| Buchpreis des Kantons Bern 2002 für "Angeklagt" von Mariella Mehr | ||||
Laudatio“Weibliches Töten ist ein Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit. Es heisst nichts anderes als: Ich spreche. Jetzt spreche ich.” Dieses Zitat von Michel Foucault ist dem eindrücklichen Schlusspunkt von Mariella Mehrs Romantrilogie über weibliche Gewalt vorangestellt und nimmt den Umkehrschluss vom Wittgensteinschen Diktum des Sprechen sei Handeln vor: Handeln ist auch Sprechen. Von welcher Beschaffenheit sind nun aber Handeln und Sprechen in diesem kurzen wie eindringlichen Text, der mit “Angeklagt” betitelt ist? Auf den ersten Blick wird die Geschichte eines Kriminalfalls erzählt, nämlich der monologische Bericht der Brandstifterin und Mörderin Kari Selb. Kurzsichtig, wer die biographischen Bezüge zwischen der Geschichte der Protagonistin und derjenigen der Zürcherin Caroline H. in den Vordergrund rückte. Der historische Kontext ist nur ein Mittel von vielen, den Roman zu verankern. Die Ich-Erzählerin beginnt ihren Monolog vor der Gerichtspsychologin mit der Aussage ”Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte” und so verwundert es kaum, dass die Nachgeschichte unversehens zur Vorgeschichte einer weiteren Tat gerät. Mit ihrem Bericht führt die Erzählerin ihre Leserschaft durch mehrere Widerwelten: Zu Beginn werden die Kindheit im Hause der alkoholabhängigen Mutter und des notorisch fremdgängerischen Vaters, kleine Demütigungen in der Schule und erste Jugendstreiche erzählt. Im Verlaufe des Monologs verlagert sich das Geschehen immer mehr in die Phantasie und die Psyche der Protagonistin. Die Anschaulichkeit der Erzählung nimmt ab, die Leserinnen und Leser haben die Handlung aus dem Psychogramm zu erschliessen. Hier erweist sich Mariella Mehr als ebenso meisterhafte wie anspruchsvolle Erzählerin. Sie variiert Stil und Rhythmus und spitzt das atemlose Erzählen einer atemberaubenden Geschichte zu. Dabei kommt einem Paar roter Schuhe eine immer grössere Bedeutung zu, vielleicht ein Hinweis darauf, dass sich die Geschichte Karis als Variation von Hans Christian Andersens Märchen ”Die roten Schuhe” lesen lässt. Auch beim Dänen wird die Protagonistin Karen von roten Schuhen verführt, beichtet und erfährt schliesslich Gnade. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass Andersens Karen Opfer der roten Schuhe wird, während Mariella Mehrs Kari zur rotbeschuhten Täterin wird. Der Roman “Angeklagt” rekonstruiert nicht bloss, wie es zur Anklage gegenüber einer Kriminellen gekommen ist, sondern klagt implizit auch uns, das Publikum an. Wir haben es mit einer Literatur zu tun, die in ihrer Existentialität, ihrem Mut und ihrer Radikalität anachronistisch zur heutigen Literaturlandschaft steht. Umso wichtiger ist Mariella Mehrs Anklage, der ich grösstmöglichste Aufmerksamkeit wünsche und der ich zum diesjährigen Buchpreis gratuliere. Frank Wittmann, Universität Freiburg Anstelle Mariella Mehrs liest Franziska von Fischer (Seite 36-42). |
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