Eine ungewöhnliche Vorstellung (15.09.2005 am Oberlin College) |
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Einführung Einige Begriffe, die in den Texten immer wieder vorkommen, werden hier erläutert
Roma (Gypsies) Route: Herkunft: Nord-Indien Afghanistan 29 Stämme Persien Auswanderer von Türkei Ca. 800 – 1600 n. Chr. Aegypten, Algerien, Spanien Gitanos, Kalo Rumänien Kalderasch Ungarn Lovari Deutschland Sinti Frankreich Manouches . . . . Verschiedene Jenische
Die Jenischen liessen sich vor allem in Tschechien, Östereich, Süddeutschland, Nordfrankreich, Norditalien und in der Schweiz nieder. Sie brachten, wie alle Roma, die folgenden wichtigen Dinge mit: Handwerkliches Geschick (Metallverarbeitung. Holzverarbeitung) Kaufmännisches Talent (Pferdehandel. Haushaltwaren. Werkzeuge) Musik, Tanz, Schmuck, Schönheit, Exotik
Die Verfolgung der Jenischen
Die Bevölkerung sah in den Einwanderern eine materielle Konkurrenz Die Kirche befürchtete einen negativen Einfluss durch diese „heidnische“ fremde Kultur, insbesondere befürchteten sie eine Vermischung der einheimischen Bevölkerung mit den attraktiven Fremden.
Aus diesen Gründen wurden die Jenischen immer wieder vertrieben. Diesen Vertreibungen versuchten sich viele dadurch zu entziehen, dass sie eine fahrende Lebensweise annahmen (Wohnwagen mit Pferden).
Andere Minderheiten, Pogromopfer, Flüchtlinge aus Kriegsgebieten etc. schlossen sich oft den fahrenden Jenischen an.
Das passte den staatlichen Behörden nicht: Menschen ohne Adressen, ohne festen Wohnsitz, mit fremdländischen Namen, sind der Horror jeder Bürokratie. Aus diesem Grund erliess die Schweiz ein Gesetz, wonach alle nicht sesshaften Menschen, die sich auf dem Staatsgebiet der Schweiz aufhielten, an einem Stichtag im Jahre 1854 an dem Ort eingebürgert werden mussten, an dem sie sich an diesem Tag aufhielten.
Damit hatten die Betroffenen zwar gültige Papiere als Schweizer Bürger aber noch keine Wohnung, sondern waren gezwungen, ihre fahrende Lebensweise, eine permanente Flucht, fortzusetzen, weil sich weder die Feindschaft der Kirchen noch die der Behörden veränderte. Bei der Bevölkerung wurden die Jenischen durch ihr Geschick als Handwerker, ihre Flexibilität als Händler und durch ihre Kunst als Maler und vor allem als Musiker immer beliebter.
Mit dem Aufkommen des Faschismus, der rassenbiologischen Theorien, erlebte die Fremdenfeindlichkeit am Anfang des 20. Jahrhunderts, zuerst an den Universitäten, in der Folge aber auch in der gesellschaftlichen Praxis einen neuen Aufschwung.
Die Schweiz begann mit dem Versuch, die fahrenden Händler und Gewerbe-treibenden zu kriminalisieren, indem man sie mit einer Sondersteuer belastete, die ihnen eine profitable Arbeit praktisch verunmöglichte. Übertretungen wurden mit harten Gefängnisstrafen geahndet. Viele Fahrende verarmten dadurch und wurden in die Kleinkriminalität getrieben. Die Integrität vieler Familien wurde zerstört.
Dr. Alfred Siegfried, (ein Lehrer für romanische Sprachen, der seinen Job wegen sexueller Übergriffe auf Schüler verloren hatte) war ein Freund des Tsiganologen (Zigeunerwissenschafter) Ritter, der später für Hitler die Erfassung und Vernichtung der Roma in Deutschland organisierte. Siegfried schlug den Schweizer Behörden vor, die in der Schweiz lebenden Roma – vor allem Jenische – dadurch sesshaft zu machen, dass man den jenischen Familien die Kinder wegnehmen und sie in Heimen oder bei Pflegeeltern aufziehen und damit sesshaft machen sollte. Dadurch könnte man die fahrende Lebensweise dieser Volksgruppe in höchstens 2 Generationen endgültig zerstören. Die Wegnahme der Kinder wäre mit der – willkürlich herbeigeführten - Armut der Eltern zu begründen, die diesen oft nicht erlaubte, die Kinder nach bürgerlichen Normen zu kleiden, zu ernähren und auszubilden.
Dieser Vorschlag fand die Zustimmung der Behörden. Man fand in der privaten Stiftung „Pro Juventute“, die von einem aus Privatpersonen und Politprominenz bestehenden Aufsichtsrat kontrolliert wurde, bald eine geeignete Organisation für diese Aktion, die in den Jahren, teils mit Hilfe der Polizei, teils mit eigener angemasster Kompetenz, immer jedoch mit Tolerierung durch die Behörden, in den Jahren 1926 – 1974 den jenischen Familien 619 Kinder wegnahm.
PS Eines der ersten dieser Kinder war Maria Emma Mehr (die Mutter der Autorin) im Jahr 1926, ein weiteres war 1947 Mariella Mehr (zwei Jahre nach dem Ende des Faschismus in Deutschland) und eines der letzten, 1967, war Christian Mehr, Mariella Mehrs Sohn, der bis 1974 (29 Jahre nach dem Ende des Faschismus in Deutschland) in den Files der Pro Juventute geführt wurde.
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Mariella Mehr erste Lesung am Oberlin CollegeBegrüssungIch danke der Leitung des Oberlin College, ganz besonders natürlich Frau Professorin Heidi Thomann Tewarson, für die Ehre hier als Writer-in-Residence auftreten zu dürfen. Ich freue mich über das Interesse, das Sie alle mir und meinem Beitrag zur aktuellen deutschen Literatur entgegen bringen. Meine schwachen Augen versagen mir leider oft Ihren Dienst. In solchen Fällen bin ich gezwungen, meinen Lebensgefährten Ueli Ellenberger zu bitten, für mich weiterzulesen. Erlauben Sie mir vorerst, mich mit den Worten Angehöriger einer andern akademischen Fachrichtung vorzustellen. Vor ihnen steht eine „verstimmbare, haltlose, geltungsbedürftige und moralisch schwachsinnige Psychopathin mit neurotischen Zügen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist. In Erwägung ihrer hereditären Belastung - die Probandin gehört zur dritten Generation einer degenerierten Vagantenfamilie - kann eine dauernde Einweisung in eine Psychiatrische Klinik nicht ausgeschlossen werden“. Gemeinsame (Diagnose), 1964. Hier steh ich nun, und kann nicht anders. Als diese Person bin ich, wenn Sie so wollen, eingeladen worden: Leicht verstimmbar, wenn ich solche Ungeheuerlichkeiten wiederlesen muss, haltlos in meinem Zorn und meiner Trauer darüber, impulsiv im steten Bemühen, mich selbst von der Unhaltbarkeit dieser Diagnose zu überzeugen, anmassend im Glauben, dass die Zeit Wunden heilt, und hereditär mit der Verwundbarkeit meiner Vorfahren belastet also, da schon diese allen Grund hatten, sich vor solchen Werturteilen und deren Konsequenzen zu fürchten. So habe ich mich vor 10 Jahren der Leitung und dem Personal einer Psychiatrischen Klinik vorgestellt, (in der ich als 10 jähriges Kind gefoltert wurde) als ich um die Herausgabe meiner Psychiatrie-Akten kämpfte – ich bekam sie nicht – und so habe ich mich 1998 an der Universität Basel vorgestellt, als ich für meine Bemühungen um die Rehabilitation der unterdrückten Minderheit, der ich angehöre, den Ehrendoktortitel erhalten sollte – ich erhielt ihn. So wollte ich mich auch Ihnen vorstellen. Nicht um Ihnen meine persönliche Geschichte näher zu bringen, sondern um Ihnen zu zeigen, dass Literatur, wenn sie etwas taugt, die Handschrift der Gesellschaft, in der die AutorIn aufwuchs zeigt, die Bilder die Farbe ihrer Gefühle haben und die Sprache die Musik ihrer Erlebnisse erklingen lässt. Deshalb möchte ich Ihnen einen kurzen literarischen Text vorlesen, den ich zum Thema meiner ethnischen Herkunft geschrieben habe. Es ist ein Brief an meine Mutter, den sie allerdings nie erhalten hat. Sie starb einige Jahre früher, und ich müsste ihn eigentlich eine Grabrede nennen. Ich möchte mit diesem Brief an meine Mutter noch einmal vom Schmerz und der Angst, von der Todesangst und der menschlichen Entwürdigung meines Volkes erzählen. Als Titel für meinen Brief wählte ich das Wort „Kheretuni“, ein Wort, das in unserer Sprache je nach Gegenstand des Gesprächs verschiedene Bedeutungen haben kann, nämlich Gastfreundschaft, Wirtlichkeit oder Mutterleib. Als Untertitel benutzte ich eine Metapher: „Oder im Gehen sterben“ ohne damals gewusst zu haben, dass das Wort Kheretuni seine Wurzel im Sanskritwort khera hat, was etwa so viel heisst wie: Gehen, Nachfolgen, Nachkommen im Sinne von jemanden einholen und freundschaftlich begleiten wollen.
Phralalen, Pejalen Mama Quante Mamera, Liebe Mutter Mein Gehirn ist kein Sperrkonto, das ich mit unsern Erinnerungen belasten könnte, um so, befreit von aller Erinnerung, fröhlich weiterleben zu können. Ein jeder meiner Tage ist ein neuer Versuch und ein Lernen, mit diesen Erinnerungen, den Deinigen und meinigen, mit den Erinnerungen an die Geschichte unseres Volkes zu leben, ohne daran zu zerbrechen. Du, Mamera, bist daran zerbrochen. Es war Dir nicht einmal vergönnt, sechzig Jahre alt zu werden, verbraucht wie Du warst vom Erinnern, vergiftet von ihren perversen Vorstellungen über Recht und Ordnung. Diesen Vorstellungen warst Du ausgesetzt bis zu Deinem Tod, ihrer letzten Schriftprobe, kurz vor Deinem sechzigsten Geburtstag. Von Vollzugsbeamten geordnet liegen nun Deine Lebensdaten auf meinem Tisch, schulmeisterhaft geheftet in orangen Ordnern, die orangenen Ordnerrücken sauber beschriftet: Maria Emma Mehr, geboren am 27. August 1924, von Almens, Graubünden, gestorben 1983 in Zürich. Besonderes Kennzeichen: Angehörige des jenischen Volkes. Eine Minderwertige also, von Minderwertigen gezeugt, rassenbiologisch gesehen der letzte Dreck, versehen mit den Stiefelspuren der Vollzugshierarchie. Welch besserer Behandlung bedürfte dieser Haufen Dreck, als der Gnade ihrer Stiefelspuren auf der nackten Haut. Ins Herznest sind’s Dir gestiegen, haben dort gesaut, auf Deinen Herzbrettern getanzt, als Du, Dir abhanden gekommen, nichts weiter zu tun wusstest als das stumme Leiden in den Dir einzig sicher scheinenden Ort zu ritzen, dorthin, wo ihre gestiefelten Bocksfüsse keine Abdrücke hinterliessen und keiner der Vollzugsbeamten Buch führte, denn diesen Ort sprach man Deinesgleichen ab: Die Seele. Ein Hundeleben nanntest Du Deinen steten Abstieg in die Unwirtlichkeiten des Selbsthasses, als ob Hunde keine Seele hätten und Deinesgleichen mehr als ein Dreck, als ein dreckiger Dreck sein könnte; sagtest Du Hundeleben. Dir war das Träumen noch nicht ganz vergangen und das Wissen geblieben, dass anderswo anders gelebt wird und keiner des andern Dreck sein dürfte oder Scharreisen, als das man Deinesgleichen ja auch benutzte, ehe Dich ihr himmlischer Obervollzugsbeamte endlich verscharren liess. Da hilft kein Wehleid von Deinesgleichen, wenn vorher die Untervollzugsbeamten, schwer von vollzogener Nächstenliebe, Deinen Körper verliessen, Dein Herznest, das sie Dein Leben lang okkupierten. Dein Herznest, wo sie in der Saat Deiner Vorfahren wüteten, das sie Erbgut nannten, minderwertiges, Dir die Ernte verhinderten mit Blitz und Hagel aus ihren Mündern und Teufelsaustreiberei betrieben, wo kein Teufel sass, nur dieses Erbgut, ein feuerentfachendes, das Deinesgleichen durch die Wälder ziehen hiess, wenn Ihr konntet, und Euch das Beeren- und Wurzellesen zum Fest gelingen liess. Aber Deinesgleichen hat man das Beeren- und Wurzellesen frühzeitig ausgetrieben, das kindliche Feuerchen schnell das Fürchten gelehrt bei Spucke und Hieben, die Kinder von der Brust ihrer Mütter weggezerrt und in Häusern versorgt, wo die Vollwertigen wohnen und jene, deren Erbgut zur Ehre des Landes gereicht, solche, die Recht und Ordnung schaffen. Deinesgleichen sind auch heute mitgemeint, wenn in diesem Land der Kriegsbeginn gefeiert wird, dieser unselige Tag vor 50 Jahren, das Todesurteil für Deinesgleichen im Nachbarland. Was hat denn Deinesgleichen zu klagen, würden sie sagen, es ging Dir nicht an die Gurgel, die Entsorgung der Schweizer Landstrasse hielt Mass, den Strassenkehrern waren die christlichen Hände gebunden, die sie heuer zum Grossergottwirlobendich gen Himmel erheben, jenen Obervollzugsbeamten zu ehren, den sie sich zurechtbogen, und der sie Menschen in wertvolle und minderwertige einteilen hiess, die Ermordung der einen billigte, die andern zu Ebenbildern seiner selbst erkor. Er war ein guter Mensch, hiess es von jenem Strassenkehrer, der im Dienst der Pro Juventute stand, erfüllt von hehrer Fürsorge für Deinesgleichen, behaupten seine Erben, und dass Deinesgleichen an dieser Fürsorge erstickt, ver-rückt gemacht wurde, was soll das jene kümmern, die nichts vom Beeren- und Wurzellesen verstehen und heute noch behaupten, von nichts und allem nichts gewusst zu haben. Nichts von den Massengräbern, randvoll der ungebetenen Gäste dieses Jahrhunderts, nichts von den zerstörten Unterleibern Deiner Brüder und Schwestern, nichts vom herausgerissenen Gedärm dieser Untermenschen, nichts von ihrem Flehen und Beten für ihre zutodegequälten Kinder, und die, die in der Not, die sind dem süssen Herzjesulein am nächsten, ihnen gehört das Himmelreich. Das süsse Herzjesulein, dieses Flammenherz, an dem Deinesgleichen röstete, was hätten unsere bescheidenen Feuer, gespiesen von Schwemmholz, dem Geschenk uns gutgesinnter Bäche und Flüsse, auszurichten vermocht gegen ihre Gier, Ordnung zu schaffen und Deinesgleichen zu Lebzeiten Grabsteine an die ohnehin wunden Füsse zu ketten, auf dass Dir das Gehen zur Last werde. Die Liebe der jenischen Mütter, sagten sie, ist animalisch und primitiv. Sie bedarf der Läuterung, also sterilisierten sie Dich, nachdem Du zwei Kinder geboren hattest. Das eine Kind, mein Bruder, erhängte sich mit 12 Jahren in einer Anstalt für geistig Behinderte, weil er das Leben in der Kälte nicht mehr ertrug. Er war nicht behindert genug, um sich anders zu wehren. 1924, Dein Geburtsjahr. Vom Wind flachgestrichenes Riedland, düster, ein dumpfes Besäufnis der Freiheit im Flügelschlag der Fischreiher, der langgezogene Schrei des Habichts überm spärlichen Gehölz und den Häschern, die sich Eurer ärmlichen Behausung nähern. Später werden sie den Kinderraub, als notwendige Fürsorgemassnahme getarnt, in die Annalen ihrer phobischen Zerstörungswut einreihen. In Deutschlands Amtsstuben wird im selben Jahr Borchardts Entwurf eines Gesetzes zur Freigabe der Tötung unheilbar Geistesschwacher erörtert. Stoddarts „Kulturumsturz“ mit dem Untertitel: “Die Drohung des Untermenschen“, Meltzers „Probleme der Abkürzung lebensunwerten Lebens“ bleiben, vorerst noch ungeschrieben. Ein Jahr später schon sind sie Kultbücher. Wie Zeus Athene, gebar der Medizinmann den Herrenmenschen. Sie schicken ihre braunen Tentakeln voraus ins Herz der Schweiz, in öffentlichen Vorträgen wird für die Zwangssterilisation jenischer Frauen und Männer geworben, ihre Minderwertigkeit von Psychiatern und Anthropologen frech behauptet. In den Archiven der Bundespolizei häufen sich Statistiken über sogenannte Vagantensippen, Deinesgleichen wird präventivkriminalistisch erfasst und registriert, Deinesgleichen wird das Hausieren verboten, Zuwiderhandlungen fortan mit der Einweisung in Arbeitsanstalten und Irrenhäuser bestraft, die jenische Kultur und Lebensweise als Ausgeburt einer kranken Erbmasse diffamiert. Die Psychiatrie, eine bis anhin kaum ernstgenommene akademische Disziplin, hat endlich ihren Daseinszweck aus der Taufe gehoben, mitten im braunen Umfeld von Fremdenhass, nationalistischem Dünkel und Herrenmenschenallüren. Diesem Umfeld wurde sie zur Steigbügelhalterin, diesem Umfeld erteilte sie während den Jahren der schrecklichsten Auswirkungen ihres als Wissenschaft getarnten Wahns die Absolution für den Massenmord an Deinesgleichen, dem minderwertigen Leben. „Wir entvölkern die Landstrasse“, verkündete der in den Diensten der Pro Juventute stehende Strassenkehrer Dr. Alfred Siegfried 1926. Johlend und kreuzeschlagend schwärmt sie aus, die Putzbrigade, bis in die letzten Winkel schweizerischer Bergtäler. Mit dem Segen der Kirche und dem der Psychiatrie versehen schwärmen sie aus, die Säuberer, entsorgen die Landstrasse von Volksschädlingen Deiner Art, vom buntriechenden Dung einer düstren Freiheit. Die heimatet fortan auf der Flucht vor den Häschern und kriecht nachts in die Hecken, die hält jetzt den Dung und die fröhlichen Winde in einer Dauerverstopfung zurück, bis sie schliesslich daran krepiert. 1930 heisst es in den Nationalsozialistischen Monatsheften kurz und bündig: Tod dem lebensunwerten Leben. Es ist das Geburtsjahr des 1933 rechtskräftig werdenden Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das Geburtsjahr der Euthanasie an Deinesgleichen. Die Jagd auf angeblich Asoziale, Landstreicher, Bettler und Arbeitsscheue ist eröffnet, kein Entrinnen mehr für Deinesgleichen. Zigeunerinnen sind gefährliche, sittlich verwahrloste, triebhafte Männerfresserinnen, hiess es, als Dir einer den Pfahl ins kindliche Fleisch schlug und auf dem „gesunden Erdreich“, in das man Deinesgleichen verpflanzte, seinen erbbiologisch einwandfreien Samen verschleuderte. Dir ins Gesicht und in den unfertigen Mädchenleib. Raus, rein mit dem herrischen Schlegel, der das Untergeschoss Deines Leibes beherrscht. Wäre gelacht, wenn da anklopfen gefragt und gekost werden müsste bei Deinesgleichen. Keiner Unschuldigen wird da die Unschuld zur Unzeit geraubt, denn unsere Erbsünde, die wird uns nicht genommen bei der Taufe, die tragen wir mit ein Leben lang, wir Minderwertigen, deren Haar lang über die Schulter fällt und deren Körper der Geruch verzehrter Beeren und Wurzeln noch immer verströmt, in aller Schamlosigkeit der Entrechteten. Heimat, dieses vernutzte Wort, wäre Dir der Körper Heimat gewesen, Du hättest ihn schon damals verlassen, wärst Deinen Weg ins Nichts gegangen, in nichts als ein Bündel Erbsünde gewandet. In Irrenanstalten wird Dir Erinnerung zurechtgerückt, Dein Herz von der Wahrheit entsorgt. Erinnerungen sind ihnen suspekt, den weissen Göttern, Deinesgleichen hat sich nur an die Schuld zu erinnern, überhaupt und lange zu sein, ihr Ortsschänderinnen, Sonnendiebinnen und „sie glaubt, sie wäre eine Schönheit, sie trägt ihr Haar offen. Wir haben uns also mit einer Haftentlassung nicht zu beeilen“ heisst es 1945 in der Strafanstalt Bellechasse, eine der wilden Mülldeponien, wie sie für Deinesgleichen zu Dutzenden standen und schluckten, was die von der Eidgenossenschaft subventionierte Stiftung Pro Juventute an Strassenmüll zusammenkehrte. Aber dieser Müll musste, in Ermangelung härterer und eindeutigerer rassistischer Gesetze, ernährt und bekleidet werden. So beklagte sich der Pro Juventute Günstling Siegfried in seinen Monatsnachrichten weinerlich: „Wir können sie nicht nach Afrika schicken, darum bitten wir unsere werten Gönner um warmes Schuhwerk und Winterbekleidung für die Ärmsten unserer Schützlinge“, für Deinesgleichen, Mamera, die aus dem Kinderzeugs herauswuchs und nicht nach Afrika oder Madagaskar verschickt werden konnte, wie dies die braunen Nachbarn für ihre eigene Landplage vorsahen, die minderwertigen Juden, deren Weiber ebenso gefährlich, triebhaft und männerfressend daherkamen wie Deinesgleichen, diese schändlichen Christuskreuziger. Man besann sich dann anders drüben, bei den Braunen. Die verbrannten nicht in der Gluthitze der afrikanischen Sonne, nein. Die verbrannten in den deutschen Mülldeponien, die, nachdem sie, durch Arbeit frei geworden, im Gas umkamen. Denen wurde die Minderwertigkeit im Feuer geläutert, auf ewig und immer. Das Kriegsende, dieses Ende des ungeheuerlichsten Massenmordes auch an Deinesgleichen, hast Du in einer schweizerischen Gefängniszelle überlebt. Deiner abnormen Persönlichkeit wegen solltest Du Dich einer Dauerversorgung fügen, verfügten die Saubermänner der helvetischen Nation. Eine neue Deponie fand sich bald, nachdem Du für kurze Zeit an der Freiheit geleckt, mich zur Welt gebracht hast, und mir das Mal auf die Stirn gebrannt wurde: eine von Deinesgleichen. Dauerversorgt wurde Deine Herkunft, Deine Erbmasse und Dein Makel, überhaupt zu sein. Deine Hilferufe aus Arbeitshäusern und Irrenanstalten, Deine Flüche, Dein Bitten und Winseln, Deine Verzweiflung und nutzlosen Selbstbeschuldigungen, sie liegen jetzt in Briefen vor mir, die mich damals, als Du sie schriebst, nie erreichten. Müll produziert Müll, also vergilbten sie in den orangen Aktenordnern mit dem Vermerk versehen: Nicht weitergeleitet. Sie vergilbten neben den meinen, die Dich nie erreichten: Herzallerliebstes Mütterlein, mach mir’s Herztürchen auf zum Herznesterl, damit auch mir warm werde. Wie konnte ich wissen, dass in Deinem Herzen andere hausten und sauten, die Strassenkehrer zur Nachtzeit mit ihren christllichen Schwänzen herumhurten, bis, endlich, endlich Nacht in Dein Gehirn einkehrte. Von welcher Art, sag, war jene Stunde, als Du Dich abkehrtest und, auf immer besänftigt vom IrrSinn, die Wirklichkeit ein letztes Mal mit Deinem Schrei verhöhntest: Ich weiss, ich weiss, ich habe gefehlt? Aus war’s mit dem Toben in Deiner Herzkammer, die haben mit einer Toten weitergehurt, die Schänder, denn da warst Du längst ins Riedland zurückgekehrt, dem von tröstlichen Winden flachgestrichenen, hörtest den langgezogenen Schrei des Habichts über dem Gehölz und Du, Du Beerenleserin, Du, Lachende, schürtest neu unsere Feuer. Hundejahre, 59 Hundejahre nanntest Du die Zeit hinter Dir, für die die Bezeichnung Leben nicht zutraf, weil keine Blume Dir blühte in keinem Traum und kein Lächeln in dieser aufgezwungenen Enge aufleuchten wollte, in diesem von Angst und Verzweiflung verdunkelten Raum, in dem zu vegetieren Dir knapp erlaubt war. Es blieb Dir die Sprache der Erdwölfe, nachtschwarz und gellend, fern aller Verständigungsmöglichkeiten. Du bätest nicht um Dein Leben, schriest Du den Menschen auf den Strassen zu, Du bätest nur um Frieden zwischen den langen Phasen der inneren Hetze, die Dir das Entsetzen aufzwang und die Gewissheit, nie zu genügen in einer Welt, die für Deinesgleichen nur Arbeitsanstalten und Irrenhäuser übrig hatte. Deinesgleichen, ein Wort, das Dein Gesicht entstellte, wenn Du die vier Silben absichtlich in die Länge zogst und Deinen Mund breit werden liessest vor unausgesprochenem Hohn. Ich habe einen Geburtstag zu feiern, Deinen sechzigsten, den zu feiern Dir nicht vergönnt war. Lacio drom, Mamera. Bàchtàlo drom, Du Tapfere, ich wünsche Dir Glück, Frieden und einen langen Tod. Nur Lebende müssen sich erinnern.
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