Kritik von "in diesen traum schlendert ein roter findling"

Schweizer Feuilleton-Dienst 3.5.1983

Martin Kraft

Motive der Traditionellen lyrischen Ikonographie wie Stern, Baum, Blume und Vogel spielen in den Gedichten von Mariella Mehr eine wichtige Rolle, doch werden die oft so verbraucht wirkenden Chiffren von ihr aus der kraft des Traums und magischer Überlieferungen wieder mit neuem Leben erfüllt, was sich in einer sprachlicheh Eigenart ausdrückt, die sich gelegentlich, wortschöpferisch an formelhafte Beschwörungen gemahnend, jedem rationellen Zugriff entzieht. Unter dem geheimnisvollen Titel "palgnedra" "blüht die mitternachtsblume", tummeln sich "erdgeister/im zwielicht der/schwarzen sonne", und "schlangen bewohnen/den blauen berg", Doch mitten in mythischen Traumwelten werden auch die Spuren eines gegenwärtigen (Liebes-) Erlebens fassbar, der Suche nach dem Verständnis des Nächsten ("morgen werde ich/das gesicht deiner/vielen gesichter/suchen//und wege/finden moosüberwachsen/steil") oder einer "freiden" spendenden Beziehung voll subtilen Glücks ("brücken zu dir/zart wie spinnengewebe//eine einzelne/blume nahe dem/weltendach"), aber auch in der die Aussenwelt gespiegelten eigenen Einsamkeit ("schrei/der möwe/über den dächern//vergessen/herz/unfähig/zu weinen").

 

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