Aus „Brandzauber“, Roman von Mariella Mehr

Franziska unter dem Leider. Die Hände und Füge in den Fixierschlaufen. Die Laken

nass von Schweig. Den nackten Körper fröstelt es. Die Zelle ist ungeheizt, die Tür

ohne Klinke. Von weither ist das Stöhnen, das Lamentieren, das Plappern und

Wispern, das Girren und Lachen der anderen zu hören. Ober die weiße Wand kriecht

ein Insekt und versucht beharrlich, eine Erhöhung in der Mauer zu überwinden. Immer

wieder rutscht es zurück. Es verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen.

 

Schließlich versucht es nur noch, sich festzuhalten, wo es gerade ist. Auch das

misslingt. Von der Schwerkraft angezogen, fällt das Insekt herab und landet auf

Franziskas Bauch. Der schwarze Panzer kitzelt die Haut. Die Beine zappeln, die

Scheren greifen ins Leere. Franziska versucht, dem Käfer mit einem kräftigen Atem-

zug auf die Beine zu helfen. Er bleibt hartnäckig in der Rückenlage, Franziska kann

das Vibrieren seines Panzers spüren. Nach dem sechsten, siebenten oder -

Franziska hat wieder einmal jedes Zeitgefühl verloren - vielleicht auch nach dem

zwanzigsten Versuch gelingt es endlich. Franziskas Panik verebbt.

 

Jetzt könnte das Insekt verschwinden. Es könnte seine Wanderung auf der kalk-

weißen Wand wieder aufnehmen, die Unebenheit überwinden und zum Haupt Christi

vorstoßen. Es könnte seine Brut in die leeren Augenhöhlen legen, oder in die Locken

und dann, auf der Suche nach Artgenossen, nach Hause finden. Heim ins Reich,

hörte sie es einst aus tausend Kehlen schreien, noch ehe sie gehen konnte. Heim

ins Reich, jubelten die Nonnen, wenn sie den Himmel meinten.

 

Der Nashornkäfer krabbelte über Franziskas Körper. Seine Scheren zwackten ihr ins

Fleisch. Seine Fühler glitten über die feuchte Haut, sie betasteten die schorfigen

Unebenheiten, verharrten an den Rändern schrundiger Narben, sie erforschten die

aufgerissenen Wunden. Wenn Franziska den Kopf hob, konnte sie den breiten Kopf

mit der chitingepanzerten Stirn sehen, die weit auseinander liegenden Augen, die

kräftigen Scheren. Wie sie sich öffneten und schlossen. Sie betrachtete den gefräs-

sigen Mund und stellte sich vor, wie sie Stück um Stück dem unersättlichen Schlund

zugeführt werden würde. Franziska wagte nicht mehr, sich zu rühren. Unbeweglich

verfolgte sie den Weg des Insekts auf ihrem Körper.

 

Als Anna lm Türrahmen erscheint, hat das Tier Franziskas Oberschenkel erreicht.

Vorsichtig krabbelt der Käfer über den Schenkelgrat, stürzt aber, von einer Schorf-

stelle aufgehalten, unversehens ab. Mit den Greifscheren an Franziskas Schenkel-

ansatz geklammert, bringt er sich in die richtige Position und klettert erneut empor.

Beim Versuch, den Hügel zu erklimmen, verfängt er sich in Franziskas Haar. Seine

empfindlichen Riechorgane untersuchen das Hindernis. Seine gepanzerte Stirn stößt

gegen die unerwartete Front.

 

Franziskas Augen verkrallen sich in die Augen des Mädchens unter der Tür. Ihre

Füße in den Fixierschlaufen zucken. Ihre Hände sind zu Fäusten geballt. Die Haut

auf den weit auseinander gespreizten Beinen glänzt, wo sie vom Schorf noch nicht

verunstaltet ist. Auf Franziskas Oberlippe stehen Schweißtropfen. Nichts ist zu

hören, außer den Atemzügen des gefesselten Mädchens und dem tiefen Brummen

des Nashornkäfers.

 

Auf dem Kopf des Käfers vibriert das Horn.

 

Der Mann im weißen Kittel hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Seine Augen

wanderten über Franziskas Körper, sie umkreisten den Käfer. Schließlich verharrte

sein klinischer Blick auf Franziskas Gesicht. Er registrierte die Panik, das Flehen in

den Augen.

 

Langsam nähert sich sein Gesicht Franziskas Gesicht. Behutsam öffnet er die ver-

knoteten Schlaufen. Ohne das Mädchen aus den Augen zu lassen, bemächtigt er

sich des Insekts. Mit einer leichten Bewegung lässt er es fallen.

 

Dann ist das Knirschen des Panzers zu hören.

 

 

Klappentext

 

In einer Privatklinik begegnen sich die beiden Frauen wieder. Oder ist es nur eine

Ähnlichkeit die täuscht und Anna an die Zeit erinnert, die sie als Mädchen unfreiwillig

bei den Nonnen im Heim verbrachten? Anna, das Kind von Jenischen, eine, die

gelernt hat sich zu wehren, um sich zu schlagen, wenn es sein muss, und die

andere, Franziska, von der niemand genau weiss, woher sie kommt, eine

Überlebende, ein Opfer, lang aufgeschossen, bleich, die Haut von Schorf bedeckt.

Anna nimmt sich ihrer an, und zu Anfang ist wenig Freundlichkeit dabei, eher die Lust

zu beherrschen.

Dennoch werden die beiden ein Paar, und in ihrer Liebe ist beides, eine verzweifelte

Zuneigung und unterschwelliger Hass. Obwohl Anna mit den Jahrzehnten gelernt hat,

ihn zu verschliessen, bis sie anderen als stumpf erscheint, eine merkwürdige Frau

mit einer merkwürdigen Passion - Anna züchtet fleischfressende Pflanzen -,

beherrscht dieser selbstzerstörerische Hass sie noch immer. Als sie Franziska zu

begegnen glaubt, bricht er sich Bahn.

 

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