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Aus „Nachrichten aus dem Exil“, Gedichte von Mariella Mehr |
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Kein Meer lag uns zu Füßen, im Gegenteil, wir sind ihm mit knapper Not entgangen, als uns - kein Unglück, sagt man, kommt allein - der stählerne Himmel ans Herz fesselte.
Umsonst haben wir an den Schädelstätten um unsere Mütter geweint, und tote Kinder mit Mandelblüten bedeckt. sie zu wärmen im Schlaf, dem langen.
In schwarzen Nächten sät man uns aus um dann, in den Morgenstunden, die Erde von uns Nachgeborenen leerzufegen.
Noch im Schlaf such' ich Dir Wildkraut und Minze; Fall ab, Auge, sage ich zu Dir, und daß Du nie in ihre Gesichter sehen sollst, wenn ihre Hände zu Stein werden.
Darum das Wildkraut, die Minze. Sie liegen Dir still auf der Stirn, wenn die Mäher kommen.
Für alle Roma, Sinti und Jenischen, für alle Jüdinnen und Juden, für die Ermordeten von gestern und die von morgen.
Nachwort von Marianne Pletscher
Endlich wieder Gedichte, habe ich mich gefreut, als Mariella Mehr mich bat, ein Nachwort für ihren neuen Gedichtband zu schreiben. Habe mich an die wunderbare, leichte Poesie des "roten findlings" erinnert und bin zuerst erschrocken, ob dem wilden Schmerz, welcher besonders die Siena-Gedichte der "Nachrichten aus dem Exil" prägt.
Habe beim Wiederlesen des früheren Gedichtbands diesen Schmerz im "roten findling" genauso gefunden. Er hatte sich in meiner durch die Jahre gedämpften Erinnerung in schwerelose, schmerzresistente Schönheit verwandelt. Es wird mir vermutlich in einigen Jahren mit den "Nachrichten" ähnlich gehen. Der Schmerz ist zwar da, wild, aufbegehrend, wütend, wie sollte er auch nicht, bei den zahllosen Schmerzerfahrungen, die nicht nur Mariella Mehrs Jugend, sondern immer wieder und immer neu auch ihre reiferen Jahre geprägt haben.
Doch während in ihren letzten Romanen der erlebte Schmerz literarisch brutal zuschlägt, der Leserin eingehämmert wird, bis sie ihn selber fühlt und er sie fast nicht mehr loslassen will, transzendiert die Schönheit in den Gedichten den Schmerz, machen die Worte sich selbständig, nehmen mich mit in einen schwebenden Traum. Ein Gefühl von ewigem Fliegen durchfliesst mich.
Je länger ich lese, desto mehr tritt der Schmerz in den Hintergrund, die Lust auf leben, die Hoffnung, die Liebe legen sich über ihn. Ich sehe den Streifen Himmel, auch wenn sie ihn mir im Gedicht gar nicht geben will, sie hüllt mich ein in die fasanenumglänzte, lichtdurchflutete Atmosphäre des neuen Hauses in der Toskana, der Casa Rossa, bis das Haus auch mir ums Herz wächst.
Aber dann, als sie mich vollends ins Schweben und Träumen gebracht hat, schlägt sie zu - typisch Mariella - erinnert mich an die Ermordeten aller Zeiten, die Folterer aller Zeiten. Gibt mir dann aber, und das ist neu, Gold in die Hände, bevor ich verzweifle.
So nehmen mich die "Nachrichten" mit auf einen poetische Reise von Schmerz und Glück. Beide gleichwertig, beide tiefer erlebt, als es die junge Mariella in ihren ersten Gedichten konnte, eingebettet in eine neue Behaustheit, deren Dach grünes Haar hat.
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