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Lyrik - Monologe (3.11.2005 am Oberlin College) |
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Einführung Monologe
Die Kunst gibt nicht das sichtbare wieder, sondern macht sichtbar (Paul Klee) Die Literatur erzählt nicht Erlebnisse, Erfahrungen, sie macht sie erlebbar, erfahrbar (HUE)
1.Kinder der Landstrasse
Das Stück „Kinder der Landstrasse“ ist ein Konzentrat von tausenden von Seiten Recherchen, Akten, (Presse-)Berichten, Büchern, Interviews und Korrespondenzen, welche die Autorin in der Zeit von 1972 – 1986 auf der Suche nach ihrer eigenen Geschichte und Identität verarbeitet, geschrieben und in ihrem politischen Kampf verwendet hat. Mariella Mehr liest den Monolog der Xenos, ein expressionistisches Sprachbild der Topografie einer gequälten Seele, die sich selbst zu ermutigen versucht, nicht aufzugeben.
2. Silvia Z.
Das Stück Silvia Z. basiert auf der Geschichte und dem Nachlass einer jungen Frau, die sich 1981 während der Zürcher Jugend-Unruhen öffentlich selbst verbrannte. Das Stück zeigt eine fiktive Familiengeschichte in der psychische und physische Gewalt - aus materieller und intellektueller Not – eines der Kinder in den Tod treiben. Der Plot ist so angelegt, dass der Mutter in Albträumen die Tochter erscheint. Der Wechsel von Dialogen und Monologen der beiden Protagonistinnen wird von einer dritten Figur, der „Tödin“ – ein weiblicher Tod – in völlig rationaler, emotionsloser Weise kommentiert.
Die Autorin liest einen der Monologe der „Tödin“
3. Anni B. eine Groteske (Theaterstück)
Anni B. zog im Jahre 1936, ihrem Geliebten nachreisend, als Freiwillige für die Sozialisten in den Spanischen Bürgerkrieg. Das war nach Schweizerrecht eine Straftat. Gesetze und Strafen gab es aber nur für Männer, die verbotenerweise an fremden Kriegsdiensten teilnahmen. Mangels Rechtsnormen erklärte man Anni B. als verrückt und steckte sie administrativ in eine psychiatrische Klinik, wo sie bis zu ihrem Tod (1994) festgehalten wurde. Das Stück Anni B. ist eine Geisselung der psychiatrischen Gewalt, die auf drastische Weise zeigt, dass mancherorts die Psychiatrie die Krankheit ist, die zu heilen sie vorgibt.
Mariella Mehr liest einen expressionistischen Begleittext zum Stück Anni B.: „von der schwierigkeit des nachdenkens über anni b.“ aus dem Sommer 1986
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Monolog der Xenos aus „Kinder der Landstrasse“
gross der bauch und klar die sprache der häute die sprache der eifrigen häute ASTER- HÄUTE bin ich dir mein kleines wandern die eiskristalle JETZT zur mitte der niemandsinsel wandern die eiskristalle
es hat uns die zeit des MUTTERMORDS eingeholt mein kleines
GEKREUZIGTER
staub weinten meine augen dir häute zu weben dich zu betten in STAUB
kleines mein kleines der niemandsinsel fremdgeborenes ich hielt die säulen der zeit mit meinen fäusten sie schnitten mir das haar mein ortlos geborenes
wir wollten leben nun sind wir das messer das unser leben zerstört
mein kleines mein niemandsinselkind es bleibt uns das unberührte die sprache der häute
mein kleines mein ortlos geborenes mein fremd geborenes
wir sind unschuldig schuldlos zerbrochen an ihrer zeit schuldlos gebrochen
uns bleiben die häute aus gewobenem staub die eifrigen häute dich zu bergen
in unsern gehirnen sind wünsche unwünschbar geworden hat sich die stille ein nest geschaffen jenseits von schmerz
WIR SIND UNSCHULDIG mein kleines
GEKREUZIGTER
wir wollten leben
© by Zytglogge Verlag
Silvia Z. monolog der tödin
ihr tod war das reine wort in der ausdehnung des feuers gab sie sich frei dem beginn einer andern existenz ohne delirium klarheit schuf das licht und die kräfte einer rasenden bedienten sich der säfte des entsetzens der abgründe des nichts den luxus der halbheit zu fliehen und auch den luxus des anstands der höflichkeit der diskretion den luxus der schieren verlogenheit
von der tiefsten abwesenheit begab sie sich in die klarheit eines schmerzes auf den lufthügel des reinen körpers beschwor sie noch einmal das leben denn was ihre zeit auszeichnete war die verwaltung des lebens durch lebende tote die diktatur des gehorsams der freudlosigkeit des stumpfen un-sinns und alles was diese zeit geschaffen war hunger und not und gewalt und gleich einem starken und wirksamen gebrüll verliess sie diese zeit eine zeit des hasses des irrsinns die zeit des geschmähten bewusstseins der falschen mythen der okkupation jedes freien willens durch die macht
gleich einem starken und wirksamen gebrüll verliess sie die zeit der machtbesessenen mörder am reinen körper der sie war
© by Zytglogge Verlag
von der schwierigkeit des nachdenkens über anni b.
im sommer 1986
sich den raum aneignen, in dem denken stattfinden soll, sich des raumes vergewissern: des raumes
KOERPER
im innern des körpers insbesondere gehirn eingeweide blutbahnen nervenstränge wasserreservoire schmerzzentren lustzentren sich den sitz allen übernatürlichen gelächters aneignen denn die geschichte der anni b. ist die geschichte eines gelächters ist die geschichte einer frau deren körper die Zeiten der weissen KILLER MALES überdauerte
äusserer raum RAMPE
eigentlich wäre ich lieber in meinem spähhaus geblieben, weit entfernt von der möglichkeit, IHR begegnen zu müssen, sie will, dass ich mich ausweise, sie, ANNI B.
wo ich bin, brauche ich mich nicht auszuweisen, bin ich gefährtin eines verlassenen rotkehlchennestes, gefährtin der gefrässigen trichterspinne und manchmal das behäbige lachen der eschen im wind ...
diese ausschliessliche, oder kategorische, absolute, zuweilen unverhofft schamhaft schüchterne zeit in meinem leib verlangt nach sicherheit. vielleicht hat sie recht, diese mondäugige, listige gelegenheitsnonne zeit.
ein angriff hat stattgefunden, ein fallbeil fiel/sauste/sang, ja, sang, sang fröhliche, heiter-sündige lieder zur dumpfen todeswelle, ich war ohne legitimation
eine fremdlingin, eine vagabundin, kein bruder in sichtnähe bei sterbendem mond. ja, ich wäre gerne in meinem spähhaus geblieben, in meiner krähenexistenz, krähe, der schnellfüssigsten eine und grünende überall, vielleicht altweiberbuschzüngig, nicht zu vergessen die seele der hexenrose am rande des trampelpfades, den die rinder von grün zu grün ... auch sie.
wegeweiser trampelpfad also, oberhalb der grössten esche scharf geknickt meinem spähhaus zu, anthrazit-grauer fels bei gewissem licht zumindest
blindgemähter hang
flugbereites gestein auch
und weiter oben bei der Wasserstelle erste triebe der wollblume
eichelhäher, sperber, bussarde auf nahrungssuche
träge ausgestreckte bergkette flache atmung spürbar tannen bewachsen beinahe hyazinthenblau
ein stottern, stammeln, straucheln im blickfeld
ich laufe über zu den sonnenblitzen, den gelben schwertstreichen, kaue geduldig die süsse aus unreifen, wilden ähren
ja, ein gelächter nahm mich bei der hand, und eine mondäugige bekam den traurigen witz in den falschen hals:
eine ungeheure anstrengung, nichts sonst, die haut in fetzen schliesslich und keine feste Sicherheit im sprödgewordenen fleisch der vagabundin
nachdenken über anni b.:
spanienkämpferin antifaschistin feministin kommunistin
angeklagte, gestehen sie
ich war ich bin nicht mehr
dank vierundvierzig jahren sankt pirminsberg bis zur verblödung geheilt geständig bis zur verblödung durch
elektroschocks pillen gehirnoperationen insulinkuren
anni b. träumt immer noch vom kommunismus: elektroschockserie hiess es noch vor rund 10 jahren strafe muss sein sagen die weissen götter hämmern die strafe ins gedemütigte gehirn der anni b. strafe für die feministin die antifaschistin die spanienkämpferin die kommunistin auf dem heiligen berg sankt pirminsberg frassen die weissen kannibalen die seele der kämpferin anni b. ein götterfest
und sie kauen weiter an den letzten resten der anni b.
Anni B. die Fäuste dessen der Leere schafft im Gehirn und eine einzige Wunde die klare Form eines Maschinen-gewehrs kein Ziel ohne Fleisch dachte sie im brennenden Dornbusch und griff nach der Leere im Gehirn in den Stirnlappen kalt fühlte sie sich an, die Leere im trepanier-ten Schädel die von fremden Fäusten verursachte Leere von fremden Messern verursachte klare Form eines Maschinengewehrs kein Ziel ohne Fleisch ...
ort der anni b.
ein dorfplatz, dorffest, leere bierflaschen, scherben, weggeworfene fleisch- und brotreste, betrunkenes volk. marschmusik, stiefeltritte, auf dem abfallübersäten platz die parodie eines verhüllten standbildes, von dreck und blut besudelte, mit flicken notdürftige zusammenge-haltene lumpen bedecken anni b., ein schaustück mit offenem schädel, die lächerliche attrappe eines veralteten maschinengewehrs aufs publikum richtend, das kind kommunismus in ihrem geblähten bauch, im hintergrund ein kitschig greinender mond.
ja, vielleicht sind es ihre wörter, ihre wörter, nichts als ihre wörter auf dem heiligen affenberg sankt pirmin zu trotzen, diese angst machenden ungeheuer
eingesperrt mit diesen wörtern bleibt nur mehr das brüllen
erdrückt von vier kahlen wänden weiss/weiss und immer etwas feucht diese wände und das murren und murmeln und sabbern und geifern und wiegen und labern und fluchen und turteln im saal nebenan die alten auf knarrenden stühlen ganztags
und nachts, in den betten das über/weiss, grablaken kühl ums alternde fleisch das ungeliebte
vom leben besudelte von den vielen streichen der schergen aufgerauhte
dunkellöcher niemandsort
schreit sie im wahn die kommunistin nach väterchen stalin stösst wirft schleudert sie kinder viele ins weisse all macht der weissen affen aus den poren den augenlöchern aus allen öffnungen mündern des besudelten körpers eine brut zu schreien ins jenseits elektroschock gefällig madame wie's beliebt madame und lernen sie's endlich madame väterchen stalin ist tot
sie lernte nicht, sie schrie tobte knurrte biss und wurde alt wie ihre schwester im wachsaal nebenan vierund-vierzig jahre lang alt und tobte knurrte biss und schrie sich die haut vom leib die gedärme aus dem leib das gehirn unter der schädeldecke hervor rotzte kotzte, schiss sich die wörter aus der seele diese angstmachen-den ungeheuer bis ihr der name nicht blieb, anni b.
riss sich auch diesen noch vom wurzelwerk der sinne blieb ihr das schreien gross von feuchtem weiss umgeben, die angst im grablaken vergraben ein tag zum fürchten ward jeder tag ...
das spähhaus auf dem wissbegierigen gestein, der einfache holzaufsatz, tannenholz geschwärzt und etwas geduckt über dem gemäuer, dem gestein und verschämt ob des rauhen interieurs, das fensterglas immer etwas verrusst und der geruch im innern vorwiegend russig, nach russ riechende bettlaken, auch die kissen, und die armbrust an der ostwand,
bücher lese ich kaum mehr, obwohl einige im gezimmer-ten regal stehen, ebenfalls tanne, aber jünger,
nur die pilzbücher (kostspielige ausstattung). schau ich mir die pilze an, studiere ihre hüte, die schäfte, die falten an der unterseite der hüte, manchmal auch knollenartige auswüchse am schaft oder gerippte oberfläche;
in ihnen wohnen die trolle und feen, sagt man, beinahe sichtbar zwischen lamellen und
wo der pilz wächst, sind die wisperstimmen der geistchen zu hören, doch
sonst lese ich kaum mehr, öffne die bücher nicht mehr und oft bleibt beim schreiben das blatt weiss, zeigt sich keine schrift.
im innern dieses spähhauses also, oder burg oder hütte, das rauhe interieur einer kindin, etwas verschlampt dieses interieur, bleibt oft keine zeit abseits der träume, bewegungslos, krötengleich bei tag, sinke ich in die wurzelkammern der üppig wuchernden blacke rund ums gestein, dem burggestein mit dem einfachen holzaufsatz, hüttenholz, ein zwitterhaus demnach, ungenau definierbar ...
nachdenken über anni b. II
prolog
es reichen deine hände nicht weit zu flehen nein sagst du es ist längst zu spät wiegst dich ins ungewisse mit spröden augen.
mein wort auf trostsuche abgewetzt in deinem untröstlichen haar unter deiner sanft gewordenen schädelhaut verwaist jeder schmerz der fluss tamina die gesellin deiner flüche mithörerin
eine zufälligkeit wehschrei sei noch immer zu hören es sei verwirrend gewesen:
donnernd (falls ihnen zu trauen ist den stimmchen der tamina) brachen sie ins gebirge ein die affen von sankt pirmin
TODKOMM eingenäht in dein gewand sangst du dein lied in eisenketten am zögernden fels kahl wurde dein gehirn
unter dem trepanierten schädel frassen sich ihre fäuste fest mit fröhlichem geheul
sirrend immer giftigeres weiss.
VERGESSEN:
die schwarze zauberin der unnachahmliche verfall deines körpers
sanft ermattet die frühern flüche jetzt
die filigrane zerbrechlichkeit deines gehirns, oder zumindest anlage wie aschige luft alles durchlässig
gedankenscharmützel: NARRENHARM geduldig umgehst du die abdrücke des ziegenbocks in deinem gehirn umgehst
du mönchisch
im drei mal gefilterten weiss vergisst du die AFFENPFOTE
im bereiche des mandelkerns die affenpfote der BRAINSLASHER
alles rot und alles taubenfüssige rot ausgelöscht bis auf ein paar farbknöchelchen;
sonderschützlinge der DURA MATER restbestände
TODKOMM auch sie.
© by Zytglogge Verlag
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