Mariella wurde am 04.03.2012 erste ProLitteris-Preisträgerin

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Die Preisverleihung im Kaufleuten-Klubsaal in Zürich

fand in einer sehr gediegenen Atmosphäre statt

 

Die Laudatio von Elisabeth Wandeler-Deck:

Sehr geehrte Anwesende, liebe Kolleginnen und Kollegen, Freunde und Freundinnen von Mariella Mehr, liebe, verehrte Mariella!

Als ich eingeladen wurde, für Dich, Mariella, für meine Kollegin Mariella Mehr, die Laudatio zu halten, fühlte ich mich geehrt. Ich freute mich sehr. Ich freute mich darauf, manches zu Deinem Werk sagen zu können, das ich, so meinte ich gut kannte. Ein für dieses Land wichtiges Werk.

Es ist eines, fast alles von Mariella Mehr gelesen zu haben. Und es ist eines, mit Mariella Mehr zusammengesessen zu sein, geredet zu haben, vom Einen, von jenem, vom Schwierigen des Schreibens und den Sorgen am Text. Es ist eines, einander Texte zugesandt und drauf geantwortet zu haben.

Es ist ein anderes, von ihrem Schreiben sprechen zu wollen, öffentlich, zu Ihnen allen, zu Euch. Zu Dir.

Womit schreibt eine Schriftstellerin, ein Schriftsteller. Nun mal abgesehen von Feder, Füller, Bleistift, Kugelschreiber, Hackmaschine, Schreibautomat, elektrisch elektronisch, analog, digital. Was ja alles seine Bedeutung hat und durch sein Mitwirken Spuren hinterlässt, man weiss das aus eigener Erfahrung. Das Hauptinstrument, mit welchem eine, fast hätte ich geschrieben: schreit, also: schreibt, das ist sie, sie selber, die schreibende Person. Die hat ja bekanntermassen so ihre Auswirkungen auf den Text und könnte einer das Schreiben ausgetrieben haben sogar. Mariella Mehrs Bücher beweisen es und wissen davon. Sie machen einen, eine wundern und fragen, wie schön.

Vom Literarischen zu sprechen, von den Texten, die Bücher bilden, von ihrer Sprache, die sich als Prosa zeigt und in Gedichten, verschieden, das Eine vom andern und verwandt. Das war es, was ich mir rasch vornahm. So ging ich daran, Mariella Mehr, ihr Werk, neu zu lesen. Ich las. Was aus diesem meinem Lesen wurde, davon spreche ich heute zu Ihnen.

Mariella Mehr. Sie fand Bilder. Sie erfand Bilder, sie baute sie zusammen und sich als Autorin zugleich mit.

Sie fand Klänge, sie erfand sich die eigene Stimme und brachte Stimmen als Text zum Klingen.

Sie fand Sprachen und Sprechweisen und erfand sie ihren Figuren zuliebe. Sie gab ihnen Töne und Schreie.

Sie fand ihre literarischen Vorgehensweisen. Sie begann vom Ende her oder aus einem Zwischen heraus.

Dafür fand sie und erfand Wörter wie „Brandzauber“, „Daskind“, „der Zwillingston

Sie machte die Wörter laufen zögern rasen „in diesem Traum schlendert ein roter „Findling“ Vers um Vers um Strophe.

 

Introduktion / Steinzeit

 

Es war ein Schrei. Sie stiess ihn aus. Wiederholt und immer wieder. Sie begann, ihn auszustossen. In die Schrift. Sie stiess in hinaus. Sie schrieb. Sie überliess den Schrei der Schrift. Sie verstiess den Schrei der „Steinzeit“ in den Text und gab ihm die Überschrift, die wir kennen. So überliess sie ihren Schrei den Ihren und einer Öffentlichkeit. Und kam an. Der Text als das Buch kam dann an, denn es gab den Verleger, der es verlegte und ein Ansehen des Buchs. Das dann da war und sein Wirken in Gang brachte. Das ihrem Wirkenwollen entsprach in seiner damaligen Sprache zu dem, was bisher ausgelassen war in der Öffentlichkeit.

 

Bilder / Zeus oder der Zwillingston

 

Dann, darauf, ich behaupte es, fand sie zu Bildern.

Sie erfand den Zwillingston, sie erfand Zeus. Sie erfand Zeus durch das Glasauge mit Namen Thetis. Das Zwillingsauge, die Rosaaugen, das Sehen von Schwester Rosy, das grüne Auge. Die Augen. Die Regale des Augenmachers. Die grünäugige Hera. Das herausgeschossene, das eingesetzte Auge, schliesslich jenes, das sich Rosa Zwiebelbuch erwirbt. Ausgerechnet Augen, die nicht sehen. Den Glasaugen etwas zu sehen geben.

Das Bild. Es springt an. Schon auf den ersten paar Seiten geschieht‘s, nämlich, dass die Namen und das Tun der Figuren und die Splitter der, für diese aktuellen, Weltgeschichte sich zur Konstellation fügen und zu einem Bild zusammenrotten. Des Zwists. Der Welt immanent in ihrer grässlichen und gewalttätigen, ihrer geplanten und gut organisierten Verwirrung. In der Anstalt als groteske Installation von dieser Welt hier.

Sie macht es herausspringen. Zärtlich, ironisch, klug. Aus dem Gesang der Vokabeln heraus springen lässt sie, was dann als Bild kenntlich wird. Indem sie die Vokabeln zusammenprallen macht, so dass sich ein Kosmos zeigt einer so realistischen wie mythischen Anstalt des Gesundheitswesens nämlich. Bild um Bild um Bild. Eine wirkende Wirklichkeit der totalen Institution Klinik in einem Text des Entsetzens entfaltet eine faszinierende Schönheit voll der Poesie eines Schmerzes, eines Zorns, eines Zerfalls, eines Tötens und zugleich Rettens: „Desmenschs“. Und das ist es schon. Im Namen der Rosa das Rosa, die Rose.

Das Buch.

Das Bild. Nicht dass dabei Vergangenes der Autorin Licht auf das Gegenwärtige der Figur würfe, der Rosa Zwiebelbuch. Nein. Das Werfen geschieht im und als Text, der eine Gegenwart jedesmal ist, wenn es zum Lesen kommt. Wenn Lesen und Schrift zusammenspringen, zu einem hüpfenden, gleitenden, stehenden Sternenbild aus Wörtern und Sätzen und Lesbarkeit. Ort des Lesens, vom Ort des Schreibens her.

 

Klänge / Daskind

 

Sie fand Klänge, sie erfand sie, um entgegen zu sprechen, kann das gesagt werden. Nämlich das gewöhnliche Dahersprechen eines Falls in der Art bürokratischer, soziologischer, psychologischer Rede zu entsprechen und über den dazu andern Klang im Text zum Sprechen zu tragen. Sie dehnt gehörte Rede, sie bringt sie zum Stocken, sie bricht, zerbricht sie, nein, nicht nachäffend, nicht mimetisch, sie prellt vor als eine leidenschaftliche Komponistin, deren Material Wörter, Sätze sind.

Sie fand die Expressivität der zusammengeschobenen Wörter schon in Zeus wie „Dasarmebein“, „Dieschönehand“, „Ruthamabend“, „RoteröteruthRuth“, „Einaugenblick“ und kam so zu Tönen, die sich den sie umgebenden Wörtern auf irritierend schöne und schreckliche Weise einimpften „Daskind“ ja, auch dort, aus andern Motiven mit andrer Wirkung.

Daskind – das Dorf, das Personal des Dorfs. Sie erinnern sich vielleicht, sie haben es gelesen, davon gehört, es geht darum, um das Namenlose, das Kind ohne Namen in Pflege, die einer Familie zukäme, einem Dorf sogar, oder nicht? „Daskind spricht nicht, hat nie gesprochen. Schweigt düster.“ Und doch, im Lesen, entsteht das Hören der Stimme des Kindes. Klänge, die evozieren, herausstimmen. Gesagtem eine Stimme, eine ei­gene, des Kindes,gerade nicht: geben. Klänge, die einem Geschehen mit Namen „DaskindimDorf“ ein Klingen in Sprache, ins Sprechen geben. Das eine Sicht ermöglicht, auf den Mikrokosmos eines Dorfs. So geht die Sprache dem Kind entlang und zugleich lässt sie hören, wie nicht nur das Kind als „Daskind“ sieht und erkennt und nicht Sprache hat, es hätte allen Grund, zu schreien, zu rufen, zu sagen. Sie macht hören, gleichzeitig, kontrapunktisch dazu, das Gerede des Dorfs. Es erklingt mythisches, alltägliches, magisches, lüsternes, strafendes Reden. Das Herbeisagen in Sprichwörtern, die alltägliche Litanei bis zum schlimmstmöglichen Ende, wie Dürrenmatt für eine gelingende Erzählung fordert. „Daskind lächelt“.

 

Sprechweisen, Blicke / Brandzauber

 

Sie fand eigene Sprachen und erfand Sprechweisen und erwog ihren Figuren zu liebe einen eigentümlichen „Brandzauber“. Sie übte sich darin, sie betörte und verstörte die, die sich ihm überliessen. Die sich dem Hin und Her der Blicke hingaben.

Sie erfand eine Überschrift aus Zauber und Brand und eine kalt anmutende Sprache zu einem Blick, zu Annas Blick auf die fleischfressenden Pflanzen. Eine nackte ruhige Einleitungssprache gibt den Rahmen zur Normalität einer verrückten Welt, zum Durcheinander der Wörter, das im Kopf der Anna immer wieder anhebt, wenn Blick den Blick durchkreuzt und ihren Sehnsuchts, den Erinnerungskörper aufreisst. Das tut dann weh, vorab den weitern Figuren, oft entsteht dabei eine grelle Schönheit am Rand des Entsetzenden und eine tiefe, empörte Trauer. „Hier bin ich, dein Schmerz, lachte der Schmerz, lass dich führen, hetze nicht wie ein gejagtes Wild den Kugeln entgegen.“ Das Töten als was, die Toten, wann. Anna, Franziska, deren Abkunft im dialektischen Jetzt des Textes. Der Ich-Sprache, der Sie-Sprache. Und der Du-Sprache, jener stummen Handlungssprache des je besondern Schmerzes.

 

Literarische Vorgehensweisen / angeklagt

 

Sie rückte den Verhältnissen zuleibe, indem sie ihr Schreiben weitertrieb. Sie schrieb Sätze, die schneiden hinein in den Sprachkörper. Wie Sondiergräben schaffen sie Zugang zu sonst Unzugänglichem. „Vergiss es, nichts gibt dich dir zurück.“ Sie fand ihre eigenen literarischen Vorgehensweisen und er­fand sich dabei als Schriftstellerin und Dichterin wieder und wieder. Das war nicht vorgesehen. Sie schrieb und sah sich nicht vor. Einmal, vielleicht auch öfter, vom Ende her, schrieb sie. Sie hatte das Ende von „Daskind“ geschrieben und fragte sich, ob das ginge. Sie fragte sich, sie fragte KollegInnen, es ging, das zeigt das Buch.

„Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.“ Und dann? Und dann der Tanz der roten Schuhe, der Tanz der Namen – Malik: König? Schutzengel? Solcherart die Assoziationen im Arabischen. Was weiterführenden Vorstellungen keinen Abbruch tut. Sie fand dazu die literarische Lebensbeichte zum Tode Verurteilter neu, so dass nun die Werdensgeschichte einer Frau als ein bitterer Gesang des Brennens, des Tötens gelesen werden kann. Die extremste Handlungsmöglichkeit unter extremen Bedingungen ist ausser der leidenden und leidenmachenden Liebe das Töten. Und das Schreiben. Ein Ge­sang der Einsamkeit ist „angeklagt“. Nachhaltig bitter. Darüber hinaus gehend.

 

Darüberhinaus / Lyrik

 

Sie ging über den Satz hinaus und setzte sich nicht. Sie setzte fort, was aussetzte, sie zum Aussetzen bringen wollte, sie brachte der ihr übertragenen Sprache Aussetzer bei, so, dass sie eine andere Geschichte auszutragen begann. War diese nun erträglich oder unerträglich in ihrer Erheblichkeit. Es war nicht das eine nicht das andre und somit erschreckend schön. Sie ging darüber hinaus. Doch über was hinaus. In ihren Gedichten mit so wankenden langgezogenen raffenden stockenden Tönen.

„jetzt meine rollende weinbeertraube / beginnt die dachgleiche unserer sprache / durchstreift sie hungrig das eislaub …“ (aus: „in diesen traum schlendert ein roter findling“)

„Dein mund verhäuslicht das Wort / umstellt es fürsorglich mit Schweigen //“ oder „Niemals war Frühling / flüstern die Aschenstimmen / auf der Sprachwaage / sei ich ein Wort ohne Gewicht / …“ oder auch „Durch geschwätzige Feuerfontänen / ohne Todessehnsucht zu gehen / sagen sie, sei Zeichen der Reife // … Diese Lust aufs Leben / die beharrlich an meinen Häuten wuchert / … //“ (aus: „Nachrichten aus dem Exil“, von Rajko Djurić ins Romanés übertragen) Ich überspringe die drauffolgenden Lyrikbände, „Widerwelten“ 2001 und „Das Sternbild des Wolfes“ 2003. Lesen Sie selber, am besten mit Stimme.

Ich nenne Ihnen rasch noch den weitern Band „San Colombano e attesa“ / San Colombano und das Warten: „… / schon haben wir jeden Atemzug vertan / oder, anderswo dort aufgerauht vom Warten / wird uns der Mund zur / dritten Natur /“. Die Gedichte sind in zwei Sprachen da, denn wie die Prosa, hat Anna Ruchat auch die Gedichte dieses neuesten Bands ins Italienische übertragen. Dank dieser Übersetzungen findet seit einiger Zeit Mariella Mehr auch in Italien, wo sie Wohnsitz genommen hat mit ihrem Mann zusammen, in der Wohn- oder, wie sie auch sagt, Exilsprache Gehör.

Liebe Mariella, ich freue mich, dass Du nun diesen schönen Preis als Erste erhältst. Du als eine, die sich in ihren Texten dort hin wagt, wohin sich wenige getrauen.

Dass Du dort bleibst, hartnäckig, leidenschaftlich, und nicht einfach so gleich wieder weggehst, dass Du bei Deinen Figuren bleibst und mit ihnen, die von dort, wo sie sind, nicht wegkön­nen, dort Handlungsmöglichkeiten entdecken müssen, dort von wo sie nicht weg können, auch das zeichnet Dich und Deine Texte aus.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

 

 

Aktualisiert am:  23.03.12   © by H.U.EllenbergerMehr