Aus "Daskind", Roman von Mariella Mehr

Endlich findet Daskind den Stein. Der graue Kiesel liegt gut in der Hand. Zärtlich

betrachtet Daskind die Maserung, mißt mit geübtem Blick die Rundung des Funds.

Mit Schleuder, Stein und Ziel zu verwachsen, hat es gelernt, dann verwittert das Herz

nicht beim Schuß. Und daß das Ziel eines ganz bestimmten Steins bedarf.

 

Daskind wandert mit dem Stein und der Schleuder in den Wald. Ums Kind wimmelt's

von Absicht. Da ist ein Leben und Leben im Wald, das zueinanderdrängt und findet.

Dornige Ranken zerkratzen die nackten Beine des Kindes. Vögel schrecken auf und

fliegen hoch aus dem Niedergehölz. Das Beben der Luft will überall sein, ein

Überallbeben berührt Daskind. Das ist nun im Wald aufgehoben, mit sich und mit

dem Stein in der Hand.

 

Das klare Gesicht des Waldes verdunkelt sich zur Waldmitte. Hier stehen sie,

Stamm an Stamm, die hohen, schlanken Tannen. Das kräftige Wurzelwerk ist unter

dem Nadelteppich zu sehen. Eine feuchte, dunkle Weiblichkeit erfüllt diesen Teil des

Waldes, den Daskind Nimmerwald nennt, im Gegensatz zu den andern Waldgegen-

den, die fürs Kind keine Namen haben. Die Waldfrau hingegen nennt den Ort Feen-

rausch, weil die Waldfeen an dieser Stelle vor langer Zeit ihre Feste gefeiert haben

sollen. Trunken vom Nektar, hätten sie sich im Reigen gewiegt und gesungen. Die

Tannen, bei Festen immer zugegen, hätten sie mit ihrem Rauschen begleitet. Doch

einmal seien die Feen vom Tanz in die Ekstase nicht mehr zurückgekommen, obwohl

die Tannen zur Rückkehr mahnten. Seither habe niemand mehr die Feen gesehen.

Traurig seien die Tannen allein in den Wald zurückgekehrt. Seither herrsche der

Schrat im Wald, mit dem sei nicht zu spaßen. Die Bäume aber seien zum Himmel

gewachsen, um ab und zu einen Glanz auf den Flügeln der Feen zu erhaschen.

 

Daskind umarmt den traurigen Baum. Das kann es verstehen, daß da eine Trauer ist,

die nie mehr vergeht, wenn keine Feen im Feenrausch tanzen. Das kann es verste-

hen, Daskind, daß da keine Freude ist, wo die Feen fehlen und der Schrat sein Un-

wesen treibt. Es ist an der Zeit, flüstert Daskind. Da ist der Stein in der Hand und die

Schleuder. Daskind hat sein Geschick, kann nicht aus der Haut. Jetzt hört es die

Amsel im Gezweig des Baums, hört im Gezweig das Necken und Rufen. Nimmt still

die Schleuder zur Hand. Fühlt die Kraft im Arm, als es langsam den roten Gummi

spannt. Denkt, daß es verwachsen muß mit dem Stein und der Schleuder, dem Ziel.

Tut es probeweise, hält inne, nimmt sich Zeit. Moosbewachsene Zeit zieht ins Kind

ein, in den Bauch, macht ihn weich und fügsam. Warm.

 

Fest Jetzt Die Hand Ums Gegabelte Holz Spannt Jetzt Den Schlauch Fühlt Ziel In

Der Hand Im Stein Liegt Gut In Der Hand Im Leder Der Schleuder Spannt Fester

Noch Fester Fühlt Stein Fühlt Hand Die Schleuder Das Ziel Kann Jetzt Das Sirren

Des Steins Und Zugleich Das Locken Der Amsel Kann Das Hören Fühlen Schwarz

Explodiert Sonne Im Bauch Und Ein Ziehen Das Sirren Lauter Dann Dumpf Und

Schneller Der Fall Still Liegt Vogel Tot Kann Nicht Fragen Kein Vogelfragen Hat Stille

Daskind Hat Stille Im Wald Daskind Kehrt Zurück Moosgrüne Zeit.

 

Kind Ohneschuld, eingesponnen in eine feuchte Träumerei, beachtet den Vogel nicht,

braucht den nutzlosen Kadaver nicht, um das Träumen in Schwung zu halten. Sitzt

unter den Tannen, die Hände im Schoß gefaltet, lauscht es dem fernen Gesang der

Feen, weiß sich vorm Schrat beschützt. In seinem Traum sind alle Vögel unterwegs,

trennen mit ihren Schnäbeln die Welt vom Rumpf der Nacht.

 

 

Copyright by Nagel & Kimche

 

Klappentext

 

"Hat keinen Namen, Daskind. Wird Daskind genannt. Oder Kleinerbub, obwohl es ein

Mädchen ist. Ist dem Teufel vom Karren gefallen, Daskind."

Bei Pflegeeltern wächst es auf, schweigend trotzig, verstockt. Die Pflegemutter

beachtet es kaum, der Pflegevater scheint es zu lieben, denn er weint, wenn er es

schlägt. Daskind spricht nicht, hat nie gesprochen. Doch wenn die stummen

Bannsprüche nicht helfen, träumt es vom Zurückschlagen: bescheiden, verstohlen,

vorsichtig. Es besitzt eine Steinschleuder, Daskind. Zuerst trifft der Stein die vom

Pflegevater gezüchtete Rose, die der Hagel verschont hat. Später sucht sich der

Stein andere Opfer: Daskind lernt, sich zu wehren.

"Expressive Sprachgewalt gepaart mit formalem Raffinement und einem Intellekt von

analytischer Schärfe" bescheinigt die Kritik Mariella Mehr spätestens seit ihrem

Roman "Zeus oder der Zwillingston" (1994). Der Roman "Daskind" stellt eine

abermalige Zäsur im Schreiben dieser Autorin dar: "Daskind" ist Erzählkunst von

archaischer Kraft, in Sprache geformte Erfahrung.

 

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