Wie wichtig sind (waren) Bücher für mich?

Die Bettlerschale

oder: Die gestohlenen Bücher

Wenn ein armer Schlucker Brot stiehlt und es gleich verzehrt, nennt man das Mundraub. Mundraub wird nicht geahndet, denn das Recht auf die Befriedigung lebensnotwendiger Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken steht über dem Eigentumsrecht. Das ist gut so, und es würde mich nicht wundern, wenn eines Tages Abertausende kämen, um sich das zu holen, worauf sie ein Recht haben, wir ihnen aber vorenthalten, nämlich Nahrung.

Nun will ich nicht behaupten, mit 14 oder 15 Jahren hätte ich das gewusst. An den lieblos zusammengekochten Frass in Heimen und Anstalten hatte ich mich längst gewohnt. Er nährte für kurze Zeit, etwas anderes kannte ich nicht. Der bohrende Hunger nach zwei drei Stunden gehörte zu meinem Leben wie das Gefühl, nirgends und bei niemandem Zuhause zu sein.

Trotzdem stahl ich wie ein Bettler. Kein Brot, keine Milch, aber Wissen, das mir vorenthalten wurde. Dass dieses Wissen nur in Büchern zu finden war, stand für mich ausser Zweifel. Also mussten Bücher her. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Ich erinnere mich an das fast beängstigend aufregende Gefühl nach dem ersten Bücherdiebstahl. Ich fühlte mich als Eroberer eines lange begehrten und gesuchten Schatzes, den ich mir nicht mehr nehmen lassen wollte. Dass es ausgerechnet Lavants „Bettlerschale“ war, verdanke ich dem Zufall. Das Buch stand nah bei der Eingangstür der Buchhandlung und fiel durch einen rabiaten Holzschnitt auf dem Umschlag auf. Leiden, so nackt und ungeschützt, hatte ich noch nie abgebildet gesehen. Auch nicht beschrieben.

„ Hol nicht mehr Atem, sonst erwacht der Hahn

am Sonnendach und weckt dein Schicksal auf,

das eben erst im Arm des Herrn entschlief,

sein Schreien würdest du doch niemehr stillen,

selbst wenn du ihm den Mohn der Hoffnung bringst (...).“

Wer möchte einen solchen Satz nicht immer wieder lesen, wenn einem das Schicksal schon mit fünfzehn Jahren erklärt hatte, wes’ schwarzen Sternes Kind man war. Ich Mutterlose, Wortlose, fand Mütter, die für meine Verwirrung, für mein Unverständnis der Welt, für die oft unerträglichen, durch Elektroschocks und aufgezwungene Psychopharmaka hervorgerufenen Schmerzen Worte hatten. Und diese Worte verwiesen auf die Ursächlichkeit allen Leidens, sie politisierten mich in einem Augenblick, da ich von Politik noch keine Ahnung hatte und mir die Namen unserer damaligen Bundesräte so egal waren wie ein Dinner im Berner Schweizerhof oder das Kapital von Marx. Nicht nur Lavants Worte, zu den ihrigen gesellten sich andere, zum Beispiel Ruth Brands einziger Roman „Niemandsland“, Peter Weiss’s „Fluchtpunkt“, der, vergraben in meiner tiefen Jackentasche, jahrelang mit mir wanderte, Sartres „Fliegen“, Hilde Dohms Gedichte, Dostojewskis „Idiot“, Trakl, Hölderlin, Heine, Ingeborg Bachmann. Gemeinsam gaben sie mir die Kraft, auch Aktennotizen des ehemaligen Pro Juventute „Hilfswerks“ Kinder der Landstrasse wie beispielsweise folgende zu verkraften. „Sie gibt sich traurig und weiss auch einigermassen intelligent darüber zu berichten. Aber gerade dies verweist bei ihrer zigeunerischen Abstammung auf ein erhöhtes Mass an moralischem Schwachsinn und angeborener Minderwertigkeit“.

Als ich vierundzwanzig und endlich frei war, hatte ich etliche Kinderheime, Erziehungsanstalten, psychiatrische Kliniken und schliesslich mehr als ein Jahr Knast hinter mir, das mich daran hindern sollte, den Vater meines Sohnes zu heiraten, da er halb Jude und halb Zigeuner war. Gertrude Stein, Artaud und Dürrenmatt lagen auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen. Ich blätterte und stahl. Mein Stundenlohn von Fr. 2.43 reichte nicht aus, um ein Buch zu kaufen, wollte ich das Mansardenzimmer, die Krankenkasse und andere, laufende Rechnungen regelmässig bezahlen. Es nicht zu tun hätte bedeutet, ein weiteres Mal in die Mühle der Pro Juventute zu geraten, im Klartext, den Rest meiner 3 Jahre Administrativversorgung auch noch abzusitzen. Ich stahl also weiter, Buch um Buch, mit einer Unverfrorenheit, die man ebensogut Unschuld nennen könnte. Etliche dieser Bücher stehen noch immer in meinen Regalen. Ich betrachte sie mit Dankbarkeit, haben sie doch mein Leben gerettet.

Ich hörte mit dem Bücherklau erst auf, als ich mich zwischen der Bezahlung eines Mietzinses und dem Kauf eines Buches frei entscheiden konnte. Das allerdings schaffte neue Probleme: unzählige Umzüge von Abbruchbude zu Abbruchbude, aber davon sei hier nicht die Rede.

Ich weiss nicht mehr genau, wann ich endlich begriff, dass ich für mein eigenes Leben eine eigene Sprache, eigene Wörter zu finden hatte. Ich glaube aber, es war nach der Lektüre von Celans Gedichten. Natürlich schrieb ich früher schon Gedichte, wie so viele andere in der Pubertät. Hilflose Versuche, mich auszudrücken, meine Fragen an das Leben zu formulieren. Ich nehme nicht an, dass meine Gedichte vor meinem zwanzigsten Lebensjahr besser waren als die unzähligen, schwülstigen Prosatexte, die ich an jeden mich beeindruckenden Menschen verschickte, an Meret Oppenheim zum Beispiel, oder Erika Burkhart.

Schlimmer noch waren die spätexistentialistischen Allüren, Texte allerdings, die dann in irgendeiner dieser vielen Abbruchwohnungen aus Not verfeuert wurden. Aber immer waren es die gestohlenen Dichterinnen und Dichter, die mir den Mut und die Kraft gaben, nach Worten für meine Welt zu suchen.

Öffentliche Bibliotheken? Natürlich gab es sie schon damals. Aber wer in eine Bibliothek geht, muss wissen, wonach er sucht. Ich wusste es nicht. Ich suchte mir die Bücher nach sinnlichen Eindrücken zusammen. Selbst ihr Geruch war wichtig. Ich hätte nie ein Buch geklaut, das schlecht roch. Und ich musste darin blättern können. Ein Wort, ein Satz musste mich anfallen und gefangennehmen. Ausserdem will man einmal gelesene, für den Augenblick wichtige Sätze oft für eine Weile behalten. Man begehrt sie mit einer Gier, die keine Bibliothek befriedigen kann. Wer möchte dabei an ein Urheberrecht denken?

Urheberrecht?

Nun ja. Aus der leidenschaftlichen Leserin wurde eine Schreiberin. Eine, die das Urheberrecht ernst nimmt. Die bestohlenen Dichterinnen und Dichter mögen mir verzeihen.

© Copyright by Mariella Mehr

bulletZurück