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Lyrische Prosa, "Requiem" (10.11.2005 am Oberlin College) |
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Einführung zum Requiem "In meinen Träumen singen die Seelen meiner Schwestern und Brüder"
Frau Dr. Ruth Klueger, eine Überlebende des Holocaust, Kämpferin für die Rechte der Opfer der Shoah und deren Nachkommen und grosse Schriftstellerin war an den Solothurner Literaturtagen in den 90er Jahren prominent eingeladen und las aus einem ihrer erschütternden Werke. Erschütternd war dann aber auch die Kälte, mit der sie in der anschliessenden Diskussion einer Fragestellerin begegnete, die wissen wollte, warum nur die jüdischen Opfer des Holocaust erwähnt werden, es seien doch auch andere Minderheiten, Zigeuner, Schwule, Nazigegner und viele weitere in den KZs ermordet worden. Wir waren schockiert und empört. Am gleichen Abend fanden wir Frau Klueger zufälligerweise vor der „Goldenen Krone“ in Solothurn, wo sie mit einer Freundin und mit dem Schweizer Filmemacher Rolf Lyssy zusammensass. Es gab, ausser zwei freien Stühlen an diesem Tisch, keine freien Plätze mehr. Mariella fragte, ob wir uns dazu setzen dürften. Frau Klueger erlaubte es. Nach einer Weile, in einer Gesprächspause, fragte Mariella Frau Klueger ganz bescheiden, fast schüchtern nach ihrer Meinung zum Problem der nichtjüdischen Holocaustopfer, erklärte dass sie eine Jenische sei, auch Familien-Angehörige in den KZs verloren habe und selbst Opfer eines versuchten Genozids gegen die Zigeuner in der Schweiz geworden sei. Frau Klüger reagierte mit derselben Kälte und Härte wie nach der Lesung und erklärte: „Die Shoa war die industrialisierte Vernichtung der Juden, sie ist einmalig und mit nichts anderem, was auch noch geschehen sein mag, vergleichbar.“ Mariella Mehr war sprachlos und mir platzte der Kragen: „Wer eine Rangliste der Verbrechen toleriert, toleriert offenbar das zweitgrösste Verbrechen und mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben, komm Mariella, wir sind hier in der falschen Gesellschaft.“ Wir gingen. Mariella Mehr hat in zahllosen Briefen und Gesprächen bei Vertretern jüdischer Organisationen versucht, ein bisschen Solidarität dieser mächtigen und reichen Verbände für die mittellosen Roma zu gewinnen. Alle diese pragmatischen Aktivitäten blieben ohne Echo. Noch heute herrscht zu dieser Thematik absolute Stille. Das Schweigen der Lämmer... Dann schrieb sie den Text, den sie Ihnen heute vorlesen wird. Zum Dank dafür schenkte ihr ein jüdischer Freund das nachstehende Bild. So bekommen Sie zwei expressionistische Zeugnisse zum Thema des „Holocaust“ an den Zigeunern.
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In meinen Träumen singen die Seelen meiner Schwestern und Brüder Weit und breit kein Licht. Der Mond ein uneingehaltenes Versprechen. Eine Prise Wind dringt durch die Ritzen, wie eine Handvoll Asche, die rasch durch die Finger rinnt und kein Erinnern zurücklässt, an dem man sich wärmen könnte. Nur für einen Augenblick. Eine Atempause Lächeln. Bei Moll, sagt einer gelassen, grünen die Sterne wieder, und ein Kind wird geboren, das unseren Namen in Staub schreibt. Eine Bürde, wird ihm geantwortet. Der das zu sagen wagt sitzt auf dem Boden des Viehwagens wie jener, der die Sterne grünen sehen will. Moll, ja, sagt eine Frau mit schwerem Haar und einer Ferne im Blick. Jede andere Tonart hat uns verlassen. Wir sind die Musik unserer Wunden. Die unseres Glücks und unseres Lachens, die unseres Todes. Sie sagt es leise, flüstert’s dem Kind ins Ohr, das an ihrer Brust ruht, vom Hunger blind für das Dunkel. Der Viehwagen, das Stroh, der Kot, der Urin. Ein Lager, von Herzschlägen und -sprüngen erhitzt. Dem Tod entgegen, ohne die Leichtfüssigkeit ihrer Tänze. Lacht eine und sagt, dass man stirbt, wie man gelebt hat. Auf Rädern, sagt sie, und gluckst einen Wahn in die verbrauchte Luft, als könnte sie damit die Fahrt beschleunigen. Niemand sieht, dass sie die Zeit verweint. Kein Aufmerken in der Enge, es wäre tödlich. Als hätte sich das Licht seit jeher aus allem rausgehalten, so schieben sie sich zueinander, Haut an Haut, Pore an Pore, als könnte sich so ein Licht entfalten, ein Feuer vielleicht und wissen doch, dass nur das Stroh unter ihren Körpern knistert, dort, wo es nicht gänzlich durchnässt ist vom Schweiss, vom Urin, dem Kot und dem Blut der Frauen. Wie zum Hohn ist einem der Eingepferchten die Geige im Arm geblieben. Von Erschöpfung schon fast vergangen, fahren seine Finger über die Saiten. Wie rasch die Zeit zu randalieren vergisst, wenn Saiten berührt und ein paar Töne Musik um Nachsicht bitten. Die Augen der Frau mit dem schweren Haar in grösstmöglichster Ferne kehren zurück. Hat nicht soeben ein Vogel die Saiten der Geige berührt und den Mond von der Asche befreit? Hat nicht ein Vogel den Blutgürtel durchbrochen und, vom Flug geschmeidig geworden, klaffende Schluchten überwunden, um bis hierher zu gelangen? Ein weises Klagen nur, aber kein Wehleid in der Stimme, noch sind die Finger des Spielers nicht wund. Wer weiss, wo der Bogen geblieben ist, denkt sie, und sieht das Zurückgelassene schweigen. Almosen will sie keine, nur diese Töne und ihren nackten Fuss, der den Takt schlägt auf Stroh, wo zwischen den Halmen das Blut gerinnt und zu Stein wird, wenn keiner singt. Restanten, die Tränen, fahren aus Auge und Haut, reinigen Ton um Ton, bis die Hand flink wird, der die Geige gehört und ein Lied zustande bringt. Das Herz, abgeerntet von Flüchen, erblüht. Ist nicht ein jedes Lied der ihren Klage und Blüte zugleich? Wenn auch der Tod, halb schon verschlungen, in ihren Gedärmen heimisch geworden, rumort, ist ihr die Stimme geblieben, um einstweilen liegen zu lassen, was die Insassen des Viehwagens mit Angst und Schrecken verlärmt. Das unsichtbare Draussen, taub für den Spiegeltext ihrer stampfenden Füsse, vergisst sie und summt. Das geht nicht leicht, mit dem Stampfen und Summen. Beides verlangt nach Raum, an den keiner der Männer gedacht hat, die sie in den Viehwagen prügelten und lachten, weil Frauen Kinder und Männer übereinander fielen und ein Weinen ausbrach, weil eines der Kinder zutode getrampelt wurde. Vom Vater, von der Mutter, wer weiss. Obwohl das Rattern des Wagens die Nacht zerdröhnt ist das Summen zu hören. Die Stimme, durchsichtig wie das Lebensgewand, bahnt sich einen Weg von Ohr zu Ohr, trotzt den verstummten Mündern, will sie mit ihrem Lied verbinden, mit ihrem Gesang, der sich lossagt von den Dingen, die seit Urzeiten zur Unzeit am unrechten Ort auf ihren Schultern lasteten. Die Schnittstellen der Hoffnung, ihr Leben enthäute die Trichterverliese, in denen ein Unrat in fremden Zungen redet und Befehle erteilt, wo kein Untertan ist. Nur ein Mensch, bis aufs Gebein entblösst. Dorthin singt sie sich ein, lässt Hautlappen, Fleisch und Gedärm hinter sich, spinnt Ton um Ton, ein Netz, in dem sie die Welt einfängt, die sie immer sein wird. Auch die Nacht, sagt die Stimme, die als erste im Dunkeln zu hören war. Sie singt im Moll wie der Morgen heute früh, den wir nicht zuende begrüssen, nicht zuende leben durften. Nur die Sterne scheinen uns vergessen zu haben mit ihrem satten, verzeihenden Moll, dem wir unsere Leiber ergaben beim Tanzen. Das Leid hingegen, das sich mit Geschick unserer Herzen bedient und ein anderes Leid ist als jedes frühere, verhöhnt unsere Ohren mit einer andern Tonart, in Dur, womit Kaiser und Könige besungen wurden. Die Frau mit der Ferne im Blick windet sich tanzend das schwere Haar zur Krone. Eine Haarnadel blieb ihr, sie zu befestigen. „Im Bauch des Wolfes sind wir“ singt sie, „und mit uns die Sterne. „E cara hamaske isi e bare chonutesa, pali, korkorutne peren e farbe diveseske mamujal lendar.“ Wahr ist’s, sie sagt’s, nachdem sie das Lied zuende sang, „Rauhreif frass uns den Mond, wir sind im Bauch der Wölfe, während unsere Farben, von uns verloren, dem Tag entgegenfallen.“ „Nicht unserm Tag, nie mehr,“ sagt sie, „dem Tag der Mörder fallen sie in den Schoss.“ Wir fahren in den Osten, wo andere Sonne und Mond in den Tod geleiten. Keine Hoffnung auf Licht jedenfalls, es vergilbt in den aufgehäuften Erdhaufen. Wer weiss, was sich sonst noch darunter verbirgt. Das bringt die Gekrönte zum Lachen. Als ob einer von den ihren den Fuss auf Licht gesetzt hätte zu dieser Stunde. Sie lachen mit, das tote Kind in ihrer Mitte, als ob nicht auch sie zu andern Zeiten, den Ort verlachend, nach Osten und Westen, hin und zurückzogen, unbekümmert, wenn nur eine Ähre an Rand ihres Weges wuchs und einer der ihren für die Frauen aufspielte und sang und ein Reh vorbeizuhuschen wagte, für das sie Gott mit ihren Liedern dankten. Wie unwichtig also, ob Westen oder Osten, sie wurden gefahren, das war alles. Im Blick der Frau mit dem schweren Haar scheinen sie sich jetzt einem Treffpunkt zu nähern, der Gewissheit verspricht. Ihr Gesang ist verstummt. Sie legt sich ohne Umschweife neben das tote Kind. Wie schnell ihr Gesicht zerfällt, weil kein Gesang die Wangen rötet und der Fuss den Takt des Liedes nicht mehr aufnehmen kann. Wie rasch die Ferne zugreift, wenn es der Himmel will und die Augen glücklos nach innen sehn, wo doch noch Hoffnung greifbar nahe war. In Moll, sagt jetzt ein anderer, auch der Tod kommt in Moll daher, wie das Leben, dem wir uns hingaben. Ja, sagt die Frau, in Moll, die Haut schon abgelebt, mit einem letzten Ruck im Versuch, sich aufzuschwingen. Still liegt sie neben dem toten Kind, das ihres sein könnte oder das einer andern, sein Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Die Träume aufgerieben und zerstört, unfähig, ihren Platz im Körper der Frau zu behaupten, heulen einen kurzen Augenblick auf und verlassen den Mund der Frau. Wenn jetzt einer käme und weitersänge, während sich die Seele der Frau durch die Ritzen des Viehwagens zwängt und, in Panik geraten, einen Körper zurücklässt, als ob dort noch unbenutzte Folterwerkzeuge warteten, den Tod zu verschlimmern. Dem Mann, dem die Geige im Arm geblieben ist und staunend nach dem Grund dafür sucht, es waren doch genügend Peitschen, Hunde und Gewehre vorhanden, ganz zu schweigen von den Augen, die sie fixierten, dem Mann verstummt das Instrument in der Hand. In der Stille ist die Qual des Hungers zu hören, es übertönt das Rattern des Wagens, das, leiser geworden, wohl einem Bahnhof zusteuert oder am Ende gar am Bestimmungsort angekommen ist. Wasser, flüstert einer, und trinkt seinen Urin. Andere haben ihre Kämme gefunden. Sie fahren sich durchs Haar und kämmen das verfilzte Haar ihrer Kinder, als spürten sie derb verwachsende Narbenkrater unter deren Schädel, das gewalttätige Aufbäumen der Gehirne, die nicht verstehen wollen und sich in Schützengräben begeben, die keinen Zugang für keinen offenhalten. Jedes der Kinder für sich allein, eine Anzahl Grabtücher zur Hand, die ihnen das Wissen in die Hände drückte. Versuchsweise nehmen sie mit den sie Kämmenden Verbindung auf. Ein hoffnungsloser Versuch bei so viel Aschenregen, der ihre Münder, ihre Augen, ihre Ohren und jede ihrer Poren verstopft, als flögen sie schon jetzt, entleibt, am Horizont als eine Wolke, die kein Himmel aufnehmen will. Als sich der Viehwagen endlich öffnet, taumeln achtzig Frauen, Männer und Kinder aus dem Wagen. Einige, weil sie es nicht rasch genug schaffen, werden aus dem Verlies geprügelt. Einige Tote werden an Armen und Beinen aus dem Wagen gezerrt und mit einem einstudierten Schwung in den Strassengraben geschleudert. Die Überlebenden schützen ihre Augen vor dem blendenden Licht, das sie doch noch vor kurzer Zeit ersehnten. Sie sind nie zufriedenzustellen, sagt ein Uniformierter staunend. „Auf auf,“ brüllt einer lachend, das Gewehr im Anschlag. „Und singt, so wird das Marschieren zur Lust.“ Er schlägt sich grinsend auf die Schenkel. Auch so einer kommt ins Schwitzen, denkt der, dem die Geige im Arm blieb und das zerrissene Hemd am Körper klebt. „Gelem, Gelem“, entlockt er schüchtern seiner Geige, das Lied der Roma, das vom Leid ihres Volkes erzählt und von der Freude, dass beim Grünen eines Sternes ein Kind zur Welt kommt, das ihren Namen in den Staub schreiben wird.
© by Mariella Mehr
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