Aus „Kinder der Landstrasse“ von Mariella Mehr

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monolog von den singenden häuten (für Irmgard)

Xenos erneut isoliert. um sie verstreut foltergeräte:

elektroschockmaschine, spritzen, tabletten, deckelbadvorrichtung,

zwangsjacke und dergl. mehr. in strenger distanz:

 

INSTITUTION, CLARA REST, MENGA, SCHATTEN DER MUTTER.

in grelles licht getaucht bewachen sie das letzte gefängnis der Xenos.

 

XENOS:

gross der bauch und klar

die sprache der häute

die sprache der eifrigen häute

ASTER - HÄUTE

bin ich dir mein kleines

wandern die eiskristalle

JETZT

zur mitte der niemandsinsel

wandern die eiskristalle

es hat uns die zeit

des MUTTERMORDS eingeholt

mein kleines

GEKREUZIGTER

 

staub weinten meine augen

dir häute zu weben

dich zu betten

in STAUB

 

kleines

mein kleines

der niemandsinsel

fremdgeborenes

 

ich hielt die säulen der zeit

mit meinen fäusten

sie schnitten mir das haar

mein ortlos geborenes

wir wollten leben

nun sind wir das messer

das unser leben zerstört

 

mein kleines

mein niemandsinselkind

es bleibt uns das unberührte

die sprache der häute

 

mein kleines

mein ortlos geborenes

mein fremd geborenes

 

wir sind unschuldig

schuldlos zerbrochen

an ihrer zeit

schuldlos gebrochen

 

uns bleiben die häute

aus gewobenem staub

die eifrigen häute

dich zu bergen

 

in unsern gehirnen sind

wünsche unwünschbar geworden

hat sich die stille ein nest geschaffen

jenseits von schmerz

 

WIR SIND UNSCHULDIG

mein kleines

 

GEKREUZIGTER

 

wir wollten leben

 

 

Klappentext

 

Die unbewältigte Vergangenheit, ein trübes Kapitel der neueren

Sozialgeschichte dauert an. Das "Hilfswerk" und seine Folgen, die

unglücklichen jenischen Familien und Kinderschicksale sind mit

der "Wiedergutmachungsaktion" der Pro Juventute nicht erledigt.

Das Jahr 1986 hat eine Eskalation der Gefühle und Missverständ-

nisse gebracht, die nur langsam abgebaut werden können.

Mariella Mehr versucht, anhand ihrer eigenen Akte, die sie zur

Einsichtnahme bekam, ein Einzelschicksal auszuleuchten, das

komplexe Thema "Kinder der Landstrasse" am Beispiel ihrer

persönlichen Geschichte - die von Marietta, ihrem Sohn Christian

und ihrer Mutter - zu orten und zu versachlichen. Im Zentrum das

Theaterstück "Akte M. Xenos ill.* 1947 - Akte C. Xenos ill.* 1966",

ein gewaltiger Text voll Wut, der die Sache beim Namen nennt.  

Darum herum und ins Stück hinein baut die Autorin Versatzstücke:

die Geschichte des Hilfswerks, beginnend 1907, nicht endend

1987, Aktenausschnitte, Fotos aus Marianne Pletschers TV-Film,

den Briefwechsel mit H.U. und den abschliessenden Text von

Thomas Huonker "Wahnsinn und Wahrheit". Es entstand eine

faszinierende Collage. Die Kunst der Verfluchung.

 

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