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Aus „Das Licht der Frau“, ein Bericht von Mariella Mehr |
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Nehmen wir an, es sei ein madrilenischer Samstagnachmittag, Anna. Nehmen wir an, ich hätte einen Traum zu erzählen, den geträumt zu haben sich lohnt. Nehmen wir an, es wäre ein Traum, dessen Akteure in unserer Stammkneipe am obern Ende der Eraso im 28. Bezirk Madrids unweit der Las Ventas beheimatet sind. Nehmen wir an, du und ich, wir würden dort an der Bar unsern Kaffee trinken. Neben uns stünde eine alte Frau mit langem, eisgrauem Haar, die mageren Arme auf die Theke gestützt, den ebenso mageren Körper in lächerlich schlotternden, verwaschenen Jeans und mausgrauem Polohemd, um den faltigen Hals ein rotes Tuch, die Füsse in ausgetragenen spanischen Stiefeln, um die Hüfte locker ein grober, metallener Gurt. Du hörtest ihre Stimme, nicht Männerstimme noch Frauenstimme, leise, verhalten, aber klar, mit einem Unterton von Ironie, wie er Menschen eigen ist, die sehr viel wissen und deshalb sehr viel leiden. Ihre Hände wären die Meisterarbeit eines Bildhauers, nicht weiblich noch männlich auch sie, androgyne, uralte Hände. Sie tränke ihr Bier, das fünfte, zehnte, zwanzigste, was weiss ich, doch sie verriete keine Trunkenheit, nur diese tiefe Ironie, eine bittere Gelassenheit - und ihr eisgrauer Vorhang hinge ihr schwer und fett hin zur schmalen, ausgemergelten Kinderschulter - und es wäre ihr Körper eine kindliche Unschuld.
Nehmen wir an, sie spräche mit einem zahnlosen Mund zu dir, Anna. Worte mit leiser Ironie oder bitterer Gelassenheit. Ihre Wangen eingefallen, die gelbe, perga- mentene Haut straff über die Backenknochen gespannt, die hellen Augen fest auf dich gerichtet beim Sprechen. Du sähest einen weiblichen Mephisto, sähest, ver- ängstigt durch ihre Nähe, einen hingerichteten Mephisto, du hörtest ihr Gelächter nicht am Rande der leisen Stimme und fühltest die Unschuld nicht, die schöner ist als Schönheit je sein kann. Du würdest den notwendigen Riss im Gefüge dieser Unschuld nicht bemerken, notwendig, damit sie überhaupt transparent wird, denn ein Ganzes kann nie als Ganzes verstanden werden ohne diesen Riss, so wie Liebe nie als Liebe verstanden wird ohne das Element des Bruches, der Zerstörung.
Sie hiesse EI Sol in meinem Traum, die Kneipe, obwohl sie in Wirklichkeit Rio Sal heisst, salziger Fluss, am Ende der Eraso im 28. Bezirk Madrids. Es wären tausend Monde, die in ihren Räumen tobten. Der Kellner hinter der Bar mit seinen schwarzen, unappetitlichen Zahnreihen hiesse Angel. Seine Hände wären klumpig roh, grob, nicht Bauern- noch Metzgerhände, Hände, die das Liebkosen nie geübt haben, weil auch sie nie liebkost wurden. Er trüge dir den Kaffee hin, als wär's ein Gesöff des Teufels und du seine Tochter, und es wäre die Alte, die dein Schweigen bräche wie weiches Brot, zärtlich fast: qué pasa tío, hermana mia, qué pasa? Du würdest für einen Augenblick ihre Stimme erkennen, eine, die Menschen eigen ist, die längst jenseits der Bruchstelle leben, jenseits unserer jungen Unerschütterlich- keit, die sich in Träumen von Hoffnung und Freude ausdrückt. Du würdest für den Bruchteil einer Sekunde den Kellner lächeln sehen, das Lächeln eines, der nicht das Gesicht eines Metzgers noch das eines Bauern hat, sondern ein Gesicht, das von der tödlichen Langeweile eines kleinen Lebens gezeichnet ist.
Es wäre eine Welt mit stillem Geschehen, ohne grosse Bewegung, und doch würden Welten bewegt, die ausserhalb unserer eigenen, individuellen Wahrheit ihre klare Sprache haben, im Lieben und im Leiden.
Es könnte für dich eine triviale Geschichte bleiben, wäre das Lächeln der beiden nicht und dieses kurze, ironische: qué pasa tío, hombre, qué pasa tío, hermana mía der Alten. So jedoch lebst du mitten drin im Geschehen, deine Ratio würde hundertmal vergewaltigt, dein Körper von verführerischen Todesgerüchen vergiftet, des Kellners Mund ein brennender Mund, eiskalte Glut in einem Gesicht, das keines Metzgers Gesicht sein kann noch das eines Bauern, und der Alten weiche, androgyne Hände versprächen Verlockung und Abscheu, und ihr zahnloser Mund trüge dieses qué pasa tío weiter in dein Herz, in die hintersten Hirnwindungen, in die letzten unverbrauchten Ecken deiner Gehirnlichkeit, denn das Lieben der Alten ist nicht dort beheimatet, wo wir unser Lieben vermuten und in den bequemsten aller Stunden auch erfahren. Ihr Lieben ist im Unglück beheimatet, aye, in der Würde des Leidens, des Erleidens als Selbstzweck. Ihre Liebe will sein, so, wie es einem Artaud richtig war oder einem Franziskus vielleicht, die all dies verstanden. Es ist eine Liebe, die mit der Not umzugehen weiss und mit den schwarzen Nächten menschlicher Existenz und mit den faulenden Innereien eines sterbenden Körpers, doch auch mit der Schönheit deiner Haut und den Versuchen der Steine, das Beten zu lernen. Und ihre Liebe kennt jenen Bruch, der Liebe erst ausmacht, und ihre Liebe liebt, selbst wenn sie auf einem Abfallhaufen Menschlichkeit, in dem andere wie räudige Hunde nach stinkenden Resten suchen, diese erst bekacken, damit sie ihren eigenen Geruch annehmen und geniessbar werden, ihre Flügel entfalten sollte.
Nehmen wir an, ich würde unser gestriges Gespräch um den Toro mit diesem Traum aus einem Traum, den ich lebe, beantworten. Nehmen wir an, ich nähme die Mög- lichkeit zu schreiben aus eben diesem kochenden Sud menschlicher Seinsweise, am Rande einer Mitte, die ihre Ränder längst vergessen hat und konforme, enge Mitte bleibt. Es ist die Breite der Ränder, die ein Leben ausmachen und die Mitte bestim- men. Die Erfahrung des Lebens lässt sich nicht der Mitte abringen, es sind die Ränder, die sie grosszügig zu verschenken wissen, grosszügig auch im Gelächter und im Weinen, das diese Ränder weinen, eine Ewigkeit lang, während die Mitte schlafend gebiert, was wir Kultur nennen und Schönheit, die der einer verhöhnten Schaufensterpuppe gleichkommt, einer Puppe ohne Magen, Gedärme, Vagina, noch Herz, noch Nieren, Milz und Leber. Leere, rosageschminkt, makellos modelliert, Lüge, denn es gäbe die Schönheit nicht, wüsste deren Schöpferin nicht ebenso um die Fäkalien menschlicher Existenz und erkennte nicht den Klumpen Fleisch, den du Herz nennst, die Urmaschine, die Folternde, dröhnende, schreiende, und wäre die Wut nicht, die ich angesichts des Mordens fühle. Diese Wut ist mir so wichtig wie die kindliche Zartheit der Alten und die morgendliche Stunde auf dem Klo und - gelebte Träume stinken nicht.
Nehmen wir an, du würdest mich in diesem Traum bitten, mit dem Quälen aufzu- hören, und ich würde dir antworten, dass dies die Antwort ist auf die Qual, dich töten zu sehen, und dass ich wissen will, wo du wirklich bist. In unserem Traum wäre die Alte nun nicht mehr allein. Herein wie ein vergessener Wind käme ihre Freundin, eine junge Frau, eine Andalusierin vielleicht, mit grossen schwarzen Augen, herbern Dreieckgesicht mit scharfen Linien und einem Körper, Göttin, weichgeschwungen wie die Konturen andalusischer Hügel. Du sähest das Lächeln der Alten in ihren Augen, ihren Händen und unter der lächerlichen Verkleidung aus schlotternden Jeans und mausgrauem Polohemd blühen, du sähest das Lächeln der jungen Frau, herb wie ihre Gesichtszüge. Sie röche nach grauem Sand und leeren Wasserzisternen und einem Kraut, das die Zigeuner heben und wildes Spargelkraut nennen. Ihr Kleid wäre aus Thymian und ihre Lippen Apfelsinen. Es bliebe alles banal, wäre das Lächeln des Kellners nicht, dieses Lächeln, das der Alten gilt, und ihre leise Ironie, wenn sie dich zwischen zwei Küssen anschaut; qué pasa tío, hermana mía, es una mujer torera como tú, tienes miedo? es la vida, mujer, meines ist bald zuende, verpasse das deine nicht.
Und es wäre ein Samstagnachmittag, meine Schwester, und ich könnte mir ein Lachen nicht verkneifen, während du in deine Tasse starrst, wo der Kaffee, kalt geworden, hässliche Ränder hinterlassen hat. Und es wäre dein Atem an meiner Seite, und ich liebte dich für deine Ortlosigkeit, und es wäre ein anderer Aspekt dessen, was deine Welt des Toreo Leben nennt und nur göttlich ist, du hättest mein Fragen endlich verstanden.
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Klappentext
Frauen als Stierkämpferinnen? Was treibt sie abwitzig dazu, in die Arenen zu steigen, in diesen Kampf, der das Töten zu - männlicher - Kunst macht? Mariella Mehr ging auf der Suche nach Antwort nach Madrid. Was sie dort hörte, roch, sah, erfuhr, was sie dort verabscheuen und lieben lernte, und was sie über unser Wesen und unsere Geschichte als Männer und Frauen zu erkennen begann, davon erzählt das Buch "Das Licht der Frau".
Diese Prosa ist Bericht und Poesie zugleich. Sie ist streng komponiert; immer wieder aber geht sie trunken über die hierzulande herr-schenden, disziplinierten Normen braven (männlichen) Schreibens hinaus in die gefährdet offenen Formen von Verwünschung und Hymne. Sie erzählt vom Stier als dem Tier, das der Frau gehört. Sie empört sich über die endlose Wiederholung der Kleinmädchengeschichten, die sie erlebt, wenn Freundinnen sich im phallokratisch besetzten Bereich der Tauromachie erniedrigen.
Sie beschwört die uralten Mythen verschütteter matriarchaler Kultur, wo Leben und Tod, Mondgöttin und Stier noch pole des einen Ganzen waren. In ihrer Suche nach Sinn und Antwort stösst sie auf Alltag und Feste, im Haus in den nächtlichen Bars, in den lächerlichen und obszönen Kämpfen von Toreros in den Dorfarenen oder der "Las Ventas" in Madrid. Immer näher kreist sie an das Mysterium von der Ganzheit von Frau- und Mannsein heran.
Nein, ich bin nicht berechtigt, dieses Buch nun auf den - männlichen - Begriff zu bringen. In dieser mich anrührenden, mich bewegenden Erzählung hat eine Frau sich ungesichert ihre Sprache erschrieben, die ein Exempel für das ist, was Frauensprache heissen wird. Eine - der Mondin sei Dank! - mutige, auch ungezähmte Sprache, zum Lesen, zum Staunen, zum Leben.
Otto F. Walter 1984
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