Prof. Dr. Corina Caduff, HGKZ  über "Zeus oder der Zwillingston"

Welches ist Ihr Schweizer Lieblingsbuch aus 25 Jahren?

Die NZZ: Wir baten zehn Expertinnen und Experten ans Bücherregal, Abteilung Schweiz, erzählende Prosa ab 1981. Und fragten sie nach ihrem Favoriten: keinen Kanon-Titel, einen Herzenstittel, bitte. Die Wahl fiel schwer, das Ergebnis mag überraschen.

 

Ich habe von jeher eine besondere Zuwendung zu den Texten von Mariella Mehr. Weil sie einen so autonomen Ton haben und weil in ihnen die literarische Arbeit an der Gewalt so zentral ist. Die Autorin ist in den 1980er Jahren zunächst über ihre Herkunftsgeschichte bekannt geworden, die sie in verschiedenen Büchern thematisiert hat: Sie wurde bei der Geburt von ihrer jenischen Mutter getrennt und ist in Pflegeheimen, Jugendheimen und psychiatrischen Kliniken gross geworden. Autobiografisch und sozialkritisch hat sie über diese Erfahrungen geschrieben, bis dann 1994 ihr grösster Roman herauskam, in dem auf einen Schlag alles hochpoetisch wurde. 

„Zeus oder der Zwillingston“ spielt in der Klinik Narrenwald in Flur (=Klinik Waldhaus in Chur). Dort lässt sich der Göttervater Zeus, der sein Unsterblichkeit gründlich satt hat, von seinem fliegenden Pferd Pegasus absetzen und trifft dort auf die seit Jahren verstummte Langzeitpatientin Rosa, eine Kindsmörderin, die selbst Opfer von Gewalt geworden ist. Die Verhältnisse entwickeln sich, wobei die (Ab-) Arbeit am Mythos und die Kritik an der Psychiatrie ineinander greifen. Anders gesagt: Mariella Mehr sucht in der Kulturgeschichte Spuren von dem auf, was sie an Leib und Seele erfahren hat, und setzt dabei die abendländischen Gewalt- und Opfermythen kritisch neu ins Licht – eine produktive Art, das Autobiografische zu überschreiten. 

Als der Roman erschienen ist, habe ich mit der Autorin ein Radiointerview gemacht und eine Lesung aufgenommen. Dabei ist mir aufgefallen. Dass sie die Namen aus der Mythologie, die im Roman vorkommen, langsam und konzentriert gelesen hat, und ich habe verstanden, dass es angelesene Namen sind, die die Autodidaktin nie in einem Latein- oder Griechisunterricht ausgesprochen gehört hat, Der Roman durchdringt denn auch die alten Mythen auf eine Weise, die kein Lehrer, kein Mythenführer und keine Ruinenansicht je vermittelt. Und er zeigt, dass  weder das, wovon diese Mythen berichten, noch der Wahnsinn selbst aus einer anderen Welt sind. Zeus und Rosa weilen mitten unter uns.

 

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