Werkbeitrag des Kantons Zürich 2002 an Mariella Mehr

Laudatio gehalten von Regierungsrat Dr. Markus Notter, 19 November 2002

Was ist der Mensch? Mit jedem ihrer Bücher stellt Mariella Mehr die Frage bedrängender. Sie erzählt von den Mühsamen und Beladenen, die geschlagen werden und schliesslich zurückschlagen. Warum aber halten sie nicht die andere Wange hin?

Psychologische, soziologische und auch politische Hintergründe geben zwar Antwort auf diese Frage, aber letzten Erklärungen entziehen sich Mariella Mehrs Figuren konsequent. Erlösung aus dem Unerklärlichen finden sie in der eigenen Tat, durch die sie fatalerweise selbst wiederum zu Täterinnen und Tätern werden. Damit schliesst sich der Kreis der Gewalt, und Mariella Mehrs Figuren bleiben in ihm gefangen.

Die Gegenmacht, die sich dem Archaisch-Zerstörerischen stellt, findet sich im Akt des Erzählens. Das Erzählen ist das Humane, das den Kreis von Gewalt und Gegengewalt sprengt. In der Thematik unerbittlich und in der formalen Gestaltung rigoros, steht Mariella Mehrs Werk einzigartig da, wie der jüngste Roman "Angeklagt" eindrücklich belegt. Der Werkbeitrag gilt der unbeugsamen Sprachgewalt und unbändigen Gestaltungskraft dieser Autorin, deren literarisches Schaffen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit ihren Anfängen einen herausragenden Platz behauptet.

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