Aus dem Roman "Das Licht der Frau" (06.10.2005 am Oberlin College) |
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Einführung in den Roman "Das Licht der Frau" Eine Freundin von Mariella Mehr, sie heisst im Buch Anna, hatte sich, initiiert durch ihren spanischen Freund, das Ziel gesetzt, Stierkämpferin zu werden. Mariella erzählte ihrer Freundin Marianne Pletscher*, einer bekannten Filmerin des Schweizer Fernsehens davon. Diese machte 1983 ein Projekt für einen Dokumentarfilm. Das Schweizer Fernsehen beauftragte die Projektverfasserin eine Vorstudie mit Probeaufnahmen zu machen, wozu Kommentare und Zwischentexte von Mariella Mehr eingebaut werden sollten. Die Filmerin hatte ihren Auftrag nach 2 Wochen erledigt und fuhr nach hause. Mariella Mehr, fasziniert von dieser für sie neuen Art von Gewalt, Gewalt als Spiel, als Sport, als Ritual, als Inszenierung, blieb bis zum Ende der Stierkampfsaison in Madrid. Das Schweigen, die Stille, die ihr in vielen Kontexten der Tauromachia entgegenschlug, versuchte mit sie Briefen an H.U. aufzubrechen. Er hatte Jahre zuvor zahlreiche Stierkämpfe gesehen, hin und her gerissen zwischen Abscheu und Faszination. Sie versuchte zu ergründen, warum Menschen – in diesem Fall sogar Frauen – aktiv an einem derart absurden, das Leben negierenden Machospektakel teilnehmen können. Sie hörte sich die pervertierten Interpretationen antiker matriarchaler Kulte an und versuchte sie zu widerlegen, sie als geschichtsfälschende, jeder Logik spottende, lebensverachtende Konstrukte zu demaskieren. Ohne Erfolg. Sie verlor einige FreundInnen. Mit ihrem Buch gewann sie zahlreiche Neue. Otto F. Walter, ein Schweizerer Schriftsteller *1928, †1994 schrieb: Diese Prosa ist Bericht und Poesie zugleich. Sie ist streng komponiert; immer wieder aber geht sie trunken über die hierzulande herr-schenden, disziplinierten Normen braven (männlichen) Schreibens hinaus in die gefährdeten offenen Formen von Verwünschung und Hymne. Sie erzählt vom Stier als dem Tier, das der Frau gehört. Sie empört sich über die endlose Wiederholung der Kleinmädchengeschichten, die sie erlebt, wenn Freundinnen sich im phallokratisch besetzten Bereich der Tauromachia erniedrigen. Sie beschwört die uralten Mythen verschütterter matriarchaler Kultur, wo Leben und Tod, Mondgöttin und Stier noch Pole des einen Ganzen waren. In ihrer Suche nach Sinn und Antwort stösst sie auf Alltag und Feste, im Haus, in den nächtlichen Bars, in den lächerlichen und obszönen Kämpfen von Toreros in den Dorfarenen oder der „Las Ventas“ in Madrid. Immer näher kreist sie an das Mysterium von der Ganzheit von Frau- und Mannsein heran.... In dieser mich anrührenden, mich bewegenden Erzählung hat eine Frau sich ungesichert ihre Sprache erschrieben, die ein Exempel für das ist, was Frauensprache heissen wird. Eine – der Mondin sei Dank! – mutige, auch ungezähmte Sprache, zum Lesen, zum Staunen, zum Leben. *Marianne Pletscher hat viele Stationen des Lebens von Mariella Mehr für das Schweizer Fernsehen dokumentiert.
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Aus „Das Licht der Frau“ S. 10 - 12
Er schickte sie nach Spanien, seine Anna, dass sie an seiner Statt in seinem Land leben möge. Er hiess sie Señorita Torera werden, auch dies an seiner Statt, denn es war sein Bubentraum, der an ihr in Erfüllung gehen sollte. Es ist das Ei, nichts als das Ei. Ach, wie gut ich es kenne, José, du, der du aussiehst, wie sich die Frau den Spanier ihrer Träume vorstellen mag. Das Ei der Fliegenden Mutter, José, jener Mutter, die uns und das All und die Zeit gebar und Ist. Die Römer und Griechen kannten die Bedeutung des Eis selbst dann noch, als sie die einstigen Göttinnen frech vermännlichten. Sie bauten eiförmige Arenen. Überall sind sie anzutreffen; in Nîmes, in Arles.... ihr zu Ehren, in der wir einst alle geborgen und glücklich waren. Aye, José, du schickst deine Geliebte in Arenen, die wie Eier sind, und lässt sie Stiere töten: El Toro, das Tier der Grossen Göttin. Schön ist sie, deine Geliebte, eine Königin im Lichtgewand, Priesterin mit Degen und Muleta, doch welche Göttin könnte das Blut eines Toros wollen, dass es die Erde befruchte. Während ich im Cafe des Pyrénées José gegenübersass, dachte ich über eine Liebe nach, die sich von der Geliebten in der Arena besiegen lassen will. Es war eine laue Juninacht, drei Tage vor der vollen Mondin. Sie würde ich in Madrid erleben, in Annas verstaubtem, verträumtem Hinterhof. El Toro gehört der Frau, sagte José el Cuervo und schlürfte seinen Milchkaffee. Die Arena IST die Frau. Wir redeten eine halbe Nacht, Josés romantisches Spanierherz floss über, und ich fragte mich, wie es einer aus dem Süden Spaniens wohl achtzehn Jahre in der Schweiz aushalten könne, ohne an Leib und Seele krank zu werden. Oder wie es wohl war, andern eine Villa zu mauern, wenn man doch einmal in die Schweiz gekommen war, um sich die Mittel für ein eigenes, kleines Häuschen in Spanien zusammenzuschuften. In drei Tagen würde ich fast zweitausend Kilometer von diesem Land entfernt sein, wo alles seine fatale Ordnung hat. Ich würde mein Leben drei Monate mit einer Frau teilen, die nach Spanien ging, das Töten zu lernen. Ich würde drei Mondzyklen Zeit haben, mich schreibend an die Frage des ritualisierten Tötens heranzutasten mit dem Risiko, nur den Bruchteil dieser Frage für mich gelöst zu haben. Damals, im Garten des Cafe des Pyrénées, fühlte ich nur Angst. Die Leichtigkeit, mit der José vom Töten sprach, widerte mich an. Wer gab diesem heimwehkranken Spanier das Recht, über das Töten zu reden wie unwissende Priester über das vergossene Blut Christi? Ich hatte Angst, doch ich verdrängte die Angst auf die Art meiner bevorstehenden Reise. Ich wünschte mir, es möge an diesem Tag kein Flugzeug starten, wünschte mir Stürme und Schnee, mitten im Sommer, und falls kein Flugzeug starten würde, gab es sicher einen Grund, weshalb kein Zug nach Madrid führe.
In meinem Gepäck dürftige Stierkampfliteratur, von Männern geschrieben, denen die Frage des ritualisierten Tötens längst gelöst schien. Männlichheldische Todessehnsucht, arrogant, aber im Zerstörungswillen konsequent. Poetisch verbrämte Hilflosigkeit dem Tod gegenüber, und somit auch dem Leben. Viel von der Theorie des Schöpfungsaktes in der Arena, zeusähnlich allmächtig, denn dieser war es, der immerzu zerstörte, was er geschaffen hatte. Keines der Bücher fragte nach der Frau in der Arena. Es gab sie nicht. ......
S. 15 - 18
Ich fühlte gestern abend, dass es nicht gutgehen würde. Es roch nach Blut in der Arena, und die Madrileños, aufgepeitscht, waren ungerecht zu den Novilleros und zu den Novillos. Sie hatten alle drei Angst. Die Angst war ein ekelhafter Brei, der sich zähflüssig in die Arena ergoss und alles erstickte, was die Spanier gut und mutig nennen. Der letzte Toro tat es, nahm seinen sechzehnjährigen Gegner fast zärtlich auf die Hörner und schleuderte ihn in die Zuschauermenge. Der Junge blieb bewusstlos auf dem Schoss einer Schönen liegen, rotberockt war sie, und doch sah man das Blut, das aus seinem Unterleib über das goldbestickte Lichtgewand sikkerte und sich zum Rot des weiten Rockes gesellte. Mit einer Cornada durchlöcherte der gleiche Novillo dem zweiten Novillero das rechte Schienbein. Den dritten, vierzehn Jahre jung, stampfte er, als dieser stolperte, in den Sand. Sie trugen den armen Jungen weg, blutüberströmt, im Gesicht übel zugerichtet. Zurück blieb der Toro, gegen den keiner mehr kämpfen konnte, schritt seine Runden wie ein König, Eroberer, den Kopf stolz erhoben, denn keinem der Jungen gelang es, ihm auch nur mit einer Banderilla das Muskelpaket im Nacken zu kitzeln. Dann holten ihn die Ochsen aus der Arena. Er verliess sie nur widerwillig, schnitt fünfmal vor dem Toril den Weg, schritt seine Siegerrunden unbeirrt weiter. Das Publikum tobte, schrie «asesino» und «mata lo». Doch er war kein Mörder, nein, wehrte sich nur so gut er konnte, wollte nicht sterben, denn es war nicht Seine Zeit. Ich wusste, verschwommen nur, dass es so kommen würde, sah es in einem Tagtraum kurz zuvor, sah Blut und eine weinende Mutter und den schwarzen Toro. Keiner der drei jungen Stierkämpfer verliess in der typisch männlich arroganten Pose, mit hohlem Kreuz den Ort des Kampfes. Wollte ich einen Toro siegen sehen? Anna brach zusammen, weinte, schrie und zitterte am ganzen Leib. Ich schleppte die noch immer Weinende hinter die Arena, wo sie den jungen Toro, den Sieger, schlachteten. Die Fleischer schreien, beschimpften ihn wie das Publikum, nannten ihn «asesino». Nach einem einzigen, gekonnten Schnitt schoss ihm das Blut aus dem Hals, verbreitete den süsslich warmen Geruch, den ich aus dörflichen Schlachthöfen zeit meiner Kindheit kenne. Sie trennten das Fell vom Fleisch, dieses seidig glänzende, schwarze Königskleid, sie schnitten ihm die Hoden weg, den grossen Penis, die Vorderbeine, den Kopf, zerteilten ihn in essbares, verkaufbares Fleisch, legten einen grauen Magen bloss. Der barst durch eine Ungeschicklichkeit des einen Fleischers. Zähflüssig ergoss sich die Brühe über den roten Klinkersteinboden, Halbverdautes, Grünes, das mit grossen Wasserkesseln in den Abfluss gespült wurde, dorthin, wo sich schon das heisse Toroblut verdickte. Wir schauten das riesige Toroherz, das noch zu donnern schien, halluzinierten Trommelschläge, Naturgewalten, den Herzschlag der Erde. Wir schauten in die rohen Fleischergesichter, Arbeiter, die doch nichts anderes tun als ihre Arbeit, schauten die breiten Hände, die den Toro zerteilten, und ich nahm Annas Hand, führte sie zu dem noch warmen Klumpen Fleisch, der jetzt fast schutzlos auf den Fliesen lag: das Herz des Toros. Ich bohrte ihre Hand, zur Faust geballt, in dieses warme Fleisch, damit sie wissen würde, für immer wissen würde, wie es sich anfühlt: das Herz des Toros. Vor der hölzernen Schranke tobte Annas Freundin Tencha. Sie fluchte, verfluchte mich, nannte mich Hure im Namen meiner Mutter, doch ich lachte. Ich konnte nicht aufhören zu lachen, ein Gelächter, schmerzhafter als jedes Weinen. Ich lachte einer Zerstörung entgegen, die drei jungen Menschen beinahe das Leben gekostet und diesen Stier entwürdigt hatte. Ich lachte in das entsetzte Gesicht meiner Freundin Anna: Frauen, ich wollte sie stark und stolz und göttlich, sie waren doch kleine Lämmchen, wussten nichts vom Sterben, Töten, und auch nichts vom Leben. Sie redeten nur davon, wie kleine Mädchen dann und wann vom Grossen, Grössten träumen. Frauen, dachte ich, und schnitt im Geiste manche Ohren weg zu Ehren dieses nackten, zerlegten Heros, zu Ehren seiner Tapferkeit und seines Mutes. Es war eine verrückte Nacht, ich hatte meine Freude an ihr und mir. Als Tencha endlich ging, nahm ich Anna am Arm und kaufte in der nächsten Kneipe eine Flasche Magno. Die soffen wir, Göttinnen, Toros und alle Matadore der Welt, wir waren besoffen wie die Heiligen. Ich brachte Anna nachhause, wo sie zu Antonio Molinas Falsettstimme «Toreeeeeeeeerooooooooo» einen Flamenco tanzte, dass selbst die brävsten Engel unkeusch geworden wären, wenn es sie gäbe. Schön war sie in ihrem nachtblauen, schweren andalusischen Rock, schön wie eine Königin - und sie lebte. .......
S. 27 - 29
Sie weinten nicht, die Göttinnen, jene Hirtinnen des antiken Stieres. Ihr Zorn blieb ohne Opfer, als Espla in einer groben Geste sein Geschlecht an der seidig glänzenden Stirn des Toros rieb, der ihm in der Las Ventas gegenüberstand. Dem soll ein geschickter Hornschnitzer vor dem Kampf die Hörner gekürzt haben. Sie schrieen nicht, die Göttinnen, riefen keine Flüche, als Rafael de Paula zum viertenmal die Espada in den Nacken seines Gegners rammte, ohne ihn zu töten. Ein Stier, der katzenschnell zu laufen wusste, bis ihn der mörderische Kuss der Puntilla endlich fällte. Es blieb die Erde stumm, als der Matador Curro Vasquez, schwer verwundet, die Faust gegen seinen Sieger erhob, den schönsten Stier der Saison, den schönsten vielleicht, den Spanien seit Jahren gesehen hatte. Wieder einer, der kam um zu siegen, nicht elendiglich zu sterben, wie es ihnen bestimmt ist und bleiben wird, solange die Göttinnen schweigen. Für ewig verstummt die Göttinnen, ihr Schweigen ähnlich dem Schweigen des sterbenden Toros, der das Geheimnis der Verbindung von Weib und Blut, Fruchtbarkeit und Erde, Manneskraft und Weibesmut mit in den Tod trägt. Es schwiegen auch die Vögel um fünf Uhr nachmittags in der Las Ventas, und Ewigkeiten später verliess eine rote Septembersonne unsern Erdteil. Es begann die Zeit der gehörnten Göttin, des Sichelmondes, ohne Wärme, denn der schwarze König hatte die Mütterlichkeit in den langen Tod mitgenommen. Trotzdem jubelten die Madrileños, als die Espada singend zum viertenmal die Luft zerschnitt, und grausames Gelächter begleitete Esplas symbolischen Fick an der nassen Stirn des Tieres - auch Vasquez' Faust wurde hingenommen, das Blut spritze ihm aus der Oberschenkelaorta, eine gewaltige Angst verzerrte sein Gesicht, und es war die Faust eines kindlichen Tyrannen, die, in Hilflosigkeit erstarrt, der Natur Rache schwor. Es regnete blutrote Nelken in die Septemberdämmerung; viele für Curro Vasquez, den Verwundeten, viele für Esplas Frechheit, Dutzende für de Paulas Weigerung, seinen Stier mit Anstand zu töten. Stoisch zerrten die Maultiere den letzten Stier durch den Sand. Er hinterliess eine hässliche Spur, dieser gekreuzigte, the hanged Toro, der, dessen Blut die Erde willfährig machen soll für neue Frucht, für das grosse Wachsen im Schutz der heiligen Eichen, wenn die runden Steine sich mit Wärme füllen und der goldene Himmelsstier auf blühendem Thymian Diana, die Göttin, liebt. Es säumten rote Nelken die hässliche Spur im Sand, wie die roten Nelken Wochen früher deinen Triumph, Anna, in der verlotterten Dorfarena säumten, als du dein erstes Stierkalb erstachst. Strahlend botest du deinem Apoterado zwei winzige, rehbraune Ohren dar, vergessen waren seine fetten Hände auf deinem schlanken Mädchenkörper, vergessen die unzähligen Demütigungen, die Canossagänge durch das Bestechungslabyrinth des Mondo Taurino. Die roten Nelken standen dir gut zu Gesicht. Das Foto zeigt dich glücklich, eine schöne, strahlende junge Frau im weissen Lichtgewand. Was hat dich damals glücklich gemacht, fragte ich dich. Aus dem Töten eine Kunst zu machen, sagtest du. Du sagtest es scheu, fast trotzig, ich wagte lange nicht an diesen Satz zu rühren. Ein Granatsplitter, der sich tief in unsere seltsame Freundschaft grub und dort verglühte. ......
S. 32 - 37
Sie tun sich schwer mit mir, die beiden Frauen, Anna und Tencha. Sie verboten mir, ihrer gestrigen Novillada beizuwohnen aus Angst vor meiner Kritik. Schade, ich wäre gerne Schülerin der Dinge, von denen sie mehr verstehen als ich. Statt dessen besuchte ich sechzig Kilometer von Madrid entfernt in einem kleinen Bauerndorf eine andere, von Frauen bestrittene Novillada. Ich klemmte mich ganz unten hinter die Barrera und sah mich einer hübschen jungen Frau gegenüber, einer Stierkämpferin zu Pferd, sah kopfschüttelnd zu, wie Frauen töten. Sie tun es fast lächelnd, hübsch in der Konzentration, die die Faena verlangt, und ihre engen Lichtgewänder verraten Konturen, die kaum erlauben, sie mit männlichen Kollegen zu verwechseln. Während der «Stunde der Wahrheit», dem Töten, zeigen sie dasselbe arrogante Gesicht und denselben überheblich gekrümmten Rücken, und ich hätte dieser hübschen Mari José in das Gesicht spucken können dafür. Aber sie schenkte mir scheu ein Foto mit Autogramm und schaute mich eine halbe Stunde nach ihrem geglückten Todesstoss an wie ein Reh den Schützen. Wir verschwanden mit ihrem Bräutigam und Frau Mama in einer teuren Kneipe, ich wurde zur teuersten Paella meines Lebens eingeladen, überfrass mich, kotzte das Ganze diskret, nämlich möglichst lautlos in einer Suite von Toiletten, deren goldverzierte Spiegelwände mir das Gefühl gaben, an der Atemdichte des Raumes augenblicklich ersticken zu müssen. Ich dachte an alle ermordeten Toros und an Belmontes Worte, dass alles eher einem Gebet gleiche denn einem Töten, und dachte daran, dass der gleiche Torero sich wenig später eine Kugel durch den Leib jagte, durch diesen Leib, der von allen Toros verschont blieb, obwohl «Stierrennen» für seine Arbeit das falsche Wort war, denn er hatte keine Beine, die rennen konnten. Er hatte nur Mut und die Freude am Töten und stand so unbeweglich vor dem Stier, als wäre er das ewige, statische Labyrinth, ihm, dem Helden, ungefährlich auch ohne Ariadnes Faden, doch des Toros Verhängnis, der statische Ort der Zerstörung. Nach meiner Entleerung tranken wir ein Flasche weichen, dunklen spanischen Weines. Ich flirtete mit diesem seltsamen, tötenden Reh, ihr Bräutigam wurde ungeduldig, und Frau Mama tätschelte mir verständnisvoll den Arm. Viel später, bei einer Flasche Champagner, die ein glutäugiger Kellner im weissen Frack geräuschlos an den Tisch brachte, heulte Mari José oder José Mari in meinen Armen, und ich fühlte mich um den Mut und die Stärke einer Señorita Torera betrogen. Um Mitternacht brachte mich Frau Mama nach Madrid. An der Eraso 32 wartete eine unglückliche Anna. Ich floh in eine Edelnuttenspunte, setzte mich an die Bar und gab mich zufrieden. Da war eine Dirne mit einer menschlichen Stimme und den menschlichsten aller Gefühle, die uns um diese Nachtzeit gegeben sind. Sie war ein Transvestit, ein wunderschöner Transvestit. Er sah aus wie Marilyn Monroe. Nach einer weiteren halben Stunde war auch diese fleischgewordene blonde Verführung nichts mehr als ein besoffenes Bündel Unglück, ein heulendes. Ich sah, dass die Tränen von Transvestiten jenen von ändern Männern und Frauen aufs Haar gleichen. Er drückte weiche Rosalippen auf meinen Hals und nannte mich Joselito, Joselito wie der Torero, der im Todesjahr Manoletes an einem Toro der Zucht Miura verblutete, oder Joselito wie des Transvestiten Freund, der ihn vor Wochen verliess, oder Joselito wie Tenchas Freund, der es vorzog, eine breithüftige, gebärfreudigere Jüngere zu heiraten, und feige Tenchas Wohnung verliess. Dieses Wort, dieses eine, Joselito, genügte. Ich schlug ihm den Kopf von meinen Schultern und verliess, nur beinahe heulend, die Plüschspunte. Ich streunte wie ein Hund durch die Stadt, schnupperte an schlaflosen Bettlern und jungem Nachtvolk, an trunkenen Huren und bestiefelten Zuhältern, bis ich endlich den Heimweg fand. Im Patio begrüsste mich Nachbars Hündin Diana, schwanzwedelnd, dankbar wie immer und treu und ein wenig dumm, und ich gedachte einen Augenblick der Jagdgöttin Diana, an die freche Vermännlichung einer weiblichen Gottheit in ihrem Lieblingstier, dem Toro. Genau dies war es, was mir nun seit Wochen in der Welt des Toreo immer und immer wieder begegnete: die Verneinung des Lebens in einem einst lebensbejahenden matriarchalen Kult. Doch hier war Diana, eine ganz gewöhnliche Hündin, die mich schwanzwedelnd begrüsste und glücklich mein Streicheln entgegennahm. Nein, sie war kein Kip, wie die Zigeuner den heilenden heiligen Hund nennen, dessen Herz sie dem Todkranken als letzte Medizin zu essen geben. Sie war ein einfacher Tschukal, der sein Leben so lange leben würde, wie er es vermöchte und wie es Seine Zeit verlangen würde. es wären der liturgischen gewänder viele der mondin geschenk sieben frühlinge alt dein mut auf schwarze splitterrosen verteilt
steintot fällt dir der tag in den nacken rot/rot die zungen der sonnengötter nah deinem schneeigen herzen
ehe der ginster gesungen goldene lieder singt dir die weide ein ewigkeitslachen verwildert ein abend zu eis
nahen dir schwestern und brüder um in ihrer sprache mit dir zu schweigen bis einer dein herz trifft blühen dir silberne flügel aus jener wunde wahrzeichen aller gemordeten mische ich meine erde mit deiner
meine früheren tode mit deinem und dein letzter zorn sanft geworden zu kosmischen rhythmen
trage ich ein in mir als strandgut in dein fell gekleidet samtene wärme in deinem blut gebadet als fremdlingin
kehre ich zurück dorthin wo leben mit leben verwoben das geschlecht der blumen das meine
und lache mit dir dem tier der göttin den tötern entgegen .....
S. 41 - 46
Nehmen wir an, es sei ein madrilenischer Samstagnachmittag, Anna. Nehmen wir an, ich hätte einen Traum zu erzählen, den geträumt zu haben sich lohnt. Nehmen wir an, es wäre ein Traum, dessen Akteure in unserer Stammkneipe am obern Ende der Eraso im 28. Bezirk Madrids unweit der Las Ventas beheimatet sind. Nehmen wir an, du und ich, wir würden dort an der Bar unsern Kaffee trinken. Neben uns stünde eine alte Frau mit langem, eisgrauem Haar, die mageren Arme auf die Theke gestützt, den ebenso mageren Körper in lächerlich schlotternden, verwaschenen Jeans und mausgrauem Polohemd, um den faltigen Hals ein rotes Tuch, die Füsse in ausgetragenen spanischen Stiefeln, um die Hüfte locker ein grober, metallener Gurt. Du hörtest ihre Stimme, nicht Männerstimme noch Frauenstimme, leise, verhalten, aber klar, mit einem Unterton von Ironie, wie er Menschen eigen ist, die sehr viel wissen und deshalb sehr viel leiden. Ihre Hände wären die Meisterarbeit eines Bildhau- ers, nicht weiblich noch männlich auch sie, androgyne, uralte Hände. Sie tränke ihr Bier, das fünfte, zehnte, zwanzigste, was weiss ich, doch sie verriete keine Trunkenheit, nur diese tiefe Ironie, eine bittere Gelassenheit - und ihr eisgrauer Vorhang hinge ihr schwer und fett hin zur schmalen, ausgemergelten Kinderschulter - und es wäre ihr Körper eine kindliche Unschuld. Nehmen wir an, sie spräche mit einem zahnlosen Mund zu dir, Anna. Worte mit leiser Ironie oder bitterer Gelassenheit. Ihre Wangen eingefallen, die gelbe, pergamentene Haut straff über die Backenknochen gespannt, die hellen Augen fest auf dich gerichtet beim Sprechen. Du sähest einen weiblichen Mephisto, sähest, verängstigt durch ihre Nähe, einen hingerichteten Mephisto, du hörtest ihr Gelächter nicht am Rande der leisen Stimme und fühltest die Unschuld nicht, die schöner ist als Schönheit je sein kann. Du würdest den notwendigen Riss im Gefüge dieser Unschuld nicht bemerken, notwendig, damit sie überhaupt transparent wird, denn ein Ganzes kann nie als Ganzes verstanden werden ohne diesen Riss, so wie Liebe nie als Liebe verstanden wird ohne das Element des Bruches, der Zerstörung. Sie hiesse El Sol in meinem Traum, die Kneipe, obwohl sie in Wirklichkeit Rio Sal heisst, salziger Fluss, am Ende der Eraso im 28. Bezirk Madrids. Es wären tausend Monde, die in ihren Räumen tobten. Der Kellner hinter der Bar mit seinen schwarzen, unappetitlichen Zahnreihen hiesse Angel. Seine Hände wären klumpig roh, grob, nicht Bauern- noch Metzgerhände, Hände, die das Liebkosen nie geübt haben, weil auch sie nie liebkost wurden. Er trüge dir den Kaffee hin, als wär's ein Gesöff des Teufels und du seine Tochter, und es wäre die Alte, die dein Schweigen bräche wie weiches Brot, zärtlich fast: que pasa tio, hermana mia, que pasa? Du würdest für einen Augenblick ihre Stimme erkennen, eine, die Menschen eigen ist, die längst jenseits der Bruchstelle leben, jenseits unserer jungen Unerschütterlichkeit, die sich in Träumen von Hoffnung und Freude ausdrückt. Du würdest für den Bruchteil einer Sekunde den Kellner lächeln sehen, das Lächeln eines, der nicht das Gesicht eines Metzgers noch das eines Bauern hat, sondern ein Gesicht, das von der tödlichen Langeweile eines kleinen Lebens gezeichnet ist. Es wäre eine Welt mit stillem Geschehen, ohne grosse Bewegung, und doch würden Welten bewegt, die ausserhalb unserer eigenen, individuellen Wahrheit ihre klare Sprache haben, im Lieben und im Leiden. Es könnte für dich eine triviale Geschichte bleiben, wäre das Lächeln der beiden nicht und dieses kurze, ironische: que pasa tio, hombre, que pasa tio, hermana mia der Alten. So jedoch lebst du mitten drin im Geschehen, deine Ratio würde hundertmal vergewaltigt, dein Körper von verführerischen Todesgerüchen vergiftet, des Kellners Mund ein brennender Mund, eiskalte Glut in einem Gesicht, das keines Metzgers Gesicht sein kann noch das eines Bauern, und der Alten weiche, androgyne Hände versprächen Verlockung und Abscheu, und ihr zahnloser Mund trüge dieses que pasa tio weiter in dein Herz, in die hintersten Hirnwindungen, in die letzten unverbrauchten Ecken deiner Gehirnlichkeit, denn das Lieben der Alten ist nicht dort beheimatet, wo wir unser Lieben vermuten und in den bequemsten aller Stunden auch erfahren. Ihr Lieben ist im Unglück beheimatet, aye, in der Würde des Leidens, des Erleidens als Selbstzweck. Ihre Liebe will sein, so, wie es einem Artaud richtig war oder einem Franziskus vielleicht, die all dies verstanden. Es ist eine Liebe, die mit der Not umzugehen weiss und mit den schwarzen Nächten menschlicher Existenz und mit den faulenden Innereien eines sterbenden Körpers, doch auch mit der Schönheit deiner Haut und den Versuchen der Steine, das Beten zu lernen. Und ihre Liebe kennt jenen Bruch, der Liebe erst ausmacht, und ihre Liebe liebt, selbst wenn sie auf einem Abfallhaufen Menschlichkeit, in dem andere wie räudige Hunde nach stinkenden Resten suchen, diese erst bekacken, damit sie ihren eigenen Geruch annehmen und geniessbar werden, ihre Flügel entfalten sollte. Nehmen wir an, ich würde unser gestriges Gespräch um den Toro mit diesem Traum aus einem Traum, den ich lebe, beantworten. Nehmen wir an, ich nähme die Möglichkeit zu schreiben aus eben diesem kochenden Sud menschlicher Seinsweise, am Rande einer Mitte, die ihre Ränder längst vergessen hat und konforme, enge Mitte bleibt. Es ist die Breite der Ränder, die ein Leben ausmachen und die Mitte bestimmen. Die Erfahrung des Lebens lässt sich nicht der Mitte abringen, es sind die Ränder, die sie grosszügig zu verschenken wissen, grosszügig auch im Gelächter und im Weinen, das diese Ränder weinen, eine Ewigkeit lang, während die Mitte schlafend gebiert, was wir Kultur nennen und Schönheit, die der einer verhöhnten Schaufensterpuppe gleichkommt, einer Puppe ohne Magen, Gedärme, Vagina, noch Herz, noch Nieren, Milz und Leber. Leere, rosageschminkt, makellos modelliert, Lüge, denn es gäbe die Schönheit nicht, wüsste deren Schöpferin nicht ebenso um die Fäkalien menschlicher Existenz und erkennte nicht den Klumpen Fleisch, den du Herz nennst, die Urmaschine, die polternde, dröhnende, schreiende, und wäre die Wut nicht, die ich angesichts des Mordens fühle. Diese Wut ist mir so wichtig wie die kindliche Zartheit der Alten und die morgendliche Stunde auf dem Klo und - gelebte Träume stinken nicht. Nehmen wir an, du würdest mich in diesem Traum bitten, mit dem Quälen aufzuhören, und ich würde dir antworten, dass dies die Antwort ist auf die Qual, dich töten zu sehen, und dass ich wissen will, wo du wirklich bist. In unserem Traum wäre die Alte nun nicht mehr allein. Herein wie ein vergessener Wind käme ihre Freundin, eine junge Frau, eine Andalusierin vielleicht, mit grossen schwarzen Augen, herbem Dreieckgesicht mit scharfen Linien und einem Körper, Göttin, weichgeschwungen wie die Konturen andalusischer Hügel. Du sähest das Lächeln der Alten in ihren Augen, ihren Händen und unter der lächerlichen Verkleidung aus schlotternden Jeans und mausgrauem Polohemd blühen, du sähest das Lächeln der jungen Frau, herb wie ihre Gesichtszüge. Sie röche nach grauem Sand und leeren Wasserzistemen und einem Kraut, das die Zigeuner lieben und wildes Spargelkraut nennen. Ihr Kleid wäre aus Thymian und ihre Lippen Apfelsinen. Es bliebe alles banal, wäre das Lächeln des Kellners nicht, dieses Lächeln, das der Alten gilt, und ihre leise Ironie, wenn sie dich zwischen zwei Küssen anschaut; que pasa tio, hermana mia, es una mujer torera como tu, tienes miedo? es la vida, mujer, meines ist bald zuende, verpasse das deine nicht. Und es wäre ein Samstagnachmittag, meine Schwester, und ich könnte mir ein Lachen nicht verkneifen, während du in deine Tasse starrst, wo der Kaffee, kalt geworden, hässliche Ränder hinterlassen hat. Und es wäre dein Atem an meiner Seite, und ich liebte dich für deine Ortlosigkeit, und es wäre ein anderer Aspekt dessen, was deine Welt des Toreo Leben nennt und mir göttlich ist, du hättest mein Fragen endlich verstanden.
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