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Endlich findet Daskind den Stein. Der graue Kiesel liegt gut in der Hand. Zärtlich betrachtet Daskind die Maserung, mißt mit geübtem Blick die Rundung des Funds. Mit Schleuder, Stein und Ziel zu verwachsen, hat es gelernt, dann verwittert das Herz nicht beim Schuß. Und daß das Ziel eines ganz bestimmten Steins bedarf.
Daskind wandert mit dem Stein und der Schleuder in den Wald. Ums Kind wimmelt's von Absicht. Da ist ein Leben und Leben im Wald, das zueinanderdrängt und findet. Dornige Ranken zerkratzen die nackten Beine des Kindes. Vögel schrecken auf und fliegen hoch aus dem Niedergehölz. Das Beben der Luft will überall sein, ein Überallbeben berührt Daskind. Das ist nun im Wald aufgehoben, mit sich und mit dem Stein in der Hand.
Das klare Gesicht des Waldes verdunkelt sich zur Waldmitte. Hier stehen sie, Stamm an Stamm, die hohen, schlanken Tannen. Das kräftige Wurzelwerk ist unter dem Nadelteppich zu sehen. Eine feuchte, dunkle Weiblichkeit erfüllt diesen Teil des Waldes, den Daskind Nimmerwald nennt, im Gegensatz zu den andern Waldgegen- den, die fürs Kind keine Namen haben. Die Waldfrau hingegen nennt den Ort Feen- rausch, weil die Waldfeen an dieser Stelle vor langer Zeit ihre Feste gefeiert haben sollen. Trunken vom Nektar, hätten sie sich im Reigen gewiegt und gesungen. Die Tannen, bei Festen immer zugegen, hätten sie mit ihrem Rauschen begleitet. Doch einmal seien die Feen vom Tanz in die Ekstase nicht mehr zurückgekommen, obwohl die Tannen zur Rückkehr mahnten. Seither habe niemand mehr die Feen gesehen. Traurig seien die Tannen allein in den Wald zurückgekehrt. Seither herrsche der Schrat im Wald, mit dem sei nicht zu spaßen. Die Bäume aber seien zum Himmel gewachsen, um ab und zu einen Glanz auf den Flügeln der Feen zu erhaschen.
Daskind umarmt den traurigen Baum. Das kann es verstehen, daß da eine Trauer ist, die nie mehr vergeht, wenn keine Feen im Feenrausch tanzen. Das kann es verste- hen, Daskind, daß da keine Freude ist, wo die Feen fehlen und der Schrat sein Un- wesen treibt. Es ist an der Zeit, flüstert Daskind. Da ist der Stein in der Hand und die Schleuder. Daskind hat sein Geschick, kann nicht aus der Haut. Jetzt hört es die Amsel im Gezweig des Baums, hört im Gezweig das Necken und Rufen. Nimmt still die Schleuder zur Hand. Fühlt die Kraft im Arm, als es langsam den roten Gummi spannt. Denkt, daß es verwachsen muß mit dem Stein und der Schleuder, dem Ziel. Tut es probeweise, hält inne, nimmt sich Zeit. Moosbewachsene Zeit zieht ins Kind ein, in den Bauch, macht ihn weich und fügsam. Warm.
Fest Jetzt Die Hand Ums Gegabelte Holz Spannt Jetzt Den Schlauch Fühlt Ziel In Der Hand Im Stein Liegt Gut In Der Hand Im Leder Der Schleuder Spannt Fester Noch Fester Fühlt Stein Fühlt Hand Die Schleuder Das Ziel Kann Jetzt Das Sirren Des Steins Und Zugleich Das Locken Der Amsel Kann Das Hören Fühlen Schwarz Explodiert Sonne Im Bauch Und Ein Ziehen Das Sirren Lauter Dann Dumpf Und Schneller Der Fall Still Liegt Vogel Tot Kann Nicht Fragen Kein Vogelfragen Hat Stille Daskind Hat Stille Im Wald Daskind Kehrt Zurück Moosgrüne Zeit.
Kind Ohneschuld, eingesponnen in eine feuchte Träumerei, beachtet den Vogel nicht, braucht den nutzlosen Kadaver nicht, um das Träumen in Schwung zu halten. Sitzt unter den Tannen, die Hände im Schoß gefaltet, lauscht es dem fernen Gesang der Feen, weiß sich vorm Schrat beschützt. In seinem Traum sind alle Vögel unterwegs, trennen mit ihren Schnäbeln die Welt vom Rumpf der Nacht.
Copyright by Nagel & Kimche
Klappentext
"Hat keinen Namen, Daskind. Wird Daskind genannt. Oder Kleinerbub, obwohl es ein Mädchen ist. Ist dem Teufel vom Karren gefallen, Daskind." Bei Pflegeeltern wächst es auf, schweigend trotzig, verstockt. Die Pflegemutter beachtet es kaum, der Pflegevater scheint es zu lieben, denn er weint, wenn er es schlägt. Daskind spricht nicht, hat nie gesprochen. Doch wenn die stummen Bannsprüche nicht helfen, träumt es vom Zurückschlagen: bescheiden, verstohlen, vorsichtig. Es besitzt eine Steinschleuder, Daskind. Zuerst trifft der Stein die vom Pflegevater gezüchtete Rose, die der Hagel verschont hat. Später sucht sich der Stein andere Opfer: Daskind lernt, sich zu wehren. "Expressive Sprachgewalt gepaart mit formalem Raffinement und einem Intellekt von analytischer Schärfe" bescheinigt die Kritik Mariella Mehr spätestens seit ihrem Roman "Zeus oder der Zwillingston" (1994). Der Roman "Daskind" stellt eine abermalige Zäsur im Schreiben dieser Autorin dar: "Daskind" ist Erzählkunst von archaischer Kraft, in Sprache geformte Erfahrung.
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