Aus dem Roman "Daskind" (22.09.2005 am Oberlin College) |
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Eine kurze Einführung in den Roman "Daskind" Für ein Kind sind die nächsten erwachsenen Bezugspersonen das Mass aller Dinge. Wenn die Beziehung zu diesen Bezugspersonen gut ist, fühlt sich das Kind sicher, behütet, aufgehoben. Wenn sie schlecht ist, bedeutet dies Verunsicherung, verstossen sein, Einsamkeit. Die rationalen Gründe dafür kann es nicht verstehen. Es kann die Schuld für die schlechte Beziehung nur bei sich selbst suchen, die schlechte Behandlung nur als Strafe verstehen. Die Integrität der Erwachsenen ist solange tabu, bis Personen in sein Bezugsfeld treten, die sich anders verhalten. Im Roman „Daskind“ treten solche Personen auf: Der Knecht, der es nach seiner Flucht im Acker entdeckt und zur Bauernfamilie trägt, die Bäuerin, die es wärmt und füttert und vor allem Leni, die Waldfrau. Sie relativieren die Integrität der Pflegeeltern und zeigen Widerstand als reale Möglichkeit auf. Niemand kann Ungerechtigkeit auf Dauer ertragen, auch Erwachsene nicht. Es ist bekannt, dass unschuldig in Gefängnissen Einsitzende sich ein Verbrechen ausdenken und als Realität zu verinnerlichen suchen, welches sie begangen haben und für welches sie bestraft werden, um mit sich und ihrer Umgebung ins Gleichgewicht zu kommen. Andere Unschuldige werden im Gefängnis zu Verbrechern, sie tun sich mit den schlimmsten zusammen, versuchen von ihnen zu lernen und planen eine Zukunft ausserhalb der Legalität, weil ihnen Gerechtigkeit innerhalb der Legalität verweigert wurde. „Kindselberschuld“ schreibt die Autorin und verknüpft damit die Frage: Wie hätte sich ein Kind anders verhalten können, sollen, müssen, um der Geschichte einen anderen Verlauf zu geben. Sich besser anpassen? Demütiger sein? Heuchlerisch? Nein! Also Auflehnung! Widerstand! Kampf! Mariella Mehr zeigt in ihrem Roman „Daskind“ ein fiktives alter ego, das sich rächt, an denen die es schänden. Dieses alter ego hat auch so keine Chance. Der Landarzt Mächler sagt es auf Seite 182: „Das Kind muss weg aus dem Dorf... Und wie es kämpft Daskind, dem keiner hilft, auch er nicht, niemand im Dorf.“ Am Ende meint das Kind, sich behauptet zu haben: „Hat Daskind einen Frieden gefunden. Lächelt wieder, Daskind.“
Eine Geschichte ist dann eine gute Geschichte, wenn Du ihr schlimmstmögliches Ende gefunden hast, sagte Friedrich Dürrenmatt.
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In der Bibel steht: Am Anfang war das Wort.
Ich meine, am Anfang war die Stille! Dann kam vielleicht der Schrei, das Knurren, Fauchen, Summen, Lallen, Schluchzen, Lachen usw. als sprachunabhängige Expression, als lebensnotwendiger Ausdruck der Gefühle (Angst, Aggression, Freude, Lust, Trauer etc.)
Stille, Schweigen. Als Kind habe ich Welt nur als Lärm erlebt, es sei den denn im Wald, wo eine andere Ruhe herrschte, ein beruhigendes, schweigsames Rauschen, dem ich mich hingeben konnte.
Zu diesem Schweigen oder dieser Stille habe ich Ihnen ein Kapitel aus: „Daskind“ ausgewählt. Vielleicht gibt der Text etwas von der Spannung wieder - zwischen Lärm und Stille, Reden und Schweigen.
Ich lese ab Seite 21 in der Mitte
Ein solcher schuldiggebliebener Tribut hatte Kari Kenel unlängst das Leben gerettet. Daskind fror und lebte in einer andern Zeit auf einem andern Stern. Da kann schon einmal ein Wunder geschehen, wenn Zeit und Raum stillstehen, so daß kein Augenblick bleibt, in der richtigen Reihenfolge zu leben. Da kann sich das Wunder austoben und totlachen ob dem vergeblichen Bemühen eines Kindes, Ordnung zu schaffen. Ordnung herrschte keine, als Kari Kenel Daskind mit in denWald nahm und mit ihm den Liedern lauschte, die Bäume statt unnützer Worte gebrauchen, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Es kam nicht oft vor, daß sich Kari Kenel ohne Säge, Draht und Zange zum Vorderberg aufmachte, wo das Dorf sein Holz für den Winter hernahm. Doch wenn der Pflegevater ohne Werkzeug in den Wald ging, so wusste Daskind, war es das Heimweh, das ihn trieb und seine Füße mit Flügeln versah. Eine Krankheit, nannte er dieses Weh, von dem Daskind keine Ahnung hatte, da es seine unbefriedeten Örtlichkeiten, in die man es hineinzwang, als etwas Gegebenes verstand, in dem man sich einzurichten hatte. Dort sein zu wollen, wo man gerade nicht war, hätte für Daskind den sichern Tod bedeutet, denn in seiner Welt hieß träumen einen Augenblick vergessen, daß man sich immer und überall vorzusehen hat, weil immer und überall Gefahr droht. Kari Kenel aber hatte Heimweh und gab damit zu verstehen, daß er sich in seiner Welt nicht vorzusehen hatte. Er konnte sich eine Zeitreise nach Idaho leisten, Daskind an seiner Seite vergessen. In sich gekehrt schritt er dem Vorderberg zu, dessen Waldgürtel unterhalb des breiten Bergrückens ihm die Illusion verschaffte, in den Wäldern Idahos zu wandern.
Daskind war verwirrt. Die Hände auf dem Rücken, wie es Erwachsene tun, versuchte es, mit dem Pflegevater Schritt zu halten. Der da neben ihm lief, war nicht der Mann, der weinende Gott, dessen Tränen seinen nackten Körper benetzten, wenn er mit bedächtigem Zorn auf es einschlug, oft bis Blut floß. Der hier glich jenem melancholischen, jungen Mann mit dem großen, breitrandigen Hut, von dem die Waldfrau, zu der sich Daskind ab und zu flüchtete, behauptete, daß er ihr Bruder sei. Dann leuchteten ihre Augen, und liebevoll glitten ihre Hände über die leicht vergilbten Fotografien und Ansichtskarten in der Schuhschachtel, die griffbereit in der Küche, auf einem hohen Stapel alter Zeitungen aufbewahrt wurde. Auf dem Deckel war eine Landschaftsansicht aufgeklebt, die aus einer Zeitschrift stammen mußte. Im Vordergrund waren düstere Gebäude zu sehen, die sich wie verlassene Katzen aneinanderschmiegten. Sie schienen dem Kind bedrohlich und fremd. An einem Brunnen wuschen sich Männer mit nackten Oberkörpern. Ihre lachenden Gesichter glänzten schwarz, und aus diesem Schwarz leuchteten weiße, gefährliche Raubtierzähne. So jedenfalls empfand es Daskind. Wie Neger, schmunzelte die Waldfrau, aber einer von ihnen sei Kari, der da, sie zeigte auf einen der lachenden Männer; der hochgewachsene, der schöne Kari, so habe man ihn in seiner Jugend genannt. Daskind, das nicht spricht, denkt an den weinenden Silbergott, dem das Blut nicht aus dem Herzen fließt wie dem Silberleider über dem Sofa.
Ein Kind wie Daskind ist leicht zu verwirren, wenn keine Ordnung herrscht. An jenem Tag, einem hellen Frühsommertag, trottet das Kind neben dem Mann her, der es verwirrt. Sie haben die Häuser hinter sich gelassen, in der ersten Steigung wird ihr Schritt langsamer. Weil Daskind auf dem nassen Laub ausrutscht, versucht es, die Hand des Mannes zu fassen, der, weit entfernt, zwischen sich und dem Kind ein Ozean, einen andern Weg geht und dem Kind die Hand nicht reichen kann. Also hält sich Daskind an die Gerüche des Waldes. Und an das Zwitschern, Zirpen und Trillern der Vögel. Manchmal flieht ein Hase ins niedrige Gebüsch, ein Eichhörnchen auf den nächsten Baum. Eichhörnchen, sagt der Mann, oder Hase, ein Wind streicht ihm das graue Haar aus dem Gesicht, so daß die gefurchte Stirn zu sehen ist. Und die Augen, grau wie das Haar. Der Wind hält den Himmel in Bewegung. Das heisere Bellen eines Fuchses ist zu hören. Kari Kenel berührt Baumstämme, betrachtet ihren Wuchs, runzelt ab und zu unwillig die Stirn. Daskind tut es ihm nach, bleibt ihm auf den Fersen, stumm. Die Bäume singen ihre Lieder; Buchen, Birken, hohe, schlanke Tannen miteinander im Gespräch, das jedenfalls behauptet Kari Kenel, wenn er dem Kind den Wald erklärt. Der bewundert das helle Grün der jungen Buchenblätter, ohne, vom Gedanken ans Grünezimmer aufgeschreckt wie Daskind, wegschauen zu müssen. Der sieht ein anderes Grün, einen andern Wald, weit entfernt im fremden Land.
Sie erreichen die Lichtung. Das Weiberfeld. Vor vielen Jahren, erzählen sich die Dörfler, habe sich hier eine am eigenen Fleisch und Blut versündigt, das Gesetz Gottes verachtend. Da sei der Teufel in die Lichtung eingebrochen und habe die Mächler Olga geholt. Noch heute, bei klarer Vollmondnacht, höre man das brünstige Geschrei der Hure.
Den Sohn habe keiner im Haus gewollt. Als Knecht habe er nichts getaugt, nicht richtig im Kopf sei er gewesen. Irgendwann nachdem sich der Mächler Marti zu Tode gesoffen habe, sei auch der Sohn verschwunden.
Daskind setzt sich ins Gras, rupft am blühenden Thymian, atmet den bittersüßen Duft, denkt ans Geschick der Hure. Es muß das Grün sein, denkt Daskind, Kind Selberschuld, das Grün. Ein Wolkenschatten zerlöchert die Grasfläche. Schweigend kauen Kind und Mann.
An wuchernden Berberitzen und Sanddorn vorbei nehmen sie den Abstieg. Den schwierigeren Weg, sagt Kari Kenel, der sei ihm lieber. Der Weg führt einer Schlucht entlang. Aus dieser Schlucht soll der Teufel gekommen sein, um die sündige Mächlerin zu holen. Tief unten im Gestein orgelt der Bach, schleift sich durch den Fels dem Dorf zu, wo er, seiner Gewalt beraubt, die Bewohner mit seinem reichen Fischbestand erfreut.
Langsam setzt Kari Kenel Fuß vor Fuß. Hier im Schattloch bleibt der Saumpfad den ganzen Sommer über naß und glitschig. Es ist also trotz der genagelten Militärschuhe Vorsicht geboten. Leichtfüßig hinter ihm Daskind. Macht sich ein Spiel daraus, möglichst nah am Abgrund zu gehen. Hört das Orgeln des Bachs als ein grünes Gebet. Lästergebet, Lichtfressergebet. Hört die Brunstschreie der Mächlerin und die des Entsetzens. Greift nach dem Rücken des Mannes vor ihm, der, auf den Stoß nicht gefaßt, auf dem nassen Waldschlick ausgleitet, stolpert und schwer in die Zweige über dem Abgrund fällt. Eine Ewigkeit Erschrecken in den Augen Kari Kenels, der - von den Zweigen aufgehalten - erst in den Abgrund unter ihm und dann ins Gesicht des Kindes starrt. Dunkel ist das Grau vom Erschrecken. Schaut Daskind durch die Angst hindurch mit festem Blick bis zum jubelnden Schrei der Mächlerin, zum Schrei, der ein Tier ist in eisiger Nacht. Kind Ohnegrund. Kann den jetzt unbewegten Himmel über sich einatmen. Und die Angst des Mannes im Gezweig. Könnte zutreten, die Hand, ins Holz verkrampft, zertreten. Müßte fallen, in jene Nächte zurückfallen, aus denen es emporgestiegen ist, in jene eisigen Nächte, die Daskind bewohnt und schon immer bewohnt hat. Wäre Ordnung für lange im Kind.
Aber einer wie Kari Kenel ist ein Widergänger. Bannt den Blick des Kindes trotz der Angst, überrascht das Kind mit stiller Ergebung. Schon löst sich das Bild auf, wird zum Schatten, als der Mann die Hand ausstreckt und dann wieder auf festem Boden steht. Neben dem Kind. Die Hand des Kindes in der Hand des Mannes. Das weint jetzt, Daskind. Hat einen neuen Schmerz gefunden.
© by Mariella Mehr
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