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Aus „Zeus oder der Zwillingston“ Roman von Mariella Mehr |
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Don Ricardo erstarb der Psalm auf den Lippen, als er die beiden so sah: Wasser- fallen, hingegossen auf rotem Leder, die Presskopf auf den Knien vor Wasserfallen, beinahe überirdisch in ihrer Demut, in ihren seidenen Überfall auf das Bein vertieft, DASARMEBEIN. Bedächtig griff Don Ricardo nach dem Arsch der Presskopf, ihn anzubeten, zu verherrlichen mit seinem Psalm. An den Rest konnte sich Don Ricardo nicht mehr erinnern und nicht an den Psalm, den zu rezitieren er in Wasserfallens Quirinal im Begriff stand. Ein paar Mal führte man ihn ins Komazimmer auf der Frauen D, geduldig liess er sich das Hirn ausbrennen. Nur beim ersten Mal, da soll er sich im Bett aufgesetzt und dem Wasserfallen fast unanständig tief in die Augen blickend zugeflüstert haben: Tu das nicht noch einmal, es ist tödlich. Aber an Wasserfallens Heilungswillen gesundete alles Verlangen, es zerfiel, und Ricardo, geläutert, wandte sich nun wieder seinem Psalmodieren zu. Manchmal nässte er die Hose ein, so warm war ihm ums fromme Herz. Er gab den Plan auf, die Herren Wasserfallen und Abderhalden in das Kichern, das wüste Beschimpfen und in das Trillern der Unsichtbaren einzuweihen.
Weil sich Wasserfallen nie der Hellseherei oder gar andern noch dubioseren, die Zukunft weissagenden Machenschaften verschrieben hatte, war es ihm täglich ver- gönnt, seinen Gang in die Labyrinthe, wenn nicht ganz aufrecht, so doch frohgemut aufzunehmen. Sein Gang, mit den Augen der Internierten als ein mitleiderregender gesehen, und sein verrutschtes Lächeln, das sich bei den wiederholten Versuchen zum Grinsen verzerrte, verstörten die Psyche Wasserfallens nicht. Stoisch ertrug er Gang und Grinsen. Macht bricht bekanntlich nicht an derlei unwesentlichen Eigen- heiten, im Gegenteil, oft verhelfen solche Mängel dem vermeintlichen Opfer zu ungeahnt schöpferischen Phantasien, wenn es um die Kompensation derartiger Unzulänglichkeiten geht. So betrachtete auch Wasserfallen seine Unvollkommenheiten eher als Musen denn als Hemmschuhe der Heilkunst, die er an seinem Krankengut erprobte. Es zieht so manches Heilverfahren den hinkenden Gang und das Grinsen auf dem Gesicht des Heilsuchenden nach sich. Man denke nur an die Auswirkungen gewisser Medikamente, die auf Stimmen und Stimmchen angesetzt werden und hurtig, ja zuverlässig zu hinkenden Gangarten, greinenden Gesichtern, verzerrten Mündern und dem Grinsen führen, das auch Wasserfallens Gesicht prägte. Wasserfallens Schaffenskraft schien durch solche Merkmale eher gestärkt als behindert, und so schloss er daraus folgerichtig, dass ähnliche Erscheinungen auch bei seinen Schützlingen einen positiven Einfluss erzielen können. Ganz der Wiederherstellung der Produktionsfähigkeit seines Patientenguts verpflichtet, kümmerten Wasserfallen weder Klagen noch Jammern, wenn es um die resolute Heilung eines unproduktiven Zustands ging. So sah man denn, sehr zur Freude der verantwortlichen Behörde, in den Werkstätten, den Ställen und Gängen Hinkende, Sabbernde, Greinende und Grinsende ihren Dienst versehen, genauso wie ja auch er, Wasserfallen, seinen Dienst hinkend und grinsend versah. Die treue und zuverlässige Wasserfallenseele gereichte der Heil- und Pflegeanstalt zur Ehre, dem Krankengut war sie Mahnung und Vorbild zugleich.
Copyright by Mariella Mehr
Klapentext
In Mariella Mehrs Roman geht es um Zeus, den Oberpatriarchen im Olymp, "diesem unwissenden Saftladen" - um Zeus als eine aus Männerphantasien geborene, bis heute unermüdlich am Leben gehaltene Idee. Aus ihr macht die Autorin eine doppelbödige Gestalt, denn gleichzeitig geht es um einen Poeten, der sich den Namen Zeus anzieht. Zeus ist seiner Unsterblichkeit überdrüssig. Um sie loszuwerden, kommt er in die Schweiz und begibt sich in ein Heil- und Pflegeanstalt. Dort, gründlich zerzaust, erreicht er schliesslich sein Ziel. Es geht auch um die Kindsmörderin Rosa Zwiebelbuch, die mehrfach missbrauchte, gedemütigte, verstummte Psychiatriepatientin, die ihren Zorn wiederfindet und die ohnehin schon dramatischen Ereignisse auf Hochtouren bringt. Trotz all der ihr verabreichten "Mittelchen, Stromstösschen", trotz des "Eispickelchens" kommt sie endlich bei sich an.
Es geht um viele andere Figuren, darunter die ins Nebenaus Gerutschten, die Verwirrten, die "um den Verstand nicht zu verlieren", in den Wahnsinn flüchten. Und natürlich geht es um die, die diesen Wahnsinn verwalten, betreuen, von ihm Leben...
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