| Die Dissertation von Dr. Filomena Jacovino Mariella Mehr Wie das Opfer zum Täter wird |
|
Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung
2. Leben
3.Werk
4. Riepilogo
5. Bibliographie
|
|
Mariella Mehr, die „als Frau wie als Jenische1 eine ‚andere’ Stimme vertritt und doch in erster Linie als Vertreterin der heutigen Literatur aus der deutschen Schweiz Anerkennung verdient“1a, ist Schweizer Bürgerin und Angehörige des jenischen Volkes zugleich. In dieser Aussage verbirgt sich ein nur schwer zu lösender Konflikt: Einem Staat verpflichtet zu sein und in demselben Augenblick einer anderen Volksgruppe anzugehören, bedeutet für einen Menschen Anpassung einerseits und Verzicht andererseits, d.h., es wird eine Kompromissbereitschaft gefordert. Diese Bereitschaft ist dann schwer einzuhalten, wenn der Betroffene als „Fremdling“ in dem Land angesehen wird, und noch schwieriger ist es, wenn die Xenophobie bis hin zur Diskriminierung reicht. Mehr bezeichnet ihre Schweizer Staatsangehörigkeit als zufällig und willkürlich2, was der Tatsache, Schweizerin zu sein, jeden Wert abspricht. In einem Essay zum Thema „Heimat“ drückt sie ihre Schwierigkeit aus, diesen Begriff in seiner herkömmlichen Definition zu akzeptieren und für sich sprechen zu lassen.
„Heimat bedeutet Besitz, und diesen Besitz hat jeder und jede bedingungslos zu lieben und zu verteidigen. Wer dies nicht tut, gehört zu den Verfemten.“3
Der Schriftstellerin ist es unmöglich, ein Land, d.h. die Schweiz, „zu lieben und zu verteidigen“, in dem sie selbst weder Liebe noch Verteidigung erfahren hat („sage mir einer Heimat / verdrecktes Wort“4). Als Betreute des „Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse“, einer Aktion der Pro-Juventute der Schweiz, hat sie ihr Leben in Heimen, Internaten und weiteren Instituten verbracht. In diesen Jahren hat sie unzählige bittere Erfahrungen einstecken und sich gleichzeitig gegen ihre Außenwelt verteidigen müssen. Erst im Erwachsenenalter gab man ihr die Möglichkeit, auf sich selbst gestellt zu sein, was jedoch auch nicht einfach zu verwirklichen sein konnte, nachdem sie sich ihr ganzes Leben lang den ihr vorgesetzten Regeln anpassen mußte. Aus diesem Blickwinkel erscheint eine Begriffsdefinition des Wortes „Heimat“ im traditionellen Sinne nicht angepaßt zu sein. Mariella Mehr erkennt ihre „Heimat“ in der Sprache, die Menschen zueinander führt. Mit diesem Bekenntnis schließt sie sich an eine Formulierung von U. Bugmann an, der einen Aufsatz über U. Widmer verfaßt hat: „Heimat ist viel zu real, zu sehr besetzt von Bildern der Trivialmythen, der allgemein verbindlichen Übereinkunft.“5 Heimat entspricht nicht mehr einem festen Ort und einem konkreten Bezugspunkt, sondern einem dynamischen Austausch durch Sprache. Heimat, im Sinne von Bindung, besteht dort, wo eine Verbindung entsteht. Dies kann durch „ein handschriftliches Gedicht“ oder „einen liebevollen Gruss auf Hotelpapier“6 geschehen.
„Sprache als Möglichkeit, überall zu Hause zu sein, ein Heim zu haben [...] .“7
Es ist also Sprache, die Mariella Mehr ein „Zuhause“, eine Heimat schenkt. In der Sprache hat sie den Sinn ihres Lebens gefunden. Sie behauptet von sich:
„Ich bin eine von Worten befallene Reisende. Sie weiterzureichen beraubt sie des Dunklen, macht sie zum Tag, der ist und dem ich mich anvertraue.“8
Die Autorin findet im Schreiben das Vertrauen wieder. In dem Augenblick, in dem das Wort an den Nächsten gelangt, erfüllt es sein hoffnungsbringendes Ziel. Wort, Sprache und Schreiben werden zu Befreiung und Erlösung. Mehr erfährt, was Handkes Kaspar als Ergebnis seiner Entwicklung erkennt: „daß ihm erst mittels der Sprache eine Deutung von Gegebenheiten und Vorgängen sowie eine Orientierung in der Welt möglich geworden ist.“9 Im Jahre 1974 beginnt Mehr ihre journalistische Tätigkeit bei verschiedenen Zeitungen der Schweiz, die sie mit viel Engagement realisiert. Sie setzt sich entschlossen für Außenseiter der Gesellschaft ein, die einer vertretenden Stimme bedürfen. Gleichzeitig sucht sie nach einer Erklärung, für das, was ihrem Volk, dem jenischen Volk, in der Schweiz bis in die 70er Jahre angetan wurde: Es wurden im Namen des „Hilfswerks“ nicht nur Familien auseinandergerissen, sondern sogar Leben gänzlich zerstört, Menschen in den Tod geführt10. Mit der 1981 veröffentlichten Autobiographie gelingt es Mehr, sich mit der eigenen, persönlichen Vergangenheit zu konfrontieren und diese an die Öffentlichkeit zu bringen, die schockiert ist. Dies bedeutet für sie der Einstieg in die Literatur, mit der sie sich auch weiterhin auseinandersetzt. Von den autobiographisch geprägten Texten gelangt sie über die Lyrikbände und das Theater zu ihren Prosawerken. In Mariella Mehrs Werk ergänzen sich Realität und Fiktion zu literarischen Werken, die sich ausdrucksvoll mitzuteilen verstehen. In diesem Zusammenhang stellt sich P. Nizon die Frage:
„Kann ein in jeder Hinsicht autobiographisches Bekenntnismaterial, das mit komplizierten reflexiven Passagen durchschossen ist, diese Metamorphose leisten, so daß es sich vom ‚blutigen’ Grund abhebt und als reine Erfindung oder Erdichtung ein zweites Leben gewinnt?“11
Seine Antwort darauf lautet folgendermaßen:
„Ich denke ja, wenn die Verwandlung der Stoffe restlos gelingt: im Medium der Sprache. Es wäre die Verwandlung in einen autonomen sprachlichen Organismus.“12
Die Sprache steht als Bindeglied zwischen der reellen und der fiktionalen Ebene. „In der Dimension der sprachkünstlerischen Verwandlung“13 entsteht durch sie Literatur. Die Autorin selbst formuliert es zusammenfassend und vereinfacht mit den Worten: „Die Gefühle sind autobiographisch, die Geschichten sind erfunden.“ 14 Eben in der Sprache liegen Mariella Mehrs literarische Charakteristika:
„[D]ie sorgfältige Analyse, der sie ihre Gefühle der Wut und der Trauer, des Hasses und der Liebe vor, während und nach dem Schreiben unterzieht, schliesst auch eine messerscharfe Reflexion des Stils und der Sprachnormen ein, welche Mariella Mehr eigenständigen literarischen Rang weit über die Dokumentation ihres Herkommens hinaus sichert.“15
Jedes ihrer Werke erhält seine eigene Sprache und wird so zu einer literarischen Arbeit mit einer spezifischen Aussagekraft. Was diese Texte miteinander verbindet, ist das zentrale Thema, das in der Aussage des Titels dieser Arbeit liegt: Wie das Opfer zum Täter wird. Mariella Mehr beschäftigt sich ausführlich mit dem Phänomen Gewalt und der daraus resultierenden Konsequenz: Gegengewalt. Ob es sich um physische oder psychologische Gewalt handelt: Beide Arten hinterlassen tiefe Wunden, die geheilt werden müssen und die bestimmte Reaktionen bewirken. Wie Gewalt entsteht, wie dieses Thema ausgearbeitet wird und zu welcher Entwicklung es gelangt, wird im folgenden anhand jedes einzelnen Werkes der Autorin untersucht.
1 Der Begriff „Jenische“ bezeichnet einen zigeunerischen Stamm. Ausführliche Erläuterung im 2. Kapitel. 1a D. Rothenbühler, Vom Abseits in die Fremde, Der Außenseiter-Diskurs in der Literatur der deutschen Schweiz von 1945 bis heute, S. 48, in: „Text + Kritik“, Sonderband Literatur in der Schweiz, Hg. H. L. Arnold, München, 1998, S. 42-53 2 Vgl. M. Mehr, Heimat, Essay, 2002, Druckfassung, S. 2 3 M. Mehr, Heimat, a.a.O., S. 1 4 M. Mehr, Napischu, Oder: vom Morgentot und Fersenrot, Druckfassung, 1999, S. 4 5 U. Bugmann, Die Schweiz und andere Mythen, Urs Widmers Umgang mit seinem Land und seiner Geschichte, S. 68, in: „Text + Kritik“, Heft 140, Hg. H. L. Arnold, München, 1998, S. 65-74 6 M. Mehr, Heimat, a.a.O., S. 2 7 Ebenda. 8 M. Mehr, Klagenfurter Tagebuch, Druckfassung, 1995, S. 2 9 G. Heintz, Peter Handke, Stuttgart, 1971, S. 70 10 „Sie begab sich Jahre nach ihrer eigenen Inhaftierung als Reporterin nach Hindelbank, sie polemisierte gegen die männlich-etablierte Literaturkritik und setzte sich auch immer wieder vehement für die Zigeuner ein, indem sie wissenschaftliche Machwerke über das fahrende Volk […] ausgrub und kritisierte.“ (C. Caduff, Die verlorene Herkunft in den Texten von Jenischen, S. 190, (Fußnote 28), in: Figuren des Fremden in der Schweizer Literatur, Hg. C. Caduff, Zürich, 1997, S. 175-191) 11 P. Nizon, Am Schreiben gehen, Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt/M., 1985, S. 113 13 Ebenda. 14 M. Mehr, Schullesung, Gymnasium Köniz, Druckfassung, 1996, S. 3 15 Th. Huonker, Wahnsinn und Wahrheit, S. 151, in: M. Mehr, Kinder der Landstrasse, Bern, 1987, S. 135-153 Klicken Sie bitte hier, und machen Sie einige Abgaben zu ihrer Person/Funktion und dem Verwendungszweck, Sie erhalten dann den vollständigen deutschen Text als Word®-File |
|
|