Lyrik - Gedichte   (27.10.2005 am Oberlin College)

Einführung Lyrik - Gedichte - Expressionismus

 

Expressionistische Lyrik ist nicht gültig kritisierbar, weil es keine objektiven Kriterien gibt, nach denen sie verbindlich beurteilt werden kann. Das heisst nicht, dass sie nicht gut oder schlecht oder banal sein kann. Es heisst aber, dass Dein Urteil massgeblich ist, aber leider nur für Dich und für niemand sonst.

Ein expressionistische Gedicht ist ein Versuch eines Autors, einer Autorin einen inneren Zustand sprachlich abzubilden, zu reproduzieren, für sich selbst, als Notiz. Der Versuch ist dann gelungen, wenn das Wiederlesen des Gedichts zuverlässig den inneren Zustand, den er abbilden sollte, wieder erkennbar, wieder erlebbar macht, oder, ihn sogar wieder herstellt. Wortwahl, Syntax und Rhythmus können dabei wichtiger sein, als die nach gesellschaftlichen Normen interpretierten „konkreten Aussagen“. Nichts, was für mich gilt, muss auch für Dich gelten und umgekehrt.

Ein Beispiel:

Der Satz: „Die Bisamratten sind zurückgekommen“ ist banal.

Warum stimmt er mich fröhlich? Warum tröstet er mich, wenn ich traurig bin?

Warum scheint die Sonne auf gelbgrünen, jungen Schilf?

Warum darf er Dich nicht ängstigen, ekeln, erschrecken? Nässe, Schauder, Kälte, Schlamm, Kanalatmosphäre in Dir auslösen? Oder gar nichts? Er darf!

Du allein bist massgebend, denn Du bist richtig, so wie Du bist. Was von aussen auf Dich zukommt darfst Du annehmen oder ablehnen, wirken lassen oder verdrängen, nur eines darfst Du nicht, Deine Eindrücke, Deine Gefühle andern aufdrängen oder Dir die der andern aufzwingen lassen, Du bist in der Rezeption von Lyrik Dein eigener Chef und was sie in Dir auslöst ist Dein Allerheiligstes, Dein Tabubereich.

Natürlich darfst, sollst Du darüber reden, wenn Du magst, aber Du musst wissen, dass Du Dich über Dich selbst äusserst, nicht über die Lyrik. Das gilt auch für Professorinnen und Professoren.

Ein zweites Beispiel:

Ich sagte einmal zu einem Maler in seiner Ausstellung: „Das Bild XY ist wunderbar, ich möchte es immer in meiner Nähe haben. Wenn ich Geld hätte, würde ich es sofort kaufen.“ Seine Anwort: „Hast Du ein Glück.“ Ich: ??? Er: „Das Bild entsteht in deinem Kopf. Was weiss ich, was ich damals gesehen, gedacht und empfunden habe, als ich es malte, was weiss ich, was es mit dem Bild, das in deinem Kopf entsteht, zu tun hat? Du hast Glück, wenn es dir gefällt – und ehrlich gesagt – mich freut’s natürlich:“

 

 

Gedichte

 

Aus Nachrichten aus dem Exil S. 37

 

Kein Meer lag uns zu Füßen,

im Gegenteil, wir sind ihm

mit knapper Not entgangen, als

uns - kein Unglück, sagt man, kommt allein -

der stählerne Himmel ans Herz fesselte.

 

Umsonst haben wir an den Schädelstätten

um unsere Mütter geweint,

und tote Kinder mit Mandelblüten bedeckt,

sie zu wärmen im Schlaf, dem langen.

 

In schwarzen Nächten sät man uns aus

um dann, in den Morgenstunden,

die Erde von uns Nachgeborenen leerzufegen.

 

Noch im Schlaf such' ich Dir Wildkraut und Minze;

Fall ab, Auge, sage ich zu Dir,

und daß Du nie in ihre Gesichter sehen sollst,

wenn ihre Hände zu Stein werden.

 

Darum das Wildkraut, die Minze.

Sie liegen Dir still auf der Stirn,

wenn die Mäher kommen.

 

Für alle Roma, Sinti und Jenischen, für alle Jüdinnen und Juden, für die Ermordeten von gestern und die von morgen.


 

 

Aus Widerwelten S. 56

 

Grab um Grab

in Finsternis verbannt,

 

nutzlose Träume,

die Saat gottloser Armut

ohne Verheißung

an Land geschwemmt.

 

Wie Stille wandern

sie als Adern durch den Fels

hinaus ins Helle, vertrösten

das übrige auf

einen andern Tag.

Was ist mit mir, mit

meiner Kammer voll Gerümpel?

Was ist mit dem Schmerz,

dem Wahnsinn im Gepäck?

 

Geduld, verspricht einer

ohne Strenge:

 

Dein Ruheengel ist, so

sagen wir zum Tode,

noch anderswo beschäftigt.

 

So bin ich

noch immer ausverkauft an diese Erde,

und meine Herkunft, verwachsen mit

der Nacht, die Antwort

eines schwarzen Sterns.

 

Was wäre, falls mein Ruheengel,

von der Reise müde,

mit zerrissenen Flügeln

in aller Verlassenheit

an meiner Statt verstürbe?


 

Aus Das Sternbild des Wolfes S. 68

 

Wirf keinen Blick zurück,

denn sonst erstarren dort

Freunde zu Salz oder

kommen im Feuer um.

 

Wenn ihr Heimweg verfolgt,

ihr Gang beweint wird,

sind auch sie keines

Lebens mehr sicher.

 

Wirf keinen Blick zurück.

Lass die Lebenden gehen,

während wir mit Toten

Herz um Herz verschachern.

 

Gib sie frei, die von gestern,

sie sollen sich nicht wie wir

im brennenden Dornbusch verlieren,

 

der uns längst krank gemacht

hat, weil niemand unserer

Abschiede gedenkt.

 


 

Aus Das Sternbild des Wolfes  S. 92

 

Vom Wandern sei hier nicht die Rede,

wir waren nie des Müllers Lust.

 

Wohl aber vom Heimweh,

das atemlos Gebete schreit,

und eines jeden Toten

Waterloo verrät.

 

Aufbruch und Amen.

Wer weiß wohin,

in welche Ecke dieser Bühne

voller Mörder,

 

die heute das Geschick

der Welt bestimmen:

 

auch das des jungen Knabenkrauts,

der Feuerlilie auf dem Feld,

und das des Monds in meiner Hand.

 

Trotzdem, wir rütteln an der Gegenwart,

als gäb es da noch was zu holen.

 


 

Aus das Sternbild des Wolfes   S. 22

 

Ich werde in die

Sümpfe wandern,

Schritt um Schritt,

 

bis mich die Zeit

bestürzt, mir neue

Wege weist.

 

Dann erst

nehme ich mich

bei der Hand,

 

schreibe weiter,

der Zeit voran:

 

ein Kinderspiel.

 


 

Aus das Sternbild des Wolfes   S. 28

 

Ich mied keine

Stadtstraßenkreuzung,

lebte gefährlich glücklich

zu Land.

 

Dann doch das Ende.

Befrei meinen Mund,

bat ich die Zeit,

 

und dass ich, vom Wort

angefochten, nicht

zu leben wage,

sag ich dem Tauben;

der schweigt.

 

In die Mulde Stille

will ich zurück,

empfehl mich dem Ungewissen.

 

Statt der Mulde ein Loch,

schwarz wie der Tod,

wäre mir recht,

 

um endlich das Schweigen

zu lernen.

 

 
 

Aus das Sternbild des Wolfes   S. 46

 

Ich hätte wissen müssen,

dass dein Herz

– weit weg von unnützen

Dingen – vom Lebenstrapez

fällt.

 

Wer bin ich zu hoffen,

auch nur eine Berührung

hätte Heimat bei dir gefunden

 

oder Lieder sängen sich

weiter und Tänze hielten sich

wie zuvor am Leben?

 

Nutzlos.

Ich wache zur Nachtzeit,

sogar im Schlaf.

 

Tagsüber sind die Schatten

kaum zu ertragen,

die Stimmen zu hell,

zu verwegen die Räume.

 

Nach moosfarbenen

Stunden ist mir zu Mut,

nach moosfarbenen Worten,

Umarmungen,

 

nach moosfarbenem Licht.

 

Ich warte vergeblich.

Dein moosfarbenes Herz

hört mich nicht mehr.

 


 

Aus das Sternbild des Wolfes   S. 54

 

Man sät uns aus,

die Herbstzeitlosen

des Worts,

 

ungefragt wie alles,

was man uns antut,

uns ewig Beraubten.

 

Die Zeichen der Zeit,

wir haben sie übersehen.

Wir waren – zu lange von

 

Verlusten verfolgt –

an die Stufen der

Schwermut gefesselt.

 

Es ist Zeit,

dem Ruf der Sterne zu folgen,

dem Gewitter des Schreckens

die Stirn zu bieten.

 

Baxtalo drom, die Sterne

sind blind und doch

der Schönheit verfallen.

 

Mir will ein Alb

ans Herz, wenn das Unsägliche

auch seine Wurzeln einrollt.

 

Doch seht, die Sterne

sie treten nicht ab,

Sie laden zum Mahl.

 


 

Aus das Sternbild des Wolfes   S. 66

 

Eine Woge Meer

schreibt mich ungeduldig

an Land,

 

obwohl ich keinem Stein,

keinem Sandkorn zu antworten weiß.

 

Von Händeln schlau

geworden, weicht mein Wort

in seine Tarnkappe zurück.

 

Ich komme mit ihr zurecht.

 

Her mit dem Meer,

nimm mich zurück,

noch liegen Früchte auf

deinem Grund,

 

meines Liebsten Mund.

An ihm geborgen

will ich geduldig

die Nacht abwarten.

 

 
 

Aus das Sternbild des Wolfes   S. 80

 

Mit den Stigmen

des Außersichseins

versehen besetz ich

das Sternbild des Wolfes.

 

Wortlos Sprache zu schreiben

wäre ein Reichtum,

Atemzüge im Rhythmus des Lichts.

 

Nie hat einer vor uns

um Einhalt gebeten

oder ein Nein der Verzweiflung geschrien,

wenn Stille geboten war.

 

Von Stummheit gestirnt,

warte ich täglich auf

deine Lebensmusik.

 

Umsonst?

Unbemerkt vorerst,

durchdringt alles einst

Getane die Zeit,

 

Wortlaute, in uns

heimisch geworden

und Heimat zugleich,

 

bis das Glück,

in Brand geraten,

rückwärts stürzt.


 

Aus das Sternbild des Wolfes   S. 17

 

Cerberus, der Totenwache

überdrüssig, verlacht

vergnüglich eines jeden

Ziel, auch meines.

 

Ich, Weltenlose ohne Bilder

lache mit.

 

Ängste? Vielleicht

ein fernes Ahnen von

verspielten Zeiten.

 

Aus jeder Sicherheit

verworfen, von jeder Fahrt

ins Uferlose ausgeschlossen.

 

Was tun, mein Herz

als fröhlich zu verwildern?

 

 

© by DRAVA Verlag

 

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