Personen:
Alle
Ort:
Gemischte Abt. E.
Korridor
Anni B.
mit frischem
Kopfverband, wird von den zwei Soldaten
hereingeführt. Die
andern stossen den schlafenden Mister
Brainslasher auf dem
Hexenkarren in den Korridor.
Toto
Loto
Er schläft, er schläft
tatsächlich. Schläft sich in ihrer Leere aus.
Krankenschwester
Leise, lass Väterchen
schlafen, die da (zeigt auf die zwei
Soldaten) tuns auch.
In meinem Schädel kehrt Ordnung ein,
wenn ich ihn halte,
ein stilles Vergnügen, als würde es da unter
der Schädeldecke zu
grünen beginnen. Lass ihn schlafen.
(Es ist kein
liebevolles Halten, das da gezeigt wird. Etwas
Grausames, Irres, geht
von diesem Bild aus.)
Der
alte Mann
Der Schlaf der
Mächtigen ist die Zeit der Ratten, Wer schläft,
wichst keine Stiefel,
putzt keine Waffenläufe. Wer schläft,
reinigt keine
Mordbestecke. Wer schläft, befiehlt nicht.
Putzfrau
Pha, wer schläft,
hinterlässt keinen Dreck. Jeder Wolf wird im
Schlafe zahm.
Ungeschrieen bleiben im Schlaf Befehle. Pflügt
nur das Bett in
sinnloser Sanftheit.
Anni
B.
(löst die
Krankenschwester ab und nimmt Mister Brainslasher
in den Arm, verstört,
schreit)
NEIN
Krankenschwester
(kichernd) Halte sie
ihn, bis ihm das Atmen vergeht. Ha, viel
Platz für vielerlei
Dunkles in einem geleerten Schädel.
(imitiert das Wiegen
immer heftiger)
Toto
Loto
Halt, nicht so
stürmisch, soll er denn seekrank werden?
Sachte, sachte. Lass
ihm Zeit in seinem Misthaufentraum.
Krankenschwester
Sein Schlaf gibt sich
bäurisch, riecht nach Stier und Dung.
Jeder Schlaf hat was
Volkstümliches, ich lasse mich nicht
täuschen vom Tod.
Anni
B.
(verzweifelt, versucht
sich zu erinnern) Nein
Krankenschwester
Zerstört. Gehirn
zerstört.
Der Kopf: ein fremder
Brei
Ein finstrer Wald.
ENTMENSCHT
Anni
B.
(versucht, sich den
Verband vom Kopf zu reissen, wird aber
von den zwei Soldaten
daran gehindert. Schreit weiter vor
Angst)
Der will mir immer
noch ans Gehirn, der Kerl.
(weinend im Wissen,
dass für sie alles zu spät ist, ihr Gehirn
zerstört, ohne
Erinnerung. Wiegt Brainslasher immer heftiger,
hysterischer. Würgt
ihn in geistiger Umnachtung, die zwei
Soldaten hindern
daran)
Mister
Brainslasher
Mein Krieg, mein
klitzekleiner Krieg
Toto
Loto
(lachend) Nun hat's
sich ausgelacht, Mister.
Mister
Brainslasher
(feige leidend,
winselnd, bettelnd)
Ich wollte doch nur
meinen eigenen Krieg, meinen eigenen,
kleinen Krieg, mein
ganz persönliches, weisses Krieglein. Was
kann daran so
schrecklich sein, wenn es alle tun.
Alle haben ihren
Krieg, ihren ganz persönlichen Krieg.
Ich wollte nichts als
den meinen.
Einen schönen, kleinen
Krieg.
(Wimmernd, nackt unter
der weissen Schürze, an den Füssen
die Stiefel, kauert
Mister Brainslasher vor dem Publikum)
Mein schöner kleiner
Krieg, mein schöner weisser Krieg.
(kindisch trotzdend)
ICH WILL MEINEN KRIEG
WIEDERHABEN.
GEBT MIR MEINEN KRIEG
WIEDER.
GEBT MIR MEINEN
KLEINEN, WEISSEN KRIEG ZURÜCK
Toto
Loto
Halt, ein Plagiat,
nicht mehr.
Ende der
Freizeitschmiere.
Noch sind wir am
Leben.
Wär das eine Art zu
sterben, hä?
Auf die Plätze, rasch.
(Alle sind jetzt
wieder normale Psychiatriepatienten, einige
schlurfen durch den
Korridor, andere setzen sich, rauchen,
brummen vor sich hin)
NACHTRAG aus dem Dunkeln
Personen:
Hund (jetzt als neuer
Mister Brainslasher)
Zwei Soldaten
(gleichzeitig Irrenwärter)
Anni B.
Ort:
Verdunkelte, leere Bühne
Hund
(ins Publikum redend,
schneidend)
Die Wahnideen der
Patientin Anni B. nahmen immer renitentere
Formen an.
Ihr Widerstand war
ungebrochen. Nachdem sie Aerzten und
Pflegepersonal immer
mehr zur Last wurde und von ihren
kommunistischen Ideen
nicht lassen wollte, entschloss ich
mich zur Lobotomie.
Sie ist jetzt ruhig und freundlich, wenn
auch etwas antriebsarm
und kindisch. Seit einigen Jahren
bereitet sie keine
weiteren Schwierigkeiten.
Kehrt dem Publikum den
Rücken zu und schreit in den dunklen
Raum:
LOS LOS, IN DIE
DUSCHRÄUME, SCHNELLER,
SCHNELLER.
WELCHEN KRIEG HABEN
WIR DENN HEUTE?
(Als hätte das Drama
kein Ende, als begänne die Geschichte von vorn.)
ENDE
(Ueberarbeitet Dezember
1991 MM)