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Aus „steinzeit“, Roman von Mariella Mehr |
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schlaflose nächte im wachsaal. stöhnende, schreiende frauen in den betten. einige an händen und füssen angebunden. der geruch nach kot und urin treibt silvia hinaus auf die toilette. dort werden nachts die tagesrationen zigaretten durchgeraucht. meist ist die nachtschwester dabei, weil sie sich langweilt. wir sitzen auf den abfalleimern, die schwester, elsa und ich. ich wollte eine berühmte schriftstellerin werden, wie george sand oder virginia woolf. ich träumte davon, endlich auszubrechen. wir entliessen unsere träume mit den rauchkringeln der zigaretten, dorthin, wo die luft unvergittert war. später erhangte sich elsa. ich war traurig und zornig. die insulinkur hatte aus ihr ein apathisches, unförmiges wrack gemacht. ich schnitt mich in den arm als zeichen der trauer. ich bewunderte sie für ihren mut und hasste sie dafür. tags darauf chefvisite. direktor ackermann mit weissem gefolge. möchtegernchef-seinvisagen, zukünftige, weisse götter. direktor ackermann hielt eine ansprache. die frauen sassen, lagen oder standen im aufenthaltsraum wie achtlos hingestellte möbelstücke. eine alte, grauhaarige onanierte mit koboldhaftem grinsen vor der weissen heerschar. schwester "abteilungsknüppel" schleppte sie aus dem raum. die alte biss und schrie. später schrie und biss sie nicht mehr. verstärkte dosen medikamente machten sie demütig, taub und blind für jene umwelt, von der sie zerstört wurde. eine andere hängte sich an ackermanns arm, brabbelte unverständliches, raufte sich die haare. ihr auswurf beschmutzte ackermanns klinisch sauberen, grauen anzug. wie ich sie hasste, diese statue aus eisiger arroganz. vom zimmer nebenan misstöne, das geigenspiel der österreicherin. jene mit dem privatzimmer, die persönliche patientin direktor ackermanns. ich erinnere mich ihrer bewegungen, ihrer sprache. sie bewegte sich wie ein magerer, lieblos zusammen-gebastelter roboter, sprach eine geschraubte, kaum mehr verständliche sprache. ein vergilbtes foto überzeugte mich von ihrer früheren schönheit. ich mochte sie, sie und ihre musik. sie spielte bach und mozart auf ihrer ewig verstimmten geige. ich sass im korridor an meinem kleinen tischchen mit den brandspuren achtlos ver- gessener zigarettenstummel darauf, als sie die geige an die wand schmetterte. ein hässliches knirschen von holz, die geige schrie auf, sie litt, es war ein furchtbares geräusch. die geige wurde lebendig durch ihren gewaltsamen tod. tags darauf brachten die verwandten eine neue geige und süssigkeiten.
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Klappentext 1
Mit ungezügelter Energie und grosser Sachkenntnis nutzt Mariella Mehr ihre gewaltigen sprachlichen Mittel für die Opfer dieser Gesellschaft und gegen die Mächtigen, die diese Opfer fordern. In ihrem Roman "Steinzeit" berichtet sie vom Erleben und Erleiden ihrer Jugendzeit, einer kontinuierlichen Katastrophe aus Lieblosigkeit, Gewalt, Sadismus und bürokratischer Sturheit, aber auch von ihren hilflosen Versuchen dagegen anzukämpfen. Steinzeit ist das Dokument, das unsere mitteleuropäische Wohlstands- und angebliche Menschenrechtsgesellschaft auf schonungslose, erschütternde Weise als Sadogesellschaft entlarvt, die für nicht der diktierten Norm entsprechende Menschen nur bürokratisch gedrillte Anstalten und Institute übrig hat. Mariella Mehrs Aussagen sind, ob sie als Romane, Reportagen, Gedichte, Film oder Theaterstücke erscheinen, immer eindrückliche, wirksame und höchst politische Aussagen, die stets für den Menschen und gegen Macht und Gewalt agitieren.
Klappentext 2
Um es vorwegzunehmen: Laut meiner Muttersprache, dem Jenischen, bin ich eine Jenische, in der Sprache der Rassenhygiene, beziehungsweise der anthropologischen Wissenschaft: Eine Nichtsesshafte, eine Asoziale oder zumindest belastete Erbträgerin einer nichtsesshaften, asozialen Sippe, eine Vagantin also, eine von der Sorte der Untermenschen, eine das Volksganze Schädigende, eine moralisch Schwachsinnige, eine Gemeinschaftsunfähige, eine Tagediebin, notorische Bummlerin, Erbkranke, Minderwertige, Arbeitsscheue, sexuell Verwahrloste, eine Gemeingefährliche, eine Psychopatin, dem Pack zugehörig, das ein Hitler zu Recht eingesperrt und unschädlich gemacht hätte. Man liess mir und meinen Schwestern und Brüdern nicht einmal den Namen unseres Volkes, Jenische.
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