Zum Erscheinen von Mariella Mehr: Angeklagt.

Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2002, 140 S. Sfr 32.50

Gesendet auf Schweizer Radio DRS 2, in DRS 2 aktuell am 27.2.02, 12.15 und 19.45 Uhr

Autor: Felix Schneider

Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin.

So beginnt der Monolog von Kari Selb, Architektentochter, hundertfache Brandstifterin, mehrfache Mörderin. Sie reagiert auf Fragen einer Gerichtspsychologin, aber wir hören nur ihre Stimme in Mariella Mehrs Roman, wissen also nie mit letzter Gewissheit, ob das, was sie erzählt, nur für sie Realität ist oder auch für andere Menschen. Kalt, als ob sie von einer anderen berichte, beginnt Kari ihre Lebensbeichte: die durchschnittlich zerrüttete Ehe ihrer Eltern, Spiessiges Milieu. Unklar ist nur, was es mit der Dachkammer auf sich hat, in die sich gelegentlich Vater, Mutter und deren Schwester zurückziehen. Dann die Seitensprünge des Vaters, der schliesslich die Familie verlässt, um mit der Schwester seiner Frau zusammenzuziehen. Der Absturz der Mutter in den Alkohol. Aufhorchen lässt eine Bemerkung der Mutter über den Vater: “Hurenbock, und mit der eigenen Tochter, das Schwein.” Bald erscheint Malik, die einzige, die innige Freundin von Kari. Sie trägt die roten Schuhe, die der abtrünnige Vater einst Kari geschenkt hat und erscheint nur, wenn es gilt, Brände zu legen: eine Telefonzelle, ein Boot, eine Villa, eine Fabrik gehen in Flammen auf. Kari weidet sich an der Angst der ahnungsvollen Mutter. Seraphim, ihr Halbbruder, taucht auf, wer ist seine Mutter? Kari redet sich in Trance, in Rausch, in Ekstase – in den Zustand der Gnade. Sie tötet. In ihrer Phantasie wird klar, was sich in der Dachkammer abgespielt hat:  Blutige Orgien der Brutalität und Sexualität zwischen Vater, Mutter, Tante, Nutten und ihr selbst. Nun tötet sie ihre Opfer, es sind Frauen, sie zerfleischt sie, reisst sie auf mit einer stumpfen Glasscherbe, wühlt in ihren Eingeweiden.

 

Um Verwandte von Kari Selb zu finden, muss man schon auf die Antike und ihre Tradition blicken. Penthesilea, die Achill mit ihren eigenen Zähnen zerreisst, ist eine Schwester von Kari. Verwandt sind die Bakchen, die Frauen, die den König Pentheus zerreissen, allerdings im kollektiven, dionysischen Rausch. Ja, und dann hat, als Kari schon erfunden war, die Wirklichkeit noch eine Schwester geliefert: die kürzlich in Zürich verurteilte Caroline H., Brandstifterin und Mörderin ebenfalls.

 

Mariella Mehr beschliesst mit “Angeklagt” ihre Trilogie zum Thema Frauen und Gewalt, Gewalt, die Frauen angetan wird, aber auch weibliche Gewalt. In den beiden bisherigen Romanen hatte die Gewalt allerdings noch Ursprung und Ort im Sozialen. Im Roman “Das Kind” war es die Gewalt der Dorfgemeinschaft, in “Brandzauber” die in der Geschichte gespeicherte und weitergegebene Gewalt. Hier, in “Angeklagt”, ist es die sozusagen nackte, nicht abgeleitete Gewalt, der Trieb. Daher auch die Nähe zum Mythos, zur Antike, daher auch, sprachlich, ein Schritt vom realistischeren Erzählen zum lyrischen.  “Das Töten braucht keine Rechtfertigung. Seine Wahrheit liegt in der Tat. Weshalb sie also mit Begründungen besudeln? Das Töten braucht nur sich als Sinn und Ziel.” – so hat es Kari von Malik erklärt bekommen.

 

Töten, nur um zu töten, ohne Erklärung, als reines Schicksal – ist das überhaupt denkbar nach der Aufklärung? Mariella Mehr hat die mythische Auffassung nicht bruchlos realisiert. Denn Kari, die Mörderin, spaltet Malik, die Verkörperung des Triebs von sich ab. Und zumindest in Karis Phantasie, vielleicht auch in der Realität, gibt es eine Ursache des Tötens: die Brutalitäten in der Dachkammer. Die Autorin selbst deutet ganz zart und unsicher noch einen anderen Ausweg aus dem Zwang an: das Darstellen, das Erzählen, das Schreiben.

 

“Angeklagt” ist ein extremer Roman für Leserinnen und Leser, die Grenzerfahrungen machen wollen mit ihren eigenen Aggressionen und Lüsten. Seine Aktualität ist offenkundig: Er ist auch das Psychogramm einer Terroristin.

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