Mariella Mehr:
«Angeklagt»
Der Blick ins Innere der Gewalt
«Angeklagt» ist der
dritte Roman Mariella Mehrs, der Gewalt ins Zentrum rückt. Die Autorin macht
es weder sich noch uns leicht, zeigt Zustände, fragt und will keine raschen
Antworten.
Kari Selb hat Brände gelegt,
gemordet. Jetzt sitzt sie einer Gerichtspsychiaterin gegenüber, die nach
Beweggründen, Ursachen forscht, ihr womöglich Unzurechnungsfähigkeit
attestieren will. 26 Jahre alt ist die junge Frau, aufgewachsen unter der
Gewalt eines trunksüchtigen Vaters, der Frau und Tochter verlässt, um mit
der Schwester seiner Frau zusammenzuleben. Die Mutter verdämmert ihr Leben,
ertränkt jeden Antrieb im Alkohol. Erst war das Mädchen Zeuge gieriger
Sexualität zwischen den drei Erwachsenen, dann Opfer des Missbrauchs durch
den Vater - jedenfalls ist das Andeutungen zu entnehmen, die sie in ihrem
langen Monolog vor der Ärztin macht.
Das Buch spricht eine klare Sprache und deutet doch an, malt weder die
schrecklichen Szenen aus, denen das heranwachsende Mädchen hilflos
ausgesetzt ist, noch die Taten, mit denen Kari, zur Erwachsenen geworden,
sich endlich rächt. Oder vielleicht weniger rächt als befreit, jenem
Übermächtigen nachgibt, das sie treibt.
Rettung
Malik ist es, die ihr dabei hilft.
«Kurz nach meinem zwölften Geburtstag war Malik plötzlich da.» Malik, das
ist eine starke Freundin, jemand, an die man sich halten kann. Auch wenn sie
auftaucht und wieder verschwindet, unberechenbar, doch zuverlässig, wenn
Kari jemanden braucht - um stark zu werden, mutig zu bleiben. Wenn es
brennen soll in einem Haus, auf einem Schiff. «Für alles, was Malik trug
oder tat, gab es eine Entsprechung in meinem Leben. Das ist das Wunderbare
an unserer gemeinsamen Geschichte. Im Erleben waren wir Zwillinge.»
Doch dann ist auch Malik plötzlich nicht mehr da, wenn Kari zu morden
beginnt. Grundlos, scheint es, im Zwang, weil diese Frau rote Schuhe trug.
«Oh, da wollte auch der Untersuchungsrichter einhaken. Von Zwang redete er,
vom unbezähmbaren Wunsch zu töten. Er redete um mein Leben, um meine
Freiheit, mein tapferer Ritter wollte mich erretten. Vor wem oder vor was er
mich denn zu retten gedenke, habe ich ihn gefragt. Vor Ihnen, Kari Selb,
stotterte er so leise, dass ich ihn bat, die Antwort zu wiederholen.»
Sie lässt sich nicht retten. Sie erwartet nichts mehr vom Leben, will auch
nicht für unzurechnungsfähig erklärt werden. Was liegt daran, wenn sie von
der einen Anstalt, dem Gefängnis, in die andere, die Psychiatrische Klinik,
gebracht wird? Ihr Leben ist zerstört, dass es anders wäre, kann sie sich
nicht einmal vorstellen.
Sich nichts vorzustellen, nichts anderes zu kennen bleibt ihr Schutz. «Es
war ja nur zu ertragen, weil man nicht wusste, wie es anders hätte sein
können.» Jetzt hat sie auch Malik verloren, ist sich selbst abhanden
gekommen: «Malik war nicht aufzutreiben. In den Akten wurde sie als
Ausgeburt meiner Fantasie geführt.»
Kühl reflektiert
Mariella Mehr blickt ins Auge des
Taifuns, der sich aus Gewalt aufbläht, aus früh erlittener Unterdrückung,
aus Lebensbehinderung, Unrecht, aus dem Mangel an allem, was einen Menschen
ausmacht. Kari Selb ist an jenem Punkt der Leere angekommen, wo sie sagt:
«Ich brauche nichts mehr, auch keine Schläge, mein Herz hat, glaube ich, nie
etwas gebraucht.»
Es ist ein dunkles Buch, bei dem zu Beginn noch irritiert, wie bewusst diese
junge Frau über sich sprechen kann, wie kühl reflektiert ihre Sätze sind,
wie souverän sie in Worte fasst, was mit ihr los ist - ohne dem, was sie
tut, auf den Grund zu kommen. Bis man merkt, dass es trotz der strikten
Rollenprosa aus dem Innern dieser Figur eigentlich nicht Kari Selb ist, die
spricht, sondern jemand wie Malik. Jemand, der sie auch von aussen sehen
kann, und doch auch sie selber ist, der in den Sätzen verschwindet, aber die
Sätze geformt hat, die Zeugnis geben von dieser Existenzverdüsterung.
So wie sich Malik entzieht, entzieht sich diese Schattenfigur, wenn die
Ereignisse überwältigend werden, das Ungeheuerliche die Reflexion
verhindert. Das ist den Sätzen anzumerken. Sie übertreten ihre Bahn, die
Interpunktionen fallen weg, die Form ist nur mehr Rhythmus, ein Vorantreiben
der Wörter, wenn Kari Selb zu einer Spiegelscherbe greift, wenn wieder Blut
fliesst. Die Autorin wagt viel mit diesem Buch, zu allermindest ist es das
Hinsehen, die unabgelenkte Sicht auf existenziell erfahrene Gewalt - und auf
das Hinaustreten aus sich selbst, das Sich-selbst-Fremd-Werden.
Auf dem Grat
Dafür kann es eigentlich keine
Sprache geben. Jedes Sprechen müsste hinausführen aus dem unverminderten
Erleben, hinführen zu Selbstgewissheit. Deshalb kann Kari Selb nicht selbst
erzählen - weil sie erleidet, ausgesetzt ist. Sie braucht ein Bewusstsein,
das über ihrem eigenen liegt, das zu reflektieren weiss und sich auseinander
setzen kann mit dem Untersuchungsrichter, mit der Psychiaterin.
Es ist ein gewagtes Kunststück, sich auf diesem Grat zu bewegen. Mariella
Mehr schafft es ruhig, mit bedachter Sprache, die dennoch nichts beschönigt,
nichts entschärft, die ganz und gar aufgeladen ist von dieser Gewalt, diesem
Schrecken - aber darüber hinauskommt, mitteilbar wird und zu einem Medium,
das mehr als Mitfühlen ermöglicht, das die Reflexion in Gang setzt und eines
nicht zulässt: das Wegschauen, die Geste des Immer-schon-Gewusst-Habens.
VON URS BUGMANN