drei Fragen diskutieren, nämlich: Was hat Alfred Nobel gewollt? Was haben die Juroren daraus gemacht? Wie hätte man sonst vorgehen sollen? Im Hintergrund aber steht eine vierte, umfassendere Frage, die direkt zu thematisieren aber sinnlos wäre, weil sie zu allgemein ist: Gibt es überhaupt vernünftige Maßstäbe, um literarische Leistungen zu werten?

...

Ein neueres ...  Testament ist das von Alfred Nobel, das er vor gut hundert Jahren niedergelegt hat. Die drei wesentlichen Punkte dieses Testaments sind (zitiert nach Espmark 1988, S. 10):

1. Der Ertrag des Kapitals soll jährlich »als Preisbelohnung an diejenigen
    verteilt werden, die im vorangegangenen Jahre der Menschheit den größten
    Nutzen erwiesen haben.«
2. Ein Fünftel davon geht »an den, der in der Literatur das vorzüglichste Werk
    idealistischer Prägung geschaffen hat.«
3. Die Entscheidung darüber wird der Schwedischen Akademie übertragen.

...

Wie könnte man dem Vermächtnis Nobels Rechnung tragen? Das Problem ist ein doppeltes: Man müßte klare Kriterien dafür entwickeln, was eigentlich der größte Nutzen für die Menschheit ist, und man müßte zweitens Methoden entwickeln, dies für den konkreten Fall - für ein literarisches Werk des Vorjahres, oder gut, auch der vorausliegenden Jahre - zu entscheiden. Das zweite ist schwierig, das erste scheint nahezu unmöglich.Es ist immerhin leichter möglich als eine Entscheidung nach rein ästhetischen Kriterien. Es gibt nämlich sehr wohl Maßstäbe für den Nutzen, die zu leugnen man schon ein sehr großer Heuchler sein muß. Man kann sie durch zwei einfache Fragen umschreiben: Ist ein Werk geeignet, das Leid der vielen zu mindern, und ist es geeignet, die Freude der vielen zu mehren? Dies sind vollkommen andere Maßstäbe als jene, die normalerweise bei der Zuerkennung von Nobelpreisen eine Rolle spielen, und wenn man sie anwendet, muß man folglich zu ganz anderen Einschätzungen kommen. Es schließt zunächst einmal all jene Werke aus, die keine oder eine nur sehr geringe Wirkung haben und von denen man auch nicht annehmen kann, daß sie eine solche Wirkung in der Zukunft zeitigen. Fassen wir es etwas präziser: Ein Werk, das nicht das Leben von mindestens einem Promille *) der Menschheit beeinflußt, sollte ausgeschlossen werden; man kann wirklich nicht sagen, daß es das Leid der vielen mindert oder die Freude der vielen mehrt. Oder gut, von einem Zehntelpromille. Dies heißt im übrigen nicht unbedingt, daß es von einem Zehntelpromille gelesen worden sein muß; aber es sollte Wirkungen auf das Leben von einem Zehntelpromille der Menschen haben. Aber wenn es noch weniger wird, dann kann man nicht mehr gut vom Nutzen für die Menschheit reden.

Was aber heißt, das Leid zu mindern und die Freude zu mehren? Das ist allgemein sehr schwer zu sagen. Aber es ist keineswegs so, daß man hier keinerlei Maßstäbe hätte. Ein Leben als Sklave scheint mir schon leidvoll, wie immer man das Leid unter metaphysischen Gesichtspunkten betrachten mag, und wenn ein Werk dazu beiträgt, die Sklaverei abzuschaffen, dann mindert es das Leid vieler. Deshalb wäre Onkel Toms Hütte, vielleicht neben Oliver Twist und Nicholas Nickleby, das würdigste Werk des vergangenen Jahrhunderts gewesen. Beide Autoren waren freilich schon lange tot, als der erste Nobelpreis verliehen wurde; aber man hätte ihn Tschechow geben können, und zwar für Die Insel Sachalin. Es sei dem Leser überlassen, die besten Kandidaten für dieses Jahrhundert zu küren.

...

Klar aber ist eines: Es geht in Nobels Vermächtnis um Freud und Leid der Menschen, nicht um das ästhetisch oder wissenschaftlich Bedeutende

Das bringt mich zum zweiten Punkt. Was unser aller Reaktion auf Nobels Vermächtnis auszeichnet, ist so etwas wie ein idealistischer Zug. Es soll nicht der schnöde Nutzen für die Menschheit geehrt werden, für die vielen, die leiden und die sich freuen, sondern etwas viel Edleres - das Streben nach künstlerischer Vollendung und nach reiner Erkenntnis. Es ist dies eigentlich die Perversion dessen, was Nobel mit idealisch meinte, und es ist mehr als eigen, daß sich diese Vorstellung zu Ende unseres Jahrhunderts so fraglos durchgesetzt hat.

*) Die Roma (Zigeuner), für die Mariella Mehr steht und schreibt, gegen deren Diskriminierung sie kämpft und für deren Emanzipierung sie sich einsetzt, sind 2 Promille der Menschheit!

Nachwort 4
Das Projekt ist gescheitert. Wer abseits des Medienrummels seine Arbeit macht, hat keine Chance, schon gar nicht gegen Elfriede Jelinek. Skandale, Lärm, Fratzen und Masken sind der Motor, der den Literaturbetrieb - bis hinauf zum Nobel-Olymp - antreibt. Das Projekt ist gescheitert. Es war naiv. Mariella Mehr wird die Zeit, die es braucht, bis wieder eine Frau "dran" ist und bis die Auswahlkriterien Nobels entpervertiert werden, voraussichtlich nicht überleben.

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