Beat Mazenauer
Sie schreibt weiter, «trotz aller
Enthäutung», denn «Widerwelten, behaupte ich, bedürfen meiner». Trotz und
Widerstand sind Charaktereigenschaften, die die literarische Arbeit von
Mariella Mehr prägen, auszeichnen. Sie bedarf ihrer, um die eigene
verletztliche Haut zu schützen.
«Nachrichten aus dem Exil» war 1998 ihr vorletzter Gedichtband betitelt.
«Widerwelten» schliesst nahtlos daran an. Aus dem «Widerleben» spriessen
neue Widerworte. Doch Mariella Mehr begnügt sich nicht mehr damit, «aus
allen Liedern verstossen» zu sein. Sie singt neue Lieder, um hoffend «die
Zukunft schön zu schreiben».
Dass diese Zukunft erkämpft ist, bedeutet jede Zeile, jede Metapher. In der
Vorsilbe «Wider» steckt die Auflehnung gegen Ausgrenzung, aber auch gegen
innere Ängste und Zweifel. Zugleich formt sich aus dieser Vorsilbe die
Brücke zur Selbstbehauptung, denn es kommt keiner «mir das Haar zu kämmen, /
an dem ich hinabstiege, / schamlos vor Freude / Heimat zu finden.»
«Das unbezwungene Wort»
Solche Zeilen runden Mariella Mehrs neue Gedichtsammlung ab und lassen sie
versöhnlich ausklingen. Das Wort «genesen» markiert den Schluss. Es setzt
dem Versuch, noch einmal «der Blutspur entlang» zu tasten, «bis zum Ohr»,
ein gutes, vorläufiges Ende.
Mehrs poetische Sprache erinnert an ihre
Prosa, sie wortgewaltig noch steigernd und mit unbändiger Kraft
durchdringend. Kompromisslos und schonungslos brüllt und klagt das lyrische
Ich gegen die Welt an, heult und lacht es vor flüchtigem Glück.
Tief aus den elementaren Quellen der Mythen und Legenden schöpft Mariella
Mehr Bilder und Metaphern von Flucht und Vertreibung. Ihre Widerworte bergen
die Klage darüber, das Schweigen davor und zu guter Letzt die Hoffnung
dagegen.
Mariella Mehr:
«Widerwelten». Gedichte. Deutsch/Romanes, übersetzt von Miso Nikolic, mit
einem Nachwort von Kurt Marti. Drava Verlag, Klagenfurt 2001. 80 Seiten,
25.50 Franken.