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Aus dem Roman "Angeklagt" (20.10.2005 am Oberlin College) |
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Einführung in den Roman "Angeklagt" Anlass zu diesem Roman waren Berichte in den Schweizerzeitungen, über eine junge Frau, Caroline H., die freiwillig in eine psychiatrische Klinik eintrat und dort angab, dass es ihr nicht mehr gelinge, zwischen der Realität und Angstträumen zu unterscheiden. Der Pfleger, der die junge Frau dort betreute, stellte bald fest, dass die präzisen Angaben über einen Mord und zahlreiche Brandstiftungen sich exakt Ereignissen zuordnen liessen, über welche die Presse berichtet hatte. Er erzählte einem psychologisch geschulten Kriminalbeamten (unter Verletzung des Arztgeheimnisses?) von der Patientin. Der Kriminalist gewann in der Folge das Vertrauen der Caroline H. und förderte in langen Gesprächen nicht nur zwei Morde und einen knapp gescheiterten Mordversuch an Frauen ans Licht sondern auch noch eine Kette von über 100 Brandstiftungen. Diese Berichte lösten in der Autorin eine Reihe von Fragen aus:
Goethe sagt von sich: "es gibt kein Verbrechen, das ich nicht im Geiste schon begangen habe". Dabei spricht er von "jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Mariella Mehr spricht in ihrer „Faustin“ von der Schwäche, der Hypokrisie, der Gesellschaft, die angeblich stets das Gute wollen und nur das Böse schaffen. Dass es keine Erlösung gibt, wie bei Goethe, für den der „immer strebend sich bemüht“ wird bereits im ersten Satz des Romans klar gemacht: „Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.“ Die Protagonistin findet immerhin den Weg von der stummen Tat zur klaren Sprache über ihre Taten. Das Ende zeigt, dass die Sprache die Tat nicht ersetzen kann. Ob sie das alter ego, Malik, ersetzt, bleibt offen.
Eine Kritikerin schrieb in: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6068&ausgabe=200306
Wie kann eine Frau, die vor lauter Selbstschutz völlig gefühllos wird, einen Weg finden, sich mitzuteilen? Erst durch ihre Stützen Malik und Seraphim ist sie zu einer Ausdrucksform fähig. Auch wenn es Gewalt ist. Die beiden, die sich immer mehr als abgespaltene Teile ihres Ichs, als innerpsychische Stimmen entpuppten, die an einer Stelle "synchron" flüstern: "Vergiss es, nichts gibt dich dir zurück." Ich sind drei. So hat Kari zwar an Stärke und vor allem Identität zurückgewonnen aus ihrer Mittel-mäßigkeit, aber um den Preis, dass sie sich selbst unwiederbringlich verloren hat. Fast unbeschreiblich ist dieser Einblick in die Gewalt. Jedoch nur fast, denn Mariella Mehr gelingt er. Mit ruhiger und bedachter Sprache formuliert sie das Innere einer Mörderin. Es wird nichts verharmlost oder positiv dargestellt. Der Roman steckt voller Gewalt, voller Aggression und dem Erschrecken davor. Aber nur so erhält man als Leser die Möglichkeit auch zu verstehen. Durch den direkten und eiskalten Einblick in die Gefühlswelt einer zerstörten Existenz und ihren Kampf um Identität.
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Aus „Angeklagt“, Kap. 3
Die roten Schuhe. Ich will Ihnen von Maliks roten Schuhen erzählen. Sie liebte rote Schuhe. Wer weiß, vielleicht haben auch Sie etwas für Schönheit übrig, obwohl Ihr berufliches Interesse nicht dem Schönen gilt. Dem Untersuchungsrichter bereiteten meine ... nein, Maliks rote Schuhe einiges Kopfzerbrechen. Maliks äußere Erscheinung überhaupt. Er kam nicht davon los. Nachdem er vergeblich versucht hatte, mehr über meine Kindheit zu erfahren als das, was ich Ihnen nun ein weiteres Mal erzähle, versteifte er sich auf Malik. Auf ihre Geschichte, auf ihre äußere Erscheinung, wie er sich ausdrückte. Ich wisse nicht - und das sagte ich ihm ins Gesicht -, warum er so scharf auf Malik sei. Er wurde wütend, auch ich wurde wütend. Und weil er, zwischen Wand und Schreibtisch in weiter Ferne sitzend, für mich unerreichbar war, schlug ich auf die neben mir stehende Wärterin ein. Die, ein kurzbeiniges Walross namens Lisa Winter, war so schockiert, dass mir genügend Zeit blieb, ihr kräftig eine mitten ins Gesicht zu langen. Nach einem kurzen Handgemenge brachte man mich zurück in die Zelle. Ich war um ein paar Tage Einzelhaft reicher, obwohl schließlich auch Lisa Winter zu dem Zwischenfall beigetragen hatte, denn genau in dem Augenblick, als mir nach Zuschlagen zu Mute war, hatte sie ihren Kopf exakt im richtigen Winkel mir zugeneigt und damit das Vorhaben begünstigt. Was mich wenigstens von ihrem täglichen Dannwollenwirmal befreite, mit dem sie mich aus der Zelle abholte und durch endlose Gänge zum Untersuchungszimmer begleitete. Fortan wurde ich von zwei Wärtern vor den Haftrichter geführt. In Handschellen. Am Tag nach dem Zwischenfall ging die Fragerei nach den roten Schuhen weiter. Man bat mich höflich um meine Mitarbeit, ermahnte mich zur Wahrheit, als stünde ich bereits vor Gericht. Ich gab meine Zustimmung und antwortete ruhig, nachdem sich auch der Untersuchungsrichter gemäßigt zu haben schien. Schade eigentlich. Es gab seinem Gesicht etwas Ältliches. Nahm der vorgetäuschten Geduld die richterliche Würde. Das amüsierte mich, denn für dieses Gesicht war er entschieden zu jung. Für alles, was Malik trug oder tat, gab es eine Entsprechung in meinem Leben. Das ist das Wunderbare an unserer gemeinsamen Geschichte. Im Erlebten waren wir Zwillinge.
Als mein Vater aus meinem Leben verschwand und mir außer ein paar unangenehmen Erinnerungen eine ewig besoffene Mutter zurückließ, müssen ihn zumindest in der ersten Zeit Gewissensbisse geplagt haben. Nur so kann ich mir die absurden Geschenke erklären, die kurz vor Weihnachten eintrafen und zu denen auch ein Paar rote Schuhe gehörten. Pakete, die mein Vater schickte, pflegte meine Mutter selbst aufzureißen. So wühlte sie auch in diesem Paket herum, ungeschickt wie immer, hastig, als könnte sie auf dem Grund der Schachtel nicht rasch genug die geheime Botschaft finden, die nur für sie bestimmt war. Sie hoffte wohl noch immer, mein Erzeuger würde irgendwann zurückkehren, zurück an den heimischen Herd, den sie längst nicht mehr allein bedienen konnte, mit dem Zittern in den Händen, das erst nach drei, vier Gläsern Likör verschwand. Ich interessierte mich weder für den Inhalt von Vaters Paketen noch für die Hoffnungen meiner Mutter. Als sie endlich die Schuhe hervorzog und sie triumphierend vor meinem Gesicht baumeln ließ, spürte ich jene unbändige Wut zum ersten Mal. Das leuchtende Rot schlug mir wie Hohn entgegen.Mutters Triumph, Vaters hastig gekritzelte Zeilen. Meine Glieder wurden steif vor Zorn, meine Stirn fühlte sich eisig an. Das triumphierende Gestammel meiner Mutter wollte kein Ende nehmen. In gewisser Weise wussten wir beide Bescheid. Ihr Triumph und mein Zorn entstammten der gleichen Quelle. Trotzdem fanden wir nicht zueinander. Für einen kurzen Augenblick war sie dem Geheimnis der roten Schuhe näher als je danach, während ich, nach kurzem Innehalten, vom Zorn und den erbärmlichen Bruchstücken meiner Erinnerung überschwemmt wurde. Ich hämmerte mit den Schuhen auf meine Mutter ein, ich konnte nicht aufhören, sie schrie, ich schlug weiter und ich wusste, während des ganzen Vorfalls wusste ich es, dass der Grund nicht die Abwesenheit meines Vaters war.
Wie soll man über Zorn reden? Man muss ihn in sich spüren. Das habe ich dem Untersuchungsrichter geantwortet, als er mehr über diesen Zorn wissen wollte und dabei sein Gesicht in sorgenvolle Falten legte, die so wenig zu ihm passten wie die ältliche Geduld. Ich mochte ihn, den Untersuchungsrichter, und wahrscheinlich hätte ich ihn auch nicht geprügelt, wenn ich Gelegenheit dazu bekommen und der Tisch nicht wie eine Barriere zwischen uns gestanden hätte.
Die roten Schuhe? Nein. Ich denke nicht, dass ich sie je getragen habe. Selbst die Dankbarkeit über den Zorn, der mich nun ausfüllte, konnte mich nicht dazu verleiten. Sie landeten nach kurzer Zeit im Irgendwo, so meinte ich wenigstens. An dieser Stelle hob mein Untersuchungsrichter immer die Hand. Die päpstliche Geste besagte, dass ich mich anders und besser zu erinnern hatte. Nur, erinnern Sie sich mal an etwas, an das Sie sich partout nicht erinnern können. Auch nach dem hundertsten Mal blieb mir nichts anderes übrig, als ihm von meiner Erinnerung an eine bruchstückhafte Erinnerung zu erzählen. Doch damit konnte ich ihn nicht zufrieden stellen. Er bohrte weiter und weiter, bis ich mich entschloss, ihm das Erinnern ans Erinnern vorzuflunkern und behauptete, ich hätte die roten Schuhe in den Abfalleimer geworfen. Worauf er fragte, ob allenfalls meine Mutter die Schuhe wieder aus dem Abfalleimer genommen, sie gereinigt und in unsere Schuhtruhe gestellt habe. Dies konnte ich angesichts von Mutters Zustand mit Bestimmtheit verneinen, das sah auch der Untersuchungsrichter ein. Wer denn sonst, meinte er, und wir begannen von vorn, was uns viel Zeit und viel Geduld abverlangte. An diesem Punkt sei der gordische Knoten zu finden, sagte er, und während ich abwechselnd von ihm oder von gewöhnlichen Polizeibeamten verhört wurde, sah ich den gordischen Knoten wachsen und sich dabei immer weiter verknoten, bis ich in ein Knäuel unbeantwortbarer Fragen verstrickt war, aus dem ich mich nur durch immer weitere Antworten lösen konnte, aber die eine, allein selig machende Antwort nie finden würde. Manchmal versuchten sie es mit einer Polizeibeamtin, es ging ja um Damenschuhe oder vielmehr um die Schuhe eines weiblichen Teenagers, und solche Schuhe sind bekanntlich auch in der Literatur mit der Aura einer gewissen Intimität behaftet, warum also nicht vor Gericht. Aber die Verhöre durch verschiedene Polizeibeamtinnen förderten ebenfalls keine brauchbaren Erkenntnisse zu Tage. Ich mochte die Polizeibeamtinnen nicht, ja, ich sperrte mich geradezu gegen diese Verhöre, und wenn alles nichts half, schlug ich zu. Damit handelte ich mir zwar weitere Gefängnistage ein, aber bei dem Strafmaß, das mich erwartete, fiel das nicht weiter ins Gewicht. Wichtiger waren die dadurch verlängerten Verhörpausen. Schließlich blieben die Beamtinnen ganz aus, später auch die Polizeibeamten. Mein Untersuchungsrichter war der Meinung, unser gegenseitiges Vertrauen sei nunmehr stabil genug, dass einer nur für seine Ohren bestimmten Beichte nichts mehr im Weg stehe. Das Wort Beichte berührte mich peinlich, aber ich stimmte ihm zu. Im Wesentlichen gehe es immer noch darum, die Leerstelle zwischen dem Verschwinden der Schuhe und ihrem Wiederauftauchen zu füllen, meinte mein Untersuchungsrichter. Trotzdem wolle er mir gestatten, ihm zunächst bloß vom Wiederauftauchen der Schuhe zu erzählen. Das tat ich nur zu gern, war doch dieses Wiederauftauchen mit einem grandiosen Spektakel und mit einer erfreulichen Veränderung in meinem Leben verbunden.
Am Rand unseres Dorfs, das kein Dorf mehr war, lag ein Bauerngut. Als mein Vater noch bei uns lebte, war der Hof der Hubers meine Zuflucht. Während sich meine Eltern betranken oder stritten - meist taten sie beides -, spielte ich mit den jungen Katzen. Manchmal starb ein Kätzchen, weil ich es zu fest gedrückt oder ihm meinen Finger zu weit in den Rachen gesteckt hatte. Das fiel nicht weiter auf, denn es gab genug Katzen auf dem Hof und es wurden jährlich mehr. Ich weinte trotzdem. Das gehörte sich so. Ich weinte auch, wenn ich die Gänseküken aus dem Gehege befreite und sie von den großen Pfoten des Hofhundes Barri zertreten oder nach einer kurzen Jagd von einer Katze gefressen wurden. Wo hatte ich nur gelernt, dass man angesichts des Todes zu weinen hat? Bei Mutter sicherlich nicht, denn die zertrampelte alles, was ihr unter die Füße kam, und Vater stand in einem fröhlichen Verhältnis zum Tod. Das schloss ich aus seinem Gelächter, als ich ihn einmal zum Bach begleitete, wo er den Kartoffelsack mit einem Stein beschwerte und ihn dann versenkte. In Rosa Hubers Küche roch es immer nach Speck und Samstagabends nach frischem Brot. Kindkind, murmelte auch sie, aber nicht mit diesem hämischen Unterton, eher sorgenvoll. Ich erinnere mich, dass mich ihr Kindkind wütender machte als alle andern. Aber ich schwieg.
Malik hatte eine elegante Art aufzutauchen. Sie wählte die Plätze nach einer nur ihr verständlichen Dramaturgie, aber immer zu meinem Besten. Diesmal tauchte sie in Hubers Hühnerhof auf, stand plötzlich da, inmitten gackernder Hühner, und sie trug die roten Schuhe, die so gar nicht in den Hof passten. Sie lachte wie immer, ich lachte zurück. Rosas besorgtes Kindkind in den Ohren rannte ich zum Haus, um mit Malik die dunklen Kellerräume zu durchstöbern. Nein, Frau Doktor, diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich weiß nicht, weshalb wir ohne Absprache immer wussten, wonach uns beiden zu Mute war. Vielleicht, weil wir in gewisser Weise Zwillinge waren und Zwillinge angeblich spüren, was den andern bedrängt oder erfreut. Die deutsche Zwillingsforschung, führend auf dem Gebiet, soll schon in den Dreißigerjahren nachgewiesen haben, dass sich Zwillinge nicht nur ergänzen, nein, dass sie ohne gegenseitige Verständigung sogar fähig sind, dem andern in den Tod zu folgen. Um wie viel verständlicher wäre somit die Übereinstimmung der Gefühle und Wünsche? Im Keller stapelte sich ein Sammelsurium an Gegenständen: ausgefranste Kuhstricke, ein Melkschemel, angefaulte Kartoffeln vom letzten Jahr, ein paar verschrumpelte Äpfel auf den Hurden, ein rostiges Gewehr, in einer Blechkiste Nägel und Schrauben, in einer Ecke ein aufgerissener Sack Kohle, modrige Bretter, ein paar Mausefallen, rostig wie das Gewehr, unordentlich gestapelte alte Zeitungen, ein Holzpferd auf einem verbeulten Waschzuber, eine Tretnähmaschine Marke Singer, altes Küchengerät, ein Hirschgeweih. Nichts, womit man sich wirklich hätte amüsieren können oder bei entsprechender Nutzung beachtet worden wäre. Malik, müssen Sie wissen, wollte - im Gegensatz zu mir - beachtet werden. Sie gierte danach, aber es war ihr egal, ob sie geliebt oder gehasst wurde. Manchmal fiel etwas von dieser Beachtung auf mich ab. Plötzlich wurde ich geliebt oder gehasst, ohne recht zu wissen, weshalb. War Malik verschwunden, beachtete mich keiner mehr. Ich war wieder das Kindkind, weniger Mittelmaß, vielmehr ein nicht näher benanntes Ärgernis. Schließlich fanden wir den Brandbeschleuniger. Franz Huber benutzte ihn zum rascheren Abbrennen der Wiesenborde, im Herbst zum Abbrennen der Stoppelfelder. Den Brandbeschleuniger hätte es dazu nicht gebraucht, aber Franz Huber hatte für alles eine Erklärung. Er habe keine Zeit zu vertrödeln. Alles müsse rasch gehen, sonst habe ein Bauer heute nichts zu bestellen. Die Nachbarn lachten darüber, denn sie wussten, dass auch Franz Huber bald der Schnauf ausgehen würde. Wie zuvor den anderen Bauern, die ihre Höfe längst an Spekulanten aus der Stadt verhökert hatten. Die einen mit hohem Gewinn, die andern für einen Spottpreis. Weder die einen noch die andern wurden bemitleidet. Ein Dorf, das kein Dorf mehr ist, kennt keine Gemeinschaft, man beneidet die reich Gewordenen und verachtet die Versager. Ich kann mich jedenfalls nicht entsinnen, je ein Wort des Mitleids gehört zu haben, wenn der Gerichtsvollzieher vorbeikam oder eine Familie ihr Wohnhaus wegen Zahlungsunfähigkeit verlassen musste. Aber ich erinnere mich gut an die schadenfrohen Gesichter und an den Klatsch im Einkaufszentrum, wenn es wieder einen erwischt hatte, der noch Wochen zuvor ehrerbietig gegrüßt worden war. Malik wippte mit den Absätzen. Ihre roten Schuhe glichen den meinen, was mich nicht erstaunte. Sie waren beim Stöbern schmutzig geworden, das Leder hatte ölig braune Flecken bekommen. Trotzdem schien das Rot noch stärker zu leuchten. Wir nahmen die Plastikflasche in Augenschein. Wir rochen an der Öffnung, um sicherzugehen. Nein, Frau Doktor, es gab keinen besonderen Anlass, Franz Hubers Hof abzufackeln. Danach hat mich auch der Untersuchungsrichter gefragt. Er glaubte, Franz Huber hätte mich vielleicht belästigt, es kommt ja immer wieder mal vor, dass ältere Männer kleine Mädchen betatschen, die sich dann auf unerwartete Weise rächen. Kürzlich las ich von einem solchen Fall. Aber das Mädchen rächte sich unsinnigerweise an sich selbst. Es übergoss sich mit Benzin und zündete sich an. In der Zeitung war eine brennende Fackel zu sehen, darunter der Name des Mädchens und der Auszug eines Briefes, den es vor der Verbrennung an seine Mutter geschrieben hatte. Es wäre mir nie eingefallen, meiner ewig betrunkenen Mutter einen Brief zu schreiben. Selbst wenn die Vermutung des Untersuchungsrichters gestimmt und ich allen Grund gehabt hätte, mich zu rächen. Nein, es gab keinen Anlass, wir wollten nur den Brandbeschleuniger ausprobieren und das nicht auf dem Feld, wo es zu der Jahreszeit ohnehin nichts abzufackeln gab. Es verbrannten die Kühe im Stall. Es verbrannten das Pferd, ein paar Schweine, die Katzenjungen im Heu. Nur die Hühner konnten sich retten. Sie flogen über den Zaun in alle Richtungen. Rosa Huber rannte mit einer Kommodenschublade aus dem brennenden Haus. Später stellte sich heraus, dass sie statt der Schublade, in der sich das Ersparte befand, die Schublade mit den Kinderkleidern des Sohnes erwischt hatte, der längst erwachsen war und in der Stadt arbeitete, weil er nicht zum Bauern taugte, wie er immer wieder versichert hatte. Fast die ganze Dorfbevölkerung, die eigentlich keine Dorfbevölkerung mehr war, da ja auch das Dorf nicht mehr als Dorf bezeichnet werden konnte, fast die ganze Dorfbevölkerung also schaute zu, wie Hubers Hof bis auf die Grundmauern niederbrannte. Wie bei allen Bränden zuvor gab es Gewitzte und Naive, Leute, die sich auf Brände zu verstehen schienen und mit besserwisserischen Mienen die Arbeit der Feuerwehr behinderten, und andere, die Naiven, die händeringend lamentierten. Doch auch in ihren Augen war ein verdächtiges Funkeln zu sehen. Tobend schritt Huber die Reihen ab, behinderte seinerseits die Feuerwehr, weil er da und dort noch etwas Rettbares zu entdecken glaubte. Nichts mehr zu machen, schrieen die Feuerwehrmänner, aus dem Weg, schreien sie, als alles nichts nützte, packte ihn einer der Männer und schob ihn wie einen Sack Kartoffeln in einen leeren Streifenwagen, denn die Polizei war auch zur Stelle. Vom Kirchturm übertönte die Brandglocke den Lärm. Es war der pensionierte Küster, der auf den Knopf gedrückt hatte, als ob diese Geste das Dorf wieder zusammenbrächte. Immer mehr Menschen versammelten sich vor dem brennenden Hof, nun aber in genügendem Abstand, denn die Hitze und der infernalische Gestank wurden bald unerträglich. Die meisten waren inzwischen verstummt, was noch gespenstischer wirkte als das Geschrei. Malik und ich schlichen uns aus der Menge. Nein, befriedigt ist nicht der richtige Ausdruck. Weshalb sollten wir befriedigt sein? Befriedigt waren die andern, die ohne ihr Dazutun eine Sensation erlebt hatten. Malik und ich waren fast gelangweilt, als wir die Brandstätte verließen. Malik verschwand bald darauf, wie meistens ohne Gruß und Abschied.
Ich fand meine Mutter völlig aufgelöst in der Küche, sah die Panik in ihren Augen, das angstverzerrte Gesicht. Erst jetzt stellte sich die Befriedigung ein, von der Sie und der Untersuchungsrichter meinen, ich hätte sie schon vorher empfinden müssen. In dem Augenblick, als das Feuer um sich griff. Nein, es war die Angst meiner Mutter. Sie löste diese Befriedigung aus. Dann ging ich rechtschaffen müde in mein Zimmer, ließ mich angezogen aufs Bett fallen und schlief augenblicklich ein, ohne auch nur einen Gedanken an das Abendessen zu verschwenden. Ein paar Stunden später erwachte ich. Ich hörte meine Mutter telefonieren. Ihr Ton verriet mir sofort, mit wem sie sich unterhielt. Ich wunderte mich, weil sie beinahe nüchtern zu sein schien. Ich erklärte es mir mit ihrer Angst. Es soll ja vorkommen, dass Betrunkene vor Schreck plötzlich nüchtern werden. Ich versuchte nicht, ihr Gespräch zu belauschen. Es interessierte mich nicht. Trotzdem hörte ich, wie sich ihre Stimme beinah überschlug, dann stockte, meine Mutter begann zu schluchzen, dem Schluchzen folgte ein unappetitliches Geschniefe. Schließlich wurde hart der Hörer aufgelegt. Ich schlief bis tief in den Morgen hinein, es war Sonntag.
Wann meine Mutter Rosa Huber ins Haus holte, weiß ich nicht mehr. Es muss nach Franz Hubers Verhaftung gewesen sein. Eines Tages stand sie vor der Haustür, in der Hand die roten Schuhe. Ich war dermaßen verblüfft, dass ich mit offenem Mund stehen blieb. Was hatte Rosa Huber hier zu suchen? Und vor allem: Woher hatte sie die roten Schuhe? Jede Verwirrung hat ihre unverwechselbare Handschrift. Die weichen, fließenden Linien zeichnen den geheimnisvollen Übergang zwischen Tag und Traum. Zögernd, beinahe stockend die Schriftzüge der Liebe, einer ganz besonders delikaten Verwirrung gehorchend. Ungelenk und wirr die unter dem Druck gesellschaftlicher Zwänge und Lügen geschriebenen Zeilen. Meine Verwirrung hingegen trug eine Handschrift, der ich nie zuvor begegnet war. Steil und gewaltsam fuhr sie durch mich hindurch, und dabei sollte es bleiben. Nie mehr hat mich diese Verwirrung verlassen, nur Malik gab mir manchmal eine kurze Verschnaufpause, ließ mich in ihrem Gelächter ausruhen, oder in ihrem Schweigen. Für Rosa Hubers Anwesenheit gab es Erklärungen. Mutter mochte sie in einem Anfall von Sentimentalität ins Haus geholt und dabei auch an ihre Bequemlichkeit gedacht haben. Rosa Huber hatte vielleicht am Anschlagbrett des Einkaufszentrums einen Zettel mit der Bitte um Arbeit hinterlassen, weil ihr Mann inzwischen in Untersuchungshaft saß und auch das Ersparte beim Brand draufgegangen war. Obwohl Mutter kaum aus dem Haus ging, konnte sie davon erfahren haben. Vielleicht hatte sie im Altersheim angerufen, wo Rosa Huber vorübergehend untergebracht war, und sie dann als Haushaltshilfe angestellt haben. Oder die Fürsorge hatte sich eingeschaltet, die seit langem befürchtete, meine Mutter könnte eines Tages zum Pflegefall werden. Warum diesen Augenblick nicht hinausschieben, indem man ihr eine Haushälterin vermittelte, die selbst zum Pflegefall würde, sollte sie keine Möglichkeit finden, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Außerdem war da noch das vaterlose Kind Kari, das einer strengen Hand bedurfte. Kurz, es war nicht Rosa Hubers Anwesenheit, die mich erschütterte. Es waren die roten Schuhe. Malik war nicht da, also durften auch die Schuhe eigentlich nicht da sein. Nein, die Frage, ob es meine Schuhe oder ihre waren, habe ich mir nicht gestellt. Ich hielt nach Malik Ausschau. Vorsichtig spähte ich an Rosa Huber vorbei zur offenen Küchentür, sah aber nur meine Mutter. Sie saß breitbeinig am Tisch, die Arme um den Oberkörper geschlungen, mit geschlossenen Augen, der Kopf schwankte hin und her, als säße er zu locker auf dem Hals, es sah aus, als könnte er jeden Augenblick davonrollen, auf dem Küchenboden aufschlagen. Mir war, als säße ich im falschen Traum. Es musste der Traum meiner Mutter sein, denn sie sang. Ihr Leben lang hatte sie nur mit Tante Dore gesungen, oben in der Mansarde, Tirol, Tirol, Tirol... oder Mit siebzehn hat man noch Träume ... Jetzt sang sie das Lied von der Hex, die zählt bis sex, Feuerchen reckt sich, Flämmchen streckt sich, Häuschen brennt, Kindlein rennt. Rennen, davonrennen? Nein, daran dachte ich nicht, Frau Doktor. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas dachte. Wenige Sekunden später stand ich vor der Mansarde. Ich habe keine Ahnung, wie ich dorthin gelangt bin. Und weshalb. Ich drückte die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Jetzt hätte ich eintreten können, nicht wahr? Aber um irgendwohin zu gelangen, bedarf es eines Grundes. Ich wusste nicht mehr, was ich in der Mansarde wollte. Ich stand da, stand reglos da und war plötzlich nicht mehr in Mutters Traum, nein, ich war in meinem eigenen wirklichen Leben. Für einen kurzen Augenblick glaubte ich, Maliks Gelächter zu hören. Ich verkroch mich in eine Ecke. Die Beine angezogen, die Arme um die Beine geschlungen, den Kopf auf die Knie gestützt, schlief ich ein.
Aus "Angeklagt" Kap. 9 Nun, auch darüber waren wir uns einig, der Herr Untersuchungsrichter und ich. Unsere Gespräche endeten mit einem Patt. Malik war nicht aufzutreiben. In den Akten wurde sie als Ausgeburt meiner Phantasie geführt. Was uns beiden Leid tat. Seraphim? Seraphim wurde verhaftet. Nach dem zweiten Fund, du weißt schon. Im Stadtpark, nicht weit von Scharlis Bar. Der arme Seraphim. Hieß doch gern Seraphim. Doch, einmal in die Mangel genommen, darf einer nicht Seraphim heißen. Von einem Pseudonym wollte die Polizei nichts wissen. Da half kein Aufspielen, nicht auf der Harmonika und schon gar nicht auf der Geige. Einer, der Friedolin Schar heiße, habe sich nicht Seraphim Schlund zu nennen, der Lebenswandel seiner Mutter sei dabei nicht von Belang. Aber er, der nun plötzlich Friedolin Schar hieß, blieb seinem alten Namen treu. Was er einmal verschlungen hatte, gab er nicht mehr her. Mit andern Worten: er schwieg. Er schwieg zu Scharlis Mädchen, zu Kohlis Boot, zur Lagerhalle der Schokoladefabrik, sein Schweigen legte sich über Vermutungen und Verdächtigungen, und er schwieg so beharrlich auf alle Fragen zu meiner Person, dass man ihn in eine Klapsmühle steckte. Friedolin Schar alias Seraphim hatte für die Verhöre nichts übrig als sein schiefriges Lächeln, Malik? Der Name soll nur eine tiefe Falte auf seiner Stirn hinterlassen haben. Eine Kummerfalte, sagte mein Untersuchungsrichter doch tatsächlich. Auf die Frage nach Kari lächelte er, eine Falte mehr. Als übte sich sein Mund darin, um Nachsicht zu bitten, sagte mein Verhörrichter. So lächelte Seraphim, wenn Schweigen geboten war. Sie ließen Scharlis Bar hochgehen und nahmen die Gäste fest. Ich sorgte dafür, nicht weiter aufzufallen. Eine überflüssige Vorsichtsnahme. Wenn eine in scheinbar geordneten Verhältnissen lebt. Wenn eine einen gültigen Ausweis hat. Wenn eine ein mittelmäßiges Gesicht, eine mittelmäßige Figur, keine besonderen Vorzüge aufzuweisen hat, ihr keine Straftaten anzulasten sind, ja dann... So kam ich als Einzige davon. Aber mir war nicht ganz geheuer dabei. So ungeschoren zu bleiben. Unbeachtet. Demütigend war das. Blamabel. Nach Hause geschickt haben sie mich. Ausgerechnet. Ins Haus mit der Mansarde zurück. Wo Vater früher Scher dich zum Teufel schrie, weil ich ihm zu nichts taugte, wo er mir mein Hündchen kaputtmachte und alles zwischen meinen Beinen, Den Kindkindbeinen.
Aha, wir frösteln auf einmal, es überläuft uns kalt. Und weshalb, wenn ich fragen darf? Weil wir die Nase in fremder Leute Angelegenheiten stecken? Wie stehen wir denn da, mit dieser Gänsehaut? Dass uns graut, möchtest du sagen. Dass wir den Kragen hochschlagen und an die frische Luft möchten. Als ob sie draußen frischer wäre als drinnen. Wir möchten fliehen, nicht wahr? Wegrennen. Nichts gehört haben. Wir verfluchen den Tag, an dem wir... Und sind doch neugierig, ja? Sind hin‑ und hergerissen. Und immer wieder dieser Blick zur Klingel. Weil man weiß, dass draußen die Winter wartet.
Das wollte meine Mutter auch. Den Kragen hochschlagen, fliehen. Hat sich wirklich angestrengt, es zu schaffen. Ließ die Buchsbaumhecke roden, legte das Haus frei von allen Seiten. Auf dem monatlichen Gang zur Bank blieb sie ab und zu stehen. Auf einen Gruß hoffte sie. Die Leute schauten durch sie hindurch. Sahen nicht den aufgerissenen Mund, die aufgerissenen Augen, sahen das Wissen nicht, das sie spazieren führte. Keine zu allem bereite Winter stand beruhigend vor dem Haus. Da war nichts, verstehst du, nichts und wieder nichts. Und Mutter geht nach Hause, schließt die Tür hinter sich und säuft und fragt sich staunend, wie viel Mut da für nichts und wieder... Nicht zum Aushalten ohne den Schnaps. Also säuft sie weiter und lässt sich aus dem Fenster fallen, bricht sich aber nur das Bein, so dass sie nicht mehr zur Bank laufen kann, dass sie nicht mehr zur Tür raus kann, dass sie Tabletten schluckt und noch mehr Schnaps und wieder aus dem Fenster springt, aber vergebens. Nur die Fürsorge kommt, mit der spricht sie nicht, die lässt sie ins Leere laufen, sie will draußen reden oder gar nicht, draußen will sie alles herausschreien, bis ihr die Luft ausgeht, über die Feuer und über die Tote unter der Brücke, von der sie aus dem Fernsehen weiß und aus meinem Schweigen. Kann es aber nicht. Zu viel Angst und Schuld und zu viel Schnaps, immer wieder zu viel Schnaps. Denn der ist Herr im Haus meiner Mutter, der Schnaps, Herr im Gehirnhaus, hat schon alles aus den Fugen gezerrt, durcheinander gebracht, sieht wie nach einem Einbruch aus, in ihrem Haus, wüst und unwirtlich, wie sich's der Schnaps zurechtgemacht hat, nur in einer Ecke vielleicht noch ein freies Plätzchen für die Angst, für das Wissen. Wollte auch den Kragen hochschlagen und gehen wie du, konnte nicht, fror sich das Leben aus dem Leib wie du, kam irgendwann aus dem Morgenmantel nicht mehr heraus, blieb drin stecken, im Morgenmantel mit den Flecken von getrocknetem Rotz und Schnaps und den Brandlöchern von ihren Zigaretten. Die ihr aus der Hand auf die Brust fielen oder auf den Boden, die auf Tischkanten verglühten und Spuren hinterließen. Die dann Heiligerbimbam oder JosephundMaria hießen. Die hatte keine Winter, nein, die hatte nicht einmal sich selber. Die konnte keinen Kragen hochschlagen wie du. Hatte auch keine Schnur, an der man ziehen und um Hilfe hätte bitten können. Die stand mitten in ihrer Hölle und die Teufel jubelten, nahmen ihr jede Entscheidung ab.
Du könntest jederzeit, meinst du? Frei zu kommen und zu gehen. Dein Zorn so spürbar. Deine Angst. Dich habe noch keine über den Tisch gezogen. Eine grobe Ausdrucksweise für deinesgleichen. Keine noch so abgebrühte. Dein Beruf ziehe die Grenze zwischen uns von selbst. Aha. Ich da, du dort und neben uns, wie vor meinem Zellenfenster, ein Fetzen Blau zum Kauen. Kein Tisch zum Rüberziehen, da hast du Recht, kein Tisch, wäre zu einfach. Nur zwei Stühle. Weiß. Vier Wände. Weiß. Eine Tür. Weiß. Eine Decke über uns. Weiß. Ein Fensterrahmen. Weiß. Ein aufklappbares Abstellbrett. Weiß. Und vier mal sechs Meter grünes Linoleum. Grün wie die Klingelschnur. Still‑Leben.
Ich soll bei der Sache bleiben? Ach ja, der Fund im Stadtpark. Kennst du ihn? Den Garten natürlich. Doch zuerst das Vergnügen: Ein geistig Behinderter bastelt sich ein Gewehr aus Holz und geht damit im Wald spazieren. Ein anderer Spaziergänger alarmiert die Polizei. Sie werden schon nach kurzer Zeit fündig und stellen sich, Gewehr im Anschlag, in Position, Der Gefreite schreit: Halt. Runter mit dem Gewehr. Der Junge dreht sich um, sieht die Polizisten und ruft: Pängpäng. Schon ist er tot. Du lachst nicht. Auch gut. Kennst die Geschichte aus der Zeitung wie wir. Und kein bisschen gelacht, was? Ganz im Gegensatz zu uns. Wir im Bau haben gelacht. Sogar die Sepp... du weißt schon wer. Nein, wir haben uns nicht gewundert, dass neuerdings die Witze unter Vermischte Meldungen abgedruckt werden.
Also zurück zum Stadtpark. Und zu Scharli. Dem armen Scharli. Kohli und Scharli mit ihrem Mädchenhandel. Tun ja viele andere auch. Ist doch schön, wenn der Zustupf höher ist als das Einkommen. Oder nicht? Darum verzichtete Kohli auch auf das Versicherungsgeld für die Lydia. Nein, nicht wegen des Zustupfs. Hätte doch Strafanzeige erstatten müssen. Und das konnte Kohli sich nicht leisten. Wollte sich nicht zu tief in die Karten gucken lassen. Er trauerte ein paar Tage um die Lydia, prügelte Seraphim öfters als nötig aus Scharlis Bar. Dann setzte er auf Rio. Doch nach Rio kam er nicht mehr. Und daran war die Rote schuld. Die mit dem Taubenfutter, ja. Die Mädchen? Wieso Mitleid? Ihr Pech, findest du nicht auch? Träumen vom Paradies und landen in der Hölle. So ist das Leben nun mal. Verteilt das Glück nach Lust und Laune. Das Unglück auch, klar.
Die Frau hatte Taubenfutter mitgebracht. Es war kalt. Sie wolle sich nur an der Tasse Kaffee die Hände aufwärmen, hatte sie gesagt. Scharli lächelte höflich und Seraphim zupfte ein paar freundliche Akkorde auf der Geige. Den Bogen vermisste er schon längst nicht mehr. Lieber trauerte er mit Kohli um die Lydia, obwohl er gerade ihrer Vernichtung die seines Geigenbogens zu verdanken hatte.
Die Frau? Die mit dem Taubenfutter? Also, die, die Frau da, weißt du, trug doch schon wieder rote Schuhe das Miststück. Musste dran glauben, war doch ganz klar! Oh, da wollte auch der Untersuchungsrichter einhaken. Von Zwang redete er, vom unbezähmbaren Wunsch zu töten. Er redete um mein Leben, um meine Freiheit, mein tapferer Ritter wollte mich erretten. Vor wem oder vor was er mich denn zu retten gedenke, habe ich ihn gefragt. Vor Ihnen, Kari Selb, stotterte er so leise, dass ich ihn bat, die Antwort zu wiederholen. Sieh mal einer an, dachte ich. Haben sich unaufgefordert zum Abschuss freigegeben, die Weiber. Haben den Tod in ihren roten Schuhen herbeigeklappert. Schamlos. Provoziert haben sie, ihn notwendig gemacht, den Tod. Was kann ich dafür? Und nun soll's um mein Leben gehen? Natürlich wollte ich den Herrn Untersuchungsrichter nicht in Verlegenheit bringen. Aber die Frage sei immerhin erlaubt, was ihn dazu veranlasste, mir mein längst gerettetes Leben retten zu wollen? Unsereins lernt von selber früh genug, auf eigenen Beinen zu stehen.
Die allerdings zog's mit aller Macht der Frau hinterher in den Stadtpark. Die eigenen Beine hielten Schritt mit der Frau, die rasch wie ihre Vögel trippelte, die Papiertüte mit den trockenen Brotkrumen schützend an die Brust gepresst. Noch nicht Nacht, aber Regenwolken verdunkelten den Park, wo die Frau lief und das Leben voller Hoffnung Schritt hielt. Bis in die mittigste Mitte will es vordringen, das Leben, läuft zielstrebig vorwärts, die feuchte Erde unter den Sohlen geschmeidig, ringsum zu Kugeln, Kegeln, Zylindern, Rhomben geschnittene Büsche. Das Tropfen und Triefen aus den Bäumen. Ein gleichmäßiger Rhythmus lockt, girrt, bittet, Herrgott, fast atemlos das Leben, denn die Frau immer rascher, zielstrebiger, ja, und eine Spur ängstlich, es wird dunkler jetzt, was soll sie mit dem Futter, die Tauben schlafen längst, schon lässt die Frau den Sack mit dem Brot einfach so, fliegt ein Vogel auf, keine Taube, nein, irgendein Vogel lässt einen Schrei zurück wo er saß der fällt nun der fällt wie ein Stein der Frau vor die roten Schuhe dass sie stolpert und ich über ihr mit allem ausgerüstet, was es braucht stoße zu fahre durchs Fleisch, was schnell geht erstaunlich rasch und zielsicher arbeiten Hände an der Frau kommt ja drauf an wo man zusticht höre feines Raspeln nah Knochen und Zischen wenn die Frau schreien möchte nicht mehr kann zu viel Leben abgegeben hat aber Nerven will nicht sterben nicht sofort immer Zucken Zischen Winden ja lange noch Wegkriechversuch aber nur Versuch kann nicht kann nicht mehr ich stoße ramme Eingeweide Blut Blut Schleim nein keine Ermüdung im Arm nur wiederkehrendes Flutschen, dann geruhsames Säbeln dann Ausruhen aber nicht im Dachzimmer nein nicht im Dachzimmer dort dort schreit Es nur klein und Rauch dicker Rauch Qualm Vorhänge Bettwäsche Blut vom Wälzen sieht aus wie ein Schmierplatz Abfall Es zurückgeblieben von allen verlassen allein mit dem Rauch und dem Feuer oh das Brennen der Vorhänge der Gestank atmen nicht ersticken sind gegangen sind lachend einfach abgehauen das Vatergebrüll und zwischen den Beinen das Blut schleimige Wüste kein Hemd nein kein Hemd nur das blutige Laken Kerl mit Flasche hat Blut gemacht immer wieder und erst brennen die Vorhänge dann die Tischdecke dann Rauchrauch und Knistern und Bett und Fenster dunkel beschlagen Kind aufgespießt im Bett aufgespießt kann nicht weg alles geschlossen Tür zu alle weg Mutter schmiert Rot ins Gesicht auch Dore zum Ausgehen bereit und immer das Lachen Wiehern sind zu fünft irgendein Kerl und Nutte wie die Mutter aber mit roten Schuhen doch Rot Rot wie Feuer Schuhmünder in die Breite gelacht gerissen gezerrt aufgesperrt auch der Kerl kommt gut an die Kleine sagt er passt wie ein Handschuh wirdszuwasbringen stöhnt er klappt dann wie ein Taschenmesser oder vielleicht Schwerkranker Es weiß das nicht so recht zusammen reimt sich ohnehin nichts in dieser Dachkammer ein Sauwetter in den Gesichtern tobt in die Gegend wo Es und sonst niemand als der Kerl und die Nutte Mutter jetzt starr weil der Generalstab über ihr unausführbare Befehle aber rasch und schneller schneller schreit der Alte das waren noch Zeiten als Befehle wirkten Peitschenhiebe willst du wohl nichts wird gekotzt alles brav geschluckt nimm dir ein Beispiel an deiner aaah ja so immer weiter schneller ja drei Bettmaderl zwei Bettmänner eine Mannschaft verschworen immer wenn’s hochgeht mit dem Generalstab kommt’s ihm in Fremdsprache kracht's aus ihm raus ganze Kraft voran schneller schnell leg Hand an und sofort will sich die Haut ausstülpen das ist kein Spaß grinst der Kerl tut’s halt dem Alten nach mit dem schneller schneller als wär's ein Exerzierhof mit allem Drum und Dran Es im Bett jetzt starr Ersticken will flüchten irgendwohin egal wohin aber nur Fenster Tür zu nur Fenster viel zu tief Seraphim noch nicht in Sichtweite nur zur Tür und an die Hautmauern Augenmauern weiß noch nicht dass ein Seraphim Hilfe gewusst eine Ahnung von allem hat der mit seiner sündigen Mutter und den gebrannten Kindern die ja auch von einem Selb hat er später gesagt aber hier in der Dachkammer nicht von Belang nein ein geordnetes Durcheinander wünscht der Herr Generalstab kichert schluckt und verschluckt sich am Schnaps Husten schluck du nur auch schluck Flaschen klirren kreisen von einem zum andern immer wieder dann ins Kind und wieder Blut und Lachen und Schnaufen Würgen Stöhnen dann das Feuer ja die Frau endlich tot still kein Zucken mehr still auch der Park das gestutzte Grünzeug die Kuben Kugeln Kegel still kein Wind kein Vogel kein Lachen Würgen Schnaufen nichts als Ruhe und schwarz nun die Luft der sternförmig angelegte Weg durch den Park Schatten drauf hat seine eigene Sonne der Park schwarz im Zenit Wolf 359 die Frau jetzt unsichtbar nur Geruch ein Dunstklumpen eine Ausdünstung ist sie tief einatmen durch alle Poren dringt ein was von ihr übrig blieb dringt in die mittigste Mitte jetzt von Wolf 359 Jesu Leib liegt sorglos an ihrem Hals am zurückgebogenen Hals mit dem roten Mund wo Kehle war offen ganz offen Jesu Leib im Blut im roten Mund nur Kopf ragt aus dem Mund nur Kopf Augen Nase Ohren Haar die Kuhle unter den Jochbeinen gesalbt im Blut blutlanger Schnitt am Brustbein vorbei bis zum Nabel messerscharf stoßweise quillt das Blut heraus rinnt fließt tost im Wolf 359 Ohr ein Tosen Bersten Krachen als ginge ein schwerer Leib zu Boden ließe sich fallen wie ein Sack jetzt müsste sich die Erde auftun tut sie aber nicht die Erde lässt sich nicht erweichen nein umsonst gibt die keinen Meter frei das Fleisch zu verlochen und mit ihm Jesu Leib wieder einmal wie so oft vorher wenn’s mit ihm bergab ging in der Geschichte bergab höre ich bergab und ein Kichern ganz leise soll doch komisch sein ein wenig nur damit das Schwitzen Stöhnen ja die elende Mühe einen Sinn bekommt einen winzigen Sinn weil man’s später mal erzählen möchte an die Frau bringen will zu Hause ihr damit den Mund stopfen will dass sie schluckt und meint es sei was dran an dem Knochen den kein Hund anrühren möchte was zurückblieb fand eine Spaziergängerin die erschrocken aufschrie dann rückwärts lief bis vorwärts geboten schien nicht aufgehalten werden konnte hat Glück gehabt fiel sozusagen mit der Tür in die Polizeiwache aber trauen glauben wollte ihr vorerst niemand wer schreit denn so durch die Gänge wenn’s nichts als ein Leben zu melden gibt das sich ausgelebt hat und jetzt darfst du nach der Klingelschnur greifen Wolf 359 will seine Ruhe ist fertig mit dem Plunder Leibsplunder hat auch dir den Mund gestopft seh ich also ab.
© by Mariella Mehr
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