MARIELLA
MEHR: «ANGEKLAGT»
Auf losem Grund
«Daskind» und «Brandzauber» hiessen die letzten beiden
Bücher von Mariella Mehr. Impulsive, provozierende Geschichten von
Aussenseiterinnen. Mit dem Band «Angeklagt» werden sie zur Trilogie
abgeschlossen.
BEAT MAZENAUER
Die Motive sind dieselben, und sprachlich bleibt sie sich
treu, dennoch geht Mariella Mehr in ihrem neuen Roman einen Schritt weiter.
Hinab ins Unergründliche, ins Grundlose. «Angeklagt» erzählt die Geschichte
der Mörderin und Brandstifterin Kari Selb in deren eigenen Worten.
«Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.» So setzt ihr Bericht mit
lakonischem Gleichmut ein. Kari ist verwahrt, und niemand, auch der Richter
nicht, weiss, wie er die 25-jährige Frau verstehen soll. Äusserlich
ungerührt erzählt sie ihrer therapeutischen Betreuerin von erschreckenden
Untaten. Kari sieht der Protagonistin von «Daskind» ähnlich, doch ihre
Herkunft ist weniger belastet. Die zerrütteten Verhältnisse zu Hause lässt
sich das Kind nicht anmerken. In der Schule lernt es fleissig und erträgt
die Hänseleien ohne Murren. Für die besoffene Mutter kauft es ein, den Vater
vermisst es längst nicht mehr.
Stammelnde Fiebrigkeit
Karis Gegenüber, dem sie ihre Geschichte erzählt, bleibt
stumm. Einzig ihre Furcht vor der Gefangenen spiegelt sich zwischendurch in
deren eigenen Reaktionen: besänftigendem Zuspruch, aber auch leisen
Drohungen. Mariella Mehr rollt hier ihre Themen neu aus und spitzt sie
nochmals zu. Ein Foucault-Zitat gibt den Tarif an: "Weibliches Töten ist ein
Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit". Ein Beweis der Existenz. Im
Unterschied zu den vorangegangenen zwei Romanen zeigt die Heldin aber keine
Stigmata der Andersartigkeit. Kari ist weder Fahrende noch Jüdin. Sie stammt
aus einer normalen Kleinbürgerfamilie, die nach aussen hin den Schein zu
wahren versteht.
Sprachlich reicht «Angeklagt» nicht ganz heran an jene beiden Bücher, an
deren stammelnde Fiebrigkeit und sezierende Präzision. In Karis Monolog
schleichen sich ein paar leere Umdrehungen ein. Auch ist die Geschichte im
Grunde einfacher aufgebaut. Ihre Spannung resultiert aus der scheinbaren
Unanfechtbarkeit der Erzählerin, die grausamstes Tun zugibt, ohne Motive
dafür zu benennen. Grundlos wirkt alles – trotz der Unordnung im Elternhaus.
Das Kind scheint sich gut gewappnet zu haben. Malik aber, halb Freundin,
halb Phantom, weist dem Mädchen neue Wege, die verdrängte Not lustvoll
auszuleben. Gemeinsam fackeln sie Häuser ab. Dann muss auch die Nutte aus
der Kneipe dran glauben, weil sie rote Schuhe trägt wie Malik.
Ein gebranntes Kind sucht das Feuer, das Motto eines Romans von Stig
Dagerman beschreibt Karis Tun. Denn die Grundlosigkeit besteht nicht darin,
dass es keine Motive für die unerbittliche Grausamkeit der Erzählerin gibt,
sondern dass ihr Leben keinen Grund, keinen Halt hat ausser der Tat. Sie
rächt sich, indem sie das Feuer schürt. Zu ihrer Zuhörerin scheint Kari
jedoch Vertrauen zu fassen. Sie will ihr nichts Böses, weil sie Verständnis
spürt. Je mehr sie erzählt, je präziser sie auf ihre Taten eingeht: die
roten Schuhe, das rote Blut, um so tiefer senkt sich die verdrängte
Erinnerung hinab in die Kindheit.
Grausames Rauschen
Bis stockend, gestammelt, in einem ungeordneten Stakkato
schliesslich der Vater in seiner monströsen Gestalt ins Bewusstsein
zurückkehrt. Das Eis der Unerschütterlichkeit schmilzt. Und
unglücklicherweise trägt die zusehends verschreckte Zuhörerin auch noch rote
Schuhe. Kari ergibt sich den dumpfen Impulsen und boshaften Schimären. Am
Ende zerfliesst Mariella Mehrs Roman in ein grausames Rauschen, das zutiefst
irritiert und ob seiner Grundlosigkeit auch erschreckt. Es gibt kein Halten
mehr, die unbezähmbare Wut muss heraus, im Tun sich beweisen.
(sfd)Mariella Mehr: Angeklagt. Roman. Nagel & Kimche,
Zürich 2002, 140 Seiten, Fr. 32.50.