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Vorstellung von "steinzeit" in ungarischer Sprache durch den Übersetzer, Dr.theol. Istvan Deveny und die Schriftstellerin Zsuzsa Beney im Oktober 2002 in Budapest |
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Zsuzsa Beney über die ungarische Übersetzung von „Steinzeit“ von Mariella Mehr (Kőkorszak. L’Harmattan, Budapest, 2002)Das Buch von Mariella Mehr, das ich ebenso als soziologische Fallstudie bezeichnen kann, ist eine wilde und verbitterte Anklageschrift, in der sie sich und andere bis zur Grenze des Erträglichen mit quälenden Bekenntnissen konfrontiert. Es gehört gleichzeitig zu den am tiefgründigst erlebten und aufgezeichneten Dokumenten des 20. Jahrhunderts. Die Autorin wurde 1947 in der Schweiz als Zigeunerkind geboren. Im Sinne damaliger schweizerischer Gesetzgebung wurde sie nach der Geburt aus dem „asozialen und primitiven Milieu“ mit erzieherischer Absicht von der Mutter weggerissen. Sie verbrachte ihre Kindheit, zusammen mit vielen Schicksalsgenossen ähnlicher Herkunft in Erziehungsanstalten, bei Pflegeeltern und auf psychiatrischen Stationen. Dieses Gesetz zur Überstellung der Kinder von Fahrenden an die staatliche Fürsorge war in der Schweiz - ein, wegen ihrer Demokratie und ihrem Respekt vor den Menschenrechten berühmtes Land - von 1926 bis 1973 gültig. Kein Wunder, dass diese Kinder weder die Wärme von zu Hause, noch die Kraft der vertrauensbildenden Liebe der Mutter und nicht das geringste Verständnis in ihrem Leben verspüren konnten. Viele von ihnen vollendeten ihre Jugend in Besserungsanstalten, psychiatrischen Anstalten oder Gefängnissen. Mariella Mehr wurde von ihrer Mutter weggerissen, wie schon die Mutter von ihrer Mutter und ihr Sohn von ihr. Das Erschütternde am Buch ist aber nicht nur sein Wert als Dokument. Es zeigt eine solche Tiefe des endlosen Leidens im menschlichen Elend, dass ich für die Besprechung kaum Worte finde. Wie soll ich sie beginnen? Was ist es, das den Lesenden so tief erschüttert? Die Authentizität, dadurch die Erkenntnis eines kaum rettbaren und unendlich tragischen Schicksals? Die furchtbare Enttäuschung, die das Ideal eines der kultuviertesten Ländern Europas in unseren Augen zerstört, das uns zweifeln lässt, ob Demokratie in dieser Welt sich überhaupt verwirklichen lässt – nicht einmal, wenn gesunde Traditionen aus der Vergangenheit und gute Absichten in der Gegenwart im Hintegrund stehen? Die Möglichkeit der fürchterlichen Unmenschlichkeit des im Prinzip guten Willens? Der Anachronismus in der Geschichte, der seine Staatsbürger in jahrhundertealte Isolation zwingt, ja sogar in den Wahnsinn - mit dem Vorwurf von Hexerei sie sogar in den Zustand von „Hexen“ jagen kann? Oder ist es die aussergewöhnliche Kraft der Darstellung, durch die das Buch in den Bereich der grössten literarischen Werke erhoben wird? Wir können verschiedene Theorien über den Ursprung und die Entwicklung des literarischen Talents haben, bewundernswert erscheint mir trotzdem in dieser blendend aufrichtigen Autobiographie der Schreibstil, die Perfektion der Technik. Deshalb weiss ich nicht, in erster Linie nach welchen Kriterien ich Ihnen das Werk vorstellen soll. Ebenso wie wir das Werk als Roman oder als Dokument bezeichnen, es – wie schon gesagt - auch als soziologische Fallstudie betrachten können, so gründlich verfasst, dass Soziologen späterer Epochen nicht nur inhaltlich, sondern vom methodischen Standpunkt aus von ihr viel lernen könnten. Wir können es als regionale Soziologie bezeichnen, allenfalls entdecken wir die Kehrseite eines freien, liberalen, wirtschaftlich prosperierenden Landes, das Funktionieren einer der schlimmsten Zwangslaufbahne, die geistig-seelische Unterdrückung, die abgrundtiefe seelenzerstörerische Auswirkung des Rassismus. Und hier schlägt die Soziologie in die metaphysische Bedeutung der Ethik hinüber. Wir lesen von abgrundtiefen Sünden, denen die freie Seele eines Mädchens hilflos durch Gewalt ausgeliefert, ihr Körper und ihr Geist in Krankheit getrieben wird. Die gleichen Sünden richten sich gegen die Zukunft und Freiheit einer gesamten Menschengruppe aus Mangel an menschlichem Respekt.
Wie der Übersetzter des Buches im Vorwort betont, das Buch sei die Geschichte eines Schicksals, möchte ich hinzufügen, dass es sich um ein Drama der Tragik der menschlichen Existenz handelt, wozu wir greifbares in den klassischen griechischen Dramen lesen können. Nicht nur die Lieblosigkeit, Kälte, der totale Mangel an Empathie, nicht nur der totale Bankrott der Pädagogie – in jenem Land, dessen Errungenschaften in Pädagogie und Psychologie unbestritten sind -, sondern die literarisch konsternierende Beschreibung der schicksalhaften Unaushaltbarkeit sind hier zu erfahren. Die Authentizität ist auf der soziologischen und biographischen Ebene perfekt. Ihre wahre Authentizität aber, die erschütternde katharktische Auswirkung hat aber andere Gründe. Mariella Mehr ist in die Tiefen des menschlichen Leidens hinabgestiegen, um ihre Erlebnisse und die darauf folgenden Erinnerungen - mit denen andere kaum konfrontiert werden - uns mitzuteilen, dadurch uns zu ermöglichen, dass wir dieses Leid doch als die Möglichkeit eines Leides unserer eigenen Seele verstehen lernen. Diese Prosa ist so wild und leidenschaftlich, selbstzerfleischend wie wenn sie ein Gedicht wäre, sie spricht mit der lyrischen Poesie, das bedeutet mit den Bildern der Poesie, mit deren Metaphern und Authentizität. Mariella Mehr schreibt nicht nur über die Gründe des Leidens, beschreibt nicht nur die Natur des Leidens, dessen Geschichte, sondern das Leiden selbst an sich, mit den Worten des Unterbewussten, des Verborgenen. Sie spricht mit ihren Worten einer kaum erzählbaren Seelenqual uns an. All ihre Worte ertönen aus der Tiefe des Leidens, oft schreiend, manchmal als kaum hörbare Klage, zur gleichen Zeit unbewusst und artikuliert, ein Ausdruck jenes Seelenzustandes, wie wenn wir über uns sprechen, wir aber tatsächlich nicht mehr wissen, wer wir sind, nur unsere eigenen Schreie hören, wo sich die Grenzen zwischen Ich und dem Anderen, zwischen dem Innen und Aussen und dem Kind und der Mutter verwischt werden. Diese Schrift ist die ganz besondere Stimme einer in bizarre Visionen gezwungenen Seele, die in Bewusstlosigkeit, durch die Unmenschlichkeit der psychiatrischen Behandlungen, in Ermangelung jeglicher Empathie in die zeitlose Ewigkeit der panikartiger Angst gezwungen wird – das Ganze im regellosen Stil des Realismus, Surrealismus und des Expressionismus, das durch die literarischen Fähigkeiten der Autorin doch in einen kohärenten Stil mündet. Literarisch sehen wir gerade darin ihr grösstes Verdienst, damit auch einen authentischen Beweis der Begabung der Autorin: es ist ihr bewusst oder unbewusst gelungen, den schizophrenen (oder in Schizophrenie gezwungene) Seelenzustand zu beschreiben. Dieser Text konkurriert auf jeden Fall mit den bedeutenden Beschreibungen psychiatrischer Leiden des vergangenen Jahrhunderts, angefangen mit Tschechows „Krankenzimmer Nr. 6“, bis zu Sylvia Plaths „Glasglocke“.
Ich denke, es ist nicht allzu wagemutig zu behaupten, dass wir dank der ausserordentlichen Leistung des Übersetzers István Dévény, (der mit viel Liebe und Empathie sich dem Werk nähert), eines der Meisterwerke der letzten 50 Jahre in unseren Händen halten können.
Übersetzt von Tamás Kanyó
Der Text, der im Septemberheft 2003 (Jg. 46) von „Jelenkor“, einer traditionsreichen ungarischen literarischen Zeitschrift erschienen ist, ist der für die Veröffentlichung überarbeitete Vortrag von Zsuzsa Beney, den sie bei der Vorstellung der ungarischen Übersetzung von „Steinzeit“ von Mariella Mehr am 2. Okt. 2002 in der Buchhandlung „Litea“ in Budapest gehalten hat. Zsuzsa Beney (*1930) ist eine Dichterin und Essayistin mit mehreren Einzelbänden und ehem. Dozentin für Literaturwissenschaften.
Dr. Istvan Deveny schrieb am 3.11.2002 an Mariella Mehr: ... Ich habe schon erwähnt, dass bei der Vorstellung der „Steinzeit“ (Kőkorszak) in einer Buchhandlung in Budapest ausser mir eine sehr bekannte Dichterin und Schriftstellerin gesprochen hat. Sie hat vor zwei Jahren (!) – als ich ihr die beendete Übersetzung überreicht habe - das Manuskript einmal schon gelesen, und hat mir damals gesagt, sie habe mit dem Lesen an einem Abend angefangen, und am Frühmorgen aufgehört, erst als sie auch die letzte Seite gelesen hat. Ich möchte ein paar Sätze aus ihrer Rede übersetzen (sie hat aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geahnt, dass ich das tun werde, ihre Worte sind deshalb bestimmt Äusserungen ihrer Überzeugung). „Vom Buch, das ich jetzt in meinen Händen halte, kann ich sagen, dass es eines der am tiefsten erlebten, beobachteten und beschriebenen Dokumente des 20. Jahrhunderts ist. Es enthüllt solche Tiefen und ein solch bodenloses Leiden der menschlichen Misere, dass ich kaum Worte finde, um darüber zu reden...“ - „Es wäre möglich, dass Buch als ein soziologisches Studium zu charakterisieren, aus dem sehr viel zu lernen ist, nicht nur inhaltlich, sondern auch der Form nach.“ .... „Dieser Bericht ist ein Bild von einem Schicksal, ein so tiefer und dramatischer Ausdruck der menschlichen Lebenstragödie, dass wir ganz spontan an die griechischen Dramen denken müssen.“.... „Es steht hier nicht nur die Lieblosigkeit, das totale Fehlen der Empathie, der Bankrott der Pädagogik im Mittelpunkt – in einem Land, dessen Verdienste im Bereich der Pädagogik und Psychologie nicht zu leugnen sind - sondern die literarisch wertvolle, gleichzeitig verblüffende Abbildung eines schicksalhaft kaum erträglichen Lebens.“ Die ganz eigenartige, dichterische Wortwahl von Frau Zsuzsa Beney ins Deutsche zu übersetzen ist keine leichte Aufgabe. Ich hoffe aber, dass es mir doch gelungen ist, die Atmosphäre der Buchvernissage darzustellen. Ich selber habe meine ungefähr zehnminütige Ansprache mit Ihrem Gedicht „Dir blüht noch Laub ums Herz ...“ beendet, das ich für diese Gelegenheit ins Ungarische übersetzt habe. ... |
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