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Aus dem Roman "Brandzauber" (13.10.2005 am Oberlin College) |
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Einführung in den Roman "Brandzauber"
Actio = reactio ist ein altes physikalisches Gesetz. Es besagt, dass eine Kraft, die auf einen materiellen Gegenstand ausgeübt wird, in diesem eine Gegenkraft auslöst, welche gleich gross ist wie die auf ihn wirkende Kraft, aber die entgegen gesetzte Richtung hat, d.h. die Summe aller Kräfte ist = 0 (F = -F) http://www.stud.fh-hannover.de/~schrewe/Physik_1_work/Physik_1_PPT_97/sld171.htm Dieses Gesetz ist nur ein paar Jahrhunderte alt. Ein paar Jahrtausende älter ist seine Entsprechung im Zusammenleben der Menschen: „Auge um Auge, Zahn um Zahn...“ Brandzauber zeigt weitere Entsprechungen in den gesellschaftlichen Interaktionen:
Anna und Franziska sind Jugendliche mit einer Kinderheim- und Anstaltskarriere. Beide sind Opfer von Gewalttaten. Anna, ein alter ego der Autorin, erinnert sich mit grosser Faszination an Franziska. Die Autorin versucht herauszufinden, wie ein Wiedersehen der Protagonistinnen als Erwachsene Personen verlaufen würde. Anna hat sich als Angestellte eines Kurhotels eingerichtet. Ihr Gewaltpotential beherrscht sie, indem sie es an Karnivoren, Insekten fressende Pflanzen, delegiert, ihr Lustbedürfnis befriedigt sie in Analogie zur Selbstbedienung die sie erfahren hat. Franziska – oder Annas Projektion von Franiska? - tritt als Gast des Kurhotels auf. Dieser Auftritt zerstört das Gleichgewicht, in dem sich Anna zuverlässig eingerichtet zu haben glaubte. Die Katharsis, immer wieder unterbrochen durch Rückblenden - Szenen im Rückspiegel der Erinnerung – nimmt ihren, für die Autorin typischen, alles zerstörenden, lawinenartigen Verlauf. Alles? Die Liebe zu allem, was zerstört wird, bleibt. Zwei dieser Rückblenden sind Gegenstand der Lesung aus „Brandzauber“.
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Früher Morgen. Die ersten Badegäste huschen den feuchten Wänden entlang. Schemen im Schwefeldampf. Verschlafen beginnen sie mit ihrer Morgengymnastik. Andere klettern in die Wannen. Kein Wort stört die Morgenruhe. Ab und zu ist ein Stöhnen zu hören. Die Neue liegt in der Sprudelwanne. Ihr Gesicht ist nicht zu sehen. Ich habe ihre Anwesenheit erspürt, wie man eine Gefahr wittert. Keiner hört mein Herzklopfen. Wäre Gertrud nur da. Ich könnte reden. Ich würde an ihren Augen vorbeireden, wissend, dass sie mich betrachten. Hier in der Schwefelhalle würde ich reden. Ich würde stehend reden, während sie, ruhig und besonnen, Runde um Runde schwämme, mich nicht aus den Augen ließe. Ich würde mich in einen nichts und niemanden verschonenden Untergang reden. Wenn niemand in der Nähe ist, flüstere ich ihren Namen. Ich nenne sie Franziska. Es ist der einzige Name, der mir für sie einfällt. Für die Neue, die nicht aufhört, mich an die andere Franziska zu erinnern. Damals redete sie wie ein Wasserfall. Sie kam mit dem Zeitungssausschnitt in den Bretterverschlag gerannt. Man hatte ihn ihr zusammengefaltet unter den Teller geschoben. Ihr verschorftes Gesicht glühte. Auf dem Bild waren Jammergestalten hinter einem Schlagbaum zu sehen. Die werden wir lehren, uns ihr Leid um die Ohren zu schlagen, wiederholte sie immer wieder, als hätte sie ein Gedicht auswendig gelernt und sei sich nicht sicher, es auch wirklich im Gedächtnis zu behalten. Es seien Tote, stotterte sie, Menschen, die hätten leben können, wären sie nicht abgewiesen worden. Frauen und Männer, weinend, mit erhobenen Händen. Weiße Fetzen flattern im eisigen Wind, wenn sie kommen, und ein Gebet überschallt das Zollhaus. Schön angemalt sei es gewesen. Rot und Weiß. Es sei stramm in der Landschart gestanden, wie die adretten Männer in ihren Uniformen. Hielten die Männer auf dem Bild nicht ihre Gewehre im Anschlag, ich könnte sie für Pfadfinder halten. Pfadfinder namens Wolf, nicht wahr, oder Tiger, Bienchen für die Kleinen, auch Wotan, Bingo oder Zigeuner für die Fortgeschrittenen. Jung schauen sie aus, auf diesem Zeitungsausschnitt, den Franziska sich im Archiv besorgt hatte. Sie scheinen ihr Zollhaus mit allem angebrachten Ernst verteidigen zu wollen. Oder das, was nach diesem Häuschen kam, die große Freiheit in einem freien Land. Wie in den Scharnieren geschmiert, fahren sie ihre Prinzipien aus. Einer habe eine Rede gehalten, sagte Franziska. Das Weinen und Jammern sei jäh verstummt. Aber die Männer hätten noch immer mit erhobenen Händen agestanden. Und dann sei er schreiend auf die Uniformierten zugerannt, habe sich furchtlos am Schlagbaum festgehalten. Und an das Weinen des Kindes erinnere sie sich, behauptete Franziska. Sie sehe, wie es sich den Schorf von der Haut kratze. Wie es sich in einer Mantelfalte des Vaters verstecke. Das schreie in seinem Versteck nach der Mutter. Könne nicht verstehen, warum es von der Mutter allein gelassen worden sei. Eine kalte Nacht. Raureif liegt auf den Haaren des Kindes. Zwei der Soldaten am Rand des Bildes schützen die Ohren mit ihren Händen. Weil das Kind so furchtbar schrie, sagte Franziska, und weil es bitterkalt war. Was sich dann ereignet habe, sei auf dem Bild nicht zu erkennen. Der Vater habe sein Kind über den Schlagbaum geworfen, vor die Füße der Grenzsoldaten. Ins Land der Freiheit, das sich bei oberflächlicher Betrachtung in nichts von der schneeverwehten Landschaft unterschieden habe, aus der er mit dem Kind gekommen war. Wirft einen Blick zum Himmel und wirft dann sein Kind über den Zaun. Die Gelegenheit ist günstig, so viel Mitleid will genutzt sein. Ist bereit, sein Kind an die Freiheit zu verlieren. Das soll es einmal besser haben, besser als die Mutter, die sie erschossen haben, ehe er sich schützend über sie hatte werfen können. Nun ist sie im Himmel und er am Schlagbaum wie festgewachsen, in den Sekunden, bevor er das Kind wirft. Er hebt es hoch und drückt ihm den letzten Kuss auf die schorfige Stirn. Das zappelt kraftlos in seinen Armen. Das will sich ins Los nicht fügen. Das drückt sich an ihn und lässt ihn nicht los. Er möchte sagen, dass jenseits des Schlagbaums nur Wasser aus den Duschen rinnt und der Rauch aus den Schloten nicht nach verbranntem Menschenfleisch riecht. Dass keiner in schwarzer Uniform kommen wird, es zu quälen. Doch die Zeit hat derzeit nicht geöffnet, der Mann ist zu raschem Handeln gezwungen. Kein einziger Gewehrschuss peitschte durch die Luft. Franziska schluchzte. Die waren mit dem Kind beschäftigt, und diese verlorene Schar jenseits des Zauns ergab kein Ziel, auf das man hätte schießen können. Die war längst im Abmarsch begriffen. Da waren nur noch die gebeugten Rücken zu sehen, die gefalteten Hände über den Köpfen, das trostlose Schlurfen, der müde Gang. Und schließlich war da noch das weinende Kind, das die Herzen der Pfadfinder zu rühren begann. War man ein Unmensch? Das Kind war schwach und machte keine Umstände. Man ließ das Herz sprechen. Die Schar der Abgewiesenen freilich spürte nichts davon. Sie war verschwunden. Betend. Die Thora im Bündel des einen, ein Kinderschuh, das Medaillon mit dem Bild der Mutter. Eine weiße Haarschleife. Wie es sich auch abgespielt haben mochte, Franziska saß neben mir und wusste mit der elternlosen Freiheit noch immer nichts anzufangen. Sie weinte und kratzte sich das eben erst geküsste Gesicht blutig. Sie schickte ihre Träume aus, aber die kamen nicht mit den Eltern zurück und nicht mit der Schar, die sie am Schlagbaum verließ. Ihre Träume waren fortan von Geistern bevölkert, und die Freiheit war kein Trost bei so vielen trostlosen Bildern im Kopf. Franziskas verschwundene Mutter. Und meine Mutter? Wo war sie, als ich im schwarzen Auto weggebracht wurde? Fuhr sie Vater durchs Haar? Braute sie einen starken Kaffee, schwor sie bei allen Heiligen, mich wieder zu finden? Weinte sie wenigstens, schrie sie, raufte sie sich die Haare? Die Luft im Wohnwagen ist zum Schneiden dick. Durch den Tabakqualm ist die Frau im Korbstuhl kaum zu sehen. Über den Boden verteilt leere Flaschen, Zigarettenkippen, überquellende Untertassen, Kleider, Speisereste. Meine Mutter trinkt sich auf den Grund der Flasche, während draußen die Kinder eingesammelt und, gegen Nahrungsmittel eingetauscht, in die schwarzen Busse geladen werden. Meine Mutter weint nicht wie die ändern Mütter. Das Haar hängt ihr ins Gesicht, es verdeckt die Augen. Sperrige Augen, die keinem Einlass gewähren in die Wüste dahinter. In dieser Wüste fährt Mutters Verstand spazieren. In dieser Wüste ist sie nicht allein. Die Geister der Toten, ja, selbst der Mulo schweifen in dieser Wüste umher und nehmen sich von meiner Mutter, was noch zu holen ist. Keiner hält die Umherirrende auf. Keiner nimmt sie am Arm, dass sie stehen bliebe. Die Wegzehrung in der Flasche ist aufgebraucht. Die draußen können ihr Gegröle nicht hören. Das Lamentieren der Mütter, das Weinen der Kinder übertönen den Hassgesang. Der Hass grölt sich in jede Ritze, in jede Spalte, in jede Ecke des Raums, der Hass einer Frau, die sich auf den Grund der Flasche trinkt. Anna hörte es trotz des Lärms, das Grölen. Sie war durchlässig wie alle Kinder, wurde mit den Flüchen einer Mutter auf die Reise geschickt, die nicht sehen wollte, wie ihr Kind, ausgehbereit und ordentlich gekämmt, an der Hand der Fürsorgerin zappelte. Die Mutter schmettert die Flasche gegen die Wand und trifft das Fenster. Das Klirren der Scheibe als letzter Gruß. In der Akte Xenos würde es später einen Ehrenplatz erhalten - eine willkommene Rechtfertigung.
Aus Brandzauber Seite 177ff
Auf Vaters Schultern reitet sie durch die Nacht. Im Mondlicht glitzert der Neuschnee. Sie lacht vor Vergnügen, obwohl Vater traurige Lieder singt. Er singt nur traurige Lieder. Er singt sie in den Kneipen und spielt dazu auf seiner Harmonika, bis es den Gästen weh wird und sich sein Hut mit Münzen füllt. Er singt sie auf der Suche nach jungen Pferden oder beim Wildern nachts in den Wäldern. E cara hamaske, singt er für seine Anna auf den Schultern, isi e bare chonutesa, das Lied vom Raureif, der den großen Mond frisst, und Vater lacht dazu, denn es steht ein Mond am Himmel, der den Schnee verzaubert, Annas Schnee. Anna spürt Vaters Wärme ihre Schenkel durchdringen, ihr Gesäß, schön warm ist es auf dem Hochsitz und die Welt so groß, eine fiebrige Freude hat beide erfasst. Jetzt nimmt Vater sein Mädchen von den Schultern und wirft es in die Luft, es wird ihm bange dabei. Aber er fängt Anna auf und drückt sie an sich, dass sie seinen Herzschlag spürt und seinen Geruch, diesen einzigartigen Geruch nach Pferden, Schmieröl, Brissago und Schweiß. Tief atmet sie den Geruch ein, reibt ihre Wange am rauen Stoff seiner Jacke und tanzt dann übermütig im Schnee. Der Schnee reicht Anna bis zu den Knien, das Tanzen will deshalb nicht recht gelingen. Da wirft sie sich in die weiße Pracht und kugelt um sich herum wie der schwarze Hund, wenn er die Läuse aus dem Fell vertreiben will. Korkorutne peren e farbe diveske mamujal lendar. Die Nachtfarben verblassten. Der Vater nahm sein Kind wieder auf die Schultern und wanderte heimwärts. Das Kind fühlte sich geborgen. Der schwarze Hund rannte voraus. Als sie den Wohnwagen erreichten, sahen sie den Hund um ein graues Bündel kreisen. Er winselte leise und stieß mit der Schnauze mal da-, mal dorthin. Vor dem Eingang des Wohnwagens hatte der Schnee seine Unschuld verloren. Anna erwachte, weil sie vom Vater unsanft geweckt und auf den Boden gestellt wurde. Der erschrockene Blick des Vaters alarmierte auch sie. Beide starrten auf das reglose Bündel, bis Vater den Bann brach und den Hund zu sich pfiff. Das graue Bündel, vom Pfiff aus dem Schlaf gerissen, knurrte, dann traf Vater und Tochter ein wilder Blick. Ein Tierblick, gehetzt, verwirrt. Anna begann zu weinen und wollte sich hinter dem Vater verstecken. E cara hamaske isi e bare chonutesa, ihr Mond ist nun doch vom Raureif gefressen worden. Im fahlen Morgenlicht war Mamas Gesicht zu sehen, die blutunterlaufenen Augen, der verzerrte Mund, Erbrochenes, getrocknete Speichelfäden und Kotkrümel. Mama versuchte, sich mit ihren blaugefrorenen Händen aufzustützen, glitt aber immer wieder in den Matsch zurück. Da und dort leuchtete eine bunte Glasperle auf, Teile einer zerrissenen Halskette, die sie auf einer Kirmes erstanden hatte, Anna erinnerte sich genau. Wie fröhlich war Mama damals gewesen. Sie tanzte mit ihr zu den Klängen von Papas Harmonika, sie roch nach Lavendel und Zuckermandeln, in ihrem roten Kleid, das ihr beim Tanzen um die Beine schwang. Und dann hatte Vater ihr die Kette gekauft, weil Mama sie so sehnsüchtig im Auge behielt und aufpasste, dass sie keiner vor ihren Augen wegschnappen konnte. Vater kaufte Mama die Kette und führte sie vor einen Spiegel, der eigentlich die Tür zum Boudoir der Wahrsagerin war. Gemeinsam betrachteten sie im Spiegel die Kette an Mamas Hals und Vater nannte sie Zigeunerkönigin.
Warum tut er nichts, dachte Anna. Warum half er ihrer verletzten Mama nicht auf? Warum stand er nur da und starrte auf seine Frau, die, immer wütender werdend, zu fluchen begann und schließlich heulend zusammenbrach. E cara hamaske isi e bare chonutesa. In ihrer Verzweiflung begann Anna das Lied zu summen. Ihr war kalt. Anna summte, und als sie das Lied zu Ende gesummt hatte, begann sie mit dem nächsten: An por e kale ruvesko dikhav aver charana, das Lied von den Sternen, die im Bauch des großen Wolfes verschwunden sind. Langsam, Schritt für Schritt, als müsste er sich jeden einzelnen genau überlegen, ging der Vater auf seine Frau zu. Unter seinen Füßen knirschte der Schnee. Anna hielt den Atem an. Vater würde Mama helfen. Er würde auf Mama zugehen, ihr aufhelfen, ihr das Haar aus der Stirn streichen und sie in den Wohnwagen führen, wo sie sich waschen konnte. Dann würde Mama wieder aussehen wie immer. Sie würde ihre Wut auf das kleine Mädchen vergessen, sie würde das kleine Mädchen wieder lieb haben, es mit ihrer vertrauten Stimme in den Schlaf trösten. Vater packte Mama an den Schultern und zog sie hoch. Anna sah, dass ihre Mutter kaum stehen konnte. Sie schwankte im Griff des Vaters. Das Kleid war zerrissen, die Knie aufgeschlagen, sie musste aus dem Wohnwagen gefallen sein. Vaters Knöchel schimmerten weiß, so fest hielt er sie in seinem Griff. Mutters Augen, nun plötzlich wach, blickten erschrocken in Vaters Gesicht, das ganz entstellt war. Er ließ Mamas linke Schulter los und strich mit der rechten Hand der Hose entlang, einmal, zweimal. Als hätte die Berührung Spuren hinterlassen. Dann holte er aus. Mamas Schrei zerriss die Stille. Anna merkte nicht, dass auch sie schrie und dass dieser Schrei von anderer Art war. Ihr Schrei klang wie der eines Vogels, den ein Schuss aus großer Höhe vom Himmel holt.
Als Mamas Schrei verklungen war, holte Vater zum nächsten Schlag aus. Aber Mama schrie nicht mehr.Vaters Schläge fielen präzise, bedacht. Obwohl Mama nicht mehr schrie, schlug er weiter, ein kaltes Feuer war in seine Hände gefahren, das er nicht mehr kontrollieren konnte. Er spürte nicht die kleinen Fäuste des Mädchens, die auf seinen Rücken trommelten und an seiner Jacke zerrten, er hörte das Bellen des schwarzen Hundes nicht. Vater schlug und schlug, bis er ermüdet innehalten musste. Schwer atmend stieg er in den Wohnwagen und erschien kurz darauf, die Flinte geschultert, unter dem Türrahmen. Dort verharrte er eine Weile, während seine Augen den Morgenhimmel absuchten. Wortlos ging er davon. Der schwarze Hund folgte ihm mit eingezogenem Schwanz. Wenige Zeit später war ein Schuss zu hören. Der Vogel schrie wie Anna.
© by Mariella Mehr
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