6. Juni 2002,  02:08, Neue Zürcher Zeitung

Die Logik des Tötens

Mariella Mehrs neuer Roman «Angeklagt»

Manchmal holen Fakten die Fiktion ein - und bestätigen damit lediglich den Reiz der Literatur: Sie birgt als Panoptikum des Denkens und Imaginierens die ganze menschliche Kombinatorik von Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Mit dem so eingängigen wie simplen «Ich stelle mir vor» sprach die Erzählstimme in Max Frischs «Mein Name sei Gantenbein» aus, was die literarische Narration in Gang hält.

Holt aber Realität die Fiktion von Mariella Mehr ein, dann wird der Reiz zu einer Reizung, die das Schmerzhafte der Imagination ganz unerbittlich zwischen den Zeilen hervorzwingt: So genau, wie die Autorin an den gesellschaftlichen Rändern die Nervenstränge blosslegt, so genau hätte man's eigentlich nicht wissen wollen. Und ist dennoch lesend Zeuge einer literarischen Vivisektion, die mit Mariella Mehrs neustem Roman «Angeklagt» in ihre dritte und finale Versuchsanordnung übergegangen ist.

Wie wird aus dem Opfer eine Täterin? So lautet die vermeintliche Grundfrage, auf die Mariella Mehr mit ihren drei jüngsten, zu einer Trilogie des Verletzens zusammengefassten Romanen antwortet. In allen drei holt das Opfer aus und schlägt zu; das Opfer quält, tötet. Dennoch begeht es im Grunde keine Untat, sondern verschafft sich lediglich seine Art der Genugtuung. Und wird so wiederum zum Opfer einer Gesellschaft, die Taten nicht nur als Taten zu erkennen, sondern auch zu ahnden weiss.

«Daskind» hiess, demütigend unbestimmt, die Protagonistin im gleichnamigen Roman von 1995. Im falschen dörflichen Idyll war das Kind ein Findling der andern Art: Sprach-, namen- und vermeintlich widerstandslos stolperte es durch eine trübe Kindheit, während sich die Dorfgesellschaft an dessen Leib und Seele verging. Doch es träumte vom Zurückschlagen. Und fand in der bedrohlichen Gegenwelt hier und dort auch die empfindlichen Stellen, an denen sein eigener Schmerz zu dem eines andern wurde.

Kunstvoll und irritierend war die Sprache, krude und poetisch zugleich, mit der Mariella Mehr in «Daskind» dessen verstörte Innenwelt ausleuchtete. Satz um Satz war die kindliche Verwirrung elaboriert, Hiebe und Missbrauch wurden sprachlich eingemeisselt. Im Kinderblick spiegelte sich zwar das gnadenlose Kesseltreiben der Dorfgesellschaft, aber eine ebenso schonungslose Erzählinstanz kolportierte es an die Leserschaft, die sich somit dem Grausamen in der gesellschaftlichen Randzone ausgeliefert sah.

In «Brandzauber» (1998) trieb Mariella Mehr die verwirrende Ästhetik von Schmerz und Gewalt weiter, indem sie ihrer weiblichen Opferfigur ein ebenso randständiges Gegenüber gab. Deren gemeinsame Suche nach lebensechten Empfindungen mündete in sadomasochistische Exzesse - auf die wiederum ihr Umfeld mit Überwachen und Strafen antwortete. Der Schmerz als «schönste Form des Glücks»: Die Autorin hatte nach einem erbarmungslos einfachen und klaren Ausdruck für das Schmerzensmass ihrer Protagonistinnen gesucht. Sie fand ihn nicht nur im Wechsel von Innen- und Aussenperspektive, sondern auch in einem ganzen Motivarsenal, mit dem sie den Erzählgang geradezu obsessiv bearbeitete.

Kreuz und Kreuzigung, Zunder und Feuer, Qual und Tieropfer: In «Daskind» und in «Brandzauber» hat Mariella Mehr die notwendige Auslegeordnung ihrer Leit- und Leidmotive vorgenommen, um sie nun in ihrem neusten Roman mit einer heftigen Schreibbewegung vom Tisch zu fegen. War in den Augen der angeprangerten Gesellschaft «Daskind» ein «Bastard», in «Brandzauber» das eine Mädchen die «Zigeunerschlampe» und das andere eine «Judenhure», so ist in «Angeklagt» - als Kulmination der Trilogie - der Rand in die Mitte gewandert. Mittelständisch ist die Herkunft der weiblichen Hauptfigur. Was sie aber mitnichten davor feit, dass das elterliche Einfamilienhaus über einen Abgrund aus Alkohol, Missbrauch und Vernachlässigung gebaut ist.

Kari Selb, so heisst die junge Frau, die in «Angeklagt» mit einem beschleunigenden Monolog aus ihrem Leben berichtet, entwächst einer schwierigen Kindheit und wird als Adoleszente in einer eigenwilligen Lust heimisch: Sie zerstört mit Hingabe. Erst brandstiftend, dann mordend. Hinter ihren Taten steckt weder ein greifbares Motiv, noch kennt ihre Zerstörungslust ein Ziel. Im Zerstören ist Kari Selb aber endlich nicht mehr allein. Malik heisst das weibliche Alter Ego, der schützende Racheengel, der ihr zur Seite steht, wenn wieder einmal Hand angelegt wird.

Eine Phantasmagorie als Freundin - mit Malik wählt Mariella Mehr eine ausdrucksstarke Chiffre für Einsamkeit und Wahnsinn zugleich, um ihre Protagonistin ganz der Dynamik der Destruktion zu überlassen. Umso konsequenter ist die Erzählanordnung im Monolog: Kari Selb, ihrer Taten angeklagt, hält ihn vor der Gerichtspsychologin, die sie mit der Brandrede von ihrer Zurechnungsfähigkeit überzeugen will. Zwangsläufig ist dies ein so paradoxer wie sinnloser Kampf um Respekt für eine Person, die sich ausserhalb der gesellschaftlichen Normen eine Strategie fürs Überleben zurechtgelegt hat.

Für ihre aufreibende Auseinandersetzung mit der Opfer-Täter-Thematik hat sich Mariella Mehr über mehrere Jahre eine unverkennbare Sprache erarbeitet. Neu ist in «Angeklagt» aber zum einen die Radikalität der unvermittelten Innenperspektive. Indem der Text keine Gegenstimme hat, bleibt die Erzählerin - und vor allem die von ihr ausgerollte Chronologie der sich steigernden Grausamkeit - unangefochten. Neu ist zum anderen die vordergründige Aufhebung der moralischen Rechtfertigung fürs Zuschlagen: «Das Töten braucht keine Rechtfertigung. Seine Wahrheit liegt in der Tat. Weshalb sie also mit Begründungen besudeln . . .. Das Töten braucht keine Anbiederung, keine Verbrüderung mit dem Opfer, es braucht nur sich als Sinn und Ziel.» In «Angeklagt» wird der Wahnsinn des Tötens zum Existenzial.

Dem gegenüber steht das Zitat von Michel Foucault, das Mariella Mehr dem Roman voranstellt: Weibliches Töten sei ein Schritt aus der weiblichen Sprachlosigkeit. «Es heisst nichts anderes als: Ich spreche. Jetzt spreche ich.» Des Tötens angeklagt ist sie, und also spricht Kari Selb davon, wie ihr das Zerstören zum Leben verholfen hat. Dass das Reden wiederum im Töten endet, liegt in der Logik der Erzählung. Mariella Mehr steigert zuletzt den Monolog ins besinnungs- und atemlose Stammeln - ein finales Wagnis der Fiktionalisierung.

Wer sich so nah an die Grenze des Sagbaren wagt, setzt sich vor allem zwei Risiken aus: der Banalisierung und dem Pathos. Beidem entgeht Mariella Mehr durch die Unmittelbarkeit der Erzählfigur. Dieser könnte man zwar einzelne Momente der allzu gesteigerten, deutlichen Selbstreflexion vorwerfen. Ebenso liesse sich an der nachdrücklichen Auslegeordnung der Motivspuren herumkritteln. Aber letztlich überwältigt an dem schmalen Roman «Angeklagt» die Unerbittlichkeit, mit der hier die Autorin ihr Thema von Gewalt und Gegengewalt imaginierend auf die Spitze treibt. Die Spitze wiederum ist das Resultat einer kühlen sprachlichen Auseinandersetzung und literarischen Reflexion.

Sibylle Birrer

Mariella Mehr: Angeklagt. Roman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2002. 144 S., Fr. 32.50.

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