Kritik von "Widerwelten"

Solothurner Zeitung

 

KULTUR

20.11.2001 - 17:54

Schreiben trotz aller Enthäutungen

Ihre Romane haben sie einem breiten Publikum bekannt gemacht. Doch die heute in der Toskana lebende Mariella Mehr schreibt auch Gedichte. «Widerwelten» heisst ihr jüngster Band.
 

Beat Mazenauer

Sie schreibt weiter, «trotz aller Enthäutung», denn «Widerwelten, behaupte ich, bedürfen meiner». Trotz und Widerstand sind Charaktereigenschaften, die die literarische Arbeit von Mariella Mehr prägen, auszeichnen. Sie bedarf ihrer, um die eigene verletztliche Haut zu schützen.

«Nachrichten aus dem Exil» war 1998 ihr vorletzter Gedichtband betitelt. «Widerwelten» schliesst nahtlos daran an. Aus dem «Widerleben» spriessen neue Widerworte. Doch Mariella Mehr begnügt sich nicht mehr damit, «aus allen Liedern verstossen» zu sein. Sie singt neue Lieder, um hoffend «die Zukunft schön zu schreiben».

Dass diese Zukunft erkämpft ist, bedeutet jede Zeile, jede Metapher. In der Vorsilbe «Wider» steckt die Auflehnung gegen Ausgrenzung, aber auch gegen innere Ängste und Zweifel. Zugleich formt sich aus dieser Vorsilbe die Brücke zur Selbstbehauptung, denn es kommt keiner «mir das Haar zu kämmen, / an dem ich hinabstiege, / schamlos vor Freude / Heimat zu finden.»

«Das unbezwungene Wort»

Solche Zeilen runden Mariella Mehrs neue Gedichtsammlung ab und lassen sie versöhnlich ausklingen. Das Wort «genesen» markiert den Schluss. Es setzt dem Versuch, noch einmal «der Blutspur entlang» zu tasten, «bis zum Ohr», ein gutes, vorläufiges Ende.

Mehrs poetische Sprache erinnert an ihre Prosa, sie wortgewaltig noch steigernd und mit unbändiger Kraft durchdringend. Kompromisslos und schonungslos brüllt und klagt das lyrische Ich gegen die Welt an, heult und lacht es vor flüchtigem Glück.

Tief aus den elementaren Quellen der Mythen und Legenden schöpft Mariella Mehr Bilder und Metaphern von Flucht und Vertreibung. Ihre Widerworte bergen die Klage darüber, das Schweigen davor und zu guter Letzt die Hoffnung dagegen.

Mariella Mehr: «Widerwelten». Gedichte. Deutsch/Romanes, übersetzt von Miso Nikolic, mit einem Nachwort von Kurt Marti. Drava Verlag, Klagenfurt 2001. 80 Seiten, 25.50 Franken.
 

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