Der Landbote          26.02.02

MARIELLA MEHR: «ANGEKLAGT»

Auf losem Grund

«Daskind» und «Brandzauber» hiessen die letzten beiden Bücher von Mariella Mehr. Impulsive, provozierende Geschichten von Aussenseiterinnen. Mit dem Band «Angeklagt» werden sie zur Trilogie abgeschlossen.

BEAT MAZENAUER

Die Motive sind dieselben, und sprachlich bleibt sie sich treu, dennoch geht Mariella Mehr in ihrem neuen Roman einen Schritt weiter. Hinab ins Unergründliche, ins Grundlose. «Angeklagt» erzählt die Geschichte der Mörderin und Brandstifterin Kari Selb in deren eigenen Worten.


«Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.» So setzt ihr Bericht mit lakonischem Gleichmut ein. Kari ist verwahrt, und niemand, auch der Richter nicht, weiss, wie er die 25-jährige Frau verstehen soll. Äusserlich ungerührt erzählt sie ihrer therapeutischen Betreuerin von erschreckenden Untaten. Kari sieht der Protagonistin von «Daskind» ähnlich, doch ihre Herkunft ist weniger belastet. Die zerrütteten Verhältnisse zu Hause lässt sich das Kind nicht anmerken. In der Schule lernt es fleissig und erträgt die Hänseleien ohne Murren. Für die besoffene Mutter kauft es ein, den Vater vermisst es längst nicht mehr.

Stammelnde Fiebrigkeit


Karis Gegenüber, dem sie ihre Geschichte erzählt, bleibt stumm. Einzig ihre Furcht vor der Gefangenen spiegelt sich zwischendurch in deren eigenen Reaktionen: besänftigendem Zuspruch, aber auch leisen Drohungen. Mariella Mehr rollt hier ihre Themen neu aus und spitzt sie nochmals zu. Ein Foucault-Zitat gibt den Tarif an: "Weibliches Töten ist ein Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit". Ein Beweis der Existenz. Im Unterschied zu den vorangegangenen zwei Romanen zeigt die Heldin aber keine Stigmata der Andersartigkeit. Kari ist weder Fahrende noch Jüdin. Sie stammt aus einer normalen Kleinbürgerfamilie, die nach aussen hin den Schein zu wahren versteht.


Sprachlich reicht «Angeklagt» nicht ganz heran an jene beiden Bücher, an deren stammelnde Fiebrigkeit und sezierende Präzision. In Karis Monolog schleichen sich ein paar leere Umdrehungen ein. Auch ist die Geschichte im Grunde einfacher aufgebaut. Ihre Spannung resultiert aus der scheinbaren Unanfechtbarkeit der Erzählerin, die grausamstes Tun zugibt, ohne Motive dafür zu benennen. Grundlos wirkt alles – trotz der Unordnung im Elternhaus. Das Kind scheint sich gut gewappnet zu haben. Malik aber, halb Freundin, halb Phantom, weist dem Mädchen neue Wege, die verdrängte Not lustvoll auszuleben. Gemeinsam fackeln sie Häuser ab. Dann muss auch die Nutte aus der Kneipe dran glauben, weil sie rote Schuhe trägt wie Malik.


Ein gebranntes Kind sucht das Feuer, das Motto eines Romans von Stig Dagerman beschreibt Karis Tun. Denn die Grundlosigkeit besteht nicht darin, dass es keine Motive für die unerbittliche Grausamkeit der Erzählerin gibt, sondern dass ihr Leben keinen Grund, keinen Halt hat ausser der Tat. Sie rächt sich, indem sie das Feuer schürt. Zu ihrer Zuhörerin scheint Kari jedoch Vertrauen zu fassen. Sie will ihr nichts Böses, weil sie Verständnis spürt. Je mehr sie erzählt, je präziser sie auf ihre Taten eingeht: die roten Schuhe, das rote Blut, um so tiefer senkt sich die verdrängte Erinnerung hinab in die Kindheit.

Grausames Rauschen


Bis stockend, gestammelt, in einem ungeordneten Stakkato schliesslich der Vater in seiner monströsen Gestalt ins Bewusstsein zurückkehrt. Das Eis der Unerschütterlichkeit schmilzt. Und unglücklicherweise trägt die zusehends verschreckte Zuhörerin auch noch rote Schuhe. Kari ergibt sich den dumpfen Impulsen und boshaften Schimären. Am Ende zerfliesst Mariella Mehrs Roman in ein grausames Rauschen, das zutiefst irritiert und ob seiner Grundlosigkeit auch erschreckt. Es gibt kein Halten mehr, die unbezähmbare Wut muss heraus, im Tun sich beweisen.

(sfd)Mariella Mehr: Angeklagt. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2002, 140 Seiten, Fr. 32.50.

 
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