Gedanken eines Webmasters...      Siehe auch: Schmähschrift eines Literaturprofessors!!!

... zu den Chancen einer (der besten) Schweizer Schriftstellerin

Wenn von Mariella Mehr ein neues Buch erscheint, ein Roman, so werden in den ersten paar Wochen in der Schweiz 1000 Stück verkauft. Ein paar Dutzend wandern nach Deutschland und einige wenige nach Österreich. Diese Bücher gehen fast ausnahmslos an eine feste Lesergemeinde, die alles liest, was von Mariella Mehr erscheint.

Die Schweiz hat 5 Millionen deutschsprachige Einwohner. 2 % davon lesen Bücher! Das sind 100'000 Menschen. Der Rest besteht aus Kindern, Analphabeten, Zeitungslesern, TV-Glotzern, Sportfans, Sportlern, Politikern, gestressten Workaholics, frustrierten Apathikern und vor allem aus sozial Benachteiligten, die sich zuerst und zuletzt mit Überleben befassen müssen und weder Zeit, noch Geld, noch Lust haben, sich mit Büchern zu befassen, schon gar nicht mit anspruchsvollen und auf gar keinen Fall mit solchen, die Probleme anderer Leute behandeln.

Die 100'000 Privilegierten Schweizer, welche Bücher lesen tun dies aus ganz verschiedenen Gründen, die meisten, ca. 65%, wollen sich auf diese (antiquierte?) Art unterhalten und lesen Bestseller. 30% wollen etwas lernen, sich (aus-) bilden. Die restlichen 5% sind Kulturinteressierte, Menschen, die sich für die Kunst interessieren, die Kunst derer, die auf Grund eines Talentes imstande sind, etwas Wesentliches über den Menschen in literarischer Form auszusagen.

Diese 5% von 100'000 privilegierten Schweizern sind 5000 Personen. Sie sind der potentielle Markt für Bücher von Mariella Mehr. Der reelle Markt, sind die, welche Mariella Mehr kennen, Buchkritiken lesen, sich mit anderen Menschen über Literatur unterhalten und die, welche keine Vorurteile oder keine einseitigen Präferenzen haben. Das sind die 1000 Schweizer, die Mariella Mehr lesen.

Der reelle Markt für Bücher von Mariella Mehr  ist somit 0.02% der deutschsprachigen Bevölkerung der Schweiz.

Warum eigentlich nur der Schweiz? Die deutschsprachige Bevölkerung Europas ist 90 Millionen! Nach der obigen Rechnung müsste der reelle Markt für  Mariella Mehr 0.02% von 90'000'000 = 18'000 Bücher betragen. Damit käme sie auf ein Einkommen eines Facharbeiters und müsste nicht von einer IV-Rente und ein paar Tausendern pro Jahr aus ihrer Arbeit, ihren Büchern leben...

Die Antwort auf diese Frage finden Sie in den "Gedanken eines Webmasters zum heutigen Verlagswesen"

... zum heutigen Verlagswesen

Verlage sind heute gewinnoptimierte Produktionsgesellschaften für das Produkt Buch. Sie tun alles, was ihnen Geld einbringt und sie tun nichts (mehr) für die Literatur oder gar für einen Autor oder eine Autorin. Sie erfüllen vor allem das einzige nicht mehr, wozu sie von Gesetzes wegen verpflichtet sind: Das Werk des Autors gehörig bekannt zu machen.

Der kürzlich verstorbene Chef des Suhrkamp-Verlags war einer der letzten grossen Verleger, die sich für Qualität und deren Autoren einsetzte. Kein Mensch würde beispielsweise Uwe Jonson kennen, wenn sich Herr Unseld nicht durch alle Krisen des Autors hindurch für ihn eingesetzt hätte.

Die Verlage übernehmen die Rechte des Autors oder der Autorin an ihrem Werk es zu "verlegen", das heisst, es dem Markt (Vertriebsorganisationen, Buchhandel, Kioske, Warenhäuser etc.) zur Verfügung zu stellen. Sie machen aus dem Manuskript einen druckfertigen Satz, erteilen die Druckaufträge, lassen die gedruckten Bögen schneiden und binden, gestalten den Umschlag und legen den Verkaufspreis des hergestellten Buches fest.

Sie machen dann ein der Marktbeurteilung entsprechendes Marketing, d.h. veranstalten Pressekonferenzen, schicken Presseinformationen, senden Belegexemplare an Literaturkritiker bzw. Kulturredaktionen von Medien und übergeben die hergestellten Bücher an Vertriebsorganisationen.

Sie machen das für 111'473 Neuerscheinungen jährlich (an der Frankfurter Buchmesse 2006!) Bei einer Durchschnittsauflage von 5'000 Stück pro Titel müssten deutschsprachige Bücher-Leser jährlich 10 Bücher kaufen, was durchaus realistisch ist. Da nun aber die meisten nur die Bestseller kaufen bleiben jährlich zehntausende von Titeln (und Autoren) auf der Strecke. "Von 100 Büchern sind 99 schlecht und eines schwach", hat Reich-Ranicki einmal gesagt. Er hat recht.

"Der Markt wird erst genesen, wenn er beginnt seine Massenproduktion abzutragen: Macht weniger Bücher! Aber bessere." schrieb Elmar Krekeler in der "Welt" vom 30.09.2006

Warum machen denn die Verlage jährlich zehntausende von Büchern, die nur Verluste bringen? Weil es für das Produkt Buch keine Qualitätskriterien mehr gibt! Geld macht man eben auch mit Schund, Kitsch und Quatsch. Wer als Autor zur richtigen Zeit einen Skandal macht, pünktlich in Fettnäpfe tritt, geplant oder zufällig aktuelle Voyeurismen befriedigt, verkauft auch sein Buch! (Walser, Handke, Grass)

Es gibt leider zu viele Autoren, die mit ihren Werken Geld machen wollen, und die armen Verlage sind Ihnen rettungslos ausgeliefert, weil sie eben die Qualität der angebotenen Werke weder beurteilen können noch wollen. Sie haben aus den Verlusten gelernt: was immer sie als gut oder schlecht beurteilt haben, der Markt entschied anders. Offensichtlicher Schwachsinn wird zum Bestseller und höchste literarische Qualität wird eingestampft und zur Abwechslung auch mal umgekehrt. Prognosen sind nur bei einmal etablierten Bestsellerautoren und bei Zugehörigen von Reich-Ranickis Kanon möglich. Das macht die Sache auch nicht besser. Die Bestsellerautoren werden älter und sterben und Reich-Ranickis Kanon ist so zu wie eine tiefgefrorene Auster. Ist ja auch verständlich, wo käme man da hin, wenn man in seinem hohen Alter noch neues Zeug lesen müsste... es sei denn da macht einer ohne ihn Schlagzeilen...

Die Verlage müssen also einfach alles drucken, was angeboten wird. Ausnahmen gibt es nur für Autoren und Autorinnen die sich erfahrungsgemäss schlecht verkaufen, wie z.B. Mariella Mehr (weil man sie nicht gehörig bekannt gemacht hat, so wie das Gesetz es vorschreibt). Siehe dazu meinen Briefwechsel mit Nagel & Kimche/Hanser.

Die Manager, die heute in der Buchproduktion das Sagen haben, sind nicht mehr Perlentaucher, wie einst. Wie sollten sie auch, das Angebot ist ein trübes und undurchsichtiges Gewässer geworden. Sie benehmen sich eher wie Einkäufer auf Mikimotos Zuchtperlen-En-Gros-Auktionen. Naturperlen sind out, kein big business. Man nimmt, je nach Gusto und Pegel des Kontos aus diversen Kisten elektronisch gescreenter Manuskripte je eines oder einen Stapel und versucht, sie dem Modetrend entsprechend kunstvoll mit PR-Gags und Reklame attraktiv zu gestalten und den big business zu machen, nicht mit der Perle, wo käme man da hin, mit dem Artefakt der Präsentation.

Naturperlen bleiben verschlossen in den Kleinverlags-Muscheln, die froh sind, dass sie auf ein paar tausend treue LeserInnen hoffen können, dank denen die Abrechnung vielleicht nicht allzu rote Zahlen produziert. Jede PR-Aktion wird abgewürgt, genauso wie die Neuauflage vor Weihnachten. Wo kämen wir hin, wenn wir für ein Buch, von dem der Verkauf der ersten Auflage von 3000 Exemplaren fast drei Jahre dauerte, noch Aufwand betreiben würden? Den vergriffenen Band einer Trilogie nachdrucken? Lohnt sich nicht. Für Autorinnen und Autoren wär's wichtig, den Verlag kümmert's nicht. Sollen doch Trendigeres schreiben... 

So macht man heute Bücher! Gut ist was in den ersten 2 Monaten nach Erscheinen mehr als 50'000 mal über die immer spärlicher werdenden Ladentische geht oder über Internet verkauft wird. Alles andere lohnt den Aufwand nicht. Unvorstellbar, wie billig heute heute gute Bücher wären, wenn der für den Reisswolf produzierte Schrott nicht gedruckt würde. Aber eben, Literaturfachleute haben im Verlagswesen nichts zu sagen. Ebenso wenig wie Chemiker im Waschmittelmarketing. Denen, die heute das Sagen haben ist es scheissegal, ob etwas und wenn ja, was im Buch steht, bzw. in der Tüte liegt. Gut ist was verkauft wird und Gewinne macht.

 

.... zur Literaturkritik

Ein gutes Buch setzt sich immer durch! Wenn nicht durch Mund zu Mund Propaganda, dann mit Hilfe der Presse, des Feuilletons, der Literaturkritik. Denkste! Das war einmal. Bei 111'000 Büchern pro Jahr! Wie sollen die armen Literaturkritiker aus diesem Wust von Neuerscheinungen die Qualität herausfinden? Wer täglich eine Stunde Bücherkataloge und Verlagsinformationen studiert, dem bleiben keine 10 Sekunden pro Titel.

Nun, "Angeklagt" haben sie gefunden, ein gutes Dutzend Kritiker und Kritikerinnen haben das Buch gelesen und besprochen. Eine einzige "Kritikerin" hat es verrissen, alle andern haben erkannt, dass es sich bei "Angeklagt" um ein sprachlich und inhaltlich kompaktes und herausragendes Werk unter den Neuerscheinungen diese Jahres handelt. Siehe dazu die in dieser Website wiedergegebenen 9 Kritiken z.B. die von Cordelia Stillke.

Die Kritik allein bewirkt eben leider gar nichts mehr. Sie hat nur im Verbund mit Reklame eine kleine Wirkung. Zu viele Kritiker sind eben auch zu Danksagungsfunktionären ihrer Blätter für die Inserate der Verlage verkommen und haben ihre Glaubwürdigkeit beim Leserpublikum verwirkt. Der Rest versucht mit allen Tricks und Listen, Radio- und Fernseh-Auftritten, Zeitschriften, Kolumnen und Glossen Reich Ranicki, den unnachahmlichen, einzigartigen Literatur-Kenner und Selbstinszenator nachzuahmen und seine Nachfolge anzutreten. Zum Schaden der Literatur. Denn keiner von Ihnen hat auch nur annähernd seine Erfahrungen, Kenntnisse, geschweige denn seine fanatische Liebe zur Literatur - und sein Format.

Eine Wirkung auf den Büchermarkt haben nur noch Skandale, Provokationen, der Tod oder noch wirksamer, der Selbstmord von Autoren - und Reich-Ranicki! Und der liest seinen Kanon. Gelegentlich donnert er ein rollendes Gewitter oder lässt allenfalls huldvoll seine Sonne über eine ihm bisher nicht bekannte Neuerscheinung scheinen, falls sie aus unerfindlichen Gründen ohne sein dazutun Schlagzeilen macht. Er ist es, der die Wirkung der Literaturkritik ausserhalb des Fernsehens zur Marginalie gemacht hat. Seine Selbstinszenierungen sind für das Publikum interessanter als die Literatur, die er lobt, verurteilt oder vernichtet und trotzdem wirkt er wie niemand sonst auf den Markt. Was er erwähnt, lobt oder verdonnert, wird verkauft!

Wer gute Literatur schreibt, Erfolg haben möchte und am Leben bleiben will muss also Skandale inszenieren, Provokationen veranstalten oder Reich-Ranicki aus dem Altersschlaf reissen. Wie stellt man das an? Wer hat Zugang zu IHM? Kann mir jemand raten? Hat jemand das Reich-Ranicki-spezifische Weckamin? Eine Prämie für den Erfolgsfall wird zugesichert!!!

Gute Kritiken werden allenfalls noch in Kulturabteilungen der öffentlichen Verwaltungen und der privaten Kulturförderung zur Kenntnis genommen. Dort scheint man noch nicht auf Fachleute zu verzichten. Dank deren Werkbeiträge und Auszeichnungen konnte Mariella Mehr die schlimmsten finanziellen Engpässe immer wieder überbrücken. Siehe dazu Literaturpreise und Werkbeiträge.

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