Kritik von Mariella Mehrs Romantrilogie bestehend aus "Daskind", "Brandzauber" und "Angeklagt" von Cordelia Stillke

BaZ  Ausgabe 2002-195  vom 23.08.2002  Ressort: Bücher            Seite 38

«Angeklagt»: Mariella Mehr hat ihre mit «Daskind» (1995) und «Brandzauber» (1998) begonnene Romantrilogie abgeschlossen

Mord als Selbstschöpfung oder Wie Gewalt «fruchtbar» wird

«Angeklagt» ist nach «Daskind» und «Brandzauber» der dritte und kürzeste Teil einer Roman-Trilogie, in der die Schweizer Autorin Mariella Mehr Gewalt und Mord als identitätsstiftende Akte entfaltet hat.


Angeklagt ist eine mehrfache Brandstifterin und Mörderin, die von einer Gerichtspsychologin nach den Motiven ihrer Taten befragt wird.


Angeklagt wird aber auch, in dem Masse, wie sich die Täterin in ihren Erzählungen als Opfer inzestuöser Gewalt enthüllt, der Vater, der sie missbraucht, und die Mutter, die das mit angesehen und toleriert hat.

Von Cordelia Stillke

Das Motto des Romans ist von Michel Foucault genommen: «Weibliches Töten ist ein Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit. Es heisst nichts anderes als: Ich spreche. Jetzt spreche ich.» In dieser Perspektive bezeichnen die ersten Zeilen des Romans den mörderischen Identitätsakt in der bündigsten Form: «Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.»

Verbindet man die beiden Inschriften, ergibt sich ein Mehrsches Konzept des eigenen Schreibens. Ohne die mörderische Konnotation liest man den «Zustand der Gnade» als bibeldeutsche Formulierung für das Schwangersein. Das «Ich töte» stellt deren maximale Negation dar. Die Fruchtbarkeit des Schreibens konkurriert mit der Fruchtbarkeit der
sexuellen Verbindung von Mann und Frau, literarische Autopoiesis mit Zeugung und Empfängnis.

Sprechen und Schweigen

Dass ein Zugang zur Sprache aus dem Töten erwächst, zeigt sich im ersten Roman. Daskind, ein - weibliches - Kind ohne Namen, das nicht spricht und nie gesprochen hat, ist das Produkt eines Geschwisterinzests.


Es repräsentiert eine «unmögliche» Verbindung, ebenso wie es selbst aus allen Verbindungen ausgeschlossen bleibt oder sich selbst ausschliesst.


Nach seiner Geburt in einem Heim untergebracht und von dem, der sich spät im Buch als sein Vater rausstellt, in seine unfruchtbare Ehe als Adoptivkind eingeführt, schlägt es alle nicht gewalttätigen Beziehungsangebote des Vaters aus. Das ganze Leben dieses Kindes ist von einem unkorrigierbaren Ausschluss geprägt: einem Ausschluss, an dem es, nach Meinung seiner literarischen Erzeugerin, eigentlich psychisch gestorben sein müsste. Daskind, das nicht redet, äussert sich durch zwei radikale Akte: Es zieht sich zurück und tötet, Vögel, kleine Tiere, schliesslich Menschen. Der Roman ist die Beschreibung eines unhaltbaren und unhaltbar eskalierenden Zustands emotionaler Ausgesetztheit in eine destruktive Dynamik, die immer weitere Opfer fordert.

Die Tötung, in der der erste Roman kulminiert, dient der Abwehr eines Verfolgers und macht ihn zum Opfer. Das Kind, «...das nun, zur Mittagszeit, den Ort der Verbannung verlässt und durchs Haus schleicht.


Mit allseits geschärften Sinnen eine Schreckensherrschaft verlässt und flink nach dem Opfer greift.(...) Gesänge im Blick, als es die Heimkehr der Frau beobachtet und im Voraus die Küchendüfte riecht. Vergängnis ist angesagt, ein heitres Mahl, Daskind weiss es zu schätzen. Den Hunger, der freigiebig seinen Weg kreuzt. Eine Schwatzhaftigkeit fährt dem Kind in die Glieder, das ist neu, und Daskind überschlägt sich beinahe beim Anblick des Opfers, das sich fröhlich durchs Dorf treiben lässt.» Das Opfer, das zum Mahl geladen war, aber vorher stirbt, wird hungrig bleiben. Aber das Kind hat «einen Frieden gefunden. Lächelt wieder.» So endet der Roman.

Opferung des Liebsten

Der zweite Roman, «Brandzauber», zeigt das Jugend- und frühe Erwachsenenalter eines Roma-Mädchens namens Anna, das von den Schweizer Behörden aus ihrer Sippe gerissen und ins Mädchenpensionat gebracht wird: ein Leidensweg durch den diskreten Terror öffentlicher Anstalten, auf dem es für eine Zeit von der gleichaltrigen Jüdin Franziska begleitet wird, deren Angehörige, bis auf einen, im Konzentrationslager ermordet wurden. Zwischen beiden entsteht eine enge, auch sexuelle Liebesbeziehung, die sie hermetisch gegenüber der Aussenwelt abschliesst, nach innen jedoch in einen Kampf um die Kontrolle über die Sprache verwickelt. Anna, die Handfeste und Wehrhafte, übernimmt die Verteidigung nach aussen, Franziska herrscht nach innen:

«Es waren Franziskas Wörter, Franziskas Verstand, die sich Annas Verstand und Annas Wörtern bemächtigten. Feine Risse hinterliessen sie, und mit diesen Rissen im Verstand war das Leben nur mit äusserster Anstrengung zu meistern. Sie führe ein gestohlenes Leben, hatte Franziska behauptet. Während andere ihr Leben erfanden, hatte das Schicksal Franziska mit Hilfe unbegreiflicher Wörter erfunden. (...) Als hätte sie kein Recht gehabt, von Gott erschaffen worden zu sein, war sie vom Leben erfunden worden, fern von Gott, auf den sich andere beriefen: Franziskas Vater zum Beispiel, der vor der Katastrophe - Franziska hatte das Unaussprechliche immer nur die Katastrophe genannt - Rabbiner gewesen war. Das Leben hatte sie in einer Laune aus dem Sumpf gezerrt und in die Welt zurückgeworfen. Es hatte sie auserwählt und mit Hoffnungslosigkeit, mit den Klagen, mit den brennenden Fragen eines Geistervolks beladen und mit der Scham, überlebt zu haben. So wenigstens hatte es Franziska erklärt. Nun fühlte sich Anna von den Franziskawörtern erfunden. Jahrzehnte danach.»

Wo Traumatisierte und Überlebende im Roman miteinander in Kontakt kommen, wird es ihnen unmöglich, ihre Geschichten voneinander zu trennen. Sie geraten in eine unerträgliche, nicht begrenzbare Nähe, aus der Franziska durch Schweigen entkommen will, während Anna
schliesslich den Clinch durch Opferung der Liebsten beendet: Sie kreuzigt Franziska. «Die Toten, das waren ihre vergeblichen Versuche, in die Geborgenheit einer verständlichen Welt zurückzukehren», heissts über sie.

Das Ende des Romans schliesst den Rückblick auf die blutige Opferungsszenerie mit einer ebenfalls rückblickenden gewalttätigen Szene zwischen Annas Eltern und den Vorbereitungen zu Annas Selbstmord zu einem tödlichen Finale zusammen.

Schuld und Trennung der Eltern

War Daskind einem Geschwisterinzest und seinen zerstörerischen Folgen entsprungen, so liegt der Ursprung der Heldin des dritten Romans als Täterin in einem sexuellen Akt, dessen Opfer sie selber ist: als Missbrauchte im Vater-Tochter-Inzest. Sie wird zur Rächerin des Missbrauchs, die den Ort der Begegnung des elterlichen Paars und der Familie durch Brand zerstört und mit jedem Frauenmord rivalisierende weibliche Liebes- und Hassobjekte anstelle der Mutter beseitigt.

Eine Schlüsselstelle zeigt die Heldin bei der Rückkehr von ihrer ersten Brandstiftung. Sie findet die Mutter am Fenster sitzend, «Angst in ihren Augen», mit weit aufgerissenem Mund, als «hätte sich ein Schrei in ihrer Kehle verfangen». Die Tochter erlebt «einen schönen handfesten Triumph»: «Mutters Angst gab meinem Leben Sinn. Ich begann, rasch und gern zu leben..., in Mutters Angst fühlte ich mich verankert, ich trieb nicht mehr dahin.»

Die Ängste und Schuldgefühle, die die zerstörerische Tochter hätten heimsuchen können, landen in dieser Szene bei der Mutter, die selbst genug Gründe für Schuldgefühle in sich trägt. Sie ist es, die als Alkoholikerin ihre Mutterpflichten bis zur Verwahrlosung vernachlässigt und so im Laufe des Romans immer mehr zur eigentlichen Schuldigen wird. Ebenso wie in «Angeklagt» dem Missbrauch der Tochter bald die Trennung der schuldigen Eltern folgt, weil der Vater die Mutter verlässt und sich mit deren Schwester zusammentut, wird in «Daskind» nicht nur das inzestuöse Geschwisterpaar getrennt, sondern in seinem Umkreis scheitern alle latenten Liebesbeziehungen des Dorfes, die Ehen bleiben unfruchtbar. Die Position der schuldigen Mutter ist in diesem Roman in zwei Gestalten aufgespalten: einerseits die aus der dörflichen Gemeinschaft ausgeschlossene leibliche Mutter, die in einer Hütte im Wald lebt und Daskind gut behandelt, wenn es zu ihr kommt. Andrerseits die Adoptivmutter, die ihm seiner schuldhaften Herkunft wegen die Herstellung einer Mutter-Kind-Beziehung ebenso versagt wie sie sich dem Inzestvater als ihrem Ehemann sexuell verweigert. Sie gibt das Kind der täglichen Bestrafung durch den Vater preis und duldet dessen Missbrauch durch einen Untermieter.

Auch im zweiten Roman - dem lebendigsten der drei - wird das Elternpaar getrennt. Die Mutter, Alkoholikerin wie die in «Angeklagt», wird vom Ehemann geprügelt und verliert, nachdem die Tochter ihren Wohnwagen angezündet hat, ein Auge. Der der Brandstiftung angeklagte Vater, dem die Tochter vorwirft, er habe sie nicht schützen können, begeht
Selbstmord. So bleibt von der Position des liebenden und fruchtbaren Elternpaares in allen drei Romanen nichts übrig. Alle Kreativität landet in der Gegenposition, die aus dem Töten erwächst.

Die Fruchtbarkeit des Opfers

In seinem Buch über «Das Heilige und die Gewalt» zeigt der französische Kulturanthropologe René Girard, wie in den Mythen unterschiedlichster Kulturkreise die kollektive Tötung von designierten Opfergestalten als «Quelle aller Fruchtbarkeit» erscheint: «ihr wird das Prinzip der Fruchtbarkeit zugeschrieben»; «die dem Menschen nützlichen Pflanzen, alle essbaren Produkte entspringen dem Leib des ersten Opfers». Die gesellschaftliche Funktion des «versöhnenden» rituellen Opfers besteht Girard zufolge darin, die das Gemeinwesen bedrohende zwischenmenschliche Gewalt aufzunehmen und «in gutartige Gewalt, in Frieden und Fruchtbarkeit umzuwandeln».

Diese von Girard am Ödipusmythos veranschaulichte Struktur liegt auch Mariella Mehrs Trilogie zugrunde. Jeder der drei Romane kulminiert in einer Mord- oder Gewalttat. In jedem wird ein initialer Gewaltakt immer wieder erneuert, bis das Ganze im letzten Roman mit der Attacke auf eine - niedere - Repräsentantin des Gerichts, das die Taten ahnden soll, jäh endet. Der Identitätsakt des Tötens ist die Bedingung der Möglichkeit eines einsamen Sprechens, Schreibens und Denkens, die dort entsteht, wo jemand beseitigt und aus der Welt geschafft ist. Mehrs Gewährsmann Foucault formuliert seine Programmatik einer Subversion moderner Subjektphilosophie so:

«In unserer heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen denken. Diese Leere stellt kein Manko her; sie schreibt keine auszufüllende Lücke vor. Sie ist nichts mehr und nichts weniger als die Entfaltung eines Raums, in dem es schliesslich möglich ist, zu denken.»

Mariella Mehr: «Angeklagt». Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2002, 144 S., Fr. 31.20.

Ebenfalls bei Nagel & Kimche «Daskind» (1995) und «Brandzauber» (1998), je Fr. 34.60.
 

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