Aus Silvia Z.

ein Requiem von Mariella Mehr, Februar 1986

 

mutter:

kein weisser schnee fiel,

wüsste nicht wohin

er hätte fallen sollen,

ich tat nur immer meine pflicht,

mein pflichtchen,

mein süsses pflichtchen,

oh meine mütterleinspflicht

in aller mütterlicher unschuld.

kein schüldlein kroch mir in den nacken,

der ward gebeugt von gottes hand und gnaden.

 

(beginnt zu beten)

 

gnädiger gott gib meiner verirrten tochter ewigen frieden...

 

(wiederholt den satz mehrere male, aber beinahe

unverständlich, etwa so,als würde sie gurgeln)

 

(schreit dann plötzlich laut und sehr präsent)

 

WAS WILL SIE EIGENTLICH!

DIE TOTE, HIER, IN MEINER NIEMANDSZEIT!

 

monolog der tödin auf die frage der mutter

 

tödin:

was will der mensch

wenn er zurück zum menschen kehrt?

was will der mann von seiner frau

die frau vom manne?

was will die tochter denn

von ihrer mutter

und diese wiederum von ihr der andern frau?

was will der sohn von vätern

diese von den söhnen

was treibt sie alle aus dem totenreich

zurück zu fragen

wie diese hier die tochter

der mutter nur als bastardin bekannt

und ungeliebt auch sie die mutter?

 

gefährlich grausam sei die handlung leben

so lehrt die macht sie lehrt mit schlauem wort

dass ohnmacht ewig krieche im staub der einfalt

 

FUEHRERGLAEUBIGKEIT UND STIEFELWICHS

so lehrt die macht

bewahrt den menschen vor der handlung leben

und FUEHRERFLUCHT DESERTION

verbrecher nennt sie den

der eignes leben will

als eigne handlung

so kehrt zurück ins leben

was als handlung nur den tod erkannt

zu suchen eine unschuld

die das totenreich zum paradies erklärt

und trifft in kalten räumen

wieder macht und führergläubigkeit

und eine handlung

die vollzogen werden will

das leben

 

sie sind der zustand

den sie zu hassen glauben

das kreuz an dem sie hängen

sie sind die scheiterhaufen galgenbäume

kanonenfutter einheit der macht und ohnmacht

im körper aufgehoben sind sie

ohne es zu ahnen

und suchen jenen teil

der handlung erst ermöglicht

freiheit

 

freiheit der unschuld

freiheit der unversehrten worte

freiheit der handlung

dass macht nun endlich krieche im selben staub

wie vormals ohnmacht

dass alles fleisch den freien körper meint

und nichts als diesen freien körper der

zur unzucht gezwungen mit der macht

nur mehr zum hass befähigt

und zur tödlichen tat

nicht weiss dass handlung ungelebt

nie nachgeholt

erlebt getan und abgeschlossen werden kann

 

bullet

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