Aus "Angeklagt" Roman von Mariella Mehr, Nagel & Kimche, Zürich, Februar 2002

Ausgezeichnet mit einem Buchpreis der Erziehungsdirektion

(Amt für Kultur) des Kantons Bern!

Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.
Auf diese kurze Formel gebracht, betrachte ich mein Leben als gelungen. Als vollendetes Kunstwerk, dem keine Farbschattierung fehlt und das an allen denkbaren Formen gewachsen ist. Sogar die Farben der Liebe sind darin enthalten, ob Sie es nun glauben oder nicht. Die Liebe spricht man meinesgleichen bekanntlich ab. Zu Unrecht, zu Recht, das hängt davon ab, wie Sie ein Leben betrachten.
Lassen Sie sich von meinem jugendlichen Aussehen nicht täuschen. Mein wahres Alter liegt in den Taten. Zählte man sie zusammen, und seien es auch nur die vom Gerichtsschreiber protokollierten, ergäbe das die stattliche Anzahl von einigen hundert Lebensjahren.
Als Malik verschwand, hatte ich den längsten Teil meines Lebens hinter mir, die frühen Kindheitsjahre abgerechnet, als ich noch nichts von ihrer Existenz wusste. Malik war der Zählrahmen, an dem ich meine Taten abzählte und die Jahre addierte, für die sie standen.
Malik wird wiederkommen.
Wird Malik wiederkommen?
Eine Glaubensfrage, wie fast alles, was unsereins vorwärts treibt.

Einlassen. Furchtlos. Sagen Sie.
Mein Vertrauen gewinnen. Nichts zu verlieren.
Wenn Sie wüssten, was ich zu verlieren habe. Eine Geschichte. Meine Geschichte. Mein ganzes Leben.
Malik.
Überhaupt. Spricht eine Beamtin so mit einer Delinquentin?
Malik würde es nicht gerne hören.
Also beeilen wir uns.
Bringen wir es hinter uns, für welche Variante ich mich auch entscheiden werde.
Ihre scheint klar zu sein.
Ich sage das nicht, weil ich die Absicht habe, Sie zu belügen. Aber ein bisschen Spiel sei mir erlaubt und Erinnerungen, das wissen Sie, sind unberechenbar.
Nehmen wir zum Beispiel mein Vaterhaus. Eins, das man wirklich so nennen darf, denn es wurde von meinem Vater eigenhändig erbaut. Zu groß für eine Kleinfamilie. Vier Stockwerke, die Mansarde mitgerechnet. Ich kann mich nur noch an die Küche, den unbewohnten Salon, so nannte ihn meine Mutter, an das elterliche Schlafzimmer, an meines und an die Mansarde erinnern.
An die Mansarde.
Seltsam, sich an eine Mansarde erinnern zu wollen, nicht wahr? An eine wie die unsere, an der nichts Nennenswertes zu sehen ist.
Vater baute das Haus vor meiner Geburt. Um das Haus wucherte eine hohe Buchsbaumhecke. Innerhalb des Geheges ein Gemüsegarten, Spalierbirnen an der Hausmauer, ein Rosenstrauch. Lachsfarbene Blüten. Jedes Jahr ein paar weniger.

bullet

Zurück