«Angeklagt»: Mariella
Mehr hat ihre mit «Daskind» (1995) und «Brandzauber» (1998) begonnene
Romantrilogie abgeschlossen
Mord als Selbstschöpfung oder Wie Gewalt «fruchtbar» wird
«Angeklagt» ist nach «Daskind» und «Brandzauber» der dritte und kürzeste
Teil einer Roman-Trilogie, in der die Schweizer Autorin Mariella Mehr Gewalt
und Mord als identitätsstiftende Akte entfaltet hat.
Angeklagt ist eine mehrfache Brandstifterin und Mörderin, die von einer
Gerichtspsychologin nach den Motiven ihrer Taten befragt wird.
Angeklagt wird aber auch, in dem Masse, wie sich die Täterin in ihren
Erzählungen als Opfer inzestuöser Gewalt enthüllt, der Vater, der sie
missbraucht, und die Mutter, die das mit angesehen und toleriert hat.
Von Cordelia Stillke
Das Motto des Romans ist von Michel Foucault genommen: «Weibliches Töten ist
ein Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit. Es heisst nichts anderes
als: Ich spreche. Jetzt spreche ich.» In dieser Perspektive bezeichnen die
ersten Zeilen des Romans den mörderischen Identitätsakt in der bündigsten
Form: «Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.»
Verbindet man die beiden Inschriften, ergibt sich ein Mehrsches Konzept des
eigenen Schreibens. Ohne die mörderische Konnotation liest man den «Zustand
der Gnade» als bibeldeutsche Formulierung für das Schwangersein. Das «Ich
töte» stellt deren maximale Negation dar. Die Fruchtbarkeit des Schreibens
konkurriert mit der Fruchtbarkeit der
sexuellen Verbindung von Mann und Frau, literarische Autopoiesis mit Zeugung
und Empfängnis.
Sprechen und Schweigen
Dass ein Zugang zur Sprache aus dem Töten erwächst, zeigt sich im ersten
Roman. Daskind, ein - weibliches - Kind ohne Namen, das nicht spricht und
nie gesprochen hat, ist das Produkt eines Geschwisterinzests.
Es repräsentiert eine «unmögliche» Verbindung, ebenso wie es selbst aus
allen Verbindungen ausgeschlossen bleibt oder sich selbst ausschliesst.
Nach seiner Geburt in einem Heim untergebracht und von dem, der sich spät im
Buch als sein Vater rausstellt, in seine unfruchtbare Ehe als Adoptivkind
eingeführt, schlägt es alle nicht gewalttätigen Beziehungsangebote des
Vaters aus. Das ganze Leben dieses Kindes ist von einem unkorrigierbaren
Ausschluss geprägt: einem Ausschluss, an dem es, nach Meinung seiner
literarischen Erzeugerin, eigentlich psychisch gestorben sein müsste.
Daskind, das nicht redet, äussert sich durch zwei radikale Akte: Es zieht
sich zurück und tötet, Vögel, kleine Tiere, schliesslich Menschen. Der Roman
ist die Beschreibung eines unhaltbaren und unhaltbar eskalierenden Zustands
emotionaler Ausgesetztheit in eine destruktive Dynamik, die immer weitere
Opfer fordert.
Die Tötung, in der der erste Roman kulminiert, dient der Abwehr eines
Verfolgers und macht ihn zum Opfer. Das Kind, «...das nun, zur Mittagszeit,
den Ort der Verbannung verlässt und durchs Haus schleicht.
Mit allseits geschärften Sinnen eine Schreckensherrschaft verlässt und flink
nach dem Opfer greift.(...) Gesänge im Blick, als es die Heimkehr der Frau
beobachtet und im Voraus die Küchendüfte riecht. Vergängnis ist angesagt,
ein heitres Mahl, Daskind weiss es zu schätzen. Den Hunger, der freigiebig
seinen Weg kreuzt. Eine Schwatzhaftigkeit fährt dem Kind in die Glieder, das
ist neu, und Daskind überschlägt sich beinahe beim Anblick des Opfers, das
sich fröhlich durchs Dorf treiben lässt.» Das Opfer, das zum Mahl geladen
war, aber vorher stirbt, wird hungrig bleiben. Aber das Kind hat «einen
Frieden gefunden. Lächelt wieder.» So endet der Roman.
Opferung des Liebsten
Der zweite Roman, «Brandzauber», zeigt das Jugend- und frühe
Erwachsenenalter eines Roma-Mädchens namens Anna, das von den Schweizer
Behörden aus ihrer Sippe gerissen und ins Mädchenpensionat gebracht wird:
ein Leidensweg durch den diskreten Terror öffentlicher Anstalten, auf dem es
für eine Zeit von der gleichaltrigen Jüdin Franziska begleitet wird, deren
Angehörige, bis auf einen, im Konzentrationslager ermordet wurden. Zwischen
beiden entsteht eine enge, auch sexuelle Liebesbeziehung, die sie hermetisch
gegenüber der Aussenwelt abschliesst, nach innen jedoch in einen Kampf um
die Kontrolle über die Sprache verwickelt. Anna, die Handfeste und
Wehrhafte, übernimmt die Verteidigung nach aussen, Franziska herrscht nach
innen:
«Es waren Franziskas Wörter, Franziskas Verstand, die sich Annas Verstand
und Annas Wörtern bemächtigten. Feine Risse hinterliessen sie, und mit
diesen Rissen im Verstand war das Leben nur mit äusserster Anstrengung zu
meistern. Sie führe ein gestohlenes Leben, hatte Franziska behauptet.
Während andere ihr Leben erfanden, hatte das Schicksal Franziska mit Hilfe
unbegreiflicher Wörter erfunden. (...) Als hätte sie kein Recht gehabt, von
Gott erschaffen worden zu sein, war sie vom Leben erfunden worden, fern von
Gott, auf den sich andere beriefen: Franziskas Vater zum Beispiel, der vor
der Katastrophe - Franziska hatte das Unaussprechliche immer nur die
Katastrophe genannt - Rabbiner gewesen war. Das Leben hatte sie in einer
Laune aus dem Sumpf gezerrt und in die Welt zurückgeworfen. Es hatte sie
auserwählt und mit Hoffnungslosigkeit, mit den Klagen, mit den brennenden
Fragen eines Geistervolks beladen und mit der Scham, überlebt zu haben. So
wenigstens hatte es Franziska erklärt. Nun fühlte sich Anna von den
Franziskawörtern erfunden. Jahrzehnte danach.»
Wo Traumatisierte und Überlebende im Roman miteinander in Kontakt kommen,
wird es ihnen unmöglich, ihre Geschichten voneinander zu trennen. Sie
geraten in eine unerträgliche, nicht begrenzbare Nähe, aus der Franziska
durch Schweigen entkommen will, während Anna
schliesslich den Clinch durch Opferung der Liebsten beendet: Sie kreuzigt
Franziska. «Die Toten, das waren ihre vergeblichen Versuche, in die
Geborgenheit einer verständlichen Welt zurückzukehren», heissts über sie.
Das Ende des Romans schliesst den Rückblick auf die blutige
Opferungsszenerie mit einer ebenfalls rückblickenden gewalttätigen Szene
zwischen Annas Eltern und den Vorbereitungen zu Annas Selbstmord zu einem
tödlichen Finale zusammen.
Schuld und Trennung der Eltern
War Daskind einem Geschwisterinzest und seinen zerstörerischen Folgen
entsprungen, so liegt der Ursprung der Heldin des dritten Romans als Täterin
in einem sexuellen Akt, dessen Opfer sie selber ist: als Missbrauchte im
Vater-Tochter-Inzest. Sie wird zur Rächerin des Missbrauchs, die den Ort der
Begegnung des elterlichen Paars und der Familie durch Brand zerstört und mit
jedem Frauenmord rivalisierende weibliche Liebes- und Hassobjekte anstelle
der Mutter beseitigt.
Eine Schlüsselstelle zeigt die Heldin bei der Rückkehr von ihrer ersten
Brandstiftung. Sie findet die Mutter am Fenster sitzend, «Angst in ihren
Augen», mit weit aufgerissenem Mund, als «hätte sich ein Schrei in ihrer
Kehle verfangen». Die Tochter erlebt «einen schönen handfesten Triumph»:
«Mutters Angst gab meinem Leben Sinn. Ich begann, rasch und gern zu
leben..., in Mutters Angst fühlte ich mich verankert, ich trieb nicht mehr
dahin.»
Die Ängste und Schuldgefühle, die die zerstörerische Tochter hätten
heimsuchen können, landen in dieser Szene bei der Mutter, die selbst genug
Gründe für Schuldgefühle in sich trägt. Sie ist es, die als Alkoholikerin
ihre Mutterpflichten bis zur Verwahrlosung vernachlässigt und so im Laufe
des Romans immer mehr zur eigentlichen Schuldigen wird. Ebenso wie in
«Angeklagt» dem Missbrauch der Tochter bald die Trennung der schuldigen
Eltern folgt, weil der Vater die Mutter verlässt und sich mit deren
Schwester zusammentut, wird in «Daskind» nicht nur das inzestuöse
Geschwisterpaar getrennt, sondern in seinem Umkreis scheitern alle latenten
Liebesbeziehungen des Dorfes, die Ehen bleiben unfruchtbar. Die Position der
schuldigen Mutter ist in diesem Roman in zwei Gestalten aufgespalten:
einerseits die aus der dörflichen Gemeinschaft ausgeschlossene leibliche
Mutter, die in einer Hütte im Wald lebt und Daskind gut behandelt, wenn es
zu ihr kommt. Andrerseits die Adoptivmutter, die ihm seiner schuldhaften
Herkunft wegen die Herstellung einer Mutter-Kind-Beziehung ebenso versagt
wie sie sich dem Inzestvater als ihrem Ehemann sexuell verweigert. Sie gibt
das Kind der täglichen Bestrafung durch den Vater preis und duldet dessen
Missbrauch durch einen Untermieter.
Auch im zweiten Roman - dem lebendigsten der drei - wird das Elternpaar
getrennt. Die Mutter, Alkoholikerin wie die in «Angeklagt», wird vom Ehemann
geprügelt und verliert, nachdem die Tochter ihren Wohnwagen angezündet hat,
ein Auge. Der der Brandstiftung angeklagte Vater, dem die Tochter vorwirft,
er habe sie nicht schützen können, begeht
Selbstmord. So bleibt von der Position des liebenden und fruchtbaren
Elternpaares in allen drei Romanen nichts übrig. Alle Kreativität landet in
der Gegenposition, die aus dem Töten erwächst.
Die Fruchtbarkeit des Opfers
In seinem Buch über «Das Heilige und die Gewalt» zeigt der französische
Kulturanthropologe René Girard, wie in den Mythen unterschiedlichster
Kulturkreise die kollektive Tötung von designierten Opfergestalten als
«Quelle aller Fruchtbarkeit» erscheint: «ihr wird das Prinzip der
Fruchtbarkeit zugeschrieben»; «die dem Menschen nützlichen Pflanzen, alle
essbaren Produkte entspringen dem Leib des ersten Opfers». Die
gesellschaftliche Funktion des «versöhnenden» rituellen Opfers besteht
Girard zufolge darin, die das Gemeinwesen bedrohende zwischenmenschliche
Gewalt aufzunehmen und «in gutartige Gewalt, in Frieden und Fruchtbarkeit
umzuwandeln».
Diese von Girard am Ödipusmythos veranschaulichte Struktur liegt auch
Mariella Mehrs Trilogie zugrunde. Jeder der drei Romane kulminiert in einer
Mord- oder Gewalttat. In jedem wird ein initialer Gewaltakt immer wieder
erneuert, bis das Ganze im letzten Roman mit der Attacke auf eine - niedere
- Repräsentantin des Gerichts, das die Taten ahnden soll, jäh endet. Der
Identitätsakt des Tötens ist die Bedingung der Möglichkeit eines einsamen
Sprechens, Schreibens und Denkens, die dort entsteht, wo jemand beseitigt
und aus der Welt geschafft ist. Mehrs Gewährsmann Foucault formuliert seine
Programmatik einer Subversion moderner Subjektphilosophie so:
«In unserer heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen
Menschen denken. Diese Leere stellt kein Manko her; sie schreibt keine
auszufüllende Lücke vor. Sie ist nichts mehr und nichts weniger als die
Entfaltung eines Raums, in dem es schliesslich möglich ist, zu denken.»
Mariella Mehr:
«Angeklagt». Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2002, 144 S., Fr. 31.20.
Ebenfalls bei Nagel & Kimche «Daskind» (1995) und
«Brandzauber» (1998), je Fr. 34.60.