"ANGEKLAGT" VON MARIELLA MEHR

Brandsätze für den Kopf

Zum Abschluss ihrer Gewalt-Trilogie legt Mariella Mehr «Angeklagt» vor, einen rauschhaften Monolog einer Mörderin und Brandstifterin. Der knappe Roman ist sprachlich brillant und inhaltlich gnadenlos.

 Renate Dubach

«Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin. Auf diese kurze Formel gebracht, betrachte ich mein Leben als gelungen.»


Die ersten paar Sätze aus Mariella Mehrs neuem Roman genügen, und schon hat man das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen. Näher an der Halsschlagader seiner Leserinnen und Leser kann man kaum schreiben. Brandsätze legt nicht nur die Hauptfigur, Brandsätze legt auch die Autorin, direkt ins Hirn der Lesenden.


Kari Selb heisst Mehrs neue Protagonistin, und die junge Frau hat einiges gemeinsam mit ihren Kolleginnen aus den früheren Mehr-Büchern «Daskind» und «Brandzauber». Zum Beispiel wechselt auch sie ihre Rolle vom Opfer zur Täterin. Anna aus «Brandzauber» etwa, das Kind von Jenischen, das in Internaten aufwächst und den Wohnwagen seiner Mutter in Brand steckt, bringt schliesslich seine Hassliebe Franziska um.


Kari aus «Angeklagt» brandschatzt und tötet im grösseren Stil: Bauernhöfe mit Hunden und Kühen fackelt sie ab, Frauen mit roten Schuhen ersticht sie. Unerbittlich, brutal, erbarmungslos. Warum sie das tut? Falls laienpsychologische Erklärungsversuche über das Verhalten einer fiktiven Figur zugelassen sind: Weil sie als Kind viel mehr schlucken musste, als sie konnte. Weil sie pervers missbraucht wurde. Weil die Mutter soff und und herumhurte und weil es der Vater erst mit der Schwester seiner Frau und anderen in der Mansarde trieb und dann verschwand.


Kari erfindet Malik, eine Frau, die auftaucht und wieder verschwindet. Oder die es vielleicht nur in Karis Kopf gibt. Jedenfalls hilft ihr Malik, über die Welt zu lachen. Kari erzählt das alles in einem Monolog, der zunehmend delirierend wird, ihrer Gerichtspsychologin.


Die 1947 in Zürich geborene Autorin mit jenischen Wurzeln hat sich immer für Minderheiten eingesetzt. Für Jenische, Unterdrückte, Geschlagene. In «Angeklagt» ist die Hauptfigur eine Tochter aus «scheinbar geordneten Verhältnissen» und «mit gültigem Ausweis». So unscheinbar ist sie, dass sie als Einzige nicht verhaftet wird, als die Polizei eine Bar hochgehen lässt. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits gemordet und gebrandschatzt hat. Kari empfindet es als Demütigung, ungeschoren davonzukommen. Als Leserin kommt man nicht ungeschoren davon. Die gnadenlose Geschichte der Kari Selb, geschrieben in einer radikalen und brutalen Sprache, geht manchmal fast zu nahe.


Mariella Mehr kann gar nicht anders schreiben. Auch sie war ein Kind, das zuviel schlucken musste.


Mariella Mehr: Angeklagt. Roman, Nagel & Kimche. 140 S., Fr. 32.50.

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