Aus "Rückblitze", Texte von 1976 - 1990 von Mariella Mehr, "gopferdeckelduseckel"

"Berner Poesietage 1984": Offener Brief an die Herren Dichter der Hauptveranstaltung

 

 meine herren,

 

 mittlerweile habe ich mich entschlossen: eure suppe fresse ich nicht, nein, eure

 suppe fresse ich nicht. diese am samstagabend im restaurant bierhübeli zelebrierte

 buchstabensuppe, meine herren wort-täter, ist mir zu fad, zu verlogen, zu banal und

 zu dümmlich, als dass ich sie unbeantwortet verdauen könnte. und der zorn, ihr

 säulen deutschen kulturschaffens, von dem sollt ihr auch etwas abbekommen, denn

 geteiltes leid ist halbes leid, nicht wahr.

 

 ich hoffe, wir sind uns einig, dass eine poesieveranstaltung gemäss ihrer benennung

 etwas mit poesie zu tun haben sollte. ich erlaube mir die behauptung, dass poesie

 mit gelebtem leben, was immer dies auch beinhaltet, zu tun hat. ich erlaube mir

 desgleichen zu behaupten, dass poesie und prosa auch bei bester qualität zwei

 entgegengesetzte literaturrichtungen, nicht austauschbare begriffe sind. im weitem

 möchte ich auf einen irrtum meinerseits aufmerksam machen- eigentlich war ich der

 meinung, dass kulturschaffende so etwas wie verantwortung für das politische,

 soziale und kulturelle umfeld tragen, das sie stützt und zu literarischem ausdruck

 zwingt, zudem setze ich diese verantwortung gleich mit einem natürlichen respekt

 von mensch zu mensch, frau zu mann, sowie umgekehrt, respekt auch einem leben

 gegenüber, das so etwas wie aktive poesie sein könnte, wenn, ja, wenn wir nicht am

 ende einer kultur stünden, deren träger die eigene kaputtheit zum inhalt ihrer

 weinerlichen sado-maso-trips machen und diesen ekelerregenden brei oder diese

 stinkende buchstabensuppe dann auch noch arrogant und zynisch als poesie ver-

 kaufen.

 

 was eigentlich wurde mir an eurer hauptveranstaltung der bernischen poesietage am

 samstagabend im restaurant bierhübeli geboten? ein hilfloser, aber immerhin

 peinliche zwanzig minuten dauernder versuch walther kauers, seinen frauenhass an

 einer armen kleinbürgerlichen wirtin abzureagieren, dies - angekündigt als erstes

 kapitel eines neuen, im herbst erscheinenden werkes - im stil eines dreigroschen-

 romans, süffisant und dumm. aber das publikum klatschte. im weitem servierte mir

 h.c. artmann seine sadomasoträume einer zerstückelten frau und paul nizon eine

 leichenschänderei unter dem christbaum. das publikum applaudierte ergriffen und

 begeistert, auch die weiblichen zuhörer. im weitern hörte ich von der österreicherin

 jeannie ebner wieder einmal mehr die verlogene Geschichte der geraubten europa und

 ihres weissen stierzeus, eine vergewaltigungsgeschichte mit rosatünche garniert,

 missbraucht für ein politisches wischiwaschigedicht. otto f walters echt empfundener

 «schmerz an der frau» ersoff in den obszönitäten seiner kollegen schriftsteller und

 klang deshalb unglaubwürdig und unecht. ausserdem misstraue ich manierlichen

 versöhnungen, die im grunde genommen nichts anderes ausdrücken als die grosse

 angst vor grossen konfrontationen und ortsbestimmungen. e.y. meyer verstieg sich in

 eine männerbündlerische reise nach sibirien, wo ihn, nebst exotischen ureinwohnern

 beiderlei Geschlechts zwei waschechte bernersennenhunde erwarten. sieh einer an,

 keine(r) pfiff, vereinzelte verunsicherte Gesichter, aber null reaktion auf alles und

 jedes, was da an Literatur unter der gürtellinie geboten wurde. auch keine einwände

 zu den vorenthaltenen lyrikern, die leider nicht eingeladen wurden, keine bemerkung,

 dass dieser abend nichts anderes war als eine gratiswerbeveranstaltung für längst

 geschriebene und bekannte bücher, nichts zu der beleidigenden bemerkung h.c.

 artmanns, der einzige lesende Lyriker zu sein, obwohl seine landsmännin jeannie

 ebner eben grad ihr letztes gedicht vorgelesen hatte. ein träges, wohlmeinendes

 publikum, kritiklos und scheuklappenbewehrt, denn sonst hätte es die verarschung

 wohl spüren mögen und schreien und toben ... aber nicht der leiseste seufzer war zu

 hören, die poesie wurde unbeweint zu grabe getragen. artmanns frühe gedichte

 machten den brei nicht geniessbarer, ebensowenig nizons subtile, tiefgründige

 sprache, die kluft zwischen inhalt und form hob im gegenteil diesen abend auf das

 niveau von unerträglichem elitärem zynismus. da und dort in kleinen grüppchen

 unzufriedenheit, aber die gurk sauer lobby band sorgte für versöhnung. man tanzte

 seinen unterschwelligen frust weg und aus, war doch schön, die poesie, "brot und

 spiele", so war es doch immer gewesen, und man hatte die grossen gesehen, den

 grossen artmann, den grossen nizon, den grossen walter, etc.

 

 hier könnte ich eigentlich meinen brief mit einem saftigen «pfui teifi» beenden, hätte

 mich meine verunsicherung und mein zorn nicht an euren kneipentisch geführt, von

 einem inneren zwang getrieben, meine eindrücke zu relativieren, mich ebenfalls mit

 euch zu versöhnen. da sasst ihr dann alle, otto f., h.c., e.y., p. nizon, offenbar

 befriedigt von eurer vorstellung, umgeben von bewunderinnen, die sich kleinmäd-

 chenhaft errötend an eure lippen hängten oder emanzipiert burschikos lobhudelten,

 wo es nichts zu loben, aber viel zu erhudeln gegeben hätte. da sasst ihr und ich hätte

 jeden von euch fragen wollen, mit welchem selbstverständnis ihr euch erlaubt, das

 publikum mit derart mittelmässiger, provinzlerischer und sexistischer Literatur zu

 beleidigen. doch ihr sasst so selbstgerecht hinter euren gläsern, befriedigt von eurem

 billigen onanierreigen, dass mir kotzübel wurde. ein zweiter versuch brachte mir nur

 geharnischten protest eurer begleiterinnen, die das alles so furchtbar fruchtbar und

 interessant fanden, und die spitze bemerkung einer radio-lora-mitarbeiterin, meine

 nörgelei sei wohl ausdruck eines tiefsitzenden neids. neid auf was, auf wen? auf eure

 chauvinistische, provinzlerische impotenz? auf eure publikumsbeschimpfung? auf

 euer mehr oder weniger geschickt literarisch verbrämtes sexistisches Gedankengut?

 oder solle ich euch die in euren texten zum ausdruck kommende not und kaputtheit

 neiden? eure heutige sprachlosigkeit, die sich in der tatsache manifestierte, dass

 einige von euch weit zurückliegende texte vorlasen? neid ist wohl nicht das richtige

 wort, eher mitleid. nur, mitleid muss dort einem gesunden zorn weichen, wo ihr mich

 mit euren banalitäten trefft, noch treffen könnt, in meinem wesen als frau. mitleid hat

 auch dort keinen platz mehr, wo sich der grosse artmann gegenüber einem

 überforderten kellner "reimdichoderichfressdich-lyrik" erlaubt und ihm mit einem

 lautstarken "gopferdeckelduseckel" klarmacht, wer hier die macht der worte verwaltet.

 "die poesie ist tot, es lebe die poesie". es ist an der zeit, sprache, die ausserhalb

 gelebten lebens gemacht wird, als das zu entlarven, was sie ist, nekrophiles

 Geschwätz, dessen inhalt nur mehr dem einen zweck dient, die eigene kaputtheit

 kulturell zu legitimieren und somit zu institutionalisieren. ein kaum durchschaubarer

 missbrauch der sprache, der heutzutage auch noch mit literaturpreisen honoriert wird.

 und, meine herren, wo bleibt die glaubwürdigkeit eurer sprache, wenn einem deren

 inhalt zum kotzen reizt? und wo bleibt die glaubwürdigkeit eurer angeblichen

 politischen, sozialen und kulturellen Anteilnahme, wenn euer verhalten diese

 ansprüche lügen straft? es ist nicht eure schwäche, die ich anprangere, sondern die

 arroganz und borniertheit, wie ihr schwäche zelebriert und als stärke verkauft.

 

 die titelseite des programmheftes der bernischen poesietage schmückt folgendes

 gedicht h.c. artmanns: «o ihr träumer von träumen, ihr träumt nie was ich träumte,

 und ich träume nie was ihr träumt, und ihr werdet nie träumen, was ich träumen

 werde, denn ich träume meine träume und ihr träumt die euren». nein, meine herren,

 ich träume eure träume nicht. ich lebe meine träume und träume mir leben, keine

 modergerüche unter der bettdecke, sondern liebe, keine impotenten brunstschreie,

 sondern sinnlichkeit, keines mannes gewalttätigkeit, sondern seine kreative präsenz

 und hingabefähigkeit, keine leichenschauerdoktrin, sondern blühende gärten.

 

 30. März 1984

 

 Copyright by Zytglogge-Verlag

 

bullet

Zurück