Aus dem Roman "Zeus"  (03.12.2005 am Oberlin College)

Einführung

Gilbert Tassaux, geboren 1935 in Paris, ein Poet, ein Bergsteiger, Übersetzer, Publizist, ein Verrückter, ein Freund von Mariella Mehr, der sich in seinen wahnhaften Schüben als Zeus sah und dessen Kopf immer wieder „Ruth“ gebar, statt Athene und gar nichts mehr (als seinen Tod), als er sich, in extremis, am 24. Januar 1983 in der Ergotherapie-Abteilung einer Psychiatrischen Klinik der Schweiz von einem Mitgefangenen den Schädel spalten liess.

Ein bis 1994 unerfülltes Orakel der griechischen Mythologie, wonach Zeus seine Unsterblichkeit, deren er seit dem Niedergang seiner Verehrer längst überdrüssig war, verlieren werde, vollzieht sich im zweiten Strang dieser Geschichte.

Wo, bitte, lässt sich Unsterblichkeit, Würde, Göttlichkeit, Menschlichkeit, Geist und Leben und ähnlicher Plunder gründlicher und effizienter verlieren, als in einer psychiatrischen Anstalt der Schweiz, die in der Verwaltung und Entsorgung solchen Plunders - insbesondere wenn er in Gestalt von rassisch, erblich oder sonst wie gesellschaftlich unkonformen, dubiosen Aussenseitern daher kam - seit Jahrzehnten gründliches geleistet hatte?

Damit ist auch einer der wichtigsten Orte der Handlung des Romans erklärt. Das weitere Personal ist so zahlreich wie skurril. Zentrale Figuren sind zwei Ärzte, die überflüssigerweise veränderte Namen und die Verantwortung für die Vernichtung zahlreicher jenischer (Gipsy, Roma) Familien tragen und eine reaktionäre Journalistin, die sie darin nach besten Kräften unterstützt. 

Neben Zeus, der zweierlei ist: der griechische chief of gods und der irdische Poet Gilbert Tassaux, ist Rosa Zwiebelbuch die zweite Haupt-Protagonistin und auch sie bekommt eine Doppelrolle. Als Tochter einer völlig zerrütten Familie erhält sie - auf Grund von skurrilen Zufällen - die Gelegenheit eine Stelle als Haushälterin beim Augenmacher Adolf Stauch anzutreten und in der Folge – viele turbulente Jahre später –Insassin der Irrenanstalt, welche Zeus sich zur Entsorgung seiner Unsterblichkeit ausgesucht hatte, als Reinkarnation der Thetis, das blutige Ende des Zeus herbeizuführen.

Nicht zu vergessen, der Augenmacher Adolf Stauch, der, als Vermittler zur griechischen Mythologie, das Auge der Thetis schuf. Adolf Stauch - ein irdischer Merkur - stellt künstliche Augen her, in deren Iris und Pupillen er die Charakteren und ihre Entsprechung in der griechischen Mythologie der zukünftigen Träger in kunstvollen Extrem-Miniaturen darstellt und damit -vermutlich - auch ihr Schicksal beeinflusst.

Mariella Mehr liest zuerst ein Kapitel, in dem Zeus, hier noch mit seinen beiden Identitäten, als Göttervater und als Mensch, in die Geheimnisse der von ihm zum Sterben ausgewählten Irrenanstalt Narrenwald eingeführt wird und anschliessend eine Passage, in der die spätere Thetis, hier noch die Metzgerstochter Rosa Zwiebelbuch, ihre Stelle beim Augenmacher Adolf Stauch antritt und einen ersten Einblick in die Welt der griechischen Mythologie erhält.

 

„Zeus hienieden“, Kap. VIII.  p. 51 - 57

Zeus hatte sich nun einmal die Zertrümmerung seines privatesten Materials zum Ziel gesetzt, des ihm von Irdischen angedichteten irdischen Leibes, der ihn, in fataler Verneinung aller Logik, von der Sterblichkeit abhielt, ja ihn geradezu zu leben zwang. Es war der epische Sprachstrom seiner Erhalter, dieser Zwangsneurotiker der Verse und Hymnen, der ihn ohne sein Einverständnis seit Jahrtausenden am Leben erhielt - man denke nur an die mittlerweile selbst unsterblich gewordene "Ilias" Homers, die Hymnen und Epen des Aeschylos oder des Aristophanes, in moderneren Zeiten Hölderlins "Empedokles", Rilkes sentimentale Anbetungen des Schlachtgottes Ares und der nicht weniger kriegerischen Artemis, Schillers Enthusiasmen an die Adresse Aphrodites, Goethes närrische Verehrung für Hermes. Ja, selbst Dürrenmatt, den Zeus über Derartiges erhaben glaubte und gnädig, wenn es um den bestmöglichen, literarisch tödlichen Untergang, zumindest der andern, ging, beschäftigte sich über Gebühr mit seinen eigens und nur zu seinem persönlichen Vergnügen geschaffenen Geschöpfen, Launen des Augenblicks. (Mit Frauen dieser Branche beschäftigte sich Zeus nicht, darin glich er akkurat jenen, die ihn zu leben nötigten.) Der Zwang des Menschen, den er so spielerisch geschaffen hatte, seiner unsäglichen Gier nach der immerwährenden Wollust zu dienen: der Zwang dieser armen Geschöpfe, Mythen zu verinnerlichen, ja täglich neue zu ersinnen, zwang ihn seinerseits, über das ihm erträgliche Mass hinaus zu leben. Natürlich ehrten ihn, Zeus wollte es nicht leugnen, all die Heldentaten, die als Dichtungen die Jahrhunderte überdauerten. Es ehrten ihn die Lobpreisungen seiner archaischen Potenz, seiner Kampfeslust, seiner Machtgier. Es ehrten ihn all diese ehrfurchtsvollen Verse, sofern kunstreich in klassische Form geschmiedet. Sie besangen seinen kosmischen Ruhm mehr als jede Eroberung, seien es nun Frauenleiber oder Ländereien. Was ist eine Heldentat, auch eine erdichtete, ohne den, der sie besingt? Was wäre eine List ohne den Überlisteten, der sich bezwungen in den Staub wirft? Zur Göttlichkeit geadelt wird sie erst durch den Sänger im Staub, durch dessen schrankenlose Unterwerfung im Gesang und im Staubschlucken. Das war ihm, Zeus, während Jahrtausenden recht. Zugegeben, seine Eitelkeit war sprichwörtlich, auch sie wurde in Hexametern besungen, in Epen, Dramen und Elegien verewigt. Aber seit einem Menschenalter war ihm seine Eitelkeit ebenso lästig wie die ehrerbietige Devotion der Sänger, kam sie nun in metrischen Versen daher oder nicht. Der erste kosmische Metriker wünschte die Metrik zum Teufel, Ohropax - Friede seinen Ohren - kam für seinesgleichen nicht in Frage.

Wenn einer des irdischen Leibes überdrüssig ist, sei dies nun des Alters oder anderer widriger Umstände wegen, kümmert er sich traditionsgemäss um die Art seines letzten Ganges wie um die Stunde hierfür, die ihm richtig erscheint. Er schafft sich sozusagen seinen letzten, sehr persönlichen Mythos, etwa, wie dann später in Todesanzeigen oder in Curricula vitae nachzulesen ist: "Im Kreise ihrer Angehörigen ging Amalie Lichtenstamm getröstet in die ewigen Osterfreuden ein". Die Tatsache, dass heute vorwiegend in Spitälern vom Leben Abschied genommen wird, soll uns nicht täuschen, sind doch diese Spitäler ebenso zu Mythen verkommen wie Schillers freudiger Götterfunken, der sich Beethovens Symphonie zur Schlafstatt nahm. Gleichzeitig gestattet der Aufenthalt im Spital den Zweifel an der Sterblichkeit bis in die letzten Sekunden. Ich sterbe, ich sterbe nicht: Die weisse Margherita lässt sich rupfen bis ans End. Ist das Spiel einmal verloren, hat man's kaum bemerkt, ist hinüber, wie der Volksmund - ohne das Drüben der Erloschenen näher zu umschreiben - etwas naiv behauptet. Wer im Leben Mythen braucht, kann ihrer auch im Tod nicht entbehren. Schliesslich, im Tod, erklärt sich der, dem zu Lebzeiten aller Götter Unsterblichkeit zum Mythos taugte, selbst zum Mythos. Als Mythos dann darf er getrost der spätern Enkel stete Geissel sein. So schaffen Mythen immer neue Mythen, die, sakrosankt, ihn, Zeus, aufs allerärgerlichste immer neu mit Lebenslust vergifteten. Der Todestrieb, wie ihn die Wissenschaft in immer neuen Variationen herbeisang, blieb ihm, dem Immerwährenden, mit all seinen Vorteilen vergönnt.

Mit düsteren Gedanken reichlich versehen, stapfte Zeus am Arm seiner neuen Leibgarde, der Wärterin Karoline Presskopf, durch die Korridore des gigantischen Gebäudekomplexes der Flurer Heil- und Pflegeanstalt Narrenwald. Nicht etwa, dass er sich ihrer Hässlichkeit sonderlich schämte, für derlei Eitelkeiten blieb fürwahr nun keine Zeit. Aber ein Lächeln wäre doch wohl nicht zuviel verlangt, ein Lächeln für den Lebensmüden. Selbst Zeus' über alles gestrenge, frühere Gattin, die, was die markerschütternden Brunstschreie (nur zu oft galten sie fremden Schönen) ihres liebestollen Gatten betraf, recht eigentlich buchhalterisch veranlagt war, pflegte zu lächeln bei seinem Anblick. Und sie lächelte, dessen erinnerte sich Zeus nur allzu gut, besonders lieblich zu trickreichen Intrigen, die ihn bändigen sollten. Geradezu grimmig gedachte Zeus ihres lächelnden Mundes selbst während der Zeiten der Menstruation. Er liess das Wort im Munde genüsslich zergehen, so sehr entzückte ihn das Vorhaben, wenigstens einen Bruchteil der ihn und sein früheres Weib umgarnenden Mythen zu seinen Lebzeiten zu zerstören. Behaupten doch Dichter und Denker noch heute, im schon etwas abgetakelten Seniorenbad, in der Peripherie des Olymps, wo sich auch das Kurhaus der Götter befand, hole sich Hera, so wurde sie von ihren Bewunderern fälschlicherweise genannt, jährlich die Jungfräulichkeit zurück. Sie, die stets alles fahren liess, was fortdrängte, ausser ihn, den Göttergatten Zeus.

Nun, die da, seine ihm von Doktor Wasserfallen persönlich verschriebene Wärterin Karoline Presskopf, lächelte nicht. Steif und zielstrebig trippelte sie an seiner Seite den Säuberungsstätten der Flurer Irrenanstalt Narrenwald entgegen. Sie befanden sich am Ende des langen Korridors, links die Toiletten und emaillierten Waschbrunnen, rechts die Dusch- und Baderäume, stille Zeugen männlichen Zerfalls und männlicher Schwäche. Zeugen aber auch letzten Aufbegehrens wider den chemischen Eingriff in die Natur, die selbst hier ihr Recht und auch die karg bemessene Lust nach Ewigkeit verlangt. Da lockt's und kost's und zärtelt's gegen die Verzweiflung an mit nichts als sich im Spiegel. Wo menschliche Vernunft, und sei sie noch so dünn dosiert, gewaltsam begraben wird, sozusagen bei lebendem Gehirn, da kann der Trieb, der vermaledeite, um so fröhlicher wüten. Davon profitierte nicht zuletzt das Anstaltspersonal, das, nicht ganz ohne alle Lust zumeist, den Triebhaftesten und Sehnsüchtigsten, den Gierigsten unter den Gierigen die verzweifelt fröhlichen Hände zum Gebet schnürte, mit breiten Mullbinden, die dann eine Zeitlang weiss und rein am Körper leuchteten. So war's dem Herrn Jesus recht, dem dort im Wachsaal, dem Leider am Kreuz.

Vom Olymp besehen, befand sich Zeus gewissermassen in den Niederungen, im Unterland. Nach irdischen geographischen Selbstverständlichkeiten aber verhielt es sich exakt umgekehrt, er befand sich auf dem Scheitelpunkt eines granitenen, hoch gelegenen Plateaus, von dem aus der gesamte Rest der Gegend Unterland genannt wurde. Nach der Burgbrücke, sagen die seltsamen Bewohnerinnen und Bewohner dieser majestätischen Gebirgswelt, in die das gigantische Bauwerk Narrenwald einst geradezu blindwütend hineingehauen wurde, beginnt das Unterland, was soviel wie Ausland, Fremde, das Geheimnisvolle, Gefährliche bedeutet. Da es die gigantischste aller Anstalten war, die diese Bergwelt vorzuweisen hatte, entschied sich Zeus für selbige und hoffte, die Besonderheiten hiesiger Charaktere würden ihm bei seinem Vorhaben behilflich sein.

Das so - je nach Beschaffenheit der hiesigen Geister ehrfurchtsvoll, ängstlich, hin und wieder auch eher dumm, verächtlich - benannte Gefährliche, Fremde hatte, wie jeder andere anständige Ort, einen Namen: DERORT. Aber mit derartigen Granit- und Kalkgebirgen vor der Stirn wird nur allzu verständlich, dass sich die Einheimischen des Namens nicht erinnern mochten, der die Projektion ihrer Sehn- und Glückssüchte verkörperte, aber auch ihr sprichwörtlich gewordenes Talent, Namen ebenso zu verwechseln wie Geldbeutel, Soutanen und, in sehr viel früheren Zeiten, Soldateneide.

Zeus, für Belustigungen noch immer empfänglich, dünkte die Wahl gut. Als Mythos zum Überleben verurteilt, konnte ihm eine Bergwelt nur recht sein, die sich selbst zum Mythos erhoben hatte und deshalb, wie er, zum Überleben wider alle Vernunft verurteilt war. Hier ist gut sterben, dachte Zeus, er konnte sich - immer noch am Arm der Wärterin Karoline Presskopf - ein maliziöses Grinsen nicht verkneifen. Er schritt energischer aus, was seine Begleiterin aus dem trippelnden Rhythmus brachte und in Rage. Verschlagen drückte er ihren mageren, rührend kindlichen Arm an seine Rippen. Das Resultat kam einem unverhofft geschenkten Erfolg gleich. Karoline Presskopfs Mund verzerrte sich zu einem schmerzvollen Lächeln, was ihr Gesicht augenblicklich verschönerte. Eigenartig, sinnierte Zeus, was er, wollte er seinen Biographen trauen, vor Jahrtausenden launig und jauchzend geschaffen haben soll, schien sich selbst nur im Schmerz existent. Nicht Freude war es, die sie jubeln liess, nein, der Schmerz. Als hätten sie sich ein Leben lang zu bestrafen, litten sie vor sich hin, stumpf und klaglos, kein Fluch erschütterte mehr das Weltall. Wider alle Vorhaben erinnerte sich Zeus mit Genugtuung der frühern Flüche, die sein Wirken begleitet hatten. Wenn sie in Kirchen, Moscheen und Tempeln beteten, so baten sie nicht etwa um Freude, sie baten um noch mehr Schmerz, litten noch demütiger: ein verachtenswertes Geschlecht. Schicksalergeben und ohne Saft in den Knochen verstiessen sie alles, was sich in die Tiefen der Leidenschaft wagte, was fluchte und zürnte und in aller Wildheit zu lieben vermochte. Im Zorn, erinnerte sich Zeus, war aller Liebe Anfang. Dieses allegorische Paar, so befand er, hatte in den letzten Jahrhunderten eine ungebührliche Entschärfung erfahren mit dem Ergebnis, dass in der Liebe nur mehr gefragt wurde, wer denn, grad zur Stunde, um Damokles' Willen wen zu erleiden hat. Dass sich solches heutzutage noch Liebe nannte, war nur eine von vielen Obszönitäten. Da war man denn doch als Göttervater ehrlicher, obwohl man beim Lügen, als Übervater, der man mangels Grossvater oder besser Übergrossvater war, straffrei ausging. Selbst ein solcher wurde ihm, Zeus greinte beinahe, aus überaus egoistischen Gründen verweigert.

Ganz Stoiker, stapfte Zeus neben seiner Wärterin einher, die nun, durch Zeus' niederträchtige Berührung verschönt, beseelt von einem fast überirdisch sanften Gefühl, den Waschräumen geradezu entgegenflog. Zeus sah nichts, hörte nichts, ganz in seine Grübeleien vertieft, blieb ihm der Anblick seiner doch eher schäbig zu nennenden Umgebung erspart. Er schweifte ein Menschenleben zurück in die Zeit, als er sich im Unterland, am Ort, niederliess. Mit seiner Ruth hatte er damals, enthusiastisch, wie es sich für Gott und Göttin gehörte, ein Übersetzungsbüro eröffnet. Zeus kam dem Geheimnis nie auf die Spur, weshalb sie von den Sterblichen in Verkennung aller Historie Hera gerufen wurde, seine Ruth, die er abwechslungsweise RuhtamAbend, RotRuhtdasAbendrot, IhrerPauseBackerot, manchmal auch, während besonders intimer Aktivitäten, DerrohenKüsseLippen nannte. In Zeiten, die Schönheit als subversiven Akt handelt, ermangelt es bekanntlich auch der exakten Sprache, und so machten sich beide, Gott und Göttin, auf, Mist und Mythen zu entziffern, deren Inhalt zu übersetzen, sie dorthin zurückzuführen, wo alles begann. Ruth hatte immer, oft laut und wütend, behauptet, die Blume sei der einzig wahre Mythos, für den zu leben sich auch eine Ewigkeit lang lohnen würde. Sie war kokett und etwas unklar, seine Ruth, den Mist beschrieb sie nicht weiter, wohl aber die Beschaffenheit der Blume, mit der sie den sanften, etwas schmierigen Glanz des Edelweiss' meinte. Ein Edelweiss prangte denn auch auf ihrer gemeinsamen Visitenkarte, die sie an Interessierte und Desinteressierte, Befreundete und solche, die sich befreundet glaubten, abgaben. Ein Edelweiss auf blauem Grund und dann die lapidare Erklärung, ein Übersetzungsbüro zu betreiben.

Gerade durch seine Arbeit als Übersetzer vermeintlicher und tatsächlicher Mythen wuchs Zeus die gewählte Sterbestätte Narrenwald so recht ans Herz. Narrenwald, ausserhalb des Ortes DERORT, war der Ort, wo seine müde Unsterblichkeit zu ruhen gedachte. Göttlichkeit ist kein Ort, nur ein mehr oder weniger wünschenswerter Zustand. Jetzt hatte Zeus die göttlichste aller göttlichen Möglichkeiten gefunden, Narrenwald in einer Gebirgswelt, die sich selbst zum Mythos erhob, von dem er zu profitieren hoffte. Zeus vergass Missmut und Lebensüberdruss. Er jodelte am Arm seiner Wärterin.

Den Dusch- und Baderäumen entströmte heute ein besonders penetranter Geruch. Karoline Presskopf presste die schmalen Lippen zusammen und hielt den Atem an. Sie fingerte nach dem Schlüsselbund. Sie war so gar nicht Ruth, DerAbendröteroteRuth.

 

Aus  „Zeus“ Kap. XIII   p. 92 - 98

Am 4. Mai 1960 stand Rosa Zwiebelbuch noch etwas scheu im Atelier des Augenmachers Adolf Stauch, das Hirschleder in der Hand, den Wasserkessel zu ihren Füssen. Vom offenen Fenster drang der Lärm der Seifertgasse in den Raum, das Getrippel, Getrappel, Gelächter, Geplauder, Gerufe, das Scherzen und Singen, das Schreien und Husten der Vorübereilenden. Vom Haus gegenüber, dem Tierhaus, ertönten Musikfragmente, Cosi fan tutte, Amoooohohohore verstand sie. Am Fenster erschien die Gestalt eines Mannes, absonderlich gekleidet, er steckte in einer braunen Knabenuniform, obwohl er doch ein bestandenes Mannsbild war, am rechten Arm trug er eine schwarze Binde, darauf das Hitlerkreuz, es dünkte Rosa bedrohlich. Hatte nicht Vater Zwiebelbuch eine ganze Kiste dieser Sorte Kreuze auf dem Dachboden gelagert, um ab und zu in dem Zeugs zu kramen, das er "betrogene Zukunft" nannte und mit Tränen, die er sonst nie weinte, kniend im Staub, begoss. Es muss ein Reisender sein, sinnierte Rosa, einer, dem die Frau fehlt. Verächtlich musterte sie das verwaschene Braun der Kleidung. Der bliebe ihr und dem Meister erspart, so einer wie der läuft mit leeren Taschen durch die Welt, durchquert ohne Handgeld die Seifertgasse.

Nach einem traumlosen Schlaf in der Pension Zum Blauen Engel, die ihr Meister Stauch wärmstens empfohlen hatte, da deren Monatsmiete ihm dem angebotenen Komfort entsprechend erschien, so dass er sie auch zu bezahlen gedachte, hatte sich Rosa Zwiebelbuch früh aufgemacht, ihren neuen Pflichten nachzukommen. Noch konnte sie nicht erfassen, wie sich die Freiheit anfühlt, hatte ja kaum an ihr geleckt; aber ohne Bedauern dachte sie an den Abschied vom Vater, der nicht stattgefunden hatte. Er war in seinen Käfig zurückgekehrt, den sie 18 Jahre mit ihm geteilt hatte. Grimmig wrang Rosa Zwiebelbuch das Hirschleder über dem Kessel aus, sie wollte sie nutzen, die Freiheit, sorgfältig und gründlich.

Die Augen, diese künstlichen Augen. Kostbarkeiten, Schmuckstücke, Wahrheiten, Zeichen Gottes, Schönheit. Rosa tat einen Blick ins Paradies, ass vom Apfel, den Adolf Stauch ihr reichte. Hatte immer gewusst, dass die Schlange von anderem Geschlecht war. Rosa ertrug das Glück.

Sie durfte das Haus des Adolf Stauch nicht aus den Augen verlieren. Sie umkreiste es, immer wieder den schmalen, hohen Giebel des Hauses suchend, die Nase schnupperte die neue Luft. Sie machte ihren Rundgang ohne Vater Zwiebelbuch, dem Adolf Stauch das Auge mit dem dumpfen Meer und dem Hundertarmigen in die Höhle setzte, der dann schweigend den Korb nahm mit dem Eingemachten, dem kalten Huhn und dem Brot, das die Anna Zwiebelbuch jammernd und lamentierend gebacken hatte. Schweigend nahm er diesen Korb und verliess das Königreich des Adolf Stauch, nahm den Nachtzug. Ohne Rosa die Hand gereicht zu haben. Sass mürrisch im düsteren Abteil. Verliess das fremde Land. Begegnete am Zoll dem Mann im dunklen Regenmantel, nahm den Zug, den vorher der Mann im Regenmantel benutzt hatte, setzte sich mit finsterer Miene ins düstere Abteil und fuhr zurück in den Heimatsumpf.

Adolf Stauch hatte Rosa noch am Abend ihrer Ankunft und gründlich in die Geheimnisse seiner zierlichen Schränke eingeweiht. Da lagen sie, in silbernen Schalen geborgen, die gläsernen Augen, eine Sammlung feinsten Handwerks, von der sich der Schöpfer nicht trennen mochte. Auge um Auge wurde Rosas Händen anvertraut, den breiten Rosahänden, dass sie die Augen fühle, das fehlerlose Glas mit der kunstvoll geformten Iris und den Legenden auf dem Grund der Pupillen.

Solche Augenblicke sind nicht dazu angetan, in Begriffen von Zeit und Raum zu schwadronieren, sie sind zeitlos. In solchen Augenblicken hat auch eine Rosa das ganze Leben vor sich und den ganzen Tod. Später ändert sich das, Geschenke sind nicht für die Ewigkeit bestimmt. Wo käme man sonst hin, bei dem Platzmangel da oben, wo doch, um einzutreten in die ewige Herrlichkeit, ein Visum kaum mehr genügt und Garantiescheine für die notwendigsten Verklärungen ausgesprochen rar sind.

In solchen Augenblicken, Rosa fühlte es nur dumpf, nahm man die Seligkeit vorweg, da konnte der Pfaffe noch so geifern und von steigenden Preisen predigen, als wäre der Himmel eine Lohntüte. In Rosas Händen wurden die Augen sacht lebendig, wollten sie nicht erschrecken, flüsterten, wisperten, damit kein grausamer Laut das Glück der Rosa störe. Die sträflich missbrauchte Vergangenheit fiel von ihr ab und auch der Untermieter Zwiebelbuch, der ihren Leib als eine ziemlich verwüstete Mansarde hinterlassen hatte. Das würde sich geben, wisperte es sanft in Rosas Händen, schon bald werde auch dieses Zimmer aufgeräumt sein und Zwiebelbuchs Schatten verschwunden. Die Augen sagten nicht, dass da ein anderer schon warte, die Mansarde zu beziehen, sie solle beizeiten Bettzeug und Wasserflasche bereithalten. Nein, diese Augen in Rosas Händen wisperten Geschichten, um sie mit Schild und Schwert zu wappnen, ohne aber die Koordinaten für Rosas Zukunft zu verraten. Das Kunstauge kennt weder Mathematik noch Kaffeesatz, um daraus zu prophezeien.

In die Silberschalen jeden Auges waren Namen eingraviert, die Rosa erstaunten und entzückten. Nie hatte sie wohlklingendere Namen gehört. In ihrer Heimat rief man die Frauen Claudia, Lilo, Liliane, Silvia, Margrit, Ursula, Maria, manche hiessen Rosa wie sie oder Gertrud, Verena, Hildegard. Gewiss keine unschönen Namen, Silvia beispielsweise, Waldfee zu heissen, erachtete Rosa als Ehre, die sie für sich gewiss nicht in Anspruch zu nehmen gewagt hätte. Oder Ursula, die Bärin. Welche Kraft musste die Namensträgerin beflügeln.

Diese Namen jedoch, als etwas verschnörkelte Schrift in die Silberschalen eingraviert, dünkten Rosa schöner als alle ihr bekannten Namen. Sie waren selbst Schmuckstücke, ebenbürtig all den Kostbarkeiten, die Adolf Stauch geschaffen hatte. Sie jubelten auf der Zunge beim Vorsichhersagen, kullerten wie Perlen über die Lippen, selbst wenn man Rosa hiess und der Poesie nicht sonderlich zugeneigt war. Sie lockten, gurrten und zwitscherten beim Aussprechen. Das tat Rosa, erst noch etwas holprig, dann, mutiger geworden, bald fliessend, die Namen liebkosten die Frauen, so schien es der Rosa, die sich an den Namen nicht satt reden, satt murmeln, satt flüstern konnte. Lange schwelgte sie in den fremden Klängen, ehe sie sich die Augen näher besah: das Auge der Leda, Gattin des Tyndareus von Sparta. Hingegossen als willige Blume am Ufer des Eurotas, den weissen Schwan in den Armen, das keusche Gesicht im Gefieder des Tiers verborgen, gibt sie sich dem grossen Vogel hin. Mit zarter Hand ist die Lust der Leda auf den Grund der Pupille hingezaubert, und Rosa schaute in diesen süssen Abgrund, ein kaum hörbarer Seufzer durchbrach die Stille im Heiligtum des Augenmachers Adolf Stauch, der geduldig neben Rosa stand und aufmerksam das Mienenspiel verfolgte, das ihr Gesicht verschönte. Der Namen sind viele: Europa, das schöne Kind, auf dem Rücken des Stiers, jauchzend jagt sie mit ihm übers Meer, an Kretas Gestaden den Samen zu empfangen. Ihr hat der Künstler ein stolzes Gesicht geschenkt, das offen die Lust ausdrückt, frohlockend sich hingibt an diese Lust, die, so kam es der Rosa vor, nie aufhören will. Das schäumende Meer ergiesst sich in gewaltigen Wellen über die Ufer, unersättlich ist die Gier des Stiers und unersättlich die Gier des Kindes. Auf dem Grund der Pupille Europas hält die Erde den Atem an.

Und Alkmene, die Gemahlin des tapfern Amphytrion. Der herrliche Körper ruht auf den königlichen Laken des Bettes, das jener verliess, der nicht ihr Gatte war. Die lasziven Formen des Körpers, vom Künstler meisterhaft festgehalten, verraten den grossen Triumph, soeben errungen, ungleich gewaltiger als jeder Sieg auf dem Schlachtfeld, dünkte es die Rosa. Sie bebte, während die schmalen Rosaaugen auf dem Grund der Pupille ruhten, wo Eintracht herrscht mit den Gelüsten und dem Werden im Bauch der Alkmene.

Aber da ist auch Io, die Unglückliche, die Tochter eines Königs von Argos. Io, der Name schmolz auf der Zunge Rosas, Io, die Bestrafte, die, vom Wahnsinn befallen, als weisse Kuh über die Weide rast, verfolgt von Argus, dem Hundertäugigen. Schwarz der Abgrund in der goldenen Iris, nur undeutlich zu erkennen das fliehende Tier, dem eine allmächtige Rächerin das Frauengedächtnis belassen hat. Io leidet an der unstillbaren Sehnsucht nach dem, der sie ritt.

Weinend gab Rosa das Kleinod aus der Hand und wandte sich dem nächsten zu. Danae nannte Adolf Stauch dies Auge, Danae, Tochter des Herrschers von Argos, eingekerkert im dunklen Verlies; an schwere Eisenketten geschmiedet, empfängt sie den goldenen Regen, den die Gitter nicht aufhalten können, der sich besänftigend in die Schwermut der Frau ergiesst, bis der Kerker zum heiligen Tempel wird.

Rosa schaute Auge um Auge, staunend, wirr und doch froh im Fühlen. Nie hatte sie solches gesehen in ihrem armen Leben als Tochter des Störmetzgers Zwiebelbuch, der die Wunden mit sicherer Hand zu schlagen wusste, und den Anna Zwiebelbuch, geborene Lamm, nach der Geburt der Tochter nie mehr in ihrem Weibergemach empfing. Die Wunden heilten unter dem Blick des Adolf Stauch. Der stand ihr geduldig bei, begleitete ihre ersten, tastenden Schritte ins neue Leben.

Es fiel der unwissenden Rosa nicht auf, dass da zur Lust in den Abgründen der Pupillen einer fehlt, der kein Schwan ist und kein goldener Regen, der kein Stier ist, auch wenn das manch einer noch heute vorgaukeln möchte, mal weiss, mal schwarz, mal braun oder falb. Rosa fiel der Täuschung anheim wie so viele Frauen vor ihr, die das Schicksal, Söhne zu gebären, in den vermeintlich seligsten Stunden ereilt. Täuschung ist, wo sich goldener Regen ergiesst oder das Schwanengefieder gar zärtlich die heisse Wange streift, wo der Stier lüstern und fröhlich den grünen Gestaden Kretas entgegenschwimmt, das Kind auf dem Rücken, das jubelt und jauchzt, wenn's Tier eindringt in das junge Fleisch. Das hat Adolf Stauch nicht zu zeigen gewagt, dass sich der Stier unter den Platanen am Strand Kretas zu erkennen gibt als der Unberechenbare, als das Gelächter selbst unter dem Himmelsgewölbe. Das hat er nicht zu zeigen gewagt, das dröhnende Gelächter, das die Erde erzittern lässt und jede Liebe zermalmt. Das wäre der Schmerz auf dem Grund eines jeden Auges, und hätte Adolf Stauch diesem Schmerz Ausdruck verliehen, es wäre die Rettung gewesen. So stand am Weg der Rosa Zwiebelbuch nur Atropos, die Unausweichliche; es fehlten Klotho, die Spinnerin, der wir den Ausgleich von Glück und Unglück verdanken, und Lachesis, die an Zufällen des Leids und des Glücks vergibt, was jeder und jedem zusteht.

Der Augenmacher Adolf Stauch öffnete das letzte Fenster des zierlichen Schreins, nachdem Rosa Zwiebelbuch das Auge Danaes vorsichtig in die silberne Schale zurückgelegt hatte. Hinter dem Fenster waren jene Augen aufbewahrt, die, noch unschuldig und weiss, der Künstlerhand Adolf Stauchs harrten. Die jungfräulichen Wölbungen der Augen ängstigten Rosa, doch Adolf Stauch legte ihr vorsichtig und bestimmt eine dieser Schalen in die breite Hand, sie solle das Geschenk behalten und aufbewahren. Thetis: der Name schien Rosa Zwiebelbuch noch wohlklingender als die Namen der andern Augen. Thetis: geschliffener Diamant unter den Frauennamen. Thetis, die Meeresgöttin, die vor ihr war und geduldig Rosas Werden erwartete, damit ihr Los sich erfülle.

Von diesem Los allerdings wusste Rosa Zwiebelbuch nichts, unschuldig im Gemüt und ungetrübt von Wissen nahm sie das Auge, das Thetis hiess, barg es in ihrer Hand, der breiten Rosahand. Ermüdet vom Schauen und Schweigen, das jetzt schwer auf den Gegenständen des Raumes lastete, nahm sie die hereinbrechende Dämmerung wahr und überlegte, wie sie sich verabschieden könnte, ohne das Schweigen zu stören, das ihr von einer andern Welt schien. Adolf Stauch riet ihr, den Blauen Engel aufzusuchen, wo die Miete nicht unverschämt sei, die Betten sauber, er übernehme die Miete als einen Teil des Monatslohns, auch das Frühstück; für die andern Mahlzeiten habe sie selber aufzukommen. Es sei ihm recht, wenn sie den Arbeitstag um halb acht beginne. Rosa bemerkte, dass Adolf Stauch eine angenehm altmodische Sprache benutzte, auch für Alltäglichkeiten, etwas geschraubt vielleicht, ernsthaft Wort für Wort artikulierend, als sei selbst das Wort ein Kleinod.

 

© by Mariella Mehr

 

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