Thurgauer Zeitung vom Samstag, 23. Februar 2002, Ressort Kultur

Das gnadenlose Buch über Gewalt

Atemlos - und meist mit Gänsehaut - liest sich das neue Buch von Mariella Mehr: «Angeklagt». Gnadenlos wird das Leben der Protagonistin entblättert.

Ruth Rechsteiner

     «Angeklagt» bildet nach «Daskind» (1995) und «Brandzauber» (1998) den

      Abschluss einer Trilogie, in der Gewalt als Ausdruck von Existenz

      abgehandelt wird. Direkt und gnadenlos holt die Autorin den Leser und die

      Leserin in ihre Geschichte der Ausweglosigkeit.

 

      Die Faszination ist ungeheuer - die Faszination über die Geschichte des

      ausweglosen Lebens - aber auch die Faszination über die kraftvolle

      Sprache. Es geht nicht anders, als sich in rasantem Tempo der Lektüre zu

      ergeben. Pausen liegen fast nicht drin - und so gelangt man ans Ende

      dieses Romans ausgepumpt und voller Bilder, die einem nicht so rasch mehr

      loslassen werden.

      Trotz der schonungslosen Darstellung eines gescheiterten Lebens ist diese

      Lektüre dank der starken - oft sogar poetischen Sprache - ein reiner

      Genuss. Oft in aller Kürze lässt die Autorin Bilder  von unausweichlicher

      Schärfe vor dem inneren Auge erstehen. «Kari unheilbar aber gerettet wie

      und wozu weiss sie nicht lebt tapfer weiter ... «

 

      Amoklauf gegen die Zeit

 

      Irgendwann bleibt sogar die Interpunktion auf der Strecke, als würde

      selbst dieses Atemholen als ein Zuviel empfunden. «Die Zeit wird kurz» -

      zu viel des ungelebten Lebens liegt schon hinter ihr - und normalerweise

      haben Kinder wie Kari keine Zukunft.

 

      Die Autorin bleibt in einer Welt der Ausweglosigkeit auch im dritten Band

      ihrer Trilogie. Im Alter von 25 Jahren hat Kari Selb, die Protagonistin

      des neusten Werkes, bereits drei Menschen erstochen und über 100 Brände

      gelegt. Sie erschafft sich in Malik eine Art Schutzengel, um dem

      Unerträglichen zu entgehen. Malik lacht über die Welt, brutal und meist

      voller Arroganz. So ist die Welt zu ertragen, wenn man eigentlich nichts

      mehr mit ihr zu schaffen hat.

 

      Gewalt als Existenzial

 

      Kari Selb legt Brände, um sich selbst zu spüren und sich gleichzeitig über

      die Realität zu erheben. «Man vergass mich, wie immer, wenn ich nicht zur

      Stelle war», sagt Kari über ihre Kindheit. Da bleibt nur, radikal auf sich

      aufmerksam zu machen - und sei es mit Mord und Brandstiftung. Vor der

      Psychologin legt sie ihre Beichte ab, in atemlosen Tempo wird dem Leser

      und der Leserin ein Innenleben ohne Perspektiven offen gelegt. Gänsehaut

      ist unvermeidlich beim Lesen und oft auch das Grauen über die Kälte der

      Welt.

 

      Kari redet und redet über ihre Kindheit mit der alkoholkranken Mutter, den

      Vater, der die Familie wegen einer anderen Frau verlässt. Die Versuche von

      Annäherung zwischen Mutter und Tochter, das Scheitern und dann die Flucht

      in die fiktive Gestalt von Malik - stark ist sie und steht sozusagen über

      allem Schmerz und allem Grauen. Mit diesem «Schutzengel» an der Seite legt

      Kari Brände, mordet sie und findet darin gnadenlos das Gefühl zu

      existieren.

      Der Roman geht an die Nerven und ans Herz. Phasen des Einfühlens in die

      Bedürfnisse eines in jeder Hinsicht zu kurz gekommenen Menschen wechseln

      mit Phasen des Grauens, spürbar bis in die äussersten Fasern. Atemholen

      liegt nur drin in der literarisch grandiosen Sprache.

 

      Mariella Mehr: «Angeklagt», Nagel & Kimche, Zürich 2002, 144 Seiten, Fr. 32.50.

  

      © Thurgauer Zeitung

 
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