|
Ein (lyrischer) Beitrag zur Geschichte der Ignoranz (17.11.2005 am Oberlin College) |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Einführung Von der Unlust der Sinnlichkeit am Tontaubenschießen oder: Von der Wollust des Habichts am Töten des Huhnes
Dieser Text, eigentlich ein Brief, entstand auf dem Höhepunkt der politischen Aktivität der Autorin zur Rehabilitation der Jenischen, also der diskriminierten Volksgruppe, der sie angeblich angehörte. Wir strengten damals verschieden Prozesse an die den Zweck hatten, den Opfern ihre eigene Geschichte zurückzugeben, ihnen Einsicht in die Akten, welche ihre Diskriminierung belegten und bewiesen zu erlauben. Dazu brauchte man Anwälte und diese brauchten Dokumente und Unterlagen, Zeugenaussagen, welche die Verbrechen der Behörden beweisen konnten. Dokumente und Unterlagen hatten wir kaum, gerade ein Dossier mit Akten der Pro Juventute über sechs Jahre des Lebens von Mariella Mehr war ihr von einer frustrierten Mitarbeiterin der Pro Juventute in die Hände gespielt worden. Wichtige Dokumente daraus arbeitete Mariella Mehr in ihr Theaterstück „Kinder der Landstrasse“ ein. Zeugenaussagen waren schwer zu bekommen. Die meisten Opfer wollten nicht an diese Zeit erinnert werden, viele hatten durch ihr aufgezwungenes Leben in Anstalten und Kliniken und einem entsprechen niedrigen Bildungsniveau, keine effizienten Möglichkeiten wirksam vor Gericht auszusagen. Sie wären durch raffinierte Anwälte hoffnungslos in Widersprüche verwickelt worden. In diesem Beweisnotstand schrieb die Autorin den Anwälten die poetische Anklage, die sie Ihnen vorlesen wird. Man könnte ihn auch als Notschrei verstehen, mit dem sie versuchte, das Schweigen, die Stille der Verantwortlichen und die Apathie der Gesellschaft aufzubrechen, die im Zusammenhang mit dem Genozid an den Jenischen herrschte. Mariella Mehrs Lebenswerk, soweit es überhaupt publiziert wurde, ist vielleicht das eindrücklichste literarische Zeugnis einer Suche nach der eigenen Identität, die ihr schon bei der Geburt geraubt wurde. Doch es kam noch schlimmer: Im März 2005 fand ich beim surfen im Internet. The Central Database of Shoah Victims' Names, die wie folgt erreichbar ist: www.yadvashem.org/lwp/workplace/IY_HON_Entrance Wenn ich nun in dieser – noch nicht vollständigen - Datenbank einige mir geläufige jenische Familiennamen eingebe, so finde ich, dass in den deutschen Konzentrationslagern tausende von den in der Schweiz als Jenische verfolgten in Deutschland, Polen, Tschechien und Frankreich als Juden ermordet wurden.
*Familienname der Mutter und des einen Grossvaters von MM ** Familienname der einen Grossmutter von MM ***Familienname des Vaters und des andern Grossvaters von MM **** Familienname der andern Grossmutter von MM
Dieser Sachverhalt hat Mariella Mehr in eine tiefe Identitätskrise geworfen. 1. Sie erkannte sich im Spiegel nicht mehr: „Was für ein vernichtungswürdiger Dreck glotzt mich da an? Ein jenischer Dreck, ein jüdischer Dreck, oder ganz einfach ein dreckiger Dreck...? 2. Die soziale, gesellschaftliche Zugehörigkeit wurde erneut in Frage gestellt, nachdem man ihr deren wichtigste Elemente wie Gruppe, Familie bereits in der Kindheit geraubt hatte. Der mühsam erarbeitete Standort in einer Gesellschaft fiel in eine andere, vollkommen fremde und feindselige Welt, die sie in ihren Bemühungen um Solidarität unter den Opfern der Diskriminierung, der Völkermorde bereits mit Verachtung abgewiesen hatten. Wo gibt es einen Ort für Mariella Mehr, wo ein Zuhause, eine Heimat? Davon wird später die Rede sein. Mariella Mehr hat auch Texte über Heimat geschrieben. In der nächsten Folge wird sie daraus lesen.
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Aus Rückblitze S. 110 - 115
Von der Unlust der Sinnlichkeit am Tontaubenschießen oder: Von der Wollust des Habichts am Töten des Huhnes
Ein Beitrag zur Geschichte der Ignoranz Sommer 1986, Alp Rueun, beinahe ein Brief. Ungeschützt hänge ich, vor dieser Zeit (selbstverständlich, man würde mich sonst der allerschlimmsten Schizophrenie bezichtigen; heil Narrenhaus), in nichts als brüchige Haut gewickelt, vor Ort, in den kahlen Ästen eines Baumes und lerne das Fliegen im Windschatten des Habichts.
TIEF FLIEGT ER ÜBER DEM DACH KREIST ER STREIFT MIT DEN SCHWINGEN DIE SILBERN LEUCHTENDEN SCHINDELN UND ROT/ROT ZARTGEFIEDERTE HÜHNERKÖPFE HINTERM STALL MIT DEM SILBERN LEUCHTENDEN SCHINDELDACH SYSTEMVERÄNDERUNG WENN DER KÖRPER EIN SYSTEM IST VIELLEICHT EINE LEICHTE KORREKTUR AN MEINER ALPWIRTSCHAFTSYMMETRIEIDYLLE ODER ES IST NUR DER HUNGER DER IHN IN MEIN REVIER TREIBT
Ich fror oben in den Ästen ich fror ich kuckucksfrucht
Wenn ich der Geschichte der letzten achtzig Jahre trauen kann, darf ich annehmen, vor weiteren hundertfünfzig Jahren vermutlich verbrannt worden zu sein.
Ich betrachte es also als geschehen. Ebenso
Den Mord an meiner Mutter, obwohl sie schließlich an einem unspektakulären Herzinfarkt endete als Folge eines tiefsitzenden Mißtrauens dem Tod gegenüber, den man ihr aufzwang zu leben.
Zu erwähnen sind weiter
Die Morde an meinem Vater meinem Großvater meiner Großmutter meinen Tanten und Onkeln der Mord an meinem Bruder.
Er tat es, 12 Jahre jung, mit einem Bettlaken tat er es, mit einem verpißten Bettlaken auf dem Estrich des Sankt Josefsheimes, eines Heimes für geistig Zurückgebliebene tat er es mit einem verpißten Bettlaken, schlang sich das verpißte Tuch um den Hals auf dem Estrich, nachdem er sich während des Frühstücks vor seine Kameraden zu stellen hatte. Das naße Bettuch wie in Trance an die Brust gepreßt stand er vor den Kameraden, die auf Befehl der Nonnen hohnlachend und feixend über ihn herzufallen hatten, hohnlachend und feixend über ihn herfielen, über ihn, der mit demütigen Schultern und einem chronisch gewordenen Angstzittem in den Gliedern, die Augen vermutlich geschlossen, mit mühsam unterdrückten Schluchzern vor ihnen stand mit dem verpissten Bettuch
und sich ein letztes mal nicht wehrte.
Meinen Großvater erreichte es in einer Gefängniszelle. Die Lunge von Tuberkulose zerfressen verreckte er. Tage später holten sie den Kadaver aus dem stinkenden Loch, verscharrten ihn im Armengrab, die schimmelnden Mahlzeiten der letzten fünf Tage, der Tage seiner Agonie also, sagten sie, fraßen nicht mal die Schweine.
Ich höre meine Mutter nach dem Vater schreien, kurz vor ihrem Tod. Ein schrecklicher, kindlicher Schrei: Vater, Vater, warum hast du mich verlassen. Sie wußte nicht, daß er tot war, krepiert im Knast, vor Jahrzehnten elendiglich verendet. Sie schrie mit der Stimme einer Fünfjährigen nach dem Vater, wie sie damals geschrieen haben mag, als sie Bündens Herren und deren Büttel brutal der Sippe entrissen, sie „in gesundes Erdreich verpflanzten", wie es hieß: in Arbeitsanstalten und Narrenhäuser.
„Moralischer Schwachsinn" nannte man ihr verzweifeltes Wehren, ihr Haß auf die Quäler wurde in deren Gutachten zur „Sittlichen Verwahrlosung einer triebhaften, haltlosen und debilen Psychopathin".
Sie hat keinen Tag gelebt.
Nur immer im Traum nach dem Vater geschrieen und der Mutter und Betten vollgepißt und vollgeschissen in den Narrenhäusern und Knästen.
Als ich, siebzehn Jahre alt und schwanger, in der Zelle Nummer 24 der Frauenstrafanstalt Hindelbank nach Vater und Mutter schrie, wußte ich nicht, daß Mutter zwanzig Jahre früher, in derselben Strafanstalt, auf demselben „gesunden Erdreich" Namen rief und heulte nach Mutter und Vater und Brüdern und Schwestern
und Betten vollpißte wie mein Bruder und ich vor Grauen, daß dies das Leben wäre für immer.
Hundeleben, nannte es meine Mutter, und ihr kam nie eine Blume im Traum, und die, die ihr das antaten, hatten keinen Trost für die geschundene Kreatur, nein, sie hatten keinen Trost, weder für die Frau noch für das Kind in ihrem wunden Bauch.
Und als nach dem letzten Krieg eine besudelte Welt nach der Absolution schrie, nach einer reinen Welt, und als die feige schweigende Mehrheit das Grauen packte ob des Mordens ihrer selbstgewählten Herren, und die Scham sich breitmachte anblicks der Millionengräber randvoll der ungebetenen Gäste dieses Jahrhunderts, als hierzulande die letzte Kugel für Landesverräter verschossen vom Pöbel in Uniform, saßen unsere Quäler fest in ihren Sätteln, die Seelenfresser und Körperverstümmler, fraßen weiter die Seelen meiner Brüder und Schwestern, fraßen sie weiter an unseren Körpern, vom Zorn linker -ismen und -isten unbehelligt, wir waren der humanistischen Rede nicht Wert noch eines revolutionären Gedankens.
Man übersah uns ganz einfach, uns Niemandskinder. Die wir keine Stimme hatten zu keiner Zeit, nur den Haß in den Herzen und das Knirschen der Zähne und die verkrüppelte Seele immer auf der Flucht.
Und als die Schwester meiner Mutter, in Straßburg dank der Hilfe einer Nonne knapp den Nazischergen entrissen, in der Strafanstalt Bellechasse einsaß - als Emigrantin mit Schweizerpaß, kaum sechzehnjährig - rühmte sich dieses Land, Bollwerk gegen den Faschismus zu sein in Europa, trotz der zurückgewiesenen jüdischen Flüchtlinge und trotz der geschlossenen Grenzen für verfolgte Zigeuner und offenen Tresoren für eingeschmolzenes Opfergold.
Aber meiner Tante vergaß man zu sagen, wofür sie in Bellechasse einsaß, welcher Verbrechen sie sich schuldig gemacht hatte, um deren Sühne sie vier Jahre Knastböden schrubbte.
In einem psychiatrischen Gutachten wird sie später als debile, triebhafte und verwahrloste Psychopathin denunziert!
Sie füllten Bücher und Bibliotheken, unsere Quäler. Die schamlosesten dieses braunen Gesindels erschlichen sich Doktorwürde und Ruhm auf unsern gebeugten Rücken, ihr schmutziges Lob für die faschistische Rassenhygiene zum Wohle der Volksgesundheit droht noch immer über unseren Köpfen. Noch immer sind wir minderwertiges Menschengut.
„Die besten Briefe", und als Brief begann ich diesen Text trotz fehlender Anrede - wer möchte schon Anreden gebrauchen wie: liebe oder sehr geehrte Linke, oder Genossen, liebe, da solche Begriffe längst zum Jargon elitärer Geheimbünde verkommen sind -, also, „Die besten Briefe sind nicht abgesandte Briefe", sagte schon Bernhard Shaw, und so will ich nun weiterschreiben, als wär's ein Brief oder so, als säße da einer und läse den Schmerz zwischen den Zeilen und die Wut und die Ratlosigkeit. Vielleicht werde ich ihn später meinen Tagebüchern zuordnen, den in alle unmöglichen Himmel zerstreuten, ich meine, nie nach Tagen oder Monaten geordneten, weil immer irgendwo ein Postscriptum einzuschieben ist, und diese Zeilen sind wohl so etwas, ein Nachtrag, vielleicht ist Schreiben in welcher Form auch immer nur ein Nachtragen von Dingen, denen man Bedeutung beimißt, immerzu vergessend, daß Dinge ganz einfach sind ohne Bedeutung, und daß erst unser Nachtrag ihnen Bedeutung verschafft.
Die unselige Geschichte meiner Brüder und Schwestern, ja, meine eigene Geschichte nachtragen, heißt, meinen Haß dem Denken zu unterordnen. Ich trage sie einer Zukunft nach, die die Erfahrung eines neuen Lachens für unsere Kinder zumindest als Möglichkeit in sich birgt.
Angesichts des Todes läßt sich's leicht lachen, was hat man denn besseres zu tun. Dieses Lachen wiederum hieß mich denken. Denkend riß ich das Wissen um die Beschaffenheit ihrer Mordlust sozusagen von ihren Knochen, wartend, daß es mich vergifte.
Nichts geschah. Nur ein Erschrecken ob der Banalität dessen, was ich einst für Größe, für absolute Größe, für einen heroischen Mut zum Bösen hielt. Das Erkennen der Wirklichkeit des Banalen: eine ambitionslose, bourgeoise, ekelerregende, schleimige Kleinlichkeit, der so sehr die Lust am wahren Bösen fehlte, daß sie noch nicht einmal fähig war, gehirnlos, wie sie zelebriert wurde, die Folgen ihres Tuns abzuschätzen.
Die Fröhlichkeit des Habichts im Sturzflug zur Erde Schnabelhiebe zerfetzen den schlanken Hals rotes Blut die goldenen Halsfedern färbt den kindlichen Flaum im Todeslicht leuchtend das Lächeln des Huhnes Freundschaft das Lächeln des Habichts süß die Wärme gerissenen Fleisches.
Wenn sie unseren Frauen die Leiber zerstörten, unsere Männer kastrierten, taten sie es ohne Lust, ohne Unschuld, ohne die Fröhlichkeit des wahrhaft Bösen. Es war ihre eigene beschämende Impotenz, ihre genitalfixierten Phobien, die nach Linderung schrieen, nach einem scheinbaren Ausgleich, denn ihren leprösen Schwänzen fehlten die heilenden Höhlen, ihre blindgeborenen Körper verlangten nach Sockeln, ein Gieren, ebenso bar jeder Größe, grenzenlos nur in der Feigheit.
Ihr Himmel blieb ein stinkender Abtritt, von Schmeißfliegen umschwärmt und angefüllt mit den faulenden Resten ihrer obszönen Träume. Es fehlte ihnen jene himmlische Panik, die allein zur bewussten Zerstörung befähigt, jene wunderbare Angst, die Täter und Opfer endlich vereint:
Opfer sind wir geworden, weil wir sie fürchteten.
Und es ist nicht der reine Kot der Verausgabung die von einer heiligen Obszönität durchdrungene Hefe jedes lustvollen Denkens des Habichtkörpers nicht dieses zur vollen Form gereifte nein es ist der stinkende Auswurf eines Anus den nie eine Sonne berührte und armselig bleibt im Schmerz keine funktionale Befriedigung nicht das Habichtslachen
Er war nie als Metapher gedacht er riß der Wehrlosen die Leber aus dem goldgefiederten Leib und Lust war es kaum berührten seine gewaltigen Schwingen die wißbegierige Erde ich hörte die Luft den Atem an- halten danach war das Schweigen vollkommen ein fröhliches Requiem
Gemessen an bürgerlichen Normen bürgerlichen Nutzens sind wir eine unproduktive Verausgabung allerschönster Nutzlosigkeit. Dies ist unser Wert.
Für Andrea Bianchi und Andy Götz
(Rechtsanwälte)
Seit kurzer Zeit gibt es im Internet eine Datenbank, The Central Database of Shoah Victims' Names, die wie folgt erreichbar ist:
www.yadvashem.org/lwp/workplace/IY_HON_Entrance
Wenn ich nun in dieser – noch nicht vollständigen - Datenbank einige mir geläufige jenische Familiennamen eingebe, so finde ich, dass in den deutschen Konzentrationslagern tausende von uns als Juden ermordet wurden. Dieser Sachverhalt hat mich in eine tiefe Identitätskrise geworfen.
Wer bin ich nun wirklich? Welche von den zahllosen wissenschaftlichen Definitionen, mit denen man mich zu katalogisieren beliebte – Sie erinnern sich an meine Vorstellung in der ersten Lesung – muss nun wie revidiert werden?
Keine, denn sie waren alle nichts wert!
Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn sie die Wahrheit gewusst hätten?
Genau gleich! Sie hätten mich als Minderwertige diskriminiert, denn sie brauchen Minderwertige um sich zu profilieren. Einen anderen Mehrwert haben sie nicht. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich die Wahrheit gewusst hätte?
Nun, ich hätte meinen Weg auch gefunden, ich hätte auch aus der Stummheit zur Sprache gefunden, die Sprache wäre auch eine expressionistische geworden, denn nur sie macht das unsägliche – das mir nicht erspart geblieben wäre - sagbar.
Vielleicht hiessen meine alter-egos Judith statt Silvia, Markus statt Mario und Magdalena statt Malik und ohne diese hätte meine Literatur weder für mich noch für meine Leser oder Zuhörer einen Wert. Die alter-egos, die Freiheit der Phantasie, sind es, die mich – und ich hoffe sehr, auch Sie alle - mehr sehen lassen als das schwarze Loch, das so viele meiner stummen Schwestern und Brüder, jenische und jüdische, in die endgültige Stille eingesogen und aufgefressen hat.
© by Zytglogge Verlag
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||