St.Galler Tagblatt  Freitag, 7. Juni 2002

Gewalt und rote Schuhe

Mariella Mehr hat ihre Romantrilogie abgeschlossen. Wie in «Daskind» und «Brandzauber» erforscht sie auch in «Angeklagt» literarisch menschliche Gewalt als existentielle Erfahrung.

Erika Achermann

Kari Selb hat mit 25 Jahren bereits mehr als hundert Brände gelegt und drei Menschen erstochen. Nun sitzt sie im Knast und erzählt, weil das Gericht und die Medien in so einem Fall Geschichten hören wollen. Kari Selb bedient sie auf ihre eigene Art. Zur Gerichtspsychologin sagt sie: «Ich bin im Zustand der Gnade, ich töte.»

Stockend hält man als Leserin inne. Was muss einem Menschen zugemutet worden sein, damit er dies so frei heraus bekennen kann? Doch Mariella Mehr geht es in «Angeklagt» weniger um Erklärungen als um die geradezu gnadenlose, aber nie lieblose Darstellung einer Täterin und um den Versuch, eine unsentimentale Sprache zu finden, die der Tat in einer heillosen Welt entspricht.

Ein einsam kreisender Planet

Kari Selb erzählt von Kindheit und Jugend, Frusterfahrungen und Lieblosigkeiten. Nur einmal, «als mein Vater aus meinem Leben verschwand und mir ausser ein paar unangenehmen Erinnerungen eine ewig besoffene Mutter zurückliess», schickt er ihr zu Weihnachten ein Geschenk: ein Paar rote Schuhe. Sie ziehen sich wie ein Faden durch Kari Selbs Erzählungen. Sollen wir dabei an die rotglühenden Schuhe denken, in denen sich Hexen im Märchen zu Tode tanzen müssen? Ein Gang über gleissende Glut ist das Leben der Kari Selb auf jeden Fall; in früheren Jahrhunderten hätte man sie wohl als Hexe verbrannt. «Angeklagt» ist wie ein böses Märchen. Ohne moralisierenden Zeigefinger. Gut und Böse sind nicht die Kriterien von Mariella Mehr. «Das Töten braucht keine Rechtfertigung. Seine Wahrheit liegt in der Tat». Aber wie bringt man sie ins Wort? Kari Selb schafft sich erzählend eine eigene Welt. Sie ist «Wolf 359». Den Namen hat sie entlehnt von jenem Planeten, der am weitesten von der Erde entfernt ist. Einsam im Weltraum. Einsam lebt Kari in ihrer erkalteten Welt.

Leere Welt

Mariella Mehr hat Kari Selb zwar nach einem lebenden Vorbild geschaffen: vor kurzem ist in Zürich Caroline H. verurteilt worden. Aber sie hat ein literarisches Bild geschaffen, das an die Erzählung der Grossmutter in Georg Büchners «Woyzeck» erinnert. Dort ist die zukünftige Welt unwirtlich und leer. Kari Selb musste dagegen wirken und das Feuer anzünden, das sie wärmt, und Figuren finden, damit sie nicht so einsam ist: Malik, die jeweils dann neben ihr steht, wenn wieder eine Feuersbrunst wütet. Ist Kari Selb schizophren? Hat sie die Mörderin in der Figur von Malik von sich abgespalten, um von jeder Schuld frei zu sein? Ist Gewalt, wie sie Kari Selb ausübt, überhaupt erklärbar? Etwa mit dem Motto, das Mariella Mehr ihrem Roman voranstellt: «Weibliches Töten ist ein Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit. Es heisst nichts anderes als: Ich spreche. Jetzt spreche ich» (Michel Foucault). Mariella Mehr jedoch spricht und zwingt ihre Sprache kompromisslos an die Grenze des Verstehbaren.

Mariella Mehr: Angeklagt. Roman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2002, Fr. 32.50

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